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Die Frau Bürgemeisterin

Georg Ebers: Die Frau Bürgemeisterin - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Frau Bürgemeisterin
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunFünfte Auflage
year1882
firstpub1881
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080619
projectid1995ed5b
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Der Gasthof zum Wechsel lag in der breiten Straße und war ein stattliches Gebäude mit einem großen Hof, in welchem mancherlei Fuhrwerk stand. Zur Linken der Einfahrt lag ein weiter Raum, der von keiner Thür verschlossen war und in den man durch einen hohen Rundbogen eintrat. Hier saßen Fuhrleute und anderes Volk beim Bier und Wein und ließen es sich gefallen, daß die Hühner des Wirthes auf die Bänke und gelegentlich auch einmal auf den Tisch flogen, hier wurde neben dem großen Herde Gemüse geputzt, gekocht und gebraten, hier sah sich die derbe Wirthin nicht selten gezwungen, ihre drallen Mägde und den Knecht zu Hülfe zu rufen, wenn es zwischen den Gästen zu thätlichen Händeln kam oder wenn ein Trinker des Guten zu viel gethan hatte. Hier wurde auch der neue Brauch des Tabakrauchens geübt. Freilich nur von wenigen Matrosen, welche auf spanischen Schiffen gedient hatten, – aber Frau van Aken mochte den scharfen Duft nicht leiden und hielt die Fenster offen, an denen blühende Nelken und schlanke Balsaminenstöcke standen und Vogelbauer mit bunten Stieglitzen hingen. Auf der andern Seite der Einfahrt lagen zwei geschlossene Gemächer. Ueber der Thür des ersten stand, sauber in Holz geschnitten, der Vers des Horaz:

›Ille terrarum mihi praeter omnes
Angulus ridet.‹
Von allen Winkeln auf der Welt
Ist keiner, der mir so gefällt.

In dieses schmale und lange Zimmer fanden nur wenige auserlesene Gäste Einlaß. Es war ganz mit Holz getäfelt und aus der Mitte der reich geschnitzten Decke schaute ein seltsames Bild in leuchtenden Farben. Dies stellte den Wirth des Hauses dar. Der würdige Mann mit dem glatten Gesicht, dem fest geschlossenen Munde und der langgestreckten Nase, welche für den Stichel ihres Besitzers eine gute Richtlinie bot, saß in römischer Feldherrentracht auf einem Throne, und Vulkan und Bacchus, Minerva und Pomona überreichten ihm ihre Gaben. Klaus van Aken, oder wie er sich lieber nennen hörte, Nikolaus Aquanus war auch ein seltener Mann, der von mehr als einem unter den Olympiern gute Gaben empfangen hatte, denn neben seinem Gewerbe widmete er sich mit Eifer der Wissenschaft und mehreren Künsten. Er war ein geschickter Silberschmied, ein Stempelschneider und Graveur von großem Geschick, und dabei ein vorzüglicher Münzenkenner, ein fleißiger Gelehrter und Sammler von Antiquitäten. Sein kleines Gastzimmer war zu gleicher Zeit ein Museum; denn auf den Borden, welche es rings umgaben, standen seltene Dinge jeder Art, in reicher Fülle und zierlicher Ordnung: alte Kannen und Krüge, große und kleine Münzen, Gemmen in wohlverschlossenen Glaskästen, antike Lampen von Thon und Bronze, Steine mit altrömischen Inschriften, römische und griechische Terrakotten, geschliffene Marmorstücke, welche er in Italien unter Trümmern gefunden, der Kopf eines Fauns, ein Arm, ein Fuß und andere Fragmente von heidnischen Kunstwerken, ein schön emaillirtes Kästchen byzantinischer Arbeit und ein anderes mit Emailschmuck aus Limoges. Auch ein halber römischer Panzer und ein Stück Mosaik aus einem römischen Bade war hier zu sehen. Zwischen diesen Alterthümern standen schöne venetianische Gläser, Pinienäpfel und Straußeneier. Solche Schenkstube fand sich kaum zum zweiten Mal in Holland, und auch der Trank, den eine saubere Schenkin hier den Gästen aus seltsam geformten Kannen in schön gearbeitete Pokale goß, war von besonderer Güte. In diesem Raum pflegte sich auch Herr Aquanus selbst seinen Gästen zu zeigen; in dem andern gegenüber der Einfahrt führte sein Weib die Regierung.

