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Die Frau Bürgemeisterin

Georg Ebers: Die Frau Bürgemeisterin - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Frau Bürgemeisterin
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunFünfte Auflage
year1882
firstpub1881
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080619
projectid1995ed5b
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Achtes Kapitel.

Nachdem der Musiker das Haus des Bürgemeisters verlassen, begab er sich zu der Vase des jungen Herrn Matenesse van Wibisma, um seinen Mantel zu holen, denn derselbe war nicht zu ihm zurückgebracht worden. Er pflegte nicht sonderlich viel auf seine Kleidung zu geben, aber es war ihm doch lieb, daß der Regen die Leute im Haus hielt, denn der ausgewachsene Umwurf auf seiner Schulter hatte ein gar zu wenig gefälliges Ansehen. Und Wilhelm mußte auch, wie er da ging und stand, nichts weniger als wohlhäbig erscheinen; denn in dem weiten und stattlichen Vorsaal des alten Fräuleins van Hoogstraten empfing ihn der Hausmeister Belotti so herablassend, als ob er ein Bittsteller wäre.

Uebrigens zog der Neapolitaner, in dessen Munde das kräftige Holländisch wie das Röcheln eines erkälteten Sängers klang, schnell andere Saiten auf, als ihm Wilhelm in gutem Italienisch ruhig den Zweck seines Kommens erklärte. Ja, das abweisende Wesen des Dieners zerschmolz vor den lieblichen Klängen seiner Muttersprache in wohlwollendes und lebhaftes Entgegenkommen. Er schickte sich auch an, mit Wilhelm über seine Heimat zu reden, aber der Musiker gab ihm kurzen Bescheid und forderte ihn zum andern Mal auf, seinen Mantel zu holen.

Belotti führte ihn nun höflich in ein Kabinet an der Seite des großen Vorsaals, nahm ihm den Mantel ab und stieg dann die Treppe hinan. Als Minute auf Minute und endlich eine volle Viertelstunde verging und weder Diener noch Mantel erscheinen wollten, verlor der junge Mann die nicht leicht zu erschütternde Geduld, und der in Blei gefaßten Scheibe, auf welche seine Finger kräftig trommelten, drohte ernste Gefahr, als die Thür sich endlich öffnete. Wilhelm bemerkte dies wohl, doch hämmerte er mit verdoppelter Heftigkeit weiter, um dem Italiener recht deutlich zu zeigen, daß die Zeit ihm lang werde. Aber er zog die Finger schnell von dem Glase zurück, denn hinter ihm sagte eine klangvolle Mädchenstimme in vortrefflichem Holländisch:

»Seid Ihr mit Eurem Kriegsliede zu Ende, mein Herr? Belotti bringt Euren Mantel.«

Wilhelm hatte sich umgewandt und schaute dem jungen Edelfräulein, welches ihm dicht gegenüberstand, verwirrt und sprachlos in's Antlitz. – Diese Züge waren ihm nicht fremd, und doch: die Jahre machen selbst eine Göttin nicht jünger, und sterbliche Menschentöchter wachsen in die Höhe und werden nicht kleiner; die Dame aber, welche er vor sich zu sehen gemeint, die er in der ewigen Roma gar wohl gekannt und nie und nimmer vergessen hatte, war älter und größer gewesen als das Fräulein, welches ihr so sonderbar gleich sah und das geringes Gefallen an dem erstaunten und dabei forschenden Blick des jungen Mannes zu finden schien. Mit einer stolzen Bewegung winkte sie dem Hausmeister und sagte auf Italienisch:

»Geben Sie dem Herrn da seinen Mantel zurück, Belotti, und sagen Sie ihm, ich sei gekommen, um ihn wegen Ihrer Vergeßlichkeit um Entschuldigung zu bitten.«

Henrika von Hoogstraten wandte sich bei diesen Worten der Thür zu, Wilhelm aber folgte ihr mit zwei raschen Schritten und rief:

»Nicht doch, nicht doch, edles Fräulein! Es ist an mir, mich zu entschuldigen. Aber wenn Euch jemals eine Aehnlichkeit in Erstaunen versetzt hat –«

»Nur nicht anderen Leuten ähnlich sehen!« rief das Mädchen mit einer abweisenden Geberde.

