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Die Frau Bürgemeisterin

Georg Ebers: Die Frau Bürgemeisterin - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Frau Bürgemeisterin
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunFünfte Auflage
year1882
firstpub1881
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080619
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Sechzehntes Kapitel.

Am 26. Mai, dem Tage der Himmelfahrt Christi, hatte am Mittag zwischen zwölf und ein Uhr helles Glockengeläut den Anfang des großen Kreuzmarktes verkündet. Die alte Umgehung der Flurgrenze hatte längst einem kirchlichen Feste weichen müssen, aber der Name des »Ommegangs« blieb mit dem der Kreuzmesse verwachsen, und allerlei Umzüge fanden auch nachdem die neue Religion zur Herrschaft gelangt war, beim Beginn des Jahrmarktes statt.

In der katholischen Zeit war das Kreuz in feierlicher Prozession, an der sich ganz Leyden zu betheiligen pflegte, in den Straßen umhergetragen worden, jetzt zog es den Bannern der Stadt und den Fahnen mit den Farben des Hauses Oranien voran, und ihm folgten die adeligen Herren hoch zu Roß, die Behörden des Ortes in feierlichem Ornate, die Geistlichkeit in schwarzen Talaren und die Freiwilligen in reichstem Waffenschmuck, die Zünfte mit ihren Emblemen, denen gelenkige Stabschwinger voransprangen, und in langen, fröhlichen Reihen die Schulkinder. Auch der Aermste schaffte für diesen Tag seinem Nachwuchs etwas Neues an. Niemals flochten die Mütter den kleinen Mädchen sorgsamer die Zöpfe, als bei dem Aufzug am Kreuzmarkt. Mancher Stüber aus schmalem Beutel ward trotz der schweren Zeit für frische Bänder und neue Kinderschuhe, für kleidsame Knabenmützen und Strumpfwerk in leuchtenden Farben ausgegeben. So konnte sich denn auch die Frühlingssonne gar heiter in dem blank gekämmten Haar der Mädchen spiegeln, und bunter noch als die Blumen im Garten des Herrn van Montfort, an dem der Zug vorüber mußte, sahen die großen Buben und kleinen Abcschützen aus. Jeder trug neben der Feder grünes Laub an der Mütze, und je kleiner das Männchen war, desto größer mußte der Zweig sein. An lautem Gespräch und lustigem Geschrei fehlte es nicht, denn jedes Kind, welches an dem elterlichen Hause vorbeikam, rief der daheim gebliebenen Mutter, den Großeltern und Dienstboten zu, und wenn Eines die Stimme erhob, folgten ihm alsbald viele andere. Auch die Großen blieben nicht stumm, als der Zug sich dem Rathhause, dem Schützenhause, den Gildehallen, oder wenn er sich den Wohnungen beliebter Männer näherte, und den allgemeinen Jubel hob und ermunterte das Läuten der Glocken, das Hochrufen der Schiffsleute auf beiden Armen des Rheins und in den Kanälen, das Spiel der Stadtmusikanten an den Straßenecken und der Knall der Böllerschüsse und Kanonenschläge, welche der Konstabel mit seinen Gehülfen auf der Burg abfeuerte. Das war ein frohes Treiben im fröhlichen Lenz! Im sicheren Genuß des Friedens und Wohlseins schienen diese heiteren Menschen sich sorglos zu wiegen, und wie blau war der Himmel, wie warm und hell schien die Sonne! Nur unter den Herren vom Rath gab es ernste, sorgenvolle Gesichter; aber die Zünfte und die Kinder hinter ihnen wurden sie nicht gewahr, und so dauerte der Jubel ohne Unterbrechung fort, bis die Kirchen den Zug aufnahmen und von den Kanzeln manches Wort erscholl, welches so ernst und mahnend klang, daß Viele nachdenklich wurden.

