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Die Frau Bürgemeisterin

Georg Ebers: Die Frau Bürgemeisterin - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Frau Bürgemeisterin
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunFünfte Auflage
year1882
firstpub1881
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080619
projectid1995ed5b
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Zweiunddreißigstes Kapitel.

Henrika's Flucht war eine Woche vergangen und mit ihr eine Reihe von schweren Tagen der Noth. Maria wußte von dem Musiker, daß der junge Matenesse Georg gefolgt sei und daß dieser sich auf dem Wege zu den Geusen befinde. So war es recht! Der sprudelnde Bach gehörte in den wilden, rauschenden, gewaltigen Strom. Sie wünschte ihm Heil und Leben und Freude; – aber wunderbar – seit der Stunde, in der sie seine Lieder zerrissen, war die Erinnerung an ihn so weit zurückgetreten wie in den Tagen vor dem Anzug der Spanier. Ja, nach dem schweren Siege über sich selbst und nach seinem Abschied war mitten unter Sorgen und Noth eine seltene Freudigkeit über die junge Frau gekommen. Sie war hart gegen sich selbst gewesen, und das innere Licht des reinen Diamanten leuchtet erst in rechter Helle, nachdem er die Qual des Schliffes ertragen. Mit frohem Dank empfand sie es nun, daß sie Peter frei in die Augen schauen und ihm Liebe gewähren und Liebe von ihm verlangen durfte. Er schien unter der Last seiner Sorgen sie und ihr Walten kaum zu bemerken, aber sie fühlte doch, daß ihm Manches wohl that, was sie sagte und für ihn leisten konnte. Die junge Frau litt nicht sonderlich unter dem langen Darben, während es Barbara weh that und ihren kräftigen Körper erschlaffte. Sie wollte unter so viel Elend vor dem kalten Herd und den leeren Töpfen manchmal verzagen und achtete es nicht mehr für werth der Mühe, ihre große Haube und die Halskrause zu tollen. Es war jetzt an Maria, ihr Muth zuzusprechen und sie an ihren Sohn, den Geusenkapitän, zu erinnern, der bald mit dem Entsatzheer in Leyden einziehen werde.

Am 6. September kehrte die Bürgemeisterin von einem frühen Ausgange heim. Herbstnebel verfinsterten die Luft und der Seewind trieb einen feinen Sprühregen durch die Straßen. Die triefenden Bäume waren längst ihres Blätterschmucks beraubt, aber nicht von Wind und Wetter, sondern von Kindern und Großen, welche die Raupenkost als schätzenswerthes Gemüse in die Küche getragen hatten.

Beim Schagensteg bemerkte Maria Adrian und holte ihn ein. Der Knabe schlenderte schlaff seines Weges und zählte laut vor sich hin. Die Bürgemeisterin rief ihn an und fragte, warum er nicht in der Schule sei und was er da treibe.

»Ich zähle,« lautete die Antwort. »Nun sind es neun.«

»Neun?«

»Neun Leichen sind mir bis jetzt begegnet; der Rektor hat uns nach Hause geschickt. Magister Dirks ist gestorben, und wir waren heute nur noch dreizehn. Da bringen sie wieder Einen getragen.«

Maria zog das Kopftuch fester zusammen und schritt weiter. Ein hohes, schmales Haus blieb zu ihrer Linken liegen. Darin wohnte ein Schuster, ein fröhlicher Mann, über dessen Hausthür zwei Inschriften zu lesen waren. Die eine lautete:

»Hier gibt es Schuhe:
Oben rund und unten platt;
Passen sie nicht dem David,
So passen sie dem Goliath.«

und die andere:

»Als Israel einst in der Wüste war,
Da trug' es seine Schuh' ganze vierzig Jahr'.
Wenn's heutigen Tages noch ebenso wär',
Gab' kein Mensch seine Jungen zum Schustern her.«

Auf dem hinteren First des hohen Hauses stand das Storchennest. Es war leer. So früh pflegten sonst die rothgeschnäbelten Gäste die Reise nach Süden nicht anzutreten, und einige von ihnen waren noch in Leyden und standen wie sinnend auf den Dächern. Wohin mochten die lieben Hausgenossen des Schusters gekommen sein? Gestern Mittag war ihr Wirth, welcher sonst das glückbringende Nest im März mit eigener Hand zu festigen pflegte, auf das Dach geschlichen und hatte erst das Weibchen und dann das heimkehrende Männchen mit der Armbrust niedergeschossen. Das zu thun, war ihm hart genug angekommen, und seine Frau hatte während der üblen That in der Küche geweint, aber wen die Gier des Heißhungers plagt und wer seine Lieben vor Entbehrung sterben sieht, der fragt nicht nach alter Neigung und künftigem Glück, sondern sucht für heute nach Rettung.

