Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Ebers >

Die Frau Bürgemeisterin

Georg Ebers: Die Frau Bürgemeisterin - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Frau Bürgemeisterin
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunFünfte Auflage
year1882
firstpub1881
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080619
projectid1995ed5b
Schließen

Navigation:

Siebentes Kapitel.

Dem ersten Regentage folgte ein zweiter und dritter. Weißlicher Nebel und grauer Dunst hingen über den Wiesen. Der kalte und feuchte Nordwestwind trieb schweres Gewölk zusammen und verfinsterte den Himmel. Aus den Regengossen an den steilen Dächern von Leyden stürzten kleine Bäche in die Straßen; das Wasser in den Grachten und Kanälen trübte sich und schwoll dem Rande des Ufers entgegen. Ohne Gruß eilten triefende und frierende Männer und Frauen an einander vorüber, während das Storchenpaar sich in seinem Neste dichter aneinander drängte und des warmen Südens gedachte, die vorschnelle Heimkehr in die kühle und feuchte niederländische Ebene beklagend. In besorgten Gemüthern wuchs die Furcht vor dem was kommen mußte. Wie auf den Feldern die jungen Halme, so ließ der Regen in den Herzen vieler Bürger die Angst rasch wachsen. In manchen Bierstuben wurden Gespräche geführt, die nichts weniger als hoffnungsvoll klangen, – in anderen konnte man gar den Widerstand Narrheit schelten oder laut zum Abfall von der Sache des Prinzen und der Freiheit auffordern hören.

Wer in diesen Tagen zu Leyden ein fröhliches Antlitz zu sehen wünschte, der konnte lange vergeblich suchen, und am letzten durfte er es wohl im Hause des Bürgemeisters van der Werff zu finden erwarten.

Drei Tage waren nun seit dem Aufbruch des Herrn Peter vergangen, ja, der vierte näherte sich seiner Mitte, und noch war der Bürgemeister nicht heimgekehrt, noch war den Seinen kein Gruß, kein erklärendes Wort geworden.

Frau Maria hatte das Kleid von hellblauem Tuch mit den Mechler Spitzen in dem viereckigen Ausschnitt am Halse angezogen, denn in diesem Gewande sah ihr Gatte sie besonders gern, und heute mußte er ja heimkehren.

Den Goldlackzweig an der Brust hatte sie von dem blühenden Stocke im Fenster ihrer Kammer geschnitten, und Barbara war ihr bei der Ordnung des vollen Haars behülflich gewesen.

Es fehlte nur noch eine Stunde am Mittag, als die zarte, schlanke Gestalt der jungen Frau mit einem weißen Staubtuch in der Hand in das Arbeitsgemach des Bürgemeisters trat. Hier stellte sie sich zunächst an das Fenster, von dem der strömende Regen in vielfach gekrümmten Schlangenlinien herniedertroff, drückte die Stirn an die Scheibe und schaute in die ausgestorbene Straße nieder.

Zwischen den glatten rothen Ziegeln des Pflasters stand das Wasser. In schweren Holzschuhen klapperte ein Lastträger vorüber, eine Magd eilte, vermummt in ihr Kopftuch, rasch dahin, ein Schusterbub' sprang, ein Paar hoher Stiefel über den Rücken gehängt, von Pfütze zu Pfütze und vermied sorgsam die trockenen Stellen; – kein Reiter erschien.

Es war fast unheimlich still im Haus und auf der Straße; sie vernahm nichts als das Rauschen des Regens. Ehe Hufschlag sich hören ließ, durfte Maria ihren Mann nicht erwarten; auch spähte sie nicht in die Ferne – sie träumte nur in die Gasse und den unaufhörlichen Regen hinaus.

Das Zimmer war für den durchnäßten Mann, dessen Heimkehr erwartet wurde, vorsorglich geheizt, aber durch die Fensterritzen traf Maria der kalte Luftzug. Sie fröstelte, und als sie sich in die halbdunkle Stube zurückzog, wollte es ihr scheinen, als müßte es immer so dämmerig bleiben, als könnte es gar keine hellen Tage mehr geben.