Dem Manne gehören alle drei Phasen der Zeit, dem Greise gehört die Vergangenheit, dem Jüngling die Zukunft, dem Kinde aber die Gegenwart. Was kümmerte die Leydener Buben und Mädchen in der schulfreien Jahrmarktszeit die nahe Gefahr? Wer heute und während der großen Leinenzeugmesse am Freitag und an den kommenden Tagen von den Eltern oder Pathen einen Jahrmarktspfennig bekommen, oder wer auch nur Augen zum Sehen, Ohren zum Hören und eine Nase zum Riechen besaß, der zog mit den Genossen durch die Budenreihen hin und blieb vor dem Kameel und dem Tanzbären stehen, oder schaute in die offenen Schenken, in denen nach dem Takt des Dudelsacks, der Klarinette und Geige sich nicht nur Mädchen und junge Bursche, sondern auch lustige Alte im Tanze schwangen, – oder prüfte Pfefferkuchen und andere Leckereien mit der Aufmerksamkeit eines Sachverständigen, oder folgte den Trompetenstößen, mit welchen der Mohr des Quacksalbers die Menge herbeirief.

Auch Bürgemeisters Adrian schlenderte Tag für Tag mit seinen Gefährten oder allein unter den Herrlichkeiten des Jahrmarktes umher und griff dabei manchmal mit dem sicheren Gefühl der Wohlhabenheit an den Lederbeutel, welcher an seinem Gürtel hing, denn es befanden sich darin mehrere Stüber, welche ihm von verschiedenen Seiten: dem Vater, der Mutter, Barbara und der Frau Pathin zugeflossen waren. Dreimal hatte ihn der Rittmeister van Duivenvoorde, sein besonderer Freund, auf dessen stattlichen Rossen er schon manchmal gesessen, mit in eine Waffelbude genommen, daß er sich nach Belieben satt esse, und darum war sein kleines Vermögen auch am Dienstag nach Himmelfahrt noch wenig geschmälert. Er gedachte dafür etwas Rechtes und Großes zu kaufen: ein langes Ritterschwert, oder eine Armbrust; vielleicht auch – aber dieser Gedanke wollte ihm wie eine schlimme Versuchung erscheinen – den mit Mandeln gepflasterten Pfefferkuchen, welcher als großes Schaustück in der Bude eines Delfter Zuckerbäckers zu sehen war. Er und Lieschen konnten freilich wochenlang an diesem Riesenkuchen naschen, wenn sie sparsam waren, und Sparsamkeit ist doch eine treffliche Tugend. Etwas mußte jedenfalls auch für »Brüderchen« übrig bleiben, die gute Jahrmarktswürze, welche in vielen Buden vor den Augen der Vorübergehenden gebacken wurde.

Am Dienstag Nachmittag führte ihn der Weg an dem berühmten Rotterdamer Brüderchenkram vorüber. Vor dem mit Spiegeln und bunten Bildchen geschmückten, leicht zusammengefügten Bretterhause saß auf einem langbeinigen, seine Umgebung hoch überragenden Armstuhle ein wohlbeleibtes sauberes Weib in der Blüte der Jahre und goß sehr rasch mit bemerkenswerthem Geschick weißen, flüssigen Mehlteig, welchen sie einem großen Topfe entnahm, auf die erhitzte, mit vielen Vertiefungen versehene Eisenplatte. Diese stand in der Höhe ihrer bequem auseinandergespreizten Kniee. Ihre Gehülfin wandte die winzigen, in den Vertiefungen der metallenen Fläche rasch bräunenden Plinzenscheiben blitzschnell mit einer Gabel um und legte das fertige Gebäck zierlich auf kleine Teller. Der Aufwärter machte es für die Gäste bereit, indem er ein stattliches Stück goldgelber Butter auf den dampfenden Hügel der Küchelchen legte. Ein ausnehmend reizender Geruch, welcher nur zu sehr an frühere Genüsse erinnerte, entstieg dem Herde, und Adrian's Finger prüften schon den Inhalt seines Beutels, als die Trompete des Mohren erscholl und der Karren des Quacksalbers gerade vor der Brüderchenbude still hielt.

Der berühmte Doktor Morpurgo war ein stattlicher, in lauter Scharlach gekleideter Mann mit einem kohlschwarzen dünnen Knebelbart, welcher ihm bis auf die Brust herabhing. Seine Bewegungen waren gemessen und vornehm, die Verbeugungen und Gesten, mit denen er die versammelte Menge begrüßte, herablassend und gütig. Nachdem sich eine genügende Zahl von Neugierigen um seinen mit Schachteln und Flaschen besetzten Karren versammelt hatte, begann er in gebrochenem, mit vielen fremden Worten gewürztem Holländisch zu reden.

