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Die Frau im Spiegel

George Webb Appleton: Die Frau im Spiegel - Kapitel 11
Quellenangabe
authorGeorge Webb Appleton
titleDie Frau im Spiegel
publisherRobert Lutz / Verlag / G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAdolf Gleiner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid17ae2b7f
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Zehntes Kapitel.

Ich teilte Herrn Golibys fröhlichen Optimismus nicht. Ich fühlte mich abscheulich deprimiert und elend. Trübe Vorahnungen lasteten auf meinem Gemüt und brachten meine Stimmung auf den Nullpunkt. Ueberdies befiel mich noch ein Gefühl äußerster Verlassenheit. Daher merkte ich, daß nichts in der Welt mich bewegen könnte, den Abend allein in meinem geheimnisvollen Zimmer zuzubringen. Ich mußte mich mit jemand unterhalten, jemand haben, der mein elendes Dasein mit ein wenig Güte erfüllen würde, wer in dem großen London war besser dazu geeignet, als mein Freund Richard? Daher setzte ich meinen Hut auf, eilte durch den Garten und zum nächsten Postamt. Ich wußte, daß Richard oft bis sieben Uhr auf seinem Büro blieb, und so sandte ich ihm ein Telegramm, in dem ich ihm mitteilte, daß ich nach dem Temple unterwegs sei und er möchte mir die Gunst erweisen, mit mir zu speisen, da die Luft in St. Johns Wood immer noch schwer auf mir laste.

Zu meiner Freude fand ich Richard in seinem Arbeitszimmer. Es war ein viertel nach sieben Uhr.

Halte mich nicht für eine Klette, alter Freund, sagte ich, aber ich konnte nicht anders. Ich hatte sonst niemand, den ich hätte aufsuchen können, und heute abend allein zu sein, hätte mich trübsinnig gemacht. Eine Zuflucht zum stillen Trunk wäre zum wenigsten die Folge gewesen.

Kopf hoch! erwiderte er und schlug mir ermunternd auf die Schulter. Und wozu entschuldigst du dich denn, zum Kuckuck! Natürlich speise ich mit dir zu Abend, vorausgesetzt, daß du diese Leichenbegängnismiene ablegst, wo hast du denn vor, mich zu füttern?

Ich habe an Simpsons Restaurant gedacht, erklärte ich.

Gut. Ein Stück Steinbutt und eine Schnitte Hammelskeule passen vorzüglich zu meiner heutigen Stimmung. Vorwärts, es ist mir nicht leid, meine Grillen zu vertreiben. Seit du weg bist, balge ich mich mit einem verflixten Falle, wirklich froh, daß du auf der Bildfläche erschienen bist. Hol mich der und jener, wenn ich nicht hocherfreut darüber bin!

Arm in Arm schlenderten wir den Strand hinunter, zu Simpson. Jeder Kenner Londons weiß, daß bei Simpson essen gut essen heißt, und zwar in der guten alten englischen Art. Und als Richard nach dem ersten Gange sein Glas Burgunder erhob und sagte: Nun, Ted, siehst du bereits aus wie neugeboren; zum Teufel mit der Schwermut! antwortete ich aus tiefstem Herzensgrund: Zum Teufel damit!

Heute nachmittag hat sich, denke ich, nichts besonders Merkwürdiges zugetragen, was? fragte er.

Ich setzte mein Glas nieder und nahm meine alte Miene wieder an.

Doch, erwiderte ich. Ich habe nur gewartet, bis du diese Frage stellen würdest. Hast du nicht gesagt, daß Le Noir ein wunderbar geschickter Mensch sei?

Richard betrachtete mich mit offenem Munde.

Doch, das ist er, sagte er.

Ich habe sehr triftige Gründe, es zu bezweifeln.

Und die sind?

Nur ein einziger: er hält mich für Javotte.

Javotte? wer zum Teufel ist denn das?

Keine Ahnung.

Warum schwatzest du mir dann von einem Manne vor, von dem du gar nichts weißt?

Nur um dir zu beweisen, daß du dich über den wunderbaren Scharfsinn dieses Monsieur Le Noir Illusionen hingibst.

Richard fiel von einem Erstaunen ins andere.

