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Die Frau Bürgemeisterin

Georg Ebers: Die Frau Bürgemeisterin - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Frau Bürgemeisterin
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunFünfte Auflage
year1882
firstpub1881
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080619
projectid1995ed5b
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Sechstes Kapitel.

Warme, von Bierdunst und Speisegeruch erfüllte Luft quoll den Reisenden entgegen, als sie in das große, niedrige Gastzimmer traten. Dasselbe empfing von zwei Seiten aus Fensterchen, welche kaum mehr als den Namen Luken verdienten, spärliches Licht. Auch die Schenkstube selbst sah dem Kajütenraum eines Schiffes gleich. Die Decke und Dielen, die Tische und Stühle bestanden aus dem gleichen dunkelbraunen Holze, mit welchem die Wände bekleidet waren, in denen sich Betten wie Kojenlager befanden.

Der Wirth war den vornehmen Gästen mit vielen Verneigungen entgegengetreten und hatte sie an den Kamin geführt, in dem große Torfstücke glimmten. Die Glut, welche diese ausstrahlten, diente mehreren Zwecken zugleich. Sie wärmte die Luft, erhellte einen Theil des bei dem finsteren Regenwetter halbdunklen Raumes und kam den drei Hühnern zugute, die sich an einer dünnen Eisenstange über dem Feuer zu bräunen begannen.

Als die neuen Gäste sich dem Feuer nahten, stieß die alte Frau, welche den Spieß gedreht hatte, den weißen Kater vom Schooß und stand auf.

Der Wirth warf die Gewänder, welche auf den Lehnen zweier Stühle zum Austrocknen schwebten, auf eine Bank und hängte an ihre Stelle die triefenden Mäntel des Freiherrn und seines Sohnes.

Während der altere Wibisma für sich und seine Leute einen wärmenden Trunk bestellte, führte Nicolas den Schwarzen an den Kamin.

Der zitternde Geselle kauerte neben der Asche auf den Boden hin und hielt bald die in durchweichtem rothem Saffian steckenden Füße, bald die erstarrten Finger in die Flammen.

Vater und Sohn nahmen an einem Tische Platz, welchen die Magd mit einem Leintuche bedeckte. Der Freiherr hatte nicht übel Lust, den Wirth, einen überhöflichen, pockennarbigen Knirps, dessen Kleidung genau die gleiche braune Farbe zeigte, wie das Holz in seiner Schenkstube, wegen des aufgeputzten Baumes zur Rede zu stellen, aber er unterließ es, denn an einer in ziemlicher Entfernung von der seinen aufgestellten Tafel saßen zwei Leydener Bürger, von denen der eine ihm wohl bekannt war, und es widerstand ihm, sich an einem Ort, wie diesem, in Händel einzulassen.

Nachdem auch Nicolas sich in der Schenkstube umgeschaut, stieß er seinen Vater an und sagte leise: »Hast Du die Männer dort bemerkt? Der jüngere, – jetzt hebt er den Deckel vom Kruge, – ist der Organist, der mich gestern von den Buben befreite und der mir seinen Mantel mitgab.«

»Der dort?« fragte der Edelmann. »Ein hübscher junger Mann. Man könnte ihn für einen Maler halten oder dergleichen. He, Wirth, wer ist der Herr mit den braunen Locken und großen Augen, der da mit dem Fechtmeister Allertssohn redet?«

»Herr Wilhelm ist es, wenn der gnädige Herr es gestattet, des alten Rathssteuereinnehmers Cornelius jüngerer Sohn, ein Spielmann oder Musikus, wie sie es nennen.«

»Sieh', sieh',« rief der Baron. »Sein Vater gehört zu meinen alten Leydener Bekannten. Er war ein braver, ganz vortrefflicher Mann, bevor der Freiheitsschwindel den Leuten die Köpfe verdrehte. Auch der Junge hat ein Gesicht, das man gern ansieht. Es liegt etwas Reines darin, – etwas – 's ist schwer zu sagen, etwas – was meinst Du, Nico? Gleicht er nicht unserem heiligen Sebastian? Soll ich ihn anreden und ihm für seine Gefälligkeit danken?«

Der Baron wartete die Antwort seines Sohnes, den er wie einen gleichberechtigten Freund zu behandeln liebte, nicht ab, sondern erhob sich, um seiner freundlichen Gesinnung gegen den Musiker Ausdruck zu geben, aber diesem löblichen Vorhaben stellte sich ein unerwartetes Hinderniß entgegen.