Heute war der »Angulus«, wie die schöne Weinstube genannt zu werden pflegte, noch spärlich besetzt, denn die Sonne hatte sich erst vor Kurzem zur Ruhe begeben, aber die Lichter waren schon angezündet. Sie standen auf dreiarmigen hohen Leuchtern von Eisen. Jeder Theil derselben, der schlanke Mittelstab wie die gebogenen, geschlungenen und in einander verstrickten Ranken war von Aquanus mit eigener Hand sorglich geschmiedet.

Einige ältere Herren saßen an einem Tische beim Weine, an einem andern der Kapitän van der Laen, ein tapferer Holländer, welcher in englischem Sold stand und mit den anderen Verteidigern von Alfen in die Stadt gekommen war, der Musiker Wilhelm, Junker Georg und sein Herbergsvater, der Wirth des Hauses.

»Leuten wie Euch zu begegnen, Junker, ist ein Vergnügen,« sagte Aquanus. »Ihr seid mit offenen Augen gereist, und was Ihr mir da von Brescia erzählt, das reizt meine Neugier. Ich möchte die Inschrift wohl haben.«

»Ich schaffe sie Euch,« entgegnete der Junker. »Denn wenn mich die Spanier nicht in eine andere Welt senden, komm' ich sicher noch einmal über die Alpen. Habt Ihr von den römischen Antiquitäten auch dies und das in Eurem Lande gefunden?«

»Ja, Herr. Beim Roomburger Kanal, vielleicht der Stelle des alten Prätoriums, und bei Katwyk. In der Nähe von Voorburg war wohl das alte forum Hadriani gelegen. Daher stammt auch der Panzer, den ich Euch zeigte.«

»Ein altes, grünes, halb zerfressenes Ding,« rief Georg. »Und doch! Was läßt sich Alles bei seinem Anblicke denken! Hat ihn nicht gar ein römischer Schmied für den wandernden Kaiser selbst gehämmert? Wenn ich diesen Panzer sehe, tritt mir Rom vor Augen und seine Legionen. Wer doch wie Ihr, Herr Wilhelm, an die Tiber könnte, um dort die Spanne seiner Gegenwart rückwärts um große Jahrhunderte zu verlängern!«

»Mit Euch,« entgegnete Wilhelm, »zög' ich gern noch einmal in das Wälschland.«

»Und ich mit Euch.«

»Erst sichern wir unsere Freiheit,« gab der Musiker zurück. »Ist das gelungen, so gehört der Einzelne wieder sich selbst, und dann: warum sollt' ich es hehlen, dann hält mich nichts mehr in Leyden.«

»Und die Orgel? Und Euer Herr Vater?« fragte Aquanus.

»Meine Brüder sitzen hier warm im eigenen Neste,« entgegnete Wilhelm. »Aber ich, mich drängt es und treibt es . . .«

»Es gibt eben auf Erden ruhende Wasser und Flüsse,« unterbrach ihn Georg. »Am Himmel stehen die Fixsterne fest und die Planeten können das Wandern nicht lassen. So gibt es unter den Menschen genügsame Pflanzen, denen ihre Stelle am besten gefällt, und auch wieder Zugvögel wie wir sind. Ich lobe mir unsere Art. Freilich, um schön singen zu hören, braucht Ihr nicht nach Italien. Ich habe vorhin eine Stimme vernommen, eine Stimme . . .«

»Wo? Ihr macht mich gespannt.«

»Im Hof des van der Werff'schen Hauses.«

»Das war die Frau Bürgemeisterin.«

»O nein! deren Stimme klingt anders . . .«

Der Kapitän war während dieser Unterhaltung aufgestanden und besichtigte die seltsamen Schätze des Wirthes. Jetzt stand er vor einem schön gerundeten Brett, auf dem der Kopf eines Ochsen mit Kohle frei, kühn und naturgetreu gezeichnet war.