Du beweisest damit nur, daß in deinem Oberstübchen etwas nicht ganz richtig ist, bemerkte er trocken. Der Wein kann daran nicht schuld sein, der Wein ist gut. was willst du eigentlich damit sagen?

Ich lachte.

Mach dir keine Sorgen, Richard, sagte ich. was auch passieren mag, ich bin gesund im Kopf. Das war nur ein kleines Vorspiel zu dem, was ich dir jetzt erzählen werde. Als ich heute nachmittag nach St. Johns Wood zurückkehrte, fand ich eine etwas knappgefaßte Einladung von der Hand des Polizeidistriktsinspektors vor, ich möchte sofort bei ihm erscheinen.

Auf der Polizeistation?

Auf der Polizeistation, jawohl.

Dies klingt vernünftiger, aber warte einen Moment! Da kommt Jean mit der Hammelskeule.

Nachdem diese aufgetragen und von Richard gebührend gelobt worden war, fuhr er fort:

Nun, und was ereignete sich auf der Polizeistation?

Folgendes. Der Polizeiinspektor, steif und starr wie ein Ladestock, blickte mich mit wahren Falkenaugen an und sagte: »Zu allererst, junger Mann, weiß ich, daß Sie in den Fall verwickelt sind und verbitte mir energisch, daß Sie um den Brei herumlaufen! Sie beantworten die Fragen, die ich Ihnen stellen werde, nach bestem Wissen und Gewissen, oder es könnte Ihnen etwas höchst Unerfreuliches zustoßen, etwas wovon Sie nicht im mindesten entzückt wären.« Natürlich brachte das meinen Schimmel zum Scheuen.

Natürlich, versetzte Richard. Das genügt, um jeden anständigen Kerl aufzubringen. Und dann?

Ich verlangte also eine Erklärung. Ich fragte ihn, wer ihm das Recht gebe, solch lächerliche Verleumdungen aufzustellen. Als einzige Antwort fragte er mich nach meinem Namen – nach meinem richtigen Namen, hörst du? »Mein einziger Name ist Eduard Lart,« sagte ich, und dabei wurde sein Gesicht finster wie ein Donnerwetter. »Hören Sie mit Ihrem Unsinn auf!« schrie er mich an. »Sie kennen natürlich die Montesquieustraße in Paris, nicht?« »Bin meiner Lebtag nicht in Paris gewesen und habe nicht die Ehre, in fraglicher Straße bekannt zu sein,« erwiderte ich. »Natürlich, natürlich,« machte er spöttisch, »und Ihr Name ist, wenn Sie gestatten, nicht Javotte?« Da lachte ich ihm ins Gesicht.

Da tatest du recht daran, bemerkte Richard, aber wie hängt das mit Le Noir zusammen?

Einen Augenblick! Ich lachte ihm also ins Gesicht und klärte ihn darüber auf, daß ich nicht der Vogel sei, den er aus seiner Leimrute gefangen zu haben glaubte, daß ich ein Engländer von echtem Schrot und Korn sei, ein neugebackener Baccalaureus der Oxforder Universität und persönlicher Freund des Herrn Richard Hamilton, Hochwohlgeboren, Rechtsanwalt aus dem Middletemple, der mir die gegenwärtige Stellung als Privatsekretär bei Herrn Goliby verschafft habe und an den er sich wegen weiterer Erkundigungen wenden möchte.

Was wußte er darauf zu erwidern?

Zunächst gar nichts, da er mich mit offenem Munde anstarrte. Dann aber entschuldigte er sich mächtig und bat mich – in ganz anderem Tone als zuvor – um einen genauen Bericht über die Ereignisse der Nacht, in der der Einbruch verübt wurde. Er notierte sich alles genau, was ich sagte. Dann erfolgte die Ueberraschung. Er habe von Herrn Goliby erfahren, sagte er, daß ich an jenem Tage von jemand verfolgt worden sei. Ob ich den Mann beschreiben könne? Ich konnte es und tat es auch. Ob ich denke, daß er in irgend einer Beziehung mit dem Verbrechen stehe? Ich erwiderte, ich wüßte mit aller Bestimmtheit, daß dies nicht der Fall sei. was mich zu einer so bestimmten Aussage führe? fragte er. Einfach, weil es Le Noir, der berühmte französische Detektiv gewesen sei, erklärte ich.