Der Mann, welchen der Baron den Fechtmeister Allertssohn genannt hatte, war soeben gewahr geworden, daß die Ueberkleider der »Glipper« am Feuer hingen, während sein eigener Mantel und der seines Freundes auf die Bank geworfen worden waren. Diese Thatsache schien den Leydener schwer zu verdrießen; denn während der Freiherr sich erhob, schob er den Stuhl heftig zurück und beugte den kräftig entwickelten Oberkörper weit vor. Dabei stemmte er die Arme auf die Kante der Tafel ihm gegenüber und wandte das martialische Antlitz mit ruckweisen Bewegungen bald dem Wirth, bald dem Edelmann zu. Endlich rief er laut in das Zimmer hinein:

»Peter Quatgelat – Du – Du. – Wenn Du Dich! – Wer hat Dir, Du schäbiger Katzenbuckel . . . Wer gibt Dir das Recht, unsere Mäntel in die Ecke zu werfen?«

»Die euren, Herr Hauptmann,« stammelte der Wirth, »waren bereits . . .«

»Halts Maul, Kriecher!« donnerte der Andere mit so lauter Stimme und solcher Erregung, daß der weit hinfliegende graue Schnurrbart an seiner Oberlippe hin und her wankte und der lange starke Knebelbart an seinem Kinn auf und nieder bebte. »Halt's Maul! Das kennen wir besser. Gottes Donner! Den adeligen Mänteln wird hier hofirt. Sind spanisch geschnitten! Das steht den Glippern fein zu Gesichte. Gut holländisch Gewebe wird in die Ecke geworfen. Oho, oho, Bruder Krummbein; wir fahren Dir in die Parade.«

»Ich bitte Euch, wohledler Herr Hauptmann –«

»Ich blase auf Euer Wohledel, Ihr Garnichtedel, Ihr Erzlump! Wer zuerst kommt, mahlt zuerst; das gilt in Holland, das hat in Holland schon für Adam und Eva gegolten. Spitze die Ohren, Krummbein! Wenn mein ›wohledler‹ Mantel und der des Herrn Wilhelm nicht bis ich zwanzig zähle an ihrem alten Platze hangen, so geschieht hier was, das Euch nicht lieb ist. – Eins – zwei – drei –«

Der Wirth warf dem Edelmann einen ängstlich fragenden Blick zu, und als dieser die Achseln zuckte und vernehmlich sagte: »Es findet sich wohl für mehr als zwei Mäntel Platz am Feuer,« nahm Quatgelat die Ueberwürfe der Leydener von der Bank und hängte sie auf zwei Stühle, welche er an den Kamin rückte.

Während dies geschah, zählte der Fechtmeister langsam fort. Als er bis zur Zwanzig gekommen war, hatte der Wirth sein Werk vollendet, aber der empörte Hauptmann ließ ihm noch keine Ruhe, sondern sagte:

»Jetzt unsere Zeche, Mann. Mit Wind und Regen verkehrt es sich übel, aber ich kenne noch schlechtere Gesellschaft. 's gibt Platz genug am Kamin für vier Mäntel, und in Holland für alles Vieh aus Noah's Arche, nur nicht für Spanier und Spaniergenossen. Pfui Teufel, die ganze Galle ist mir in die Leber geschossen. Kommt mir nach zu den Rossen, Herr Wilhelm, sonst gibt es ein Unglück.«

Bei den letzten Worten hatte der Fechtmeister die weit hervortretenden Augen, welche auch im gemeinen Leben so scharf in die Welt schauten, als hätten sie etwas Merkwürdiges zu prüfen, ingrimmig auf den Edelmann gerichtet. Dieser gab sich das Ansehen, als ob er die herausfordernden Worte nicht vernähme, ging, während der Fechtmeister das Zimmer verließ, unbeirrt und in hochaufgerichteter Haltung auf den Musiker zu, verneigte sich höflich vor ihm und dankte ihm für die Freundlichkeit, welche er gestern seinem Sohne erwiesen.

