Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Georg Ebers >

Die Frau Bürgemeisterin

Georg Ebers: Die Frau Bürgemeisterin - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Frau Bürgemeisterin
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunFünfte Auflage
year1882
firstpub1881
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080619
projectid1995ed5b
Schließen

Navigation:

Siebenzehntes Kapitel.

In der großen Wachtstube, welche während der vor zwei Monaten aufgehobenen Belagerung der Stadt neben der Burg eingerichtet worden war, saßen nach Sonnenuntergang Stadtsoldaten und Freiwillige gruppenweise bei einander, sprachen plaudernd dem Bierkruge zu und vertrieben sich bei dem spärlichen Licht von mageren Talgkerzen mit Kartenspiel die Zeit. Der Erker, in welchem der Tisch der Offiziere stand, war etwas besser erleuchtet. Wilhelm, welcher gemäß dem Rathe seines Freundes in der Rüstung eines Bürgerwehrfähnrichs erschien, setzte sich kurz nachdem die Thurmuhr die zehnte Stunde geschlagen an die leere Tafel. Während er dem Aufwärter befahl, ihm einen Krug Bier zu bringen, erschien Hauptmann Allertssohn mit dem Junker von Warmond, welcher an der Berathung bei Peter van der Werff theilgenommen und sich vor zwei Jahren bei der Einnahme von Brill seine Kapitänsschärpe wacker verdient hatte. Als dieser Sohn eines der vornehmsten und reichsten Adelsgeschlechter in Holland, dessen Mutter den Namen Egmont getragen, in den Erker trat, löste er die in einem hohen Fechthandschuh geborgene Hand aus dem Arm des Hauptmanns und sagte, indem er die Bestellung des Musikers widerrief:

»Nichts da, Aufwärter! Das Fäßchen mit dem Gelben vom Würzburger Stein kann noch nicht leer sein. Heute Abend wollen wir seinen Boden finden. Was meint Ihr, Hauptmann?«

»Solches wird das Fäßlein erleichtern und uns nicht sonderlich beschweren,« entgegnete der Andere. »Guten Abend, Herr Wilhelm, Pünktlichkeit ziert den Soldaten. Die Leute fangen an zu begreifen, worauf es ankommt. Ich habe sie so postirt, daß sie alle Richtungen der Windrose mit den Augen beherrschen. Stunde für Stunde lasse ich sie ablösen und dazwischen sehe ich selbst nach dem Rechten. Dies ist ein guter Tropfen, Junker. Ehre dem Manne, welcher sein väterliches Gold in solche Flüssigkeit umschmilzt. Das erste Glas gilt dem Prinzen.«

Die drei Männer stießen mit den Römern an und ließen sie bald darauf auf die Freiheit Hollands und auf das Wohl der guten Stadt Leyden zusammenklingen. Dabei nahm die Rede einen fröhliches Fortgang und auch die Pflicht wurde nicht vergessen, denn nach der ersten halben Stunde erhob sich der Hauptmann, um selbst in die Ferne zu schauen und die Aufmerksamkeit der Wachen zu schärfen. Als er wieder in den Erker trat, nahmen Wilhelm und der Junker im Eifer des Gesprächs sein Erscheinen nicht wahr. Der Musiker erzählte von Italien und Allertssohn hörte, wie er mit großer Lebendigkeit rief:

»Wer es einmal gesehen, der kann es nimmer vergessen, und wenn ich oben bei meinen Tauben sitze, so fliegen die Gedanken nur allzu oft mit ihnen fort, und die Augen sehen nichts mehr von unserer breiten, eintönigen Ebene und unserem grauen, nebeligen Himmel.«

»Ho, Meister Wilhelm,« unterbrach ihn der Hauptmann, warf sich in den Armstuhl und streckte die gestiefelten Beine weit von sich. »Ho – ho. Diesmal fasse ich euch bei Eurem Sparren. Italien und wieder Italien! Ich kenne das Wälschland auch, denn ich bin in Brescia gewesen und habe da für den Prinzen und andere Seigneurs Klingen von gutem Stahl ausgesucht. Dann zog ich über den rauhen Apennin und kam nach Florenz, um nach seinen Rüstungsstücken zu sehen. Von Livorno ging ich zur See nach Genua, und dort erwarb ich ciselirtes Silber- und Goldwerk für Wehrgehänge und Degenkörbe. Was wahr ist, muß wahr bleiben: arbeiten können die braunen Halunken. Aber das Land – das Land! Roland, mein Vormann, – wie das ein verständiger Mann dem unseren vorziehen kann, das mag ein Anderer begreifen.«