»Ach, Fräulein, und dennoch . . .«

»Laßt, laßt das,« unterbrach ihn Henrika in so gereiztem Tone, daß der Musiker sie verwundert ansah. »Ein Schaf sieht aus wie das andere und unter hundert Bauern haben zwanzig das gleiche Gesicht. Alle Dutzendwaare ist billig.«

Sobald Wilhelm Gründe vorbringen hörte, gewann er die ihm eigene ruhige Haltung zurück und entgegnete bescheiden: »Aber die Natur bildet doch auch das Schönste zu Paaren. Denkt an die Augen im Angesicht der Madonna.«

»Ihr seid katholisch?«

»Kalvinisch, edles Fräulein.«

»Und der Sache des Prinzen ergeben?«

»Sagt lieber, der Sache der Freiheit.«

»Daher das Getrommel des Kriegsliedes.«

»Es war zuerst eine sanfte Gavotte, aber die Ungeduld hat das Taktmaß beschleunigt. Ich bin Musiker, Fräulein.«

»Aber doch wahrscheinlich kein Trommler. Die armen Scheiben!«

»Sie sind ein Instrument wie ein anderes, und beim Spielen sucht unsereiner das zum Ausdruck zu bringen, was er gerade empfindet.«

»So nehmt meinen Dank, daß Ihr die Scheiben nicht in Stücke geschlagen.«

»Das würde nicht schön gewesen sein, Fräulein, und die Kunst hört auf, wo das Unschöne anfängt.«

»Haltet Ihr das Lied, welches da in Eurem Mantel gesteckt hat, – es war auf die Erde gefallen und Nico nahm es auf – für schön oder unschön?«

»Dies hier oder das andere?«

»Das Geusenlied mein' ich.«

»Es ist wild, aber so wenig unschön wie das Brausen des Sturms.«

»Es ist widerwärtig, roh und empörend.«

»Ich nenne es derb und von hinreißender Kraft.«

»Und diese andere Weise?«

»Erlaßt mir das Urtheil; ich habe sie selbst gesetzt. Ihr versteht Noten zu lesen, edles Fräulein?«

»Ein wenig.«

»Und hat mein Versuch Euch mißfallen?«

»Das nicht, aber ich finde weinerliche Stellen in diesem Choral wie in all' den kalvinischen Liedern.«

»Es kommt darauf an, wie man sie vorträgt.«

»Sie sind ja für die Krämer- und Waschfrauenstimmen in euren Bethäusern berechnet.«

»Jedes Lied, wenn es nur wahr empfunden ist, wird den Seelen einfacher Leute, welche es singen, Flügel verleihen; und was sich aus dem tiefsten Grunde des Herzens zum Himmel aufschwingt, das kann dem lieben Gott, an den es sich ja wendet, schwerlich mißfallen. Und dann –«

»Nun?«

»Und wenn diese Noten werth sind, erhalten zu bleiben, so mag es wohl kommen, daß einmal ein Chor ohnegleichen –«

»Sie Euch vorsingen wird, meint Ihr?«

»Nein, Fräulein; sie haben ihre Bestimmung erfüllt, wenn sie überhaupt einmal in edler Weise zum Vortrage kommen. Wohl möchte ich dabei nicht fehlen, aber dieser Wunsch tritt weit hinter den ersten zurück.«

»Wie bescheiden!«

»Ich glaube den besten Genuß beim Schaffen vorweg genommen zu haben.«

Henrika sah den Künstler mit Theilnahme an und sagte darauf mit einem weicheren Ausdruck in der klangvollen Stimme: »Es thut mir leid um Euch, Meister. Warum soll ich es leugnen, Eure Weise gefällt mir; sie spricht an vielen Stellen zum Herzen, aber wie wird man sie in euren Kirchen verunstalten! Eure Ketzerei verdirbt jede Kunst. Die Werke der großen Maler sind euch ein Greuel, und der edlen Musika, welche doch hier in den Niederlanden erblüht ist, wird es bald nicht besser ergehen.«