Minuten vergingen, bis sie sich erinnerte, zu welchem Zweck sie das Zimmer betreten. Nun fuhr sie mit dem Tuche über den Schreibtisch, die aufgehäuften Papiere und was das Zimmer sonst noch enthielt. Zuletzt näherte sie sich den Pistolen, welche Peter nicht mit auf die Reise genommen.

Ueber den Waffen hing in ziemlicher Höhe das Bildniß der verstorbenen ersten Gattin ihres Mannes. Dieses war der säubernden Hand weit dringender bedürftig als die Gewehre, denn Maria hatte sich bis jetzt immer gescheut, es zu berühren.

Heute faßte sie ein Herz, stellte sich ihm gegenüber und schaute unverwandt in die jugendlichen Züge der Frau, mit welcher Peter glücklich gewesen war. Sie fühlte sich wie gebannt von den braunen Augen, die ihr aus dem freundlichen Antlitz entgegenschauten.

Ja, die Frau da oben sah zufrieden, fast übermüthig zufrieden aus.

Wie viel mehr mochte Peter wohl seinem ersten Weibe gewährt haben als ihr?

Dieser Gedanke schnitt ihr in's Herz, und ohne die Lippen zu regen, richtete sie eine Reihe von Fragen an das stumme Bildniß, welches immer gleich sicher und heiter aus dem schlichten Rahmen auf sie herniederschaute.

Einmal war es ihr, als hätten die vollen Lippen des Gemäldes gezuckt, einmal, als hätte es die Augen bewegt. Ein kaltes Frösteln durchschauerte ihr Blut, sie begann sich zu fürchten, aber sie konnte sich doch nicht von dem Bilde trennen.

Mit weit geöffneten Augen schaute sie aufwärts.

Sie regte sich nicht, und ihr Athem begann schneller zu gehen.

Jetzt schien sich ihr Blick zu schärfen.

Auf der hohen Stirn der verstorbenen Eva lag ein Schatten.

Hatte der Maler mit ihm eine sie bedrückende Sorge darstellen wollen, oder war das, was sie sah, nur Staub, der sich auf die Farbe gesetzt hatte?

Sie zog einen Stuhl zu dem Bilde heran und stellte den Fuß auf den Sitz. Dabei verschob sich ihr Kleid. Erröthend, als blickten noch andere als gemalte Augen zu ihr hernieder, zog sie es schamhaft über den weißen Strumpf und erstieg dann mit einer schnellen Bewegung vollends den Stuhl.

Jetzt stand sie Auge in Auge dem Bilde gegenüber. Das Tuch in der leise bebenden Hand Maria's fuhr über Eva's Stirn und wischte den Schatten von dem rosigen Fleische. Nun wehte sie den Staub von dem Rahmen und der Leinwand und bemerkte die Beischrift des Künstlers, dem das Bildniß seinen Ursprung verdankte. »Artjen von Leyden« nannte er sich, und seine sorgsame Hand hatte mit peinlicher Genauigkeit auch das kleinere Beiwerk nachgebildet. Die silberne Kette mit den blauen Türkisen an dem vollen Halse da oben, die kannte sie wohl. Peter hatte ihr dieselbe als Bräutigamsgabe geschenkt, und sie war mit ihr vor den Altar getreten; aber das Kreuzchen von Diamanten, welches in ihrer Mitte hing, hatte sie niemals gesehen. Die goldene Schnalle an Eva's Gürtel gehörte ihr seit ihrem letzten Geburtstage, – doch sie war übel verbogen, und die stumpfen Zähne konnten nur noch schwer den starken Bandstoff durchbohren.

»Sie hat das Alles bekommen, solange es noch neu war,« sagte sie sich. »Der Schmuck! Was frag' ich nach dem! Aber das Herz, das Herz – wie viel Liebe hat sie in Peter's Herzen übrig gelassen?!«

Sie wollte es nicht, aber sie vernahm diese Worte immer wieder vor ihrem inneren Ohre, und sie mußte sich fest zusammennehmen, um nicht zu weinen.

»Käme er nur, wollt' er nur kommen!« rief es laut in ihrer schwer geängstigten Seele.

Da öffnete sich, ohne daß sie es bemerkte, die Thür.

Barbara trat über die Schwelle und rief leise, mit freundlichem Vorwurf ihren Namen.