»Holland ist unsere Mutter,« unterbrach ihn der Junker. »Als gute Söhne halten wir sie für die beste Frau, aber wir dürfen ohne Schande zugeben, daß es doch noch schönere Weiber auf Erden gibt.«

»Ihr blast auch in diese Trompete!« rief der Fechtmeister und schob den Römer ärgerlich in die Tafel hinein. »Seid Ihr denn jemals über die Alpen gekommen?«

»Nein, Herr, indessen . . .«

»Indessen glaubt Ihr den Farbenklecksern von der Malergilde, denen das bischen Blau auf dem Meer und am Himmel in die Augen sticht, oder den Herren von der Musika, die sich von den weichen Stimmen und dem rührsamen Gefiedel da drüben die Sinne verwirren lassen, aber Ihr würdet gut thun, auch einmal einen ruhigen Mann zu hören.«

»Redet nur, Hauptmann.«

»Wohl. Und wer mich eines unwahren Wortes zu zeihen vermag, dem zahl' ich bis zum jüngsten Tage die Zeche. Ich werde von Adam an die Geschichte beginnen. Erst geht es also über das gräßliche Alpengebirge. Da sieht man unfruchtbare, öde Felsen, kalten Schnee und eisige, wilde Wasser, auf die man keinen Kahn zu setzen vermag. Statt Wiesen zu tränken, schleudert das krause Gewirbel Steine an's Ufer. Dann kommt man in die Ebene, auf der mancherlei wächst, das muß wahr sein. Ich war im Monat Junius da unten und habe meinen Spaß gehabt an den winzigen Ackerstücklein, auf denen kleine Bäume standen, die dem Weinlaub zur Stütze dienten. Das sah nicht übel aus, aber die Hitze, Junker, die Hitze verdarb jegliche Freude! Und dieser Schmutz in den Schenken, das Ungeziefer, und was man von den Bravos auf zwei Beinen hören muß, welche für schnödes Gold das Blut von ehrlichen Christenmenschen im Dunkeln vergießen. Wenn Einem die Zunge im Munde vertrocknet, so findet man lauter heißen Wein und keinen Schluck kühles Bier. Und der Staub, ihr Herren, der gräßliche Staub! – Was den Stahl von Brescia anbetrifft, – alle Achtung! Aber im Gasthause wurde mir die Feder vom Hute gestohlen, und der Wirth fraß euch Zwiebeln wie Weißbrod. Gott soll mich strafen, wenn mir da drüben ein einziges Stück rechtschaffenes Rindfleisch, so wie meine Alte es mir täglich vorsetzen kann, – und wir leben nicht wie die Fürsten – zwischen die Zähne gekommen ist. Und die Butter, Junker, die Butter! Wir brennen das Oel in den Lampen und schmieren damit die Thürangeln ein, wenn sie knarren, die Wälschen aber brauchen es, um Hühner und Fische darin zu braten. Pfui, Teufel!«

»Hütet Euch, Hauptmann,« rief Wilhelm, »sonst nehm' ich Euch beim Wort, und Ihr müßt mir die Zeche zeitlebens bezahlen. Das Oel der Oliven ist eine reine, schmackhafte Würze.«

»Für den, dem es schmeckt. Ich lobe mir holländische Butter. Zum Poliren des Stahles lass' ich das Olivenöl gelten, aber zum Backen und Braten ist Butter das Rechte, und damit Punktum. Schlagt doch einmal Eurer Frau Mutter vor, mit Oel die Küchel und Schollen zu braten, – sie würde Euch ansehen! Aber ich bitte, mich weiter zu hören. Von der Lombardei bin ich nach Bologna und von da nach dem rauhen Apennin gezogen. Bald ging es aufwärts, bald wieder jäh hinunter, und es ist eine kuriose Freude, von der man hier zu Lande gottlob verschont bleibt, wenn es bergab geht, im Sattel zu sitzen. Zur Rechten und Linken hohe Berge, wie Mauern. Die Brust wird Einem beklommen in den schmalen Thälern, und wenn man in's Weite schauen will: nichts da, denn überall stellen sich Einem die nichtswürdigen Berge dicht vor die Nase. Ich meine, der Herr hat diese Höcker nach Adam's Sündenfall zur Strafe für den Menschen erschaffen. Am sechsten Schöpfungstage ist die Erde eben gewesen. Es war im August, und wenn die Mittagssonne auf die Felswände prallte, so wurde es just zum Vergehen; es nimmt mich nur Wunder, daß ich hier nicht gedörrt und gebacken neben euch sitze. Das berühmte Blau des italienischen Himmels! Immer dasselbe! Wir kennen es auch hier zu Lande, aber es wechselt mit schönem Gewölk. Wenige Dinge gibt es in Holland, die mir besser gefallen, als gerade unsere Wolken. Wie der rauhe Apennin endlich hinter mir lag, da kam ich in das berühmte Florenz.«

»Und auch dieser Stadt könnt Ihr Euren Beifall versagen?« fragte der Musiker.