»Ich meine das Gegentheil glauben zu dürfen.«

»Mit Unrecht, Meister, mit Unrecht, denn wenn eure Sache siegt, was die Jungfrau verhüten möge, so gibt es in Holland bald nichts weiter als Waarenlager, Werkstätten und nackte Predigthäuser, aus denen man zuletzt auch noch Gesang und Orgel verbannt.«

»Mit nichten, Fräulein. Das kleine Athen ward erst zur Heimat der Künste, nachdem es im Krieg gegen die Perser seine Freiheit gesichert.«

»Athen und Leyden,« entgegnete sie höhnisch. »Eulen gibt es freilich auf dem Pankratiusthurm. Aber wo finden wir die Minerva?«

Während Henrika diese Worte mehr lachte als sprach, wurde zum dritten Male von einer kreischenden Frauenstimme ihr Name gerufen. Nun unterbrach sie sich mitten im Satze und sagte:

»Ich muß gehen. Diese Noten behalt' ich.«

»Ihr ehrt mich, wenn Ihr sie annehmt, und würdet Ihr mir wohl gestatten, Euch auch andere zu bringen?«

»Henrika!« rief es wiederum von der Treppe, und das Fräulein erwiederte rasch:

»Gebt Belotti getrost was Ihr wollt, aber bald, denn ich bleibe hier nicht mehr lange.«

Wilhelm schaute Henrika nach. Sie ging nicht weniger schnell und selbstbewußt durch die weite Vorhalle und die Treppe hinauf, als sie gesprochen hatte, und wiederum dachte er lebhaft an seine Freundin aus Rom.

Auch der alte Italiener war Henrika mit den Augen gefolgt. Als sie bei der letzten Wendung der breiten Treppe verschwand, zuckte er die Achseln, wandte sich dem Musiker zu und sagte mit dem Ausdruck redlicher Theilnahme:

»Es thut nicht gut mit dem Fräulein. Immer nur Sturm; immer wie eine geladene Pistole und dabei der schreckliche Kopfschmerz! Sie war anders, als sie hieher kam.«

»Das Fräulein ist leidend?«

»Meine Dame will es nicht wahr haben,« entgegnete der Diener. »Aber was wir sehen, die Cameriera und ich, das sehen wir. Bald roth – bald blaß, in der Nacht keine Ruhe, bei Tisch kaum einen Hühnerflügel und ein Blättchen Salat.«

»Der Arzt theilt Eure Besorgniß?«

»Der Arzt? Doktor Fleuriel ist nicht mehr hier. Er siedelte, als die Spanier heranzogen, nach Gent über, und seitdem duldet die Gnädige nur noch den Barbier, welcher ihr zur Ader läßt. Die Herren Doktoren hier hängen dem Prinzen von Oranien an und sind allesammt Ketzer. Da wird schon wieder gerufen. Den Mantel schick' ich in Euer Haus, und wenn es Euch einmal gelüstet, in meiner Sprache zu reden, so klopft nur hier an. – Dies Rufen – dies ewige Rufen! Auch das Fräulein leidet darunter.«

