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Die Frau im Spiegel

George Webb Appleton: Die Frau im Spiegel - Kapitel 10
Quellenangabe
authorGeorge Webb Appleton
titleDie Frau im Spiegel
publisherRobert Lutz / Verlag / G.m.b.H.
yearo.J.
translatorAdolf Gleiner
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170402
projectid17ae2b7f
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Neuntes Kapitel.

Herr Goliby war jedenfalls noch während der Anwesenheit der Polizei im Hause zurückgekehrt, aber ob Richards Ratschlag befolgt worden war oder nicht, konnte ich nicht ausfindig machen. Vielleicht wollte mich der Inspektor nur im Hinblick auf das abzusendende Telegramm sprechen. Daher begab ich mich unverzüglich auf die Polizeistation, wo ich in das Privatkabinett des Inspektors geführt wurde.

Der Inspektor war ein hochgewachsener, breitschultriger, ergrauter Mann, mit ernstem Benehmen, einem gestrengen, viereckigen Gesicht und durchdringenden stahlgrauen Augen; wie ich auf den ersten Blick erkannte, ein Mann, der keinen Spaß verstand.

Nehmen Sie Platz! begann er barsch.

Ich setzte mich.

Ich wünsche, Herr Lart, fuhr er in seinem strengsten Tone fort, daß Sie mir alles, was Sie von dem Falle wissen, mitteilen. Da Sie in denselben verwickelt sind, möchte ich keine Ausflüchte und Verdrehungen hören.

Das Blut stieg mir heiß in die Schläfen.

Ich in den Fall verwickelt? fragte ich.

So habe ich mich ausgedrückt.

Ich verstehe Sie nicht und protestiere dagegen, daß Sie diesen Ausdruck auf mich anwenden, erwiderte ich, am ganzen Leibe vor ehrlicher Entrüstung zitternd. Ich weiß nicht mehr von dem Falle, als Sie.

So, wirklich? sagte er und zuckte leicht die Achseln.

Es bedarf wirklich keines »So, wirklich«, entgegnete ich. Was ich sage, ist die volle ungeschminkte Wahrheit. Wollen Sie vielleicht so freundlich sein und mir auf der Stelle mitteilen, was Sie mit diesen ungeheuerlichen Beschuldigungen sagen wollen?

Nicht so aufgeregt, junger Mann. Hochmut kommt vor dem Fall, vergessen Sie das nicht!

Er warf mir einen kalten bösen Blick zu, der in keiner Weise ermunternd wirkte. Aber er schüchterte mich dadurch keineswegs ein, sondern brachte mich nur noch mehr auf.

Es handelt sich hier nicht um Hochmut, Herr Inspektor, versetzte ich, wenigstens nicht von meiner Seite. Was, frage ich Sie noch einmal, wollen Sie mit diesen abscheulichen Verleumdungen sagen?

Er blickte mich einen Augenblick streng an, bevor er antwortete, dann sagte er:

Wie heißen Sie?

Das wissen Sie ja ziemlich genau, erwiderte ich.

Ihren wahren Namen, meine ich.

Trotz meines Aergers mußte ich bei dieser Frage lachen.

Dieser Auftritt scheint in eine Posse auszuarten, sagte ich. Sie haben offenbar den Falschen erwischt. Mein wahrer Name ist Eduard Lart.

Nunmehr wurde er ärgerlich.

Genug jetzt! werden Sie nicht frech! bemerkte er und hob warnend den Finger.

Ich kann nicht mehr sagen, als daß mein Vater Lart hieß und mich stets Eduard nannte. Man muß doch, in solchen Dingen wenigstens, sich auf seinen Vater verlassen!

Jetzt brach mit einem Male seine Wut aus.

Noch einmal solche Mätzchen, schrie er, und Sie werden etwas erleben, das Ihnen das Witzeln vertreiben wird. Sie kennen, scheint es, die Montesquieustraße in Paris nicht?

Allerdings nicht, erwiderte ich. Ich habe in meinem ganzen Leben Paris noch mit keinem Fuße betreten.

Dies schien ihn zu verblüffen, und mit einem Male nahm er ein anderes Benehmen an.

