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Die Frau Bürgemeisterin

Georg Ebers: Die Frau Bürgemeisterin - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Frau Bürgemeisterin
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunFünfte Auflage
year1882
firstpub1881
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080619
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Halb Leyden war dem Sarge des braven Hauptmannes gefolgt, und unter den anderen Soldaten, welche dem tapferen Verstorbenen die letzte Ehre erwiesen, hatte sich auch Georg von Dornburg befunden. Nach dem Begräbniß führte der Musiker Wilhelm den Sohn des von Vielen beweinten guten Gesellen in sein Haus. Van der Werff fand nach der Feier noch mancherlei zu verrichten, aber er hielt dennoch die Mittagsstunde inne; denn er erwartete ja den Deutschen zu Tisch.

Der Bürgemeister saß wie immer an der Spitze der Tafel; zwischen ihm und Maria hatte der Junker und gegenüber Barbara mit den Kindern Platz genommen.

Die Wittwe wurde nicht müde, in das frische, sonnige Antlitz des jungen Mannes zu schauen, denn wenn ihr Sohn sich auch nicht von fern an Schönheit mit ihm messen konnte, so lag doch etwas Treuherziges in des Junkers Augen, das sie an ihren Wilhelm erinnerte.

Manche Frage und Antwort war schon unter den Speisenden getauscht, manche liebe Erinnerung aufgefrischt worden, als Peter, nachdem man die Speisen abgeräumt und einen neuen Krug mit besserem Wein aufgestellt hatte, dem Junker den Römer von Neuem vollgoß und dann den seinen erhob.

»Trinken wir dieses Glas,« rief er und schaute Georg mit herzlichem Wohlgefallen in die Augen. »Trinken wir's auf den Sieg der guten Sache, für die Ihr ja auch freiwillig das Schwert tragt. Dank für den kräftigen Bescheid. Auch das Trinken ist eine Kunst, und die Deutschen sind darin Meister.«

»Man lernt sie bei uns an verschiedenen Orten und nicht am schlechtesten auf der hohen Schule zu Jena.«

»Ehre den Herren Doktoren und Professoren, die ihre Scholaren so weit bringen, wie weiland meinen seligen Schwager, und nach diesem Probetrunke zu schließen, auch Euch.«

»Leonhard ist mein Magister in der ars bibendi gewesen. Wie lange ist es schon her!«

»Die Jugend ist sonst nicht genügsam,« entgegnete Peter, »aber wenn es sich um Jahre handelt, nennt sie leicht ›viel‹, was Aelteren wenig erscheint. Freilich! Es mag sich wohl in den letzten Jahren Eures Lebens mancherlei zusammengedrängt haben. Ich kann noch ein Stündchen erübrigen, und da wir hier einmal so warm beisammen sitzen, mögt Ihr uns erzählen, wenn anders Ihr es nicht zu verschweigen begehrt, wie Ihr aus Eurer fernen Heimat nach Holland, und von den deutschen und lateinischen Büchern unter die englischen Fahnen gekommen seid.«

»Ja,« fügte Maria unbefangen hinzu, »Ihr seid mir diese Erzählung noch schuldig. Sprecht euer Gebet, Kinder, und geht dann.«

Adrian schaute bittend erst auf die Mutter und dann auf den Vater, und als Beide ihm das Bleiben nicht wehrten, rückte er seinen Stuhl dicht an den seiner Schwester, und Beide lehnten die Köpfe zusammen und lauschten mit weit geöffneten Augen, während der Junker erst gelassen, dann mit wachsender Lebendigkeit also erzählte:

»Ihr wißt, daß ich aus Thüringen stamme, einem bergigen Land im Herzen von Deutschland. Unsere Burg liegt in einem freundlichen Thale, das ein klarer Fluß in vielen Windungen durcheilt. Waldige Berge, nicht so gewaltig hoch, wie die Riesen im Schweizerlande, und doch auch nicht winzig, begrenzen die schmale Sohle des Thales. Ihr Fuß ist mit Aeckern und Wiesen bekleidet, in größerer Höhe erheben sich Tannenwälder, die zu allen Zeiten des Jahres wie der Jägersmann grüne Gewänder tragen. Im Winter freilich deckt sie der Schnee mit schimmerndem Weiß. Wenn der Frühling erwacht, treiben die Tannen junge Triebe, so frisch und saftig wie das sprossende Laub an Euren Eichen und Buchen, und auf den Wiesen am Flusse beginnt es in warmen Lüften zu schneien, denn dann blüht ein Obstbaum neben dem andern, und wenn der Wind sich erhebt, so flattern die zarten, weiß schimmernden Blättchen wie Flocken durch die Luft und fallen zu den bunten Blumen im Grase und auf den reinen Spiegel des Flusses. Auch nackte Felsen gibt es vielfach an den höheren Stellen der Berge, und da, wo sie sich recht schroff und unzugänglich erhoben, haben die Väter, um sich vor dem Anfall von Feinden zu sichern, ihre Festen erbaut. Unsere Burg steht auf einem Bergkamm inmitten des Saalthals. Da bin ich geboren, da habe ich die Knabenjahre verspielt, die Schriften lesen und die Feder führen gelernt. Zu jagen gab es genug in den Wäldern, wir hatten muthige Rosse im Stall, und ich wilder Bube bin selten freiwillig in die Schulstube gekommen; der graue Magister Lorenz mußte mich fangen, wenn er meiner habhaft werden wollte. Meine Schwestern und Hans, unser Jüngster, der Bube war nur drei Jahr jünger als ich, hielten ihm still; – einen älteren Bruder hatte ich wohl, aber ich hatt' ihn auch nicht. Er war, als ihm der Bart kaum keimte, von unserem gnädigen Herzog dem Ritter von Brand als Knappe beigegeben und nach Spanien gesandt worden, um dort andalusische Rosse zu kaufen. Johann Friedrich's seliger Vater hatte deren Werth in Madrid nach der Mühlburger Schlacht kennen gelernt. Ludwig war ein froher Gesell gewesen, als er auszog, und damals hatte er auch den wildesten Hengst zu zähmen verstanden. Ihn todt zu denken fiel den Eltern gar sauer, aber Jahre vergingen, und als weder er noch der Ritter Brand wieder erschien, da mußten wir ihn wohl verloren geben. Nur die Mutter that es nicht und wartete immer auf seine Heimkehr. Der Vater nannte mich den künftigen Burgherrn und Erben. Als ich die Knabenstimme verloren hatte und den Cicero leidlich verstand, wurde ich nach Jena auf die hohe Schule geschickt, mich der Rechte zu befleißigen, um, wie mein Oheim, der Kanzler, es wünschte, später einmal in den Staatsrath zu treten.

»O Jena, liebes Jena! Es gibt Wonnetage im Mai und im Junius, an denen nur leichte Schäfchen am Himmel weiden und alle Blätter und Blumen so frisch und kräftig grünen und prangen, baß man denken möchte – und sie denken's wohl selber –, daß sie niemals welken und fallen könnten, – solcher Tag ist im Menschenleben die Zeit des frohen deutschen Studentenlebens. Ihr mögt es glauben! Leonhard hat euch genug von Jena erzählt. Er verstand es, die Lust mit der Arbeit zu paaren; ich dagegen lernte nur wenig auf den hölzernen Bänken, denn ich habe sie selten gedrückt, und der Bücherstaub hat mir gewiß nicht die Lunge verdorben, aber den Ariost las ich wieder und wieder, dem Gesang war ich fleißig ergeben, und wenn es hier drinnen brauste und stürmte, hab' ich zu meiner eigenen Lust viele Lieder gedichtet. Auch den Degen lernt man in Jena führen, und meinen hätte ich wohl gern einmal mit dem des wackeren Fechtmeisters Allertssohn gekreuzt, von dem ihr mir vorhin erzählt habt. Leonhard war älter als ich, und als er mit Ehren das Magisterium erworben hatte, war ich noch gar schwach in den Pandekten. Aber ein Herz und eine Seele sind wir immer gewesen, und so bin ich mit ihm zur Hochzeit nach Holland gezogen. Ja, das waren Tage! Die Herren Theologen in Jena haben sich weidlich gestritten, an welcher Stelle auf Erden das Gärtlein des Paradieses zu suchen sei. Ich hielt sie damals alle für Narren und dachte: ›Es gibt nur ein Eden, und das liegt in Holland, und die schönsten Rosen, die der Thau am ersten sonnigen Morgen erweckte, die blühen in Delft!‹«

Georg schüttelte bei diesen Worten die Locken und stockte verlegen, als aber Niemand ihn unterbrach und er Barbara's gespanntes Gesicht und die glühenden Wangen der Kinder sah, fuhr er ruhiger fort:

»So kam ich nach Hause und sollte zum ersten Mal erfahren, daß auch im Leben die schönen Sonnentage nur zu oft mit Unwettern enden. Ich fand den Vater erkrankt, und wenige Tage nach meiner Heimkehr schloß er die Augen. Ich hatte noch nie einen Menschen sterben sehen, und der erste, gleich der erste war er, war mein Vater.«

Georg hielt inne und führte lebhaft bewegt die Hand über die Augen.