Als Wilhelm auf die Straße trat, tröpfelte es nur noch leise. Das Gewölk begann sich zu zerstreuen und aus einem Stück blauen Himmels schien die Sonne blendend und stechend in die Nobelstraße nieder. Ein Regenbogen schimmerte farbenbunt über den Dächern, aber der Musiker hatte heute keine Augen für dies anmuthige Schauspiel. Das helle Licht in der nassen Straße freute ihn nicht. Die scharfen Strahlen des Tagesgestirns hatten doch keine Dauer, denn »sie zogen Regen«. Was ihn umgab, wollte ihm unordentlich und unruhig erscheinen. Neben ein schönes Bild, das er im Allerheiligsten seiner Erinnerungen aufbewahrte, um nur in den besten Stunden dem rückwärts schauenden Geist zu gestatten, bei ihm zu verweilen, wollte sich ein anderes drängen. Sein echter Diamant war in Gefahr, mit einem Steine vertauscht zu werden, dessen Werth er nicht kannte. In die alte, reine Harmonie mischte sich störend eine andere in ähnlicher, aber doch von ihr abweichender Tonart. Wie konnte er noch Isabella's gedenken, ohne sich an Henrika zu erinnern! Wenigstens hatte er das Fräulein nicht singen hören, und so war die Erinnerung an Isabella's Lieder ungetrübt geblieben. Er tadelte sich selbst, weil er, einer Regung der Eitelkeit folgend, der stolzen, spanisch gesinnten Dame verheißen hatte, ihr neue Lieder zu senden. Dem Herrn Matenesse van Wibisma war er um seiner Gesinnung willen schroff entgegengetreten, aber an Die, welche verlachte, was er hoch hielt, wollte er sich drängen, weil sie ein Weib, und weil es doch süß war, sein Schaffen von schönen Lippen loben zu hören. »Herakles wirft die Keule fort und setzt sich an den Rocken, wenn Omphale winkt, und die schöne Esther und des Herodes Tochter –« murmelte Wilhelm unwillig vor sich hin. Er fühlte sich schwer beunruhigt und es zog ihn in sein stilles Giebelzimmer neben dem Taubenschlage.

»Es ist ihm Unerfreuliches in Delft widerfahren,« dachte der Vater.

»Warum wollen ihm heute die gebratenen Butten nicht munden?« fragte die Mutter, als er mit ihnen die Mahlzeit theilte. Jeder fühlte, daß ihn, den Stolz und Liebling des Hauses, etwas bedrücke, aber man bemühte sich nicht, das Was und Wie zu erkunden; denn man kannte die Stimmungen, denen er zuweilen halbe Tage lang unterworfen war.

Nachdem Wilhelm seine Tauben gefüttert hatte, begab er sich auf sein Zimmer. Hier ging er anfangs unruhig auf und nieder. Dann ergriff er die Geige und verschlang alle Lieder, welche er aus Isabella's Munde vernommen hatte, in eins. So schmelzend und dann wieder so wild und stürmisch hatte sein Spiel selten geklungen, und seine Mutter, welche es in der Küche hörte, drehte den Quirl schneller und schneller, stieß ihn dann in den fest gebundenen Teig und murmelte, während sie die Hände mit der Schürze abrieb, vor sich hin:

»Wie das jammert und jauchzt! Wenn's ihm die Seele erleichtert, in Gottes Namen; aber die Därme sind theuer und zwei Saiten wird es wenigstens kosten.«

Gegen Abend war Wilhelm gehalten, an der Uebung des Schützenkorps, zu dem er gehörte, theilzunehmen. Sein Fähnlein war bestimmt, am Hoogewoort'schen Thore Wache zu halten. Als er mit demselben durch die Nobelstraße zog, hörte er aus einem offenen Fenster im Hoogstraten'schen Hause den tiefen und reinen Gesang einer Frau. Er lauschte hinauf, und als er schaudernd bemerkte, wie sehr Henrika's Stimme – denn nur das Fräulein konnte die Sängerin sein – derjenigen Isabella's glich, befahl er dem Tambour, die Trommel zu schlagen.

Am folgenden Morgen erschien ein Knecht aus dem Hoogstraten'schen Hause und übergab Wilhelm einen Zettel, auf dem er in kurzen Worten aufgefordert wurde, um zwei Uhr Nachmittags, nicht früher und nicht später, in der Nobelstraße zu erscheinen.

Er wollte nicht »ja« –, er konnte nicht »nein« sagen und befand sich zu rechter Zeit am Platze.