»Nein, Herr, es gibt da viele stattliche, trotzige Paläste und schmucke Kirchen und es fehlt nicht an Sammet und Seide allüberall, auch steht das Tuchmachergewerk stattlich im Flor; aber wohl befunden, Herr, wohl befunden hab' ich mich auch nicht in Eurem Florenz, vornehmlich wegen der Hitze, auch hab' ich Vieles ganz anders gefunden, als ich erwartet. Da ist erstens der Arnostrom! Zum Lachen ist dies Gewässer, gewißlich zum Lachen! Wißt Ihr, wie es aussieht? Wie die Pfützen, die nach einem tüchtigen Gewitterregen auf dem Arbeitsplatz des Steinmetzen zwischen den abgeschlagenen Splittern und Quaderstücken herumstehen.«

»Die Zeche, Hauptmann, die Zeche!«

»Ich meine die Werkstätte eines sehr großen Steinmetzen und Lachen von ziemlicher Breite. Werdet Ihr mir noch widersprechen, wenn ich behaupte: der Arno ist ein flacher, schmaler Wasserstreifen, gut genug, um den Borkenkahn eines Buben zu tragen? Er verbrämt eine breite Fläche von grauen Kieseln, ungefähr wie die Goldfranse da den Fechtstulp am Handschuh des Junkers.«

»Ihr habt ihn am Ende eines heißen Sommers gesehen,« entgegnete Wilhelm, »im Frühling ist er ganz anders.«

»Mag sein; aber ich bitte Euch, an den Rhein und die Maas und unsere anderen Flüsse, auch die Marne und Drecht und wie die anderen kleineren heißen, zu denken. Die bleiben in jeder Jahreszeit voll und tragen stattliche Schiffe. Gleichmäßig und von gutem Verlaß, das gilt hier zu Lande; heute so, morgen so, das ist italienisch. Mit dem Gefuchtel auf dem Fechtboden sieht es ebenso aus.«

»Die Italiener führen gefährliche Klingen,« sagte der Junker.

»Ganz recht, aber das springt hierhin und dorthin und die rechte Stätigkeit mangelt. Ich kann davon reden, denn bei meinem Kollegen Torelli, dem ersten Fechtmeister der Stadt, fand ich Quartier. Von den Mahlzeiten, die er mir bot, will ich nicht reden. Heute Nudeln, morgen Nudeln, zwei Hühnerbeine dazu und damit basta. Ich habe manchmal nach Tisch den Gürtel fester gezogen. Was die Kunst betrifft, so ist der Torelli gewiß kein Stümper, aber auch er hat das Springen in der Methode. Es gilt bei einem Gange mit ihm, die Augen offen halten, aber hab' ich einmal seine Klinge und kann zu meiner Quart, Terz und Seitensekunde kommen, so ist er geliefert.«

»Eine schöne Suite,« sagte der Junker. »Sie ist mir nützlich gewesen.«

»Ich weiß, ich weiß,« entgegnete der Hauptmann lebhaft. »Ihr habt mit ihr zu Namur den französischen Raufbold zum Schweigen gebracht. – Da faßt es mich wieder im Halse. Es gibt heute etwas, ihr Herren, es muß etwas geben.«

Der Fechtmeister griff mit der Linken in das Vorderstück seiner Krause und stieß mit der Rechten den Römer auf den Tisch. Nicht selten hatte er ihn weit unvorsichtiger gehandhabt, heute aber zersprang das Glas in viele Stücke.

»Hat nichts zu sagen,« rief der Junker. »Aufwärter! Ein anderes Glas für den Hauptmann.«

Der Fechtmeister schob den Stuhl von der Tafel zurück und sagte, indem er auf die grünlichen Glasscherben schaute, mit veränderter Stimme mehr vor sich hin, als zu seinen Gefährten:

»Ja, ja, ja heute wird's Ernst. Mitten entzwei in tausend, Stücke. Wie Gott es fügt! Ich weiß, wo mein Platz ist.«

»Meister,« unterbrach ihn der Junker mit leisem Vorwurf und füllte den neuen Römer. »Meister, was sind das für Grillen? Vor der Affäre von Brill stürzte ich beim Sprung aus dem Kahne, und dabei zerbrach mir der Degen. Ich fand bald einen andern, aber es kam mir doch in den Sinn: ›Heute geht es zu Ende‹, und nun sitze ich hier und hoffe, noch manchen Römer mit euch zu leeren.«