Maria schrak zusammen und bat erröthend:

»Bitte, reiche mir die Hand; ich möchte hinunter. Da bin ich schon fertig. Dieser Staub . . . es war eine Schande.«

Als sie wieder auf dem Fußboden stand, sagte die Wittwe:

»Wie rothe Wangen Du hast! Hör', liebe Schwägerin, höre mich, Kind –!«

Barbara ward mitten in ihrer Mahnung unterbrochen, denn der Klopfer fiel hart auf die Hausthür, und Maria eilte an's Fenster.

Die Wittwe folgte ihr und rief nach einem schnellen Blick auf die Straße:

»Das ist Wilhelm Corneliussohn, der Musiker. Er war in Delft. Ich weiß es von seiner Mutter. Vielleicht bringt er Nachricht von Peter. Ich schick' ihn Dir hinauf, aber erst soll er mir unten erzählen, was er mitbringt. Wenn Du mich brauchst, so findest Du mich bei Lieschen. Sie ist heiß und die Augen thun ihr weh; es gibt einen Ausschlag oder ein Fieber.«

Barbara verließ das Zimmer. Maria drückte die Hände an die brennenden Wangen und ging langsam auf und nieder, bis es klopfte und der Musiker zu ihr hereintrat.

Nach der Begrüßung fragte die junge Frau eifrig:

»Und Ihr habt meinen Gatten in Delft gesehen?«

»Ja wohl, Frau Bürgemeisterin,« entgegnete Wilhelm, »vorgestern Abend.«

»So theilt mir doch mit –«

»Gleich, gleich. Ich bringe Euch einen ganzen Sack voll Grüße. Erstlich von Eurer Frau Mutter.«

»Sie befindet sich wohl?«

»Wohl und munter. Auch der würdige Doktor Groot ist frisch auf den Beinen.«

»Und mein Mann?«

»Den fand ich beim Doktor. Herr Groot läßt Euch alles Schönste und Beste sagen. Gestern und vorgestern ward bei ihm musizirt. Er hat immer das Neueste, das aus Italien kommt, und als wir hier diese Motette –«

»Nachher, Herr Wilhelm! Erst sollt Ihr mir sagen, was Euch mein Gatte –«

»Der Herr Bürgemeister kam im Auftrage des Prinzen zu dem Doktor. Er war in Eile und konnte nicht bis zum Beginn des Gesanges verweilen. Es ging ganz vortrefflich. Wegen der Tabulatur macht Euch keine Sorgen. Wenn Ihr nur mit Eurer herrlichen Stimme –«

»Ich bitte Euch, Meister Wilhelm!«

»Nein, werthe Frau, Ihr dürft Euch nicht weigern. Herr Groot sagt, Ihr hattet in Delft als Mädchen den Tenor wie keine Andere gehalten, und wenn Ihr, wenn die edle Frau von Nordwyk und ferner wenn Herrn van Aken's älteste Tochter –«

»Aber lieber Meister,« rief die Bürgemeisterin mit wachsender Ungeduld, »ich frage jetzt nicht nach Euren Motetten und Tabulaturen, sondern nach meinem Gemahl.«

Wilhelm schaute der jungen Frau halb erstaunt, halb erschrocken in's Antlitz. Dann schüttelte er, lächelnd über sein Ungeschick, den Kopf und sagte mit gutmüthig-reuiger Stimme:

»Verzeiht mir, bitte, 's ist einmal so, daß uns auch Kleines überwichtig erscheint, wenn es uns eben die Seele erfüllt. Euren Ohren muß ja ein Wort über den fernen Gatten lieblicher klingen als all' meine Musik. Das hätte ich freilich eher bedenken sollen. Nun also: der Bürgemeister ist wohlauf und hat viel mit dem Prinzen verhandelt. Bevor er gestern Vormittag nach Dortrecht aufbrach, gab er mir auch dieses Briefchen an Euch und trug mir auf, es mit den schönsten Grüßen in Eure Hände zu legen.«

Der Musiker überreichte bei diesen Worten Maria ein Schreiben. Sie nahm es ihm schnell aus der Hand und sagte:

»Nichts für ungut, Herr Wilhelm, aber über Eure Motette reden wir morgen oder wann es Euch sonst beliebt; jedoch heute –«

»Heute gehört Eure Zeit diesem Brieflein,« unterbrach sie Wilhelm. »Das ist nicht mehr als natürlich. Der Bote hat seinen Auftrag erfüllt, und der Musikmeister wird ein anderes Mal sein Glück mit diesen Noten bei Euch versuchen.«

Sobald der junge Mann sich entfernt hatte, begab sich Maria in ihre Kammer, setzte sich dort an das Fenster nieder, öffnete mit fliegenden Händen das Schreiben ihres Gatten und las:

»Meine liebe und getreue Hausfrau!