»Ihr seid mir wahrlich nichts schuldig,« entgegnete Wilhelm Corneliussohn. »Ich stand dem Junker bei, weil es sich übel ansieht, wenn Viele auf einen Einzelnen eindringen.«

»So gestattet mir, diese Gesinnung zu loben,« gab der Baron zurück.

»Gesinnung,« wiederholte der Musiker mit einem feinen Lächeln und zeichnete einige Noten auf den Tisch.

Der Baron folgte eine Weile schweigend dem malenden Finger. Dann trat er dem jungen Manne näher und fragte:

»Muß denn jetzt Alles und Alles auf politische Händel bezogen werden?«

»Ja,« entgegnete Wilhelm fest und wandte das Antlitz mit einer schnellen Bewegung dem älteren Manne zu. »In diesen Zeiten, ›ja‹ und zwanzigmal ›ja‹. Ihr thatet nicht gut, mit mir von Gesinnung zu reden, Herr Matenesse.«

»Jeder,« gab der Ritter zurück und zuckte die Achseln, »Jeder hält seine Meinung, wie sich das von selbst versteht, für die rechte, aber er sollte doch auch die der anders Denkenden achten.«

»Nein, Herr,« rief der Musiker den Edelmann unterbrechend. »In diesen Tagen gibt es für uns nur eine Gesinnung. Wer holländischen Blutes ist und anders empfindet als wir, mit dem wünsche ich nichts zu theilen, auch nicht einen Trunk am gleichen Tische. Verzeihet, Herr; mein Reisegefährte ist, wie Ihr leider erfahren habt, ungeduldigen Blutes und wartet nicht gern.«

Wilhelm verneigte sich leicht, winkte Nicolas mit der Hand, ging auf den Kamin zu, nahm seinen und seines Gefährten halbtrockenen Mantel auf den Arm, warf ein Geldstück auf den Schenktisch, nahm einen verdeckten Käfig, in dem Vögel flatterten, in die Hand und verließ die Stube.

Der Baron schaute ihm schweigend nach. Die einfachen Worte und der Aufbruch des jungen Mannes erweckten in ihm peinliche Empfindungen. Er glaubte das Rechte zu wollen, und doch überkam ihn in diesem Augenblick das Gefühl, als hafte etwas wie ein Makel an der Sache, die er vertrat.

Es erträgt sich leichter, verfolgt als gemieden zu werden, und so lag denn ein Ausdruck tiefer Verdrossenheit auf den leutseligen Zügen des Edelmanns, als er zu seinem Sohne zurückkehrte.

Nicolas hatte kein Wort des Orgelspielers verloren und das Blut war ihm aus den frischen Wangen gewichen, als er sehen mußte, wie dieser Mann, dessen ganze Erscheinung seinem jungen Herzen besonders zugesagt hatte, seinem Vater wie einem Ehrlosen, dem man aus dem Wege geht, den Rücken wandte.

Die Worte, mit denen Janus Dousa ihn gestern verlassen hatte, kamen ihm mit großer Lebendigkeit in den Sinn, und als der Freiherr ihm wiederum gegenüber saß, hob der Knabe die Augen und sagte zaudernd, aber voll rührender Innigkeit und aufrichtiger Besorgniß:

»Vater, was ist das gewesen? Vater – haben sie denn so ganz Unrecht, wenn sie lieber holländisch sein wollen als spanisch?«

Wibisma sah seinen Sohn erstaunt und mißbilligend an, und weil er seine eigene Sicherheit, wenn auch nur für einen Augenblick, wanken fühlte und ein polterndes Wort oft gute Dienste leistet, wo es an der Möglichkeit oder dem Willen gebricht, mit Gründen zu streiten, rief er so unwillig, wie er seit Jahren nicht zu seinem heranwachsenden Liebling geredet:

»Fängt auch Dir an der Köder zu munden, mit dem der Oranier die Gimpel lockt? Noch ein solches Wort und ich zeige Dir, wie man naseweise Buben behandelt. Hieher, Wirth; was hat es mit dem Firlefanz auf dem Baume dort auf sich?«

»Die Leute, Herr, die Leydener Narren, nicht ich, Eure Gnaden, sind schuld an dem Unfug. Als die Kriegsknechte abzogen, die während der Belagerung in der Stadt gestanden hatten, putzten sie den Baum so nichtswürdig auf. Ich halte hier Haus als Pachter des älteren Herrn van der Does und darf keine eigene Meinung haben, denn man will ja doch leben, aber so wahr ich selig zu sterben hoffe, ich bin König Philipp in Treue ergeben.«

»Bis die Leydener wieder herauskommen,« entgegnete Wibisma bitter. »Habt Ihr während der Belagerung hier Haus gehalten?«

»Ja, Herr; die gnädigen Herren Spanier hatten sich nicht über mich zu beklagen, und wenn Euch eines armen Mannes Dienste nicht zu gering sind, mein gnädiger Herr, so stehen sie Euch zur Verfügung.«

»So, so,« murmelte der Baron und schaute aufmerksam auf die unschöne Gestalt des Wirthes, aus dessen kleinen Augen, ihm große Verschlagenheit entgegenblitzte. Dann wandte er sich an Nicolas und sagte:

»Sieh Dir die Amseln dort im Fenster ein wenig an, mein Sohn, ich habe mit dem Wirthe zu reden.«

Der Junker erhob sich sogleich, und während er, statt nach den Vögeln zu schauen, den beiden für die Freiheit Hollands glühenden Männern nachblickte, welche auf der nach Delft führenden Straße dahinritten, erinnerte er sich an das Bild von den Fesseln, welche herabziehen, und vor seinem inneren Auge sah er die Gnadenkette erglänzen, welche König Philipp seinem Vater gesandt hatte. Unwillkürlich sah sich Nicolas nach diesem um. Da stand er und flüsterte eifrig mit dem Wirth. Jetzt legte er ihm sogar die Hand auf die Schulter. War es recht von ihm, so mit einem Manne zu verkehren, den er doch im Grunde des Herzens verachten mußte? Oder sollte er gar – ihn schauderte, denn das Wort »Verräther«, das einer der Schulknaben ihm während des Streites vor der Kirche in die Ohren gerufen, kam ihm in den Sinn.

Als der Regen sich mäßigte, verließen die Reisenden das Wirthshaus. Der Freiherr gestattete dem häßlichen Gastgeber, ihm beim Abschied die Hand zu küssen, aber der Junker duldete nicht, daß er die seine berührte.

Auf dem weiteren Ritt in den Haag wurden wenig Worte zwischen Vater und Sohn gewechselt.

Der Musiker und Fechtmeister zeigten sich auf dem Wege nach Delft weniger schweigsam.

Wilhelm hatte dem Andern bescheidentlich, wie es dem jüngeren Manne geziemt, angedeutet, daß er doch wohl seiner feindlichen Gesinnung gegen den Edelmann gar zu lebhaften Ausdruck gegeben.

»Recht, ganz recht,« entgegnete Allertssohn, den seine Freunde auch kürzer »Allerts« riefen. »Ganz recht! Das Blut – o das Blut! Ihr ahnt nicht, Herr Wilhelm . . . Aber lassen wir's gut sein.«

»Nein, redet nur, Meister.«

»Ihr werdet nicht besser von mir denken, wenn ich es thue.«

»So laßt uns auf etwas Anderes kommen.«

»Nein, Wilhelm. Zu schämen brauch' ich mich gerade nicht, denn für einen Banghasen wird Keiner mich halten.«