Wollen Sie damit behaupten, daß Sie nicht Javotte heißen?

Abermals lachte ich.

So wenig wie Sie selbst, antwortete ich. Was in aller Welt bedeuten Ihre seltsamen Fragen?

Er war nun gänzlich aus der Fassung gebracht. Ich benützte sein Schweigen, um hinzuzufügen:

Sie sind von irgend einer seltsamen Täuschung befangen, Herr Inspektor. Vor wenigen Monaten habe ich in Oxford meinen Baccalaureus gemacht, wenn Sie telegraphieren wollen, können Sie die Wahrheit dieser Behauptung binnen einer oder zwei Stunden bestätigt haben.

Er schüttelte langsam das Haupt und rieb sein Kinn. Es war ohne Mühe ersichtlich, daß er aufs höchste erstaunt war.

Nun, sagte er zuletzt, Sie überraschen mich wirklich mit Ihren Erklärungen. Irgendwo ist ein ganz außergewöhnlicher Fehler gemacht worden. Darf ich Sie nun fragen, wie lange Sie schon in der Villa Rabenhorst wohnen?

Noch keine acht Tage.

Und in welcher Eigenschaft?

Als Privatsekretär des Herrn Goliby.

Kennen Sie ihn schon lange?

Ich bin ihm nie begegnet, bevor ich, mit dem Empfehlungsbrief eines Freundes ausgestattet, bei ihm vorsprach. Am selben Tage noch habe ich meinen Posten angetreten.

Wer ist dieser Freund?

Herr Richard Hamilton, Anwalt im Middle-Temple. Haben Sie vielleicht schon von ihm gehört?

Gewiß. Und er kann natürlich alles bestätigen, was Sie mir jetzt gesagt haben?

Versteht sich, sagte ich und lachte von neuem.

Er lehnte sich in seinem Stuhle zurück und versank für eine Weile in Nachdenken.

Hm, sagte er schließlich. Ich möchte wissen, ob ich auf der falschen Fährte bin.

Sicherlich sind Sie es, Herr Inspektor. Uebrigens hat mich gestern auf meine Bitte hin mein Freund Hamilton nach Hause begleitet und er hat auch gesehen, wie ich diese gestohlenen Papiere in dem Geldschrank versorgte, wenn Sie wollen, will ich ihm telegraphieren und ihn ersuchen, hierherzukommen, vor wenig mehr als zwei Stunden habe ich mit ihm zu Mittag gespeist.

Nein, ist nicht nötig, entgegnete er. Aber nun erzählen Sie mir bitte alles, was letzte Nacht in Ihrem Zimmer vorgefallen ist. Lassen Sie sich Zeit, da ich mir Ihre Aussage notieren will, und übergehen Sie auch nicht die unscheinbarste Einzelheit.

Er zog einen Bogen Papier aus seinem Schreibtische und tunkte die Feder in die Tinte. Ich berichtete sodann alles, was ich hier erzählt habe. Er folgte mir voller Aufmerksamkeit bis zum Ende, dann rieb er einen Augenblick nachdenklich das Kinn und sagte zuletzt:

Hol mich der Henker, wenn mich das nicht völlig aus dem Konzept bringt.

Genau wie mich, bemerkte ich.

Das verstehe ich, versetzte er und fügte dann hinzu, wobei sein Gesicht sich beinahe zu einem Lächeln besänftigte: Vergessen Sie bitte, was ich zuerst zu Ihnen sagte. Ich bin irregeführt worden. Es tut mir leid, bitte um Verzeihung. Und nun komme ich zu etwas anderem. Herr Goliby sagte mir, Sie seien gestern in sehr verdächtiger Weise von einem Manne verfolgt worden.

Jawohl.

Sie hielten ihn für einen Fremden?

Ja. Außerdem weiß ich, daß es tatsächlich ein Fremder war.

So, wirklich? Und glauben Sie, daß er in irgend einer Weise mit diesem Einbruch zu tun gehabt hat oder gehabt haben mag?

Ich bin vollständig sicher, daß dies nicht der Fall ist.