Er pries die Güte der Vorsehung, welche das Wunder des menschlichen Organismus geschaffen habe. In diesem, sagte er, sei Alles weise und auf's Beste angeordnet und gestaltet, aber in einer Hinsicht vermöge die Natur dennoch vor dem Eingeweihten nur schlecht zu bestehen.

»Wißt ihr auch, wo der Fehler steckt, ihr Herren und Frauen?« fragte er.

»Im Geldbeutel,« rief ein lustiger Barbiergehülfe; »der magert alle Tage vorzeitig ab.«

»Richtig, mein Sohn,« entgegnete der Quacksalber gnädig. »Aber die Natur versieht es auch mit der großen Pforte, aus welcher Deine Antwort gekommen ist. Eure Zähne sind ein stümperhaftes Machwerk. Sie kommen mit Schmerzen, sie verderben vor der Zeit, und so lange sie da sind, quälen sie Denjenigen, welcher sie nicht mit Emsigkeit pflegt. Aber die Kunst korrigirt die Natur. Seht diese Schachtel . . .« und nun begann er das von ihm erfundene Zahnpulver und seine Mixtur gegen Zahnschmerzen zu preisen. Dann ging er auf den Kopf des Menschen über und beschrieb mit lebhaften Farben die verschiedenen Leiden desselben. Aber auch sie waren zu heilen, sicher zu heilen, man brauchte nur sein Arcanum zu kaufen. Für ein Spottgeld war es zu haben, und wer dieses daran wagte, konnte sicher jede Art von Kopfschmerz, auch die schlimmste, wie mit einem Besen fortfegen.

Adrian hörte dem berühmten Doktor mit offenem Munde zu. Von der heißen Platte des Ofens vor dem Brüderchenkram wehten ihm besonders liebliche Düfte entgegen, und er hätte sich herzlich gern einen Teller voll frischer Küchelchen gegönnt. Jetzt winkte ihm die behäbige Bäckerin sogar mit dem Löffel, aber er schloß die Hand um den Beutel und wandte seine Augen wiederum auf den Quacksalber, dessen Karren nun von etlichen Männern und Frauen umdrängt wurde, welche Tinkturen und Arzneien kauften.

In seinem väterlichen Hause lag die kranke Henrika. Er war schon zweimal zu ihr geführt worden, und das bleiche schöne Gesicht mit den großen dunklen Augen hatte sein Herz mit Mitleid erfüllt. Auch die tiefe reine Stimme, mit der sie ihm einige Worte zugerufen, war ihm merkwürdig erschienen und ihm in die Seele gedrungen. Eines Morgens hatte es geheißen, sie sei da, und seitdem war die Mutter nur selten zu sehen gewesen, und es war im Hause noch weit stiller als sonst; denn Jeder ging leise, sprach mit gedämpfter Stimme, pochte, statt den Klopfer zu rühren, vorsichtig an ein Fenster, und so oft Lieschen oder er selbst laut lachte oder in der Vergessenheit die Stiege herauf oder hinunter sprang, zeigte sich Barbara, die Mutter oder Trautchen und raunte ihnen zu: »Leise, Kinder, das Fräulein hat Kopfschmerz.«

Nun standen da oben auf dem Karren viele Flaschen, welche Heilung dieses Leidens verhießen, und der berühmte Morpurgo schien doch ein sehr verständiger Mann, gar kein Possenreißer wie die anderen Quacksalber zu sein, und die Frau des Bäckers Wilhelm Peterssohn, welche neben ihm stand und die er kannte, sagte zu ihrer Begleiterin, die Mittel des Doktors seien gut, sie hätten ihre Gevatterin ganz schnell von einer bösen Gesichtsrose geheilt.