Die Störche waren zu spät geopfert worden, denn des Schusters Sohn, sein heranwachsender Lehrbursch, hatte in dieser Nacht die Augen auf immer geschlossen. Lautes Klagen scholl Maria aus der geöffneten Thür der Werkstätte entgegen und Adrian sagte: »Der Jakob ist todt und die Mabel liegt auch schon. Heute früh hat der Meister mir nachgeflucht wegen des Vaters. Der sei schuld, wenn Alles zu Grund gehe. Gibt es heute wieder kein Brod, Frau Mutter? Bärbel hat noch Zwieback, und mir ist so schlecht. Ich bringe das ewige Fleisch nicht mehr hinunter.«

»Es findet sich heute vielleicht eine Schnitte. Wir müssen das Gebackene zu Rath halten, Kind.«

Auf der Flur ihres Hauses fand Maria einen schwarzgekleideten Diener. Er war gekommen, um das Ableben des Kommissars Dietrich van Bronkhorst anzuzeigen. Gestern, am Sonntag Abend, hatte die Pest dem Leben des kräftigen Mannes ein Ziel gesetzt.

Maria wußte schon um diesen schweren Verlust, der die gesammte Verantwortung für Alles, was nun geschah, auf ihres Gatten Schultern wälzte. Sie hatte auch erfahren, daß ein Brief des Maëstro del Campo angelangt sei, und daß Valdez in demselben sein Wort als Edelmann verpfände, die Stadt, wenn sie sich der »Gnade« des Königs übergebe, zu schonen, und besonders auch ihrem Gatten, den Herrn van der Does und den anderen Stützen des Widerstandes freien Abzug zu gewähren. Die Spanier sollten zurückgezogen und Leyden nur mit einigen deutschen Fähnlein besetzt werden. Er lud van der Werff und den Herrn von Nordwyk als Vermittler nach Leyderdorp und wollte sie in jedem Falle, auch wenn die Unterhandlungen fehlschlagen würden, ungeschädigt mit sicherem Geleit heimführen lassen. Maria wußte endlich, daß ihr Mann für den heutigen Tag eine große Versammlung des Rathes, der Schöffen und aller Häupter der Stadt, sowie der Hauptleute der Bürgerwehr anberaumt hatte, – aber von alledem war ihr durch Peter selbst nichts zu Ohren gekommen. Sie hatte es von der Frau des Stadtsekretärs und anderen Bürgerinnen erfahren.

Eine große Veränderung war in den letzten Tagen mit ihrem Gatten vorgegangen. Bleich und düster ging er hinaus und kehrte er heim. Schweigend und sich selbst in Sorge verzehrend zog er sich im eigenen Hause von den Seinen zurück. Kurz und ungeduldig wies er seine Gattin ab, wenn sie dem Drang ihres Herzens folgte und sich ihm mit ermuthigenden Worten nahte. Die Nacht brachte ihm keinen Schlaf, und er verließ das Lager, bevor der Morgen graute, um ruhelos auf und nieder zu wandeln oder nach Lieschen zu sehen, die ihm nur noch durch ein stummes Lächeln zu zeigen vermochte, daß sie ihn erkenne. Als Maria heimgekehrt war, begab sie sich sogleich zu dem Kinde und fand Doktor Bontius bei ihm. Er schüttelte den Kopf bei ihrem Erscheinen und sagte, bald werde es aus sein mit dem zarten Geschöpfchen. In den ersten Monaten der Noth sei der kleine Magen zu Grunde gerichtet worden; jetzt versage er den Dienst, und auf Rettung zu hoffen sei Thorheit.