Ei zum Henker, Ted, warf Richard ein, du hast unsere Entdeckung verraten!

Nein, nicht im geringsten. Gedulde dich nur noch einen Augenblick! Als ich das sagte, dachte ich, der Inspektor würde in Ohnmacht fallen. Aber er erklärte nur, als er wieder genügend Luft zum Reden schnappen konnte: »Das ist ja gerade der Mann, der behauptet hat, Sie seien mit Javotte identisch!« Und so schworen wir schließlich, über unsere Mitteilungen Schweigen zu bewahren, reichten uns zur Bekräftigung die Männerfaust, schüttelten sie und sind jetzt die besten Freunde. Das ist annähernd, wenn auch nicht in genau den gleichen Worten, der Inhalt unserer Unterredung. Und nun, was hältst du vom Scharfsinn des Herrn Le Noir?

Daß er dieses Mal fehlgegangen ist, erwiderte Richard. Ich bin der Ansicht, daß wir uns die Aufgabe stellen müssen, über diesen Javotte etwas zu Tage zu fördern. Ein anderer Gedanke ergibt sich von selbst, warum hielt sich Le Noir in der Nähe von Golibys Villa auf, wenn nicht Javotte in irgend welchen Beziehungen zu diesem Nest von Geheimnissen steht?

Du meinst nach Le Noirs Ansicht?

Gewiß. Er muß triftige Gründe gehabt haben, um die Villa herumzustreichen. Zweifellos hatte er eine Beschreibung jenes Javotte erhalten, und dein Aeußeres entspricht dem Signalement. Als er dich aus dem Garten herauskommen sah, folgte er dir daher in die City. Das ist die einzige einleuchtende Erklärung, die ich mir ausdenken kann, vieles, was, auf den ersten Blick hin, sehr verwickelt aussieht, ist in Wirklichkeit riesig einfach.

Das stimmt, bemerkte ich. Aber wo steckt denn dieser verflixte Javotte?

Du hast es getroffen: wo steckt er? Und welche Verbindung kann zwischen einem von Le Noir verfolgten Menschen und einem Biedermanne vom Schlag des Herrn Goliby bestehen? Und das erinnert mich an etwas anderes: hat er meinen Rat, nach Paris zu telegraphieren, befolgt?

Jawohl, wenigstens begab er sich nach Scotland Yard Das Londoner Hauptpolizeiamt., um es zu tun, aber dort erhielt er die Auskunft, daß man einem Vorgehen nach dieser Richtung mangels genügender Informationen abgeneigt sei. Der alte Goliby scheint indes nicht bekümmert zu sein und forderte mich selber auf, wegen der Geschichte kein so langes Gesicht zu machen, Vignaud werde die Papiere schon sperren, darum brauche man sich – das heißt ich mir – keine grauen Haare wegen der Sache wachsen zu lassen, worauf er kreuzvergnügt davoneilte, um mit einigen Freunden im Westend zu Abend zu speisen. Ein merkwürdiger alter Kauz! Was hältst du übrigens von dem Mann in Cliffords Inn, Baldwin? Er war es doch, der dich mit Goliby bekannt gemacht hat, nicht?

Ja. was ich von ihm halte? Nichts Besonderes. Scheint ein ehrenwerter alter Kerl zu sein und hat mir, wie ich dir schon erzählt habe, etwas Korn auf meine kleine Mühle gebracht, warum fragst du mich das?

Ich weiß wirklich nicht, vermutlich hat irgend etwas an dem Manne oder in seiner eigenartigen Umgebung meine Neugierde erregt. Das ist alles.

Nunmehr wandte sich unsere Unterhaltung anderen Dingen zu. Als ich meine Rechnung bezahlt hatte, fragte Richard:

Was sagst du nun zu einer Zigarre und einem Täßchen Mokka im Café drüben und nachher zu einer Partie Billard im Savoy, oder gehst du lieber in die Alhambra?

Später bleibt uns noch reichlich Zeit für die Alhambra übrig, erwiderte ich, und ich habe weiß Gott wie lange nicht mehr Billard gespielt.