»'s geht schon vorüber,« sagte der Fechtmeister, lüftete den Hut und wischte die Stirn mit dem Rücken der Hand. »Einmal schlägt Jedem sein Stündchen, und wenn das meinige naht – wie Gott will! Die Meinen werden nicht darben. Das Haus am neuen Rhein ist schuldenfrei, und wenn sie auch sonst nicht viel erben, so hinterlass' ich ihnen doch einen ehrlichen Namen und redliche Freunde. Meinen zweiten, den Musikanten, laßt Ihr nicht aus den Augen, Wilhelm, das weiß ich. Unentbehrlich ist Keiner, und wenn mich der Himmel von diesem Kommando abrufen will so kann der Junker von Nordwyk, der Jan van der Does meine Stelle vertreten. Ihr, Herr von Warmond, seid da, wo Ihr steht, recht am Platze, und die gute Sache kommt auch ohne mich zu einem glücklichen Ende.«

Der Musiker lauschte mit Erstaunen auf den weichen Klang in der tiefen Stimme des wunderlichen Mannes, der Junker aber hob den Pokal und rief:

»Um ein leichtes Glas so schwere Gedanken! Ihr kommt zu kurz bei dem Handel, mein Kapitän. Faßt wieder den Römer und thut mir Bescheid: ›Die edle Fechtkunst soll leben und Eure Suite: Quart, Terz und Seitensekunde.‹«

»Sie lebe,« gab der Hauptmann zurück, »ja, sie lebe. Viele Hunderte von edlen Herren brauchen in diesem Lande den Degen, und der Mann, welcher hier sitzt, hat sie gelehrt, ihn nach allen Regeln zu führen. Wie Vielen hat meine Suite beim Zweikampf Dienste geleistet, und ich, der Andreas, ihr Meister, ich habe der Quart die Terz und der Terz die Sekunde tausendmal folgen lassen, aber immer nur mit dem Hütlein auf dem Rapiere und gegen gepolsterte Wämmser. Vor den Mauern der Stadt, auf dem Schlachtfeld, hat mir Keiner, so oft ich mich auch an die Führer drängte, zum Zweikampf gestanden. Diese Klinge von Brescia ist mehr als einmal durch spanische Koller gedrungen, aber die Kunst, welche ich lehre, ihr Herren, die Kunst, der mein Leben geweiht war und die ich liebe, hab' ich doch niemals im Ernste geübt. Das ist schwer zu tragen, ihr Herren, und wenn der Himmel einem armen Manne, der nicht schlechter war als ein Anderer, ehe er ihn abruft, eine Gnade zu gewähren geneigt ist, dann gestattet er mir noch einmal, meine Klinge mit einer andern in einem echten und rechten Zweikampf zu kreuzen, und läßt mich meine Suite im Streit auf Leben und Tod gegen einen tüchtigen Fechter versuchen. Wenn das der liebe Gott dem Andreas gewährt . . .«

Der Fechtmeister hatte den letzten Satz nicht ausgesprochen, als ein bewaffneter Mann die Thür aufriß und in die Wachtstube hineinrief:

»In Leyderdorp wird das Licht aufgezogen.«

Allertssohn sprang bei diesen Worten behend wie ein Jüngling vom Stuhle, richtete sich in ganzer Höhe auf, rückte das Wehrgehänge zurecht, zog die Schärpe hinunter und rief:

»Auf die Burg, Hornist, und zum Sammeln geblasen! Hauptmann van Duivenvoorde, zu Euren Freiwilligen! Am Hohenort'schen Thore stellt Ihr euch auf mit vier Fähnlein, um einzugreifen, wenn der Kampf sich bis vor die Stadtmauern zieht. Der Konstabel soll für die Lunten sorgen. Die Besatzungen an den Thürmen werden verdoppelt. Fort, Klaas, zu dem Glöckner von St. Pankratius. Er soll stürmen, um die Jahrmarktsleute zu warnen. Die Hand, Junker, ich weiß, Ihr seid auf dem Posten, und Ihr, Meister Wilhelm . . .«

»Ich ziehe mit Euch hinaus,« sagte der Musiker entschieden. »Weiset mich nicht zurück. Lange genug habe ich ruhig an mich gehalten; ich ersticke hier drinnen!«

Wilhelm's Wangen brannten, und aus seinen Augen strahlte ein Feuer so glühend und düster, daß der Junker seinen gemessenen Freund mit Verwunderung anschaute, während der Hauptmann demselben zurief:

»So stellt Euch in die erste Kompagnie neben meinen Fähnrich. Ihr seht nicht aus, als wär' Euch spaßhaft zu Muthe, und es wird Ernst heute, blutiger Ernst.«

Allertssohn ging festen Schrittes in's Freie, redete seine Leute mit wenigen kurzen und schneidigen Worten an, befahl den Trommlern beim Gang durch die Stadt die Schlägel zu rühren, um die Marktleute zu wecken, stellte sich an die Spitze seiner kleinen erprobten Schaar und führte sie an den neuen Rhein.