»Euer Vater,« unterbrach Barbara mit warmer Theilnahme das Schweigen. »Wenn man von dem Apfel auf den Baum schließen darf, gewiß ein prächtiger Mann.«

Da hob der Junker wieder das Haupt und rief mit leuchtendem Blick:

»Nehmt Alles, was gut ist und edel, zusammen und formt es zu einer hohen, schönen Männergestalt, dann habt Ihr das Bild meines Vaters; – und dürfte ich Euch von meiner Mutter erzählen . . .«

»Sie ist noch am Leben?« fragte Peter.

»Gott geb' es!« rief der Junker. »Seit zwei Monaten weiß ich nichts mehr von den Meinen. Das ist hart. Es lachen ja bunte Freuden an allen Wegen, und mein Soldatenhandwerk gefällt mir, aber es trägt sich oft schwer, so wenig von Hause zu hören. O, wär' man ein Vogel, ein Sonnenstrahl oder ein wandelnder Stern, dann könnte man doch, und wär' es auch nur auf so lange, wie das Auge bedarf, um sich zu öffnen und wieder zu schließen, dann könnte man doch erkunden, wie es zu Hause steht und geht, und die Seele mit neuem Dank füllen, oder, soll es so sein . . . aber daran will ich nicht denken. Auch im Saalthal blühen jetzt die Bäume und tausend Blumen auf allen Wiesen, gerade wie hier und wie vor zwei Jahren, als ich die Heimat zum zweiten Mal verließ.

»Nach des Vaters Tod war ich der Erbe, aber weder die Jagd noch das Reiten zu Hofe, weder Gesang noch Becherklang konnten mich freuen. Ich ging umher wie im Schlafe, und es war mir, als hätte ich kein Recht, mir's ohne den Vater wohl sein zu lassen. Da brachte – es sind nun gerade zwei Jahre –, der Bote ein Schreiben aus Weimar, welches mit Briefen an unsern Durchlauchtigsten Herrn aus Italien gekommen war, und es enthielt nichts Geringeres, als die Kunde, daß unser verlorener Bruder noch lebe und krank und elend im Hospital zu Bergamo liege. Eine fromme Schwester hatte für ihn geschrieben, und wir erfuhren nun, daß Ludwig auf der Fahrt von Valencia nach Livorno von Seeräubern gefangen genommen und nach Tunis geschleppt worden war. Wie viele Leiden er dort erduldet, mit welchen Gefahren es ihm endlich gelang, sich zu befreien, das sollt ihr später einmal erfahren. Auf einer genuesischen Galeere war er nach Italien entkommen. Bis Bergamo hatten ihn die Füße getragen, dort aber konnte er nicht weiter, und nun lag er krank, vielleicht sterbend unter mildthätigen Fremden. Ich säumte nicht mit dem Aufbruch und habe auf der Reise nach Bergamo das Roß nicht geschont, aber ob es auch viel Seltsames und Schönes an meinem Wege zu sehen gab, so hat es mich doch nur wenig ergötzt, denn der Gedanke an den todkranken Ludwig trübte mir immer und überall den fröhlichen Muth. Jeder rinnende Bach trieb mich zur Eile, und die hohen Berge kamen mir vor wie mißgünstige Schranken. Jenseits des hohen Gotthard wurde mir leichter zu Muthe, und als ich von Bellinzona aus zu dem See von Lugano hinabritt und mir vor der Stadt der Spiegel des leuchtenden Wassers wie ein blaues Auge entgegenlachte, da hab' ich das Leid auf eine Stunde vergessen, den Hut geschwenkt und ein Lied gesungen. In Bergamo fand ich den Bruder zwar am Leben, aber gebrochen an Leib und Seele, siech und ohne Verlangen, die Last des Daseins weiter zu tragen. Er war in guten Händen gewesen, und schon nach einigen Wochen konnten wir, – diesmal nahm ich den Weg durch das schöne Tyrol, – nach Hause ziehen. Ludwig's Lebenskraft hob sich von Tag zu Tage, aber die Flügel der Seele sind dem viel Gequälten gelähmt. Ach, er hat lange Jahre mit Ketten am Fuße im Sonnenbrande gegraben und Lasten gewälzt. Ritter Brand konnte dies schwere Schicksal nicht lange ertragen, Ludwig aber hat in Tunis Lachen und Weinen verlernt, und welches von beiden läßt sich wohl leichter entbehren?