Der Musiker lachte und rief: »Ihr und ein Banghase! Auf wie viel Spanier hat Euere Brescianer Klinge da losgeschlagen?«

»Mehr gestochen, Herr; weit öfter gestochen, Herr, als geschlagen,« entgegnete der Andere. »Wenn der Teufel mich fordert, so werd' ich fragen: Fleuret, Herr, oder spanische Degen? Aber es gibt doch einen, vor dem mir bangt, und das ist mein bester und zugleich mein schlechtester Freund, das ist ein Niederländer wie Ihr, das ist, damit Ihr es wißt, das ist der Mann, der hier neben Euch reitet. Ja, Herr, wenn die Wuth mich ergreift, wenn der Knebelbart da zu zittern beginnt, so fliegt mir das bischen Verstand so hurtig davon, wie Euch Eure Tauben, wenn Ihr sie loslaßt. Ihr kennt mich nicht, Wilhelm.«

»Nicht, Meister? Wie oft muß man Euch denn kommandiren sehen und Euch auf dem Fechtboden besuchen?«

»Schnick, Schnack – da bin ich ruhig wie das Wasser dort in dem Graben, – aber wenn etwas mir gegen die innere Natur geht, wenn, – ja, wie soll ich Euch das ohne Bilder ganz kurz und bündig erklären . . .«

»Sprecht nur.«

»Also zum Exempel, wenn ich mit ansehen muß, wie dem Duckedich begegnet wird, als wär' er Herr Aufrecht . . .«

»So verdrießt Euch das weidlich.«

»Verdrießen? Nein! Dann werde ich wild wie ein Tiger, und ich darf's doch nicht werden, ich darf's nicht! Roland, mein Vormann, was mag wohl –«

»Meister, Meister, der Bart beginnt schon wieder zu zittern!«

»Was mögen sich die Glipper wohl eingebildet haben, Herr, als ihre hochadeligen Mäntel –«

»Der Wirth hat meinen und Euren ganz auf eigene Hand von dem Feuer genommen.«

»Meinetwegen! Aber der knickbeinige Affe that es, um den spanischen Fuchsschwänzer zu ehren. Das wurmte, das durfte nicht hingehen.«

»Ihr habt Euren Groll auch nicht bei Euch behalten, und es mußte mich wundern, wie geduldig der Freiherr Eure Schmähungen hinnahm.«

»Das ist's ja eben, das ist's!« schrie der Fechtmeister und sein Knebelbart begann bedenklich heftig zu zittern. »Das hat mich aus der Spelunke getrieben, deßwegen nahm ich Reißaus vor mir selbst. Das – das – Roland, mein Vormann.«

»Ich versteh' Euch nicht, Meister.«

»Nicht, nicht? Wie solltet Ihr auch; aber ich will's Euch erklären. – Seht, junger Mann, wenn Ihr so alt geworden sein werdet, wie ich bin, so werdet Ihr's auch erfahren. Es gibt wenig völlig gesunde Bäume im Wald, wenig Rosse ohne Fehler, wenig Klingen ohne Makel und kaum einen Mann, der die Vierzig überschritten hat, und dem nicht irgend ein Wurm in der Brust sitzt. Der eine nagt leicht, der andere quält mit scharfem Biß, und meiner – meiner . . . Wollt Ihr einen Blick hier hinein thun?«

Der Fechtmeister schlug sich bei diesen Worten auf die breite Brust und fuhr, ohne die Antwort seines Gefährten abzuwarten, lebhaft fort:

»Ihr kennt mich und mein Leben, Herr Wilhelm. Was thu' ich, was treib' ich? 's ist lauter ritterlich Werk. – Mein Dasein ist auf das Schwert gestellt. Kennt Ihr einen besseren Degen oder eine sicherere Hand als die hier? Gehorchen mir meine Soldaten? Hab' ich mein Leben geschont im Kampfe vor den rothen Mauern und Thürmen dahinten? Nein, bei meinem Vormanne Roland, nein, nein und tausendmal nein!«