Diese Rede brachte den Entschluß des Knaben zur Reife. Flüchtige Bilder des Ritterschwertes, der Armbrust, des Pfefferkuchens und der saftigen Brüderchen zogen ihm zwar noch einmal an dem inneren Auge vorüber, aber er wies sie mit einer kräftigen Willensthat von sich, hemmte den Athem, um die verführerischen Brüderchendüfte nicht zu riechen, und trat schnell an den Karren heran. Vor demselben löste er den Beutel vom Gürtel, schüttete seinen Inhalt in die Hand, wies ihn dem Doktor, welcher die schwarzen Augen wohlwollend auf den seltenen Käufer gerichtet hatte, und fragte ihn: »Wird das genug sein?«

»Wofür?«

»Für die Medizin gegen den Kopfschmerz.«

Der Quacksalber breitete mit dem Zeigefinger die kleinen Münzen in Adrian's Hand auseinander und erwiederte ernst: »Nein, mein Sohn, indessen freut es mich stets, das Wissen zu fördern. Es gibt für Dich in der Schule noch viel zu lernen, und dabei hindert der Kopfschmerz. Hier hast Du die Tropfen, und weil Du es bist, geb' ich Dir noch diese Anweisung für ein anderes Arcanum mit in den Kauf.«

Adrian wickelte das Fläschchen, welches der Quacksalber ihm reichte, eilfertig in das bedruckte Papier, behielt seinen theuer erworbenen Schatz in der Hand und lief nach Hause. Unterwegs wurde er von dem Hauptmann Allertssohn angehalten, welcher ihm mit dem Musiker Wilhelm entgegenkam.

»Hast Du meinen Andreas gesehen, Meister Thunichtgut?« fragte er den Knaben.

»Er stand bei den Spielleuten in der Rapenburg und hörte zu,« sagte Adrian, machte sich von der Hand des großen Mannes los und verschwand in der Menge.

»Ein flinker Bursch,« sagte der Fechtmeister. »Meiner steht wieder einmal bei den Musikanten. Der Bub' hat nichts als Eure Kunst im Sinn. Er bläst weit lieber auf dem Kamm, als daß er sich mit ihm kämmt, auf jedem Blatt und jedem Rohr muß er flöten, aus zerbrochenen Klingen bastelt er sich Triangel zusammen, kein Kochtopf ist vor seiner Trommelei sicher; kurz, dem Taugenichts steckt lauter Singsang im Sinne; er will Spielmann werden oder dergleichen.«

»Recht, recht!« entgegnete Wilhelm mit Eifer; »er hat ein feines Gehör und ist der Beste im Chor.«

»Man muß das Ding überlegen,« gab der Hauptmann zurück, »und wenn Einer, so könnt Ihr mir sagen, was er in Eurer Kunst zu erreichen vermag. Habt Ihr heute Abend Zeit, Herr Wilhelm, so kommt zu mir auf die Wache; ich möchte mit Euch reden. Freilich vor zehn Uhr findet Ihr mich schwerlich. Ich habe heute wieder das Ziehen in der Kehle, und an solchen Tagen ist . . . Roland, mein Vormann! . . .«

Der Hauptmann räusperte sich laut und heftig, und Wilhelm sagte: »Ich steh' Euch zu Diensten, denn die Nacht ist lang, aber jetzt lass' ich Euch nicht eher los, als bis ich weiß, was es mit dem Vormanne Roland auf sich hat.«

»Meinetwegen denn; es ist nicht viel damit, und vielleicht werdet Ihr's gar nicht begreifen. Kommt hier herein; bei einem Kruge Bier erzählt es sich besser, und die Beine meutern, wenn man ihnen vier Nächte lang den Sold der Nachtruhe entzieht.«