»Selbst beim Wiedersehen mit der Mutter konnte er keine Thräne vergießen, und doch hat ihm dabei der Leib und gewiß auch das Herz vor Rührung gezittert. Jetzt waltet er still auf dem Schlosse. Er ist im rüstigen Alter ein Greis, aber er findet sich wieder im Leben zurecht, nur kann er den Anblick eines fremden Gesichts nicht ertragen. Ich habe mit ihm in schwerem Kampfe gelegen, denn ihm als dem Aelteren gehört nach dem Gesetze das Schloß und das Erbgut, er aber wollte seinem Rechte entsagen und mich an seine Stelle setzen. Als er auch die Mutter auf seine Seite gezogen und der Oheim und die Geschwister mich zu überreden trachteten, ihm den Willen zu thun, bin ich doch standhaft geblieben. Was mir nicht gebührt, davon lass ich die Hände, und unser Jüngster, der Wolfgang, ist herangewachsen und kann, wo es noth thut, meine Stelle vertreten. Als es mir endlich mit dem Bitten und Drängen zu bunt ward, habe ich wieder das Roß gesattelt und bin in die Fremde gezogen. Der Mutter kam es schwer an, mich zu lassen, aber ich hatte die Lust des Wanderns gekostet und bin wie zur Hochzeit von dannen geritten. Soll ich ganz aufrichtig sein, so muß ich bekennen, daß ich Schloß und Erbgut hingab wie einen drückenden Zwang. Frei wie der Wind und die Wolken, zog ich denselben Weg, den ich mit Leonhard geritten war, denn es gab in eurem Lande einen Krieg ganz nach meinem Herzen, und auf das Schwert sollte mein künftiges Schicksal gestellt sein. Zu Köln trat ich unter die Fahnen Ludwig's von Nassau und habe mit ihm auf der Mooker Haide gekämpft, gekämpft bis Keiner mehr Stand hielt. Das Roß war gefallen, der Koller zerrissen, das Felleisen verloren, es blieb mir wenig als froher Muth und Hoffnung auf bessere Tage. Die fanden sich bald, denn Kapitän Gensfort warb mich für die englischen Völker. Ich wurde sein Fähnrich, und bei Alfen hielt ich neben ihm aus, bis das letzte Pulver verbraucht war. Wie es dort hergegangen ist, wißt ihr.«

»Und Hauptmann van der Laen,« fiel ihm Peter in's Wort, »hat uns erzählt, daß er Euch das Leben verdanke. Ihr habt wie ein Löwe gestritten.«

»Es ging wild genug her bei der Schanze, und dennoch ward mir und meinem Roß kein Härchen gekrümmt, und ich habe diesmal sogar das Felleisen und den vollen Beutel gerettet. Das Schicksal liebt wie die Mütter die Sorgenkinder am meisten, und darum hat es mich zu Euch und den Euren geführt, Herr Bürgemeister.«

»Und ich bitte Euch,« entgegnete Peter, »Euch zu den Meinen zu zählen. Wir haben auf dem Hof zwei freundliche Zimmer; die sollen für Euch in Stand gesetzt werden, wenn Ihr vorlieb nehmen wollt.«

»Mit Freuden,« gab der Junker zurück, und Peter sagte, indem er ihm die Hand bot:

»Mich ruft mein Amt, Ihr aber mögt den Frauen eröffnen, was Ihr etwa bedürft, und wann Ihr einzuziehen gedenkt. Je eher, desto lieber wird es uns sein. Nicht wahr, Maria?«

»Ich heiß' Euch willkommen, Junker Georg. Jetzt will ich nach meiner Kranken sehen, die wir hier pflegen. Barbara nimmt Eure Wünsche entgegen.«

Die Bürgemeisterin faßte die Hand ihres Gatten und verließ mit ihm das Zimmer.

Die Wittwe blieb mit dem Junker allein und suchte Alles von ihm zu erfahren, was ihm erwünscht sein mochte. Darauf ging sie ihrer Schwägerin nach; und als sie dieselbe bei Henrika gefunden hatte, klatschte sie in die Hände und rief:

»Das ist ein Mensch! Fräulein, ich sage Euch, solchem Menschen bin ich alte Frau noch meiner Tag' nicht begegnet. Ein Herz, ein Herz, und dabei diese Schönheit! Wem das Glück einmal gibt, dem gibt es in Scheffeln, und, wer hat, dem wird gegeben! Das sind goldene Worte!«

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