»Meister Wilhelm Corneliussohn von Leyden wird Dir diesen Brief überbringen. Ich bin wohl, aber es ist mir sauer geworden, Dich an unserem Hochzeitstag zu verlassen. Das Wetter ist sehr schlecht. Ich habe den Prinzen in tiefer Bekümmerniß gefunden, aber wir geben die Hoffnung nicht auf, und wenn der liebe Gott uns beisteht und Jeder seine Schuldigkeit thut, so kann Alles noch gut werden. Ich muß heute nach Dortrecht reiten. Was mir dort zu bewirken obliegt, ist wichtig. Gedulde Dich, denn es können noch mehrere Tage vergehen bis zu meiner Heimkehr.

»Wenn der Rathsbote anfragt, so übergib ihm die Papiere, welche auf dem Schreibtisch ganz rechts unter der kleineren Bleitafel liegen. Grüße Barbara und die Kinder. Wenn es an Geld gebricht, so bitte den Rathssekretär van Hout in meinem Namen um den Rest meines Guthabens; er weiß schon. – Wenn Du Dich einsam fühlst, so besuche sein Weib oder die Frau von Nordwyk; sie würden es gern sehen. Kaufet ein an Mehl und Butter und Käse und geräuchertem Fleisch, soviel es nur angeht. Man weiß nicht, was kommt. Laß Dir von Barbara rathen!

»Deines Gehorsams gewärtig in Treue

Dein Ehegemahl
Peter Adrianssohn van der Werff.«

Maria las diesen Brief erst schnell, dann zum andern Male langsam und Satz für Satz zu Ende. Enttäuscht, betrübt, verletzt faltete sie ihn zusammen und zog – sie wußte selbst nicht, warum – den Goldlackzweig aus dem Ausschnitt ihres Kleides und warf ihn in den Torfkasten neben dem Kamin. Dann öffnete sie ihre Truhe und nahm aus derselben ein sauber geschnitztes Kästchen, stellte es auf den Tisch, öffnete es und legte das Schreiben ihres Gatten hinein.

Nachdem dies schon längst seinen Platz bei anderen Papieren gefunden, stand Maria noch immer vor der Schatulle und blickte nachdenklich auf ihren Inhalt.

Endlich legte sie die Hand an den Deckel, um sie zu schließen; aber sie zauderte und griff nach einem Päckchen Briefe, welches unter einigen goldenen und silbernen Pathenthalern, bescheidenen Schmucksachen und einer vertrockneten Rose auf dem Boden des Kästchens gelegen hatte.

Darauf zog sie einen Stuhl an den Tisch, setzte sich und begann zu lesen. Sie kannte diese Schreiben gut genug. Ein edler, vielversprechender Jüngling hatte sie an ihre Schwester, seine Braut, gerichtet. Sie waren aus Jena datirt, wohin er gegangen war, um seine Studien in der Rechtswissenschaft zu vollenden. Aus jedem Wort sprach die inbrünstige Sehnsucht des Liebenden, aus jeder Zeile die Leidenschaft, welche das Herz des Schreibenden erfüllt hatte. Manchmal erhob sich die Prosa des jungen Gelehrten, der als Schüler des Doktor Groot seine Braut in Delft liebgewonnen hatte, als sie kaum den Kinderjahren entwachsen, zu hohem Schwunge.

Maria sah, während sie las, vor ihrem innern Auge Jakoba's liebliches Antlitz und ihres Bräutigams schönes Schwärmergesicht. Sie erinnerte sich an die fröhliche Hochzeit der Beiden, an ihres Schwagers unbändigen, mit allen Gaben verschwenderisch ausgestatteten Freund, welcher ihm, um sein Brautführer zu sein, nach Holland gefolgt war und der ihr beim Abschied die Rose gereicht hatte, welche dort vor ihr in dem Kästchen lag. Wie mit der seinen hatte ihre Stimme mit keiner andern zusammen geklungen, so dichterisch geschmückte Reden hatte sie aus keinem zweiten Munde vernommen, so leuchtende Augen wie die des jungen Thüringer Edelmanns hatten nie wieder in die ihren geschaut.