Der Inspektor war nun wieder die Lebhaftigkeit selbst.

Das ist eine sehr bestimmte Behauptung, Herr Lart, bemerkte er.

Ich weiß es – sie sollte es auch sein.

Darf ich fragen, auf welche Gründe hin – hm –

Gewiß – unter bestimmten Bedingungen. Respektiert die Polizei vertrauliche Mitteilungen?

O ja, gewiß.

Und tauscht sie auch welche aus?

Ich verstehe Sie nicht ganz.

Wenn ich Ihnen den Namen des Mannes, der mich verfolgte, verrate, wollen Sie mir dann auch mitteilen, was Sie auf den Gedanken brachte, daß mein Name Javotte sei?

Er zögerte einen Augenblick. Die Verschwiegenheit kämpfte in seinen Gedanken mit der Neugierde, aber bald erlangte diese die Uebermacht.

Ich sehe nicht ein, warum ich es nicht tun sollte, sagte er. Gut! Einverstanden!

Also, hören Sie, erklärte ich. Der Mann, der mir folgte, mich in der City ansprach und bedrohte, war niemand anderes als – Le Noir, der berühmte französische Detektiv.

Der Inspektor sprang auf.

Ist denn das möglich? rief er aus. Das ist ja gerade der Mann, der behauptet hat, Sie seien mit Javotte identisch. Er hat sich zum ersten Male in seinem Leben geirrt und zwar ganz gewaltig! Aber wie ist es denn möglich, daß Sie, wenn Sie nie in Paris gewesen sind, ihn erkannt haben?

Ich war es nicht, der ihn erkannte, sondern jemand anderes. Sichern Sie mir auch darüber Ihre Verschwiegenheit zu? Ich muß das verlangen.

Zugestanden.

Nun, dieser »jemand anderes« war Herr Hamilton. Ich habe ihm den Mann am Strand gezeigt und er sagte sofort: »Zufällig kenne ich den Mann. Es ist Le Noir von der Pariser Polizei, einer der gewandtesten Detektivs in ganz Europa.«

Das stimmt Allerdings, er ist –

Und er hält mich für Javotte?

Gewiß.

Nun, wir wollen abwarten, wie sich die Sache entwickelt. Sie werden also Ihr Versprechen halten?

Buchstäblich, Herr Lart. Und wenn Sie mir in dieser Sache irgend einen Dienst leisten können –

Werde ich es tun, Herr Inspektor.

So kam es auf eine recht eigenartige Weise dazu, daß ich dem Inspektor in der freundschaftlichsten Art die Hand schüttelte und daß wir als die besten Freunde uns voneinander verabschiedeten.

Als ich wieder in der Villa Rabenhorst eintraf, erwartete mich bereits Herr Goliby. Er war, wie mich dünkte, etwas ungeduldig.

Nun, Herr Lart, sagte er. Sie sind, wenn ich recht beraten bin, auf die Polizeistation berufen worden?

Jawohl, erwiderte ich, als ich aus der Stadt zurückkehrte, fand ich eine diesbezügliche Mitteilung vor.

Und was, wenn ich fragen darf, hat man dort von Ihnen wissen wollen?

Nichts von Bedeutung, erwiderte ich und sagte mir gleichzeitig im Inneren: Wie leicht ist es doch, ein Lügner zu werden!

Seine Miene hellte sich auf.

Die Polizei bedient sich bisweilen so seltsamer Methoden, bemerkte er, daß ich dachte, vielleicht – hm – möchte sie ihre Machtvollkommenheit überschritten und versucht haben, Sie zu überrumpeln – um –

Er vollendete den Satz nicht, weshalb ich sagte:

Um was, Herr Goliby? Ach so, ich verstehe. Nun, der Inspektor legte mir einige törichte Fragen über mein Vorleben vor und dergleichen. Ob er mich für mitschuldig an dem Verbrechen hält, oder nicht, vermag ich nicht zu sagen. Es ist schon möglich. Aber ich verwies ihn sofort an Herrn Hamilton. Das schlug ein. Hernach beschränkte er sich darauf, mich über die Vorfälle von gestern abend auszufragen. Ich erzählte die Vorgänge rückhaltlos, wobei er sich Notizen machte. Damit war die Sache erledigt, und ich zog mich wieder zurück.