»Was ist das für ein prächtiges Stück Rindvieh?« fragte er den Wirth.

»Kein Geringerer als Frank Floris hat es gezeichnet,« entgegnete Aquanus. »Der kam einmal aus Brüssel hieher und besuchte den Meister Artjen. Aber der Alte war ausgegangen. Da nahm Florís eine Kohle und zog mit ihr diese Linien. Als dann Artjen nach Hause kam und den Ochsenkopf fand, blieb er lang vor ihm stehen und rief: ›Frank Floris, oder der Teufel!‹ Diese Geschichte . . . Aber da kommt der Herr Bürgemeister. Willkommen, Meister Peter! Eine seltene Ehre.«

Alle Gaste erhoben sich und begrüßten van der Werff mit Achtung; auch Georg sprang auf, um ihm seinen Stuhl anzubieten. Peter ließ sich kurze Zeit nieder und trank ein Glas Wein, bald aber winkte er dem Junker und führte ihn auf die Straße.

Dort bat er ihn kurz, sich in sein Haus zu begeben, denn man habe ihm dort eine wichtige Mittheilung zu machen. Dann trat er in die neben dem Wechsel gelegene Wohnung des Stadtsekretärs.

Georg schritt in nachdenklicher Spannung seinem Ziele entgegen.

Unter dem »man« konnte kaum jemand Anderes als Maria gemeint sein. Was mochte sie von ihm in so später Stunde begehren? War es den Freunden leid geworden, ihm Herberge im eigenen Hause angeboten zu haben? Morgen früh sollte er sein neues Quartier beziehen; vielleicht galt es, ihn ehe es zu spät war, von dieser Sinnesänderung in Kenntniß zu setzen. Maria begegnete ihm anders als früher, das unterlag keinem Zweifel, aber es war ja natürlich! Wohl hatte er von einem andern Wiedersehen geträumt, einem ganz andern! Auch um der guten Sache des Oraniers willen war er nach Holland gezogen, doch würde er gewiß sein Roß statt nach Norden, nach dem geliebten Italien gewendet haben, wo ein gutes Schwert immer gesucht ward, wenn er nicht gehofft hätte, sie, die er niemals vergessen, nach der er nie aufgehört hatte sich zu sehnen, in Holland wiederzufinden . . . Nun war sie das Weib eines Andern, eines Mannes, der ihm Güte erwiesen und Vertrauen entgegengebracht hatte. Die Liebe aus seinem Herzen zu reißen, das war unmöglich; aber stark zu bleiben, kräftig jeden Gedanken an ihren Besitz zu unterdrücken und sich nur ihres Anblicks zu freuen, das schuldete er ihrem Gatten und seiner eigenen Ehre; das mußte er durchzuführen versuchen.

Dies Alles hatte er sich schon mehr als einmal gesagt, aber er empfand doch, daß er mit gar unsicherem Schritt auf einem schmalen Stege wandle, als sie ihn vor dem Speisezimmer empfing und als er fühlte, wie kalt und reizbar die Hand war, welche sie in die seine legte.

Sie ging ihm voran, und er folgte ihr schweigend in Henrika's Zimmer. Diese begrüßte ihn mit einem freundlichen Wink. Die Frauen zauderten mit dem ersten Worte, er aber sah sich rasch um und bemerkte, daß er sich in dem dem Hofe zugewandten Gemache befinde, und sagte lebhaft:

»Vor der Dämmerung war ich hier unten, um mir mein neues Quartier zu betrachten, und da ward hier, ward in diesem Zimmer gesungen und wie gesungen! Erst wußte ich nicht, was da kommen werde, denn die Töne waren verschleiert, matt und gebrochen, aber dann – dann brach es sich Bahn wie der Lavastrom durch die Asche. Wer so zu klagen versteht, dem möchte man viele Schmerzen wünschen.«

»Ihr sollt die Sängerin kennen lernen,« sagte Maria und zeigte auf das Mädchen. »Fräulein Henrika van Hoogstraten, ein lieber Gast unseres Hauses.«

»Ihr wart die Sängerin?« fragte Georg.