In dem Kabinet neben der Hausflur erwartete ihn Henrika. Sie sah ernster aus als gestern und tiefere Schatten unter ihren Augen und das hohe Roth ihrer Wangen erinnerten Wilhelm an Belotti's Besorgniß für ihre Gesundheit. Nachdem sie seinen Gruß erwiedert, sagte sie unvermittelt und schnell:

»Ich muß Euch sprechen. Nehmet Platz. Kurz und bündig! Die Art und Weise, in der Ihr mich gestern begrüßtet, hat eigene Gedanken in mir erweckt. Ich muß einer andern Frau sehr ähnlich sehen, und Ihr seid ihr in Italien begegnet. Vielleicht denkt Ihr an Eine, welche mir nahe steht, und deren Spur ich verloren habe. Antwortet mir redlich, denn ich frage nicht ans eitler Neugier. Wo trafet Ihr sie?«

»In Lugano. Wir fuhren mit demselben Vetturin nach Mailand, und später habe ich sie in Rom wiedergefunden und monatelang täglich mit ihr verkehrt.«

»Dann kennt Ihr sie also genau. Findet Ihr, nachdem Ihr mich zum zweiten Male gesehen, die Aehnlichkeit immer noch überraschend?«

»Ueberraschend auf's Höchste.«

»Ich muß also eine Doppelgängerin haben. Ist sie hier zu Hause?«

»Sie nannte sich eine Italienerin, aber sie verstand holländisch, denn sie hat oft in meinen Büchern geblättert und ist den Gesprächen gefolgt, welche ich mit jungen Malern aus unserer Heimat führte. Ich glaube, sie ist eine Deutsche aus edlem Hause,«

»Also eine Abenteurerin. Und ihr Name?«

»Isabella; – aber es ist, sollte ich meinen, Niemand berechtigt gewesen, sie eine Abenteurerin zu heißen.«

»War sie vermählt?«

»Es lag etwas Frauenhaftes in ihrer majestätischen Erscheinung, doch hat sie niemals von einem Gatten gesprochen. Die alte Italienerin, ihre Duenna, nannte sie stets Donna Isabella, aber sie hat von ihrer Vergangenheit schwerlich bessere Kenntniß besessen als ich.«

»Das heißt gute oder schlechte?«

»Keine, edles Fräulein.«

»Und was trieb sie in Rom?«

»Sie übte die Kunst des Gesanges, in der sie Meisterin war. Aber sie hörte nicht auf zu lernen und hat in Rom große Fortschritte gemacht. In der Wissenschaft des Kontrapunkts war es mir gestattet, sie zu unterweisen.«

»Und sie trat öffentlich als Sängerin auf?«

»Ja und nein. Ein hoher fremder Prälat war ihr Gönner, und seine Empfehlung öffnete ihr alle Thüren, auch die Palestrina's. So wurden ihr denn bei Kirchengesängen hervorragende Partieen übertragen, und sie weigerte sich auch nicht, in vornehmen Kreisen zu singen, aber um goldenen Lohn ist sie niemals aufgetreten. Ich weiß es, denn sie ließ sich von keinem Andern als von mir begleiten. Mein Spiel war ihr genehm, und so bin ich durch sie in viele hohe Häuser gekommen.«

»War sie reich?«

»Nein, Fräulein. Sie besaß schöne Kleider und glänzenden Schmuck, doch war sie gezwungen, sich einzuschränken. Ueber Florenz kamen ihr von Zeit zu Zeit Geldsendungen zu, aber die Goldstücke glitten rasch durch ihre Finger, denn ob sie auch bescheiden wohnte und sich wie ein Vogel nährte, obgleich ihre zarte Gesundheit kräftigere Kost gefordert haben würde, war sie doch bis zur Unklugheit verschwenderisch, wenn sie arme Künstler in Noth sah, und sie kannte die meisten von ihnen, denn sie scheute sich nicht, in meiner Begleitung mit ihnen beim Weine zu sitzen.«

»Mit Malern und der Musik beflissenen Männern?«

»Lauter Künstlern von hoher Gesinnung. Zu Zeiten that sie es allen zuvor an übersprudelnder Laune.«

»Zu Zeiten?«

»Ja, nur zu Zeiten, denn sie hatte auch schwere, beklagenswerth schwere Stunden und Tage, aber wie an einem Apriltag Sonnenschein und Regen, so konnten bei ihr Verzweiflung am Dasein und schäumende Lebenslust wechseln.«

»Ein seltsames Wesen. Wißt Ihr, wo sie ein Ende genommen?«

»Nein, Fräulein. Eines Abends erhielt sie ein Schreiben aus Mailand, das üble Kunde enthalten mußte, und am folgenden Tage war sie ohne Abschied verschwunden.«