So, das war alles? bemerkte Herr Goliby gleichmütig. Diese Geschichte ist so unangenehm und aufregend, daß sie mir auf die Nerven gegangen ist. Ist es nicht merkwürdig, daß ich auf das Telegramm an Herrn Vignaud noch keine Antwort erhalten habe? Sie erinnern sich doch, daß ich ihn anwies, mir sofort den Empfang meiner Depesche zu bestätigen?

Jawohl, Herr Goliby. Das ist allerdings wirklich seltsam. Er muß es schon vor einigen Stunden erhalten haben. Und jetzt ist es bereits über sechs Uhr. Apropos, haben Sie Hamiltons Ratschlag befolgt?

Gewiß. Um Zeit zu gewinnen, fuhr ich gleich nach Scotland Yard. Aber es ist nichts daraus geworden.

Wollte man auf den Vorschlag nicht eingehen?

Nein. Da ich von dem Verdächtigen keine Beschreibung liefern konnte, behaupteten sie, keine Anhaltspunkte zu haben, auf die sie sich stützen könnten, um eine Verhaftung vorzunehmen. Außerdem hatten sie von dem Inspektor in St. Johns Wood bis dahin noch keinen Bericht von dem Einbruch erhalten. Sobald der Bericht anlangen würde, hieß es, würde man die Pariser Polizei unverzüglich davon benachrichtigen. Sie verstünden meine Besorgnis über den Fall wohl zu würdigen, aber es müsse ein bestimmter Weg verfolgt werden, ich solle ganz unbesorgt sein, und was dergleichen Phrasen mehr sind. So endete die Unterhaltung.

Trotzdem, bemerkte ich, halte ich Hamiltons Rat nach wie vor für gut.

Ich auch, aber wenn wir nicht eine genaue Beschreibung von den Dieben haben, ist er nicht leicht ausführbar. Wenn Sie z. B. heute nach Paris gefahren wären, hätten Sie sich über die Wachsamkeit der französischen Polizei, mag sie sich auch noch so höflich offenbaren, nicht gerade gefreut, und so wäre es jedermann in dem Zuge gegangen. Nein, ich glaube, die Sache war wirklich unausführbar. Jammerschade!

Allerdings, ich sehe jetzt ein, daß Sie recht haben. Uebrigens erinnert mich die Erwähnung des Zuges an etwas anderes. Ich habe Ihnen das Geld noch nicht zurückerstattet, das Sie mir für meine Ausgaben gegeben haben. Hier ist es!

Damit entnahm ich meiner Brieftasche die Banknoten und übergab sie ihm.

Wahrhaftig, sagte er lachend, ich hatte sie selber ganz vergessen. Es hätte übrigens nicht viel ausgemacht, da ich Sie in einer anderen Angelegenheit doch sehr bald werde nach Paris schicken müssen. Sie werden dann Herrn Vignaud kennen lernen. Er ist ein ausgezeichneter Mensch, dieser Herr. Und nun muß ich Sie allein lassen, Herr Lart. Ich esse heute bei einem Freund im Westend. Ich nehme an, daß ich mit Beileidsbezeigungen werde überschüttet werden. Ich verabscheue sie, weil sie nicht den geringsten Wert haben. An Ihrer Stelle würde ich heute abend ein Theater besuchen oder sonst ein Vergnügungslokal, und versuchen, diese unangenehme Geschichte zu vergessen.

Ich danke Ihnen für Ihren Rat, Herr Goliby, erwiderte ich. Ich bin wirklich etwas deprimiert und werde ihn befolgen.

Sie haben recht, meinte er. Nehmen Sie sich die Sache nicht allzusehr zu Herzen. Ich tue das ja auch nicht, Vignaud wird die Papiere sperren. Ende gut, alles gut. Gehen Sie nur heute abend aus und unterhalten Sie sich gut. Auf Wiedersehen!

Guten abend, Herr Goliby.

Die Türe schloß sich hinter ihm, und ich war wieder allein.

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