Der Mond beleuchtete hell die stillen Straßen, spiegelte sich in der schwarzen Fläche des Flusses und umwob die hohen, zackigen Giebel der schmalen Häuser mit silbernem Glanz. Der rasche Taktschritt der Soldaten hallte durch die Stille der Nacht laut von den Häusern wieder, und die Schwingung der vom Trommelwirbel erschütterten Luft ließ die Scheiben erklirren.

Diesmal zogen keine fröhlichen Kinder mit papierenen Fahnen und hölzernen Schwertern den Kriegern voran, diesmal folgten ihnen keine munteren Mädchen und stolze Mütter, und auch kein Alter, der sich an frühere Tage erinnerte, in denen er selbst die Waffen getragen. – Als die schweigende, kampfbereite Schaar in der Nähe des Allertssohn'schen Hauses angelangt war, schlug die Thurmuhr mit langsamen Schlägen die zwölfte Stunde und gleich darauf begann auf dem Pankratiusthurme die Sturmglocke zu wimmern.

Im ersten Stock, der Wohnung des Fechtmeisters wurde ein Fenster aufgestoßen, und in demselben erschien das Gesicht der Gattin des Hauptmanns. Die angstvolle Ehe mit dem wunderlichen Manne hatte des hübschen Evchen Gesicht frühzeitig gealtert, aber das milde Mondlicht verklärte seine welkenden Züge. Der Klang der Trommeln ihres Gatten war ihr wohl bekannt, und als sie ihn in der Mitternacht beim schaurigen Ruf der Sturmglocke dahinschreiten sah, erfaßte sie große Angst, und es wollte ihr kaum gelingen, »Mann, Mann! Was gibt es, Andreas?« hinunter zu rufen.

Er hörte sie nicht, denn des Tambours Wirbel, der auf das Pflaster schlagende Fuß der Soldaten und das Gefahr kündende Geläut vom Kirchthurm übertönte ihre Stimme. Aber er bemerkte sie wohl, und es wurde ihm ganz wunderlich zu Sinne. Ihr von einem weißen Tuch umrahmtes, vom Mondlicht beschienenes Antlitz kam ihm so holdselig vor, wie er es seit seiner Freierszeit nicht gesehen, und er fühlte sich selbst so jugendfrisch und ritterlich trotzig auf dem Weg zur Gefahr, daß er hoch aufgerichtet und nach dem Schlage der Trommel im zierlichsten Taktschritt an ihr vorüberzog, ihr wie ein verliebter Fant mit der Linken eine Kußhand zuwarf und mit der Rechten den Degen neigte.

Der Trommelschlag und das Fahnenwehen hatten jeden finsteren Gedanken aus seiner Seele gescheucht. So ging es fort bis an den Gansort. Dort stand ein Karren, die Wohnung fahrender Leute, welche die Sturmglocke aus dem Schlaf geweckt hatte, und die nun in der Hast ihren Kram zusammenrafften. Ein altes Weib schirrte klagend einen mageren Gaul an die Deichsel und aus einem kleinen Fensterchen drang eine jammernde Kinderstimme, welche »Mutter, Mutter,« und dann »Vater« und wiederum »Vater« weinte.

Der Fechtmeister vernahm diesen Ruf. Das Lächeln wich von seinen Lippen und sein Gang wurde schlaffer. Dann wandte er sich um und rief seinen Leuten ein kräftiges »Vorwärts!« zu. Wilhelm marschirte dicht hinter ihm und trat auf den Wink des Hauptmanns zu ihm heran; Allertssohn aber faßte, während er den Schritt beschleunigte, den Arm des Musikers und sagte leise:

»Ihr nehmt den Jungen zu Euch in die Lehre?«

»Ja, Hauptmann.«

»Gut; es wird Euch schon einmal vergolten,« entgegnete der Fechtmeister, schwang den Degen und rief: »Hollands Freiheit, Tod den Spaniern, der Oranier soll leben!«

Die Soldaten stimmten freudig ein und zogen mit ihm in raschem Schritt durch das Hohenort'sche Thor in's Freie und auf Leyderdorp zu.

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.