»Wer spricht Euch das ab, Meister Allerts? Aber sagt, was meint Ihr mit Eurem Ruf: ›Roland, mein Vormann‹?«

»Ein anderes Mal, Wilhelm; jetzt sollt Ihr mich nicht unterbrechen. Hört vielmehr zu Ende, wo mir der Wurm steckt. Noch einmal also: Was ich auch thu' und treibe, ist ritterlich Werk, und dennoch, wenn so ein Wibisma, der von meinem Vater lernte, den Degen zu brauchen, mir übel begegnet und mir die Galle erregt, und ich ließ' es mir beikommen, was doch mein Recht wär', ihn vor die Klinge zu fordern, was würd' er thun? Lachen würd' er und fragen: ›Was kostet der Gang, Herr Fechtmeister Allerts? Habt Ihr auch geschliffene Rapiere?‹ Vielleicht sagt er gar nichts, und wie er sich dabei benimmt, das haben wir eben gesehen. Sein Blick ist wie ein Aal an mir vorbeigeschlüpft, und er hatte Wachs in den Ohren. Ob ich ihn schelte oder ein Köter ihn ankläfft, das gilt ihm gleichviel. Wäre nur vorhin ein Renneberg oder Brederode an meiner Stelle gewesen, wie schnell würde da dem Wibisma der Degen aus der Scheide geflogen sein, denn er versteht zu fechten und ist nicht feige. Aber ich, – ich? Niemand läßt sich gern in's Antlitz schlagen, doch so wahr mein Vater ein braver Mann war, auch der wüsteste Schimpf trägt sich leichter als die Empfindung, für zu gering geachtet zu werden, um einen Schimpf anthun zu können. Seht, Wilhelm, als der Glipper an mir vorbeisah . . .«

»Da verlor der Bart seine Ruhe.«

»Ihr habt gut scherzen, Ihr wißt nicht –«

»Doch, doch, Herr Allerts; ich verstehe Euch wohl.«

»Und Ihr begreift auch, warum ich mich selbst und den Degen so schnell in's Freie brachte?«

»Vollkommen; doch bitte, haltet jetzt einen Augenblick mit mir an. Die Tauben da drin flattern so ängstlich; sie begehren nach Luft.«

Der Fechtmeister brachte seinen Hengst zum Stehen und fragte, während Wilhelm das triefende Tuch von dem kleinen Käfig, welcher zwischen ihm und dem Halse des Pferdes stand, aufhob:

»Wie kann sich ein Mann mit derlei sanften Thierlein befassen. Wollt Ihr nun schon einmal gefiedertem Volk zu Gefallen der Frau Musika die Zeit schmälern, so zähmet Falken, dieß ist ein ritterlich Handwerk, und ich kann es Euch lehren.«

»Laßt meine Tauben in Frieden,« entgegnete Wilhelm. »Sie sind nicht so fromm wie man meint, und in manchem Krieg, der doch gewißlich ein ritterlich Spiel ist, haben sie sich nützlich erwiesen. Denkt nur an Haarlem. – Da beginnt es schon wieder zu gießen. Wenn nur mein Mantel nicht gar so knapp geschnitten wäre; ich deckte ihn gern über die Tauben.«

»Ihr seht freilich darin aus wie Goliath im Gewand des David.«

»Es ist mein Schülermantel; meinen andern legte ich gestern dem jungen Wibisma auf die Schultern.«

»Dem spanischen Grünspecht?«

»Ich erzählte Euch ja schon von dem Geraufe der Buben.«

»Wohl, wohl. Und der Grasaff' behielt Euren Mantel?«

»Ihr holtet mich ab und wolltet nicht warten. Sie haben ihn wohl bald nach unserem Aufbruch zurückgeschickt.«

»Und die gnädigen Herren erwarten noch Dank, weil der Junker ihn annahm!«

»Nein, nein; der Freiherr sprach erkenntliche Worte.«

»Aber die machen Euer Kräglein nicht länger. Nehmt meinen Mantel, Wilhelm. Ich habe keine Tauben zu schützen, und meine Haut ist dichter als Eure.«

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