»Sie muß leben, sie darf nicht sterben!« rief Maria außer sich, und doch so hoffnungsreich wie eine rechte Mutter, welche den Gedanken nicht zu fassen vermag, daß es über sie verhängt sein könne, ihr Kind zu verlieren, auch wenn das kleine Herz schon aufhört zu schlagen und das helle Auge brechen will und sich schließt. »Lieschen, Lieschen, schau' mich an! Lieschen, nimm doch die gute Milch. Nur ein paar Tröpfchen! Lieschen, Lieschen, Du darfst uns nicht sterben!«

Peter war unbemerkt in das Zimmer getreten und hatte die letzten Worte gehört. Mit verhaltenem Athem schaute er zu seinem Liebling nieder, seine breiten Schultern bebten, und mit verschleierter, stockender Stimme fragte er den Arzt: »Muß sie sterben?«

»Ja, Alter; ich glaub' es! Den Kopf in die Höhe! Dir bleibt noch viel. Dem van Loo sind alle fünf an der Pest gestorben.«

Peter schauderte zusammen und ging mit gesenktem Haupte und ohne Maria zu beachten von dannen.

Bontius folgte ihm in sein Arbeitszimmer, legte ihm die Hand auf den Arm und sagte: »Das bischen Dasein wird uns sauer gemacht, Peter. Barbara sagt, sie hätten Dir heut früh einen Leichnam vor die Thür gelegt.«

»Ja. Als ich hinaustrat, bot mir das fahle Gesicht den Morgengruß. Es war ein junges Menschenkind. Was der Tod abmäht, das wälzen sie mir auf die Seele. Wohin man sieht – Leichen! Wohin man hört – Flüche! Hab' ich ein Recht über so viele Leben? Im Hellen und Dunkeln nichts als Jammer und Tod vor Augen; – und doch, doch, doch – Herr Gott, bewahr' mich vor Wahnsinn!«

Peter griff mit beiden Händen an die Stirn; Bontius aber fand kein Wort des Trostes, sondern rief: »Und ich, und ich? Die Frau und das Kleine im Fieber, Tag und Nacht auf den Beinen, nicht um zu heilen, nur um sterben zu sehen. Was man in saurer Arbeit erlernt hat, wird zum Kinderspott in diesen Tagen, und dennoch athmen die armen Schelme hoffnungsvoll auf, wenn man ihnen den Puls fühlt. Aber es geht so nicht fort, es geht nicht. Vorgestern siebenzig, gestern sechsundachtzig Todte, und darunter zwei von meinen Kollegen.«

»Und keine Aussicht auf Besserung?«

»Morgen werden aus den neunzig hundert – aus der Eins vor der Hundert wird bald die Zwei und Drei und Vier und Fünf – bis endlich Einer zurückbleibt, für den es keinen Todtengräber mehr gibt!«

»Die Pesthäuser sind abgeschlossen, und wir haben noch Rinder und Pferde.«

»Aber die Seuche dringt durch die Fugen, und seitdem das letzte Brod und der letzte Malzkuchen vertheilt ist, und der Mensch nichts mehr hat, um zu leben, als Fleisch und wieder Fleisch und nichts Anderes – ein winzig Stück für den ganzen Tag, – häuft sich Krankheit auf Krankheit in Formen, die unerhört sind, von denen kein Buch spricht, gegen die noch kein Mittel entdeckt ward. Dies Schöpfen mit dem Krug ohne Boden wird mir zu viel. Mein Verstand ist nicht fester als Deiner. Auf Wiedersehen morgen.«

»Heute, heut! Du kommst in die Versammlung auf's Rathhaus!«

»Gewiß nicht! Thut, was Ihr verantworten könnt; ich übe meinen Beruf! Das will jetzt sagen: ich fahre fort, Augen zuzudrücken und Todtenschau zu halten. Geht das so weiter, dann wird es übrigens bald still in der Praxis.«

»Alles in Allem: Du würdest an meiner Stelle mit Valdez verhandeln.«

»An Deiner Stelle? Ich bin nicht Du; ich bin Arzt, bin Einer, der nichts zu thun hat, als gegen Leid und Tod zu Felde zu ziehen. Du bist, seit Bronkhorst todt ist, die Vorsehung der Stadt. Schaff' ein Stück Brod, so groß wie diese halbe Hand, zu dem Fleisch oder – Ich liebe mein Land und die Freiheit so gut wie ein Anderer, – oder –«