Nach der Hochzeit war Georg von Dornburg heimwärts und das junge Paar nach Haarlem gezogen. Von dem Fremden hatte sie nichts wieder vernommen, und ihre Schwester und der Gatte derselben sollten bald auf ewig verstummen. Wie die meisten Bewohner Haarlems fanden sie bei der Einnahme dieser edlen, unglücklichen Stadt durch die spanischen Würger den Tod. Nichts war ihr von der geliebten Schwester geblieben, als ein treues Gedenken an sie und die Briefe ihres Bräutigams, welche sie nun in der Hand hielt.

Aus ihnen sprach Liebe, sprach die rechte, hohe Liebe, welche mit Engelszungen zu reden und Berge zu versetzen weiß.

Da lag ihres Gatten Brief. Aermliches Schreiben! Sie scheute sich, es noch einmal zu öffnen, als sie die lieben Andenken in den Kasten zurücklegte, und doch hob sich ihre Brust, da sie an Peter dachte. Sie wußte auch, daß sie ihn liebte und daß sein treues Herz ihr gehörte. Aber sie war nicht zufrieden, sie war nicht glücklich, denn er hatte für sie nur leidenschaftliche Zärtlichkeit oder väterliche Güte, und sie wollte anders geliebt sein. Die Schülerin, ja die Freundin des gelehrten Groot, die im Verkehr mit hochgebildeten Männern herangewachsene junge Frau, die begeisterte Patriotin fühlte, daß sie ihrem Gatten mehr, weit mehr zu gewähren im Stande sei, als er von ihr begehrte. Uebersprudelnde Empfindungen und hochtrabende Worte hatte sie nie von dem ernsten, auf kräftiges Handeln gestellten Manne erwartet, wohl aber, daß er Alles, was sich Hohes und Edles in ihr regte, verstehen und daß er ihr gestatten würde, sein Streben zu theilen und die Genossin seiner Empfindungen und Gedanken zu werden. Daß es anders gekommen, lehrte sie wieder der dürftige Brief, welchen sie heute empfangen. Er war ein treuer Freund ihres Vaters gewesen, der nun nicht mehr unter den Lebenden wandelte. Auch ihr verstorbener Schwager hatte sich mit der Begeisterung der Jugend an den älteren und voll ausgereiften Freiheitskämpfer van der Werff geschlossen. Wenn er mit Maria von Peter gesprochen hatte, so war es in Ausdrücken der wärmsten Bewunderung und Liebe geschehen. Bald nach dem Hingang ihres Vaters und dem gewaltsamen Tode des jungen Paares war Peter nach Delft gekommen, und als er ihr dort seine Theilnahme kundgab und ihr tröstend zusprach, that er es mit kräftigen, innigen Worten, an die sie sich wie an einen rettenden Anker in der Noth ihres Herzens halten konnte. Der wackere Leydener kam immer häufiger nach Delft und war dann stets der Gast des Groot'schen Hauses. Wenn dort die Männer berathend zusammensaßen, durfte Maria die Gläser füllen und ihren Verhandlungen beiwohnen. Die Reden flogen hin und her und wollten ihr oft weder klar noch weise erscheinen; aber was van der Werff sagte, war stets verständig, und ein Kind konnte dabei seine schmucklosen, kräftigen Worte verstehen. Wie ein Eichbaum unter schwanken Weiden kam er ihr vor. Sie wußte um viele seiner mit schwerer Lebensgefahr verbundenen Reisen im Dienste des Prinzen und der Freiheit des Landes und erwartete ihren Ausgang klopfenden Herzens.