Als die beiden Männer einander in der Schenkstube gegenübersaßen, strich der Fechtmeister den Schnurrbart von den Lippen und begann: »Wie lange wird's her sein –? Sagen wir vor einem guten Mandel Jahre, da ritt ich einmal mit dem Wirthe vom Wechsel, der, wie Ihr wißt, ein gelehrter Mann ist und sich mit allerlei altem Kram und lateinischen Schriften befaßt, nach Haarlem. Es plaudert sich gut mit dem Manne, und als die Rede darauf kam, wie Einem im Leben manches zum ersten Mal begegnet, das man doch schon einmal gesehen zu haben meint, da sagt der Aquanus, dies lasse sich leichtlich erklären, denn die Menschenseele sei ein unzerstörbares Ding, ein niemals sterbender luftiger Vogel. So lange man lebt, bleibt sie in uns, und wenn es aus mit uns ist, fliegt sie fort und wird je nach ihrem Verdienst belohnt oder gepeinigt; aber nach Jahrhunderten, welche dem Herrgott nicht mehr sind als die Minute, in der ich diesen frischen Krug leere – noch einen, Dientje! – gibt sie der barmherzige Vater wieder frei, und dann nistet sie sich in ein neugeborenes Kind ein. Das machte mich lachen; er aber ließ sich nicht stören und berichtete von einem alten Heiden, einem über die Maßen weisen Gesellen, der sicher gewußt hat, daß seine Seele früher einmal in dem Leibe eines gewaltigen Helden Quartier genommen. Dieser selbige Heide erinnerte sich auch genau, wohin er bei seinem früheren Leben seinen Schild gehängt hatte, und erzählte das seinen Zunftgenossen. Da suchte man nach und fand das Rüstungsstück und darauf die Anfangsbuchstaben des Vor- und Zunamens, der dem Weisen vor Jahrhunderten in der Zeit seines Lebens als Soldat eigen gewesen. Das machte mich stutzig, denn seht, Herr – und nun lacht nicht! – denn mir war früher etwas ganz Aehnliches widerfahren wie jenem Heiden. Ich halte nicht viel von Büchern und habe von Kind an immer eins und dasselbe gelesen. Ich hatte es von meinem Vater selig geerbt, und es ist nicht gedruckt, sondern geschrieben. Ich zeig' es Euch einmal – es enthält die Geschichte vom tapfern Roland. Oft sind mir, wenn ich mich in diese schönen und wahrhaftigen Historien vertiefte, die Backen so roth geworden wie lichtes Feuer, und wie dem Aquanus, so bekenn' ich's auch Euch: Ich muß mich irren, oder ich habe bei König Karl an der Tafel gesessen, oder ich habe beim Lanzenbrechen und in der Schlacht in Roland's Kettenpanzer gesteckt. Den Mohrenkönig Marsilia mein' ich gesehen zu haben, und einmal, als ich wiederum las, wie der sterbende Roland im Thale Roncesvalles in das Horn stieß, bis Alles vorbei war, da habe ich einen Schmerz in der Kehle gespürt, als müßte sie springen, und es war mir dabei zu Sinn, als hätte ich gleiche Pein schon ein anderes Mal hier drinnen empfunden. Wie ich dies Alles dem Aquanus treulich bekannte, da rief er aus, es leide keinerlei Zweifel, meine Seele habe schon einmal in der des Roland gelebt, oder mit anderen Worten, ich sei in einem früheren Leben der Ritter Roland gewesen.«

Der Musiker schaute den Erzähler verwundert an und fragte: »Das könntet Ihr wirklich glauben, Herr Hauptmann?«

»Warum nicht,« entgegnete der Andere. »Vor dem Höchsten ist kein Ding unmöglich. Zuerst habe ich selbst dem Wirth in's Gesicht gelacht, aber seine Worte sind mir nachgegangen, und als ich die alten Historien von Neuem durchlas, – ich brauche die Augen dabei wenig zu quälen, denn bei jeder Zeile weiß ich vorher, was die folgende bringt – konnt' ich nicht umhin, mich zu fragen . . . Kurz, Herr, meine Seele hat doch wohl einmal in der des Roland gesteckt, und darum heiße ich ihn meinen »Vormann«. Im Laufe der Jahre ist es mir denn zur Gewohnheit geworden, bei ihm zu schwören. »Narrheit« werdet Ihr denken, aber ich weiß, was ich weiß, und nun muß ich gehen. Heut Abend reden wir weiter, aber über andere Dinge. Ja, Herr, es hat Jeder hier oben einen Sparren zu viel, aber mit meinem falle ich wenigstens den Leuten nicht lästig. Uebrigens zeige ich ihn nur guten Freunden, und Fremde, die mich einmal nach dem Vormanne Roland fragen, thun es selten zum zweiten Male. Die Zeche, Dientje . . . Da zieht es wieder . . . Man muß sehen, ob die Thürme richtig besetzt sind, und den Wachen einschärfen, die Augen offen zu halten. Wenn Ihr in Wehr und Waffen erscheint, so spart Ihr vielleicht einen Gang, denn heute steh' ich für nichts. Ihr kommt wohl an dem neuen Rhein vorbei. Tretet da in mein Haus und saget meiner Frau Liebsten, sie sollen mit dem Abendbrod nicht auf mich warten. Oder nein, ich besorge das selbst; es steckt heute was in der Luft, Ihr werdet's erleben, denn ich habe wieder den Roncesvalles-Hals.«

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