»Wundert Euch das?« entgegnete Henrika. »Meine Stimme hat freilich ihre Kraft besser bewahrt, als dieser von langen Leiden geschwächte Körper. Ich fühle, wie tief mir die Augen liegen und wie bleich ich sein muß. Gewiß, der Gesang lindert den Schmerz, aber ich habe den Tröster lang genug entbehrt. Seit Wochen ist kein Ton über meine Lippen gekommen, und jetzt thut mir das Herz so weh, daß ich lieber weinen möchte als singen. ›Was kümmert das mich?‹ werdet Ihr fragen, und doch gibt mir Maria den Muth, einen Ritterdienst ohnegleichen von Euch zu verlangen.«

»Sprecht, sprecht,« rief Georg mit Eifer. »Wenn Frau Maria mich aufruft und ich Euch dienen kann, werthe Dame: da steh' ich, verfügt über mich.«

Das Fräulein wich seinem offenen Blick nicht aus und entgegnete:

»Hört erst, wie Großes wir von Euch verlangen. Gleich zu Anfang müßt Ihr es Euch gefallen lassen, einer kurzen Geschichte zu folgen. Ich bin noch schwach und habe heute meine Kraft auf schwere Proben gestellt. Maria soll für mich reden.« Die junge Frau erfüllte ruhig und klar diese Aufgabe und schloß mit den Worten:

»Den Boten, den wir brauchen, habe ich selbst gefunden. Ihr sollt es sein, Junker Georg.«

Henrika hatte die Bürgemeisterin kein einziges Mal unterbrochen; nun aber sagte sie warm:

»Ich kenne Euch erst seit heute, aber ich vertraue Euch ganz. Vor wenig Stunden noch wäre Schwarz meine Farbe gewesen, aber wenn Ihr mein Ritter sein wollt, so wähl' ich freundliches Grün, denn ich beginne ja wieder zu hoffen. Wollt Ihr den Ritt für mich wagen?«

Georg hatte bis dahin schweigend zu Boden geschaut. Jetzt erhob er das Haupt und sagte:

»Wenn ich Urlaub erhalte, so stell' ich mich Euch zur Verfügung; – doch die Farbe meiner Dame ist Blau, und ich darf keine andere tragen.«

Um Henrika's Lippen zuckte es leise, der Junker aber fuhr fort:

»Kapitän van der Laen ist mein Vorgesetzter. Ich werde sogleich mit ihm reden.«

»Und wenn er Nein sagt?« fragte Maria.

Henrika unterbrach sie und entgegnete stolz:

»So bitte ich, mir den Musiker Wilhelm zu senden.«

Georg verneigte sich und ging in den Wechsel.

Sobald die Frauen allein waren, fragte das Fräulein:

»Kennt Ihr die Dame des Herrn von Dornburg?«

»Wie sollt' ich?« entgegnete Maria. »Gönnt Euch einige Ruhe, Fräulein. Sobald der Junker wiederkommt, führ' ich ihn zu Euch.«

Die junge Frau ging hinaus und setzte sich zu Barbara an das Spinnrad. Georg ließ lange auf sich warten. Um Mitternacht endlich erschien er wieder, aber er kam nicht allein, sondern mit zwei Begleitern. Es hatte nicht in der Macht des Kapitäns gestanden, ihm auf viele Wochen, – denn so lange Zeit würde die Reise nach Lugano in Anspruch genommen haben, – Urlaub zu ertheilen; aber der Junker war sogleich mit dem Musiker zu Rathe gegangen, und dieser hatte den rechten Geleitsmann gefunden. Wilhelm war schnell mit demselben einig geworden und hatte ihn ungesäumt mit sich geführt: es war der alte Hausmeister Belotti.

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