»Oder?«

»Oder – laß dem Tod seine Ernte; ihr seid keine Aerzte!«

Bontius grüßte den Freund und verließ ihn, Peter aber fuhr mit der Hand durch das Haar und starrte zum Fenster hinaus, bis Barbara zu ihm eintrat, seine Amtstracht auf den Stuhl legte und dann mit erkünsteltem Gleichmuth fragte:

»Darf ich Adrian von dem letzten Zwieback geben? Das Fleisch widersteht ihm. Er liegt auf dem Bette und krümmt sich.«

Peter erbleichte und sagte dumpf:

»Gib ihm und rufe den Doktor.«

»Maria und Bontius sind schon bei ihm.«

Der Bürgemeister wechselte die Kleider, und er that es mit Ingrimm gegen jedes Stück, das er anzog. Diese stolze Tracht war ihm heute so verhaßt wie das Amt, welches ihm das Recht gab, sie zu tragen, und das er bis vor wenigen Wochen mit freudigem Selbstbewußtsein verwaltet.

Bevor er das Haus verließ, suchte er Adrian auf. Der Knabe lag in Barbara's Kammer, klagte über heftige Schmerzen und fragte, ob er nun auch sterben müsse. Peter schüttelte das Haupt, Maria aber küßte ihn und rief:

»Nein, ganz gewiß nicht!«

Des Bürgemeisters Zeit war gemessen. Auf dem Vorsaal hielt seine Gattin ihn auf, er aber eilte, ohne zu hören, was sie ihm nachrief, die Treppe hinunter.

Die junge Frau kehrte zu Adrian's Bett zurück. Sie dachte mit Angst an schnell verstorbene Kameraden des lieben Knaben, dessen feuchte Hand in der ihren ruhte, sie dachte an Lieschen, sie suchte im Geiste Peter in der Versammlung auf und hörte seine mächtige Stimme für den Widerstand bis auf das letzte Pfund Fleisch und den letzten Mann streiten; ja sie durfte sich ihm an die Seite stellen, denn sie wußte, worauf es ankam: ausharren, ausharren für die Freiheit, und wenn Gott es so fügte, für sie den Märtyrertod sterben wie Jacoba und Leonhard und Peter's würdiger Vater! –

Eine bange Stunde folgte der andern.

Als Adrian sich besser zu fühlen begann, ging sie zu Lieschen, die bleich und theilnahmlos dem Tode entgegenzudämmern schien und nur dann und wann die Fingerchen hob, um mit den trockenen Lippen zu spielen.

O, der lieblichen hinwelkenden Menschenknospe! Wie fest war sie ihr an's Herz gewachsen, wie so ganz unmöglich erschien es ihr, sie fortzugeben! Mit feuchten Augen lehnte sie die Stirn an ihre festgefalteten Hände, die auf der Kopflehne des kleinen Bettes ruhten, und flehte mit heißer Inbrunst zu Gott, dies Kind zu schonen und es zu erretten! So betete sie nicht einmal, sondern wieder und wieder, aber wenn der halb gebrochene Blick der Kleinen ihrem Auge nicht mehr begegnete und die Hände ihr in den Schooß zurücksanken, mußte sie an Peter denken, die Versammlung, das Schicksal der Stadt und an die Worte: »Leyden erhalten, Holland erhalten. Leyden verloren, Alles verloren!«

So vergingen die Stunden, bis dem trüben Tage die Dämmerung und der Dämmerung der Abend gefolgt war. Trautchen brachte das Nachtlicht, und dann ließ sich endlich Peter's Schritt auf der Treppe vernehmen.

Er mußte es sein, und doch war er es nicht, denn so langsam, so schleichend stieg er sonst niemals die Stufen hinan.

Nun ging die Thür des Arbeitszimmers.

Er war es dennoch!

Was konnte ihm begegnet sein, was hatten die Bürger beschlossen?

Bangen Herzens befahl sie Trautchen, bei dem Kinde zu bleiben; dann ging sie zu ihrem Gatten.

In der vollen Amtstracht mit dem Hut auf dem Kopf saß Peter vor dem Schreibtisch. Sein Antlitz lag neben dem Doppelleuchter auf den gekreuzten Armen.

Er sah nichts, er hörte nichts, und als sie ihn endlich anrief, fuhr er zusammen, sprang auf und warf den Hut mit Heftigkeit auf die Tafel. Sein Haar war zerwühlt, sein Blick unstät, und im matten Schein der zitternden Flammen erschienen seine Wangen todtenfahl.