So saßen und plauderten wir rauchend bei unserem Kaffee, und eine halbe Stunde verrann nur allzuschnell.

Und nun ein Spielchen, sagte Richard. Hoffentlich werden wir ein Billard frei finden.

Auf dem nächsten Wege begaben wir uns zu dem Hotel. Am Haupteingang fuhren Equipagen in endloser Kette in den großen Vorhof. Weiße Schultern und blitzende Juwelen zeigten sich durch die Scheiben. Alles das war von einem Ueberfluß elektrischen Lichtes überstrahlt. Ich war noch nie im Savoyhotel gewesen und sagte das zu Richard.

So? Komm denn, wir wollen einen Blick auf den Pomp und Aufwand dieses Jahrmarktes der Eitelkeit werfen. Es ist ein erbaulicher Anblick!

Wir standen im Inneren des Vestibüls, halb im Schatten, und betrachteten die unausgesetzt auffahrenden prachtvollen Equipagen, als plötzlich ein Privathansom hereinrollte. Als das elektrische Licht voll auf die Gesichter seiner Insassen fiel – es war ein Herr und eine Dame –, packte ich Richard beim Arme.

Schau nur, schau! flüsterte ich ihm ins Ohr. Das Weib, Richard, das Weib!

Ein Irrtum über das schöne Gesicht des Weibes sowohl wie über die kalten, weißen Züge des Mannes an ihrer Seite war ausgeschlossen, trotzdem ihre Schönheit im Verein mit den glitzernden Edelsteinen noch strahlender war, als ich mir je hätte vorstellen können.

Bei Gott, sie ist es, stammelte Richard. Das ist ja verblüffend, mein Junge.

Und der Mann neben ihr? Kennst du ihn? fragte ich, am ganzen Leibe vor Aufregung zitternd.

Gewiß, antwortete er. Den kennt jedermann. Es ist der Baron Romer, ein berühmter Lebemann.

Das Paar war aus dem Wagen ausgestiegen. Und nun ereignete sich ein wahres Wunder. Denn aus dem offenen Portal kam, um das Paar zu begrüßen, ein Herr hervor, den jedermann für mich selbst gehalten haben würde.

Die Aehnlichkeit war erstaunlich. Mir ging vor Ueberraschung der Atem aus. Wenn ich nicht vor kurzem eine Abhandlung über Doppelgänger gelesen hätte, in der bewiesen war, daß es in der Tat und nicht allzuselten vollständig ähnliche Doppelgänger gibt, hätte ich meinen Augen nicht getraut. Im nächsten Augenblick waren die drei im Hotel verschwunden.

Richard war vielleicht noch mehr erstaunt als ich. Schweigend schauten wir uns einen Moment an. Dann entschlüpfte uns gleichzeitig dasselbe Wörtchen: Javotte!

Erstaunlich! sagte Richard. Träumen wir denn, mein Junge? Sehen wir Gespenster? Glaubst du, daß das der Mann ist?

Ja. Und zwar fest!

Und das Weib. Ist es denn menschenmöglich, daß wir beide dieses wunderbare Geschöpf in deiner Bude gesehen haben?

Ich zweifle nicht im geringsten daran.

Es ist trotzdem allzu unglaublich, hol's der Henker! Hör mal, Ted, ich kann heute abend nicht Billard spielen.

Ich auch nicht. Wollen wir nicht dafür einen Brandy mit Sodawasser trinken?

Wir sprachen diesem nicht umsonst so beliebten Getränke kräftig zu und begaben uns später in die Alhambra, wo wir uns noch mehr von diesem Seelentröster zuführten. Und so muß ich die peinliche Tatsache berichten, daß ich irgendwie in den frühen Morgenstunden nach Hause kam.

Sicher ist indes, daß ich gut schlief.

Wie am vorhergehenden Morgen suchte mich Herr Goliby auf, als ich noch nicht wach war. Auf den ersten Blick sah ich, daß er sehr aufgeregt war.

Da hätten wir die Bescherung, sagte er. Ich habe Nachrichten aus Paris erhalten. Die Papiere sind gestern in aller Ordnung präsentiert und eingelöst worden. Der Dieb ist mit dem Gelde verschwunden, ohne mir einen Heller zurückzulassen.

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