Mehr als einmal war ihr damals der Gedanke gekommen, es müsse schön sein, sich von diesem sicher schreitenden Mann auf starken Armen durch's Leben tragen zu lassen, und er streckte ihr denn auch diese Arme entgegen, und sie folgte so stolz und glückselig seinem Verlangen, wie ein Knappe, den der König ruft, um ihn zum Ritter zu schlagen. Jetzt dachte sie an diese vergangene Zeit, und wie lebhaft trat ihr jede Hoffnung, mit der sie ihm nach Leyden gefolgt war, vor die Seele!

Ihr Neuvermählter hatte ihr keinen Maimond, aber einen guten Sommer und Herbst an seiner Seite verheißen. Jetzt mußte sie dieses Gleichnisses gedenken, und wie so ganz andere Dinge, als sie erwartet, hatte ihr die Vereinigung mit ihm bis heute geboten! Sturm, Unruhe, Kampf, ein ewiger Wechsel von schwerer Arbeit und Uebermüdung, das war sein Leben, das war das Dasein, zu dem er sie an seine Seite gerufen, ohne auch nur den Willen zu zeigen, ihr irgend einen Antheil an seinen Mühen und Sorgen zu gewähren. So durfte, so konnt' es nicht fortgehen. Alles, was ihr in ihrem Elternhause schön und lieblich erschienen war, – hier ging es zu Grunde. Musik und Dichtung, die ihr Gemüth in der Heimat erhoben, seine Gespräche, die ihren Geist entwickelt hatten, – hier waren sie nicht zu finden. Barbara's freundlicher Sinn konnte diese verlorenen Güter nimmer ersetzen; für ihres Gatten volle Liebe hätte sie sie alle hingegeben – aber wie war es um diese Liebe bestellt?

Mit bitteren Empfindungen stellte sie das Kästchen in die Truhe zurück und folgte dem Rufe zur Mahlzeit. Sie fand an der großen Tafel nur Adrian und die Dienstboten, denn Barbara wachte bei Lieschen.

So öde, so vereinsamt, so unnütz war sie sich noch niemals vorgekommen wie heute. Was sollte sie hier? Barbara waltete in Küche und Keller, und sie – sie stand ihrem Manne bei der Erfüllung seiner Pflichten gegen Stadt und Staat nur im Wege.

So dachte sie, als der Klopfer wiederum an die Hausthür schlug. Sie trat an's Fenster. Es war der Arzt. Lieschen war kränker geworden, und sie, ihre Mutter, hatte nicht einmal nach der Kleinen gefragt.

»Die Kinder, die Kinder!« murmelte sie vor sich hin; ihre erschlafften Züge belebten sich, und es ward lichter in ihrer Seele, als sie sich sagte:

»Ich habe Peter gelobt, sie zu halten, als ob es meine eigenen wären, und ich will erfüllen, was ich auf mich genommen habe.«

Freudig erregt trat sie in das dämmerige Krankenzimmer und zog die Thür schnell hinter sich zu. Doktor Bontius schaute sich mit einem verweisenden Blicke nach ihr um, und Barbara sagte: »Leise, leise! Lieschen schläft eben ein wenig.«

Maria näherte sich dem Bette; aber der Heilkünstler wies sie zurück und fragte:

»Habt Ihr schon die Frieseln gehabt?«

»Nein.«

»So dürft Ihr das Zimmer nicht wieder betreten. Wo Frau Barbara pflegt, da bedarf es keiner weiteren Hülfe.«

Die Bürgemeisterin entgegnete nichts und trat in die Hausflur zurück. Das Herz war ihr so schwer – so namenlos schwer. Sie fühlte sich wie ein Fremdling im Haus ihres Gatten. Es drängte sie in's Freie, und als sie ihr Kopftuch umgenommen hatte und die Treppe hinunterstieg, wollte ihr der Ledergeruch, welcher aus den Ballen im Lagerraume zu ebener Erde aufstieg, und den sie früher kaum wahrgenommen hatte, unerträglich erscheinen. Sie sehnte sich zu ihrer Mutter, zu den Delfter Freunden und in ihr stilles, lustiges Elternhaus zurück. Zum ersten Male wagte sie es, sich unglücklich zu nennen, und während sie mit niedergeschlagenen Augen dem Winde entgegen durch die Straßen hinschritt, wehrte sie sich vergebens gegen eine geheimnißvolle, finstere Macht, welche sie zwang, Alles sorglich herauszuspüren, was anders gekommen war, als sie gehofft hatte.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.