»Und Ihr habt es nicht versucht, ihr zu folgen?«

Wilhelm erröthete und entgegnete befangen:

»Mir fehlte das Recht, es zu thun, und kurz nach ihrer Abreise bin ich erkrankt, – zu Tode erkrankt.«

»Ihr habt sie geliebt?«

»Gnädiges Fräulein, ich muß Euch bitten . . .«

»Ihr habt sie geliebt! Und hat sie Eure Neigung erwiedert?«

»Ihr und ich kennen einander seit gestern, Fräulein von Hoogstraten.«

»Verzeihet! Aber wenn Ihr meinen Willen achtet, so haben wir uns nicht zum letzten Male gesehen, obgleich meine Doppelgängerin gewiß eine Andere ist als die Dame, an welche ich dachte. Auf Wiedersehen. Ihr hört, das Rufen nimmt wieder kein Ende. Ihr habt Theilnahme für Eure seltsame Freundin in mir erweckt, und ein anderes Mal sollt Ihr mir mehr von ihr erzählen. Nur das noch: Darf sich ein ehrbares Mädchen auch weiter ohne Schimpf über sie mit Euch unterhalten?«

»Gewiß, wenn Ihr Euch nicht scheut, über eine edle Dame zu reden, welche keinen andern Beschützer besaß, als sich selbst,«

»Und Euch, Euch nicht zu vergessen!« rief Henrika und verließ das Zimmer.

Der Musiker ging sinnend nach Hause. War Isabella eine Verwandte des Fräuleins? Er hatte Henrika von ihren äußeren Umständen fast Alles erzählt, was er wußte, und schon das gab dem Fräulein vielleicht dasselbe Recht, welches sich Viele zu Rom genommen, sie eine Abenteurerin zu nennen. Dies Wort that ihm weh, und Henrika's Frage, ob er die Fremde liebe, beunruhigte ihn und wollte ihm zudringlich und unziemlich erscheinen. Ja, er war von tiefer Leidenschaft für sie ergriffen gewesen; ja, er hatte es schwer ertragen, ihr nicht mehr zu sein, als ein guter Gesell und zuverlässiger Freund. Es hatte ihm Kämpfe genug gekostet, seine Empfindungen vor ihr zu verbergen, und er wußte, daß er ohne die Furcht vor Zurückweisung und Spott dennoch unterlegen wäre und sich ihr offenbart haben würde. Alte Herzenswunden brachen jetzt wieder auf, und er gedachte der Zeit, in der sie plötzlich und ohne Abschied Rom verlassen hatte. Nachdem er eine schwere Krankheit nothdürftig überwunden, war er bleich und flügellahm in die Heimat zurückgekehrt, und es hatte langer Monde bedurft, ehe er die rechte Freude an seiner Kunst wiederfinden konnte. Anfänglich hatte die Erinnerung an sie nichts als Bitterkeit in sich geschlossen, nun aber war er in stillem, beharrlichem Ringen dahin gelangt, wenn auch nicht zu vergessen, so doch die herben Empfindungen von der reinen und köstlichen Lust der Erinnerung an sie zu sondern. Heute wollte der alte Kampf von Neuem beginnen, aber er war nicht gesonnen, sich zu ergeben, und er ließ nicht ab, sich Isabella's Bild in seiner ganzen Herrlichkeit vor die Seele zu rufen.

Henrika ging tief erregt zu ihrer Base zurück. War die Abenteurerin, von der Wilhelm gesprochen, das einzige Wesen, welches sie mit der ganzen Innigkeit ihrer feurigen Seele liebte? War Isabella ihre verlorene Schwester? Viel sprach dagegen, aber es war doch immerhin möglich. Sie zermarterte sich selbst mit Fragen, und je weniger Ruhe die Base ihr ließ, desto unerträglicher wurde der Kopfschmerz, desto deutlicher fühlte sie, daß das Fieber, gegen dessen erschlaffende Gewalt sie seit Tagen ankämpfte, sie überwältigen werde.

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