»Was willst Du?« fragte er kurz und mit rauher Stimme; sie aber blieb ihm eine Zeitlang die Antwort schuldig, denn Angst lähmte ihr die Zunge.

Endlich fand sie Worte, und es klang tiefe Besorgniß aus ihrer Frage:

»Was hat es gegeben?«

»Den Anfang vom Ende,« entgegnete er dumpf.

»Sie haben euch überstimmt?« rief die junge Frau. »Der Baersdorp und die anderen Memmen wollen verhandeln?«

Da richtete er sich in die Höhe und schrie laut und drohend:

»Hüte die Zunge! Wer aushält, bis ihm die Kinder sterben und die Leichen ihm vor dem eigenen Hause den Weg versperren, wer die Verantwortung für tausend Todte, wer Fluch und Verwünschungen lange Wochen getragen und mehr als den dritten Theil eines Jahres vergeblich ans Rettung gehofft hat, – wer, wohin er auch späht, nichts vor Augen sieht als unerhörtes, stetig wachsendes Elend und dann die rettende Hand des Feindes nicht länger zurückstößt . . .«

»Der ist ein Feigling, der ist ein Verräther, der bricht den heiligen Eid, den er geschworen.«

»Maria,« grollte Peter und trat ihr in drohender Haltung näher.

Sie erwartete ihn hoch aufgerichtet mit fliegendem Athem und zeigte mit dem Finger auf ihn, während sie mit einem scharfen Tone in der leise bebenden Stimme ausrief:

»Du, Du hast mit den Baersdorps gestimmt. Du, Peter van der Werff, Du! Das hast Du gethan. Du, der Freund des Prinzen, der Hort und die Vorsehung dieser wackeren Stadt, Du, der Mann, der den Bürgern den Eid abgenommen, der Märtyrerssohn, der Diener der Freiheit!«

»Nicht weiter!« unterbrach er sie bebend vor Scham und Empörung. »Weißt Du, was es heißt, die Schuld an diesem himmelschreienden Jammer vor Gott und den Menschen zu tragen?«

»Ja, ja und zum dritten Mal ja: es heißt sein Herz auf die Folterbank legen, um Holland und die Freiheit zu retten. Das heißt es! Gott, mein Gott! Du hast Dich selber verloren; Du verhandelst mit Valdez!«

»Und wenn ich es thäte?« fragte der Bürgemeister und schwenkte zornig und aufbegehrend die Hand.

Da schaute sie ihm streng in die Augen und rief laut und entschlossen:

»Dann wäre die Reihe an mir, Dir zu sagen: Geh' nach Delft. Geh' nach' Delft: wir brauchen hier andere Männer!«

Er erbleichte und schaute zu Boden, während sie ihm furchtlos und mit freiem Blick gegenüberstand.

Der Lichtschein fiel voll in ihr glühendes Antlitz, und als er das Auge wieder zu ihr erhob, da war es ihm, als stünde dieselbe Maria wieder vor ihm, welche ihm als Braut geschworen, Noth und Gefahr mit ihm zu theilen und im Kampf für die Freiheit bei ihm auszuharren bis an das Ende, da fühlte er, daß sein »Kind« Maria zu seiner eigenen Höhe heran- und über ihn hinausgewachsen war, da erkannte er zum ersten Mal in dem stolzen Weibe ihm gegenüber die Kampfgenossin, die hochgesinnte Helferin in Noth und Gefahr. Ein Verlangen und Sehnen so übermächtig und stark, wie er es noch niemals empfunden, wallte und brandete in ihm auf und trieb ihn ihr entgegen und brach sich Bahn in den Worten:

»Maria, Maria, mein Weib, mein schützender Engel! Wir haben an Valdez geschrieben, aber noch ist es Zeit, noch bindet mich nichts, und mit Dir, mit Dir steh' ich fest bis an's Ende.«

Da schrie sie mitten in den Tagen des Leides laut auf in der Ueberfülle des neuen, unerhofften, unaussprechlichen Glücks und stürzte an seine Brust und rief:

»Mit Dir, Eins mit Dir – immerdar, bis über das Grab hinaus in Kampf und in Liebe!«

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