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Die Frau Bürgemeisterin

Georg Ebers: Die Frau Bürgemeisterin - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleDie Frau Bürgemeisterin
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunFünfte Auflage
year1882
firstpub1881
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080619
projectid1995ed5b
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Zehntes Kapitel.

Der Nacht, in welcher Leid und Krankheit in das Hoogstraten'sche Haus eingezogen war, folgte ein herrlicher Morgen. Den Störchen wurde es wieder wohl in Holland, und mit lautem, frohem Geklapper flogen sie in die Wiesen hinaus, über denen die Sonne hell erglänzte. Es war ein Tag, wie ihn das Ende des April manchmal den Menschen beschert, gleichsam als wollt' er ihnen zeigen, daß sie seinem vielbesungenen Nachfolger, dem Mai, zu große, ihm selbst aber zu geringe Ehren erweisen. In seinem Hause, des darf der April sich rühmen, wird der Frühling geboren, und sein blühender Erbe stärkt nur die Kraft und entfaltet die Schönheit des Lenzes.

Es war Sonntag, und wer an einem solchen in Holland bei Glockenklang auf sonnigen Wegen durch blumenreiche Wiesen, auf denen bunte Rinder ohne Zahl, wollige Schafe und müßige Rosse weiden, dahinwandelt und Bauern in sauberem Staat, Bäurinnen mit zierlichem blink- und blankem Goldblech unter schneeweißen Spitzenhauben, feiernden Bürgern in buntem Putz und schulfreien Kindern begegnet, dem mag es leicht scheinen, als ob auch die Natur ein Feierkleid trüge und in hellerem Grün, lichterem Blau und reicherem Blumenbunt schöner glänzte als an den Werktagen.

Frohe Sonntagsstimmung erfüllte wohl auch die Bürger, welche heute zu Fuß, in großen überfüllten Holzwagen oder auf dem Rhein in bunt bemalten Booten in's Freie fuhren, um bei Landbrod, gelber Butter und frischem Käse, bei Milch und kühlem Bier die freien Stunden des Ruhetages mit Weib und Kind auszugenießen.

Der Musiker Wilhelm hatte sein Orgelspiel in der Kirche längst beendet, aber er war nicht mit seinen Altersgenossen in's Freie gewandert, denn er benützte an solchen Tagen die Ruhestunden gern zu weiteren Reisen, bei denen sein Schuhwerk ganz außer Spiel blieb.

Sie führten ihn auf windesschnellen Flügeln über die heimische Ebene durch Deutschlands Höhen und Thäler, über die Alpen fort nach Italien. Ein gar günstiges Plätzchen stand ihm für solches Vergessen der Gegenwart und der täglichen Umgebung zu Gunsten vergangener Tage und eines fernen Landes bereit: seine Brüder Ulrich und Johannes, welche gleichfalls Musiker waren und die höhere Begabung ihres Wilhelm neidlos anerkannten und sie weiter ausbilden halfen, hatten während seines Aufenthalts in Italien an der Schmalseite des spitzen Daches ihres väterlichen Hauses eine artig ausgerüstete Kammer für ihn hergerichtet, aus der eine breite Thür auf einen kleinen Altan führte. Hier stand eine hölzerne Bank, auf die sich Wilhelm gern setzte, um dem Flug seiner Tauben mit dem Blick zu folgen, träumend in die Ferne zu schauen oder wenn er zu künstlerischem Schaffen gestimmt war, den Tönen zu lauschen, welche sich aus seiner Brust an sein inneres Ohr drängten.

Ein schöner Rundblick bot sich von dieser höchsten Stelle des freigelegenen Hauses; ja man konnte von ihr aus fast ebenso weit in die Ferne schauen, wie von der Spitze der Burg, dem alten, in der Mitte Leydens gelegenen Römerthurm. Wie eine Spinne im Netz, so lag da Wilhelm's Vaterstadt inmitten der zahllosen Flußarme und Kanäle, welche die Wiesen durchkreuzten. Das rothe, von einem dunklen Wasserstreifen bespülte Ziegelgemäuer des Stadtwalls mit seinen Thürmen und Bastionen umschloß fast so wie ein Stirnband das Haupt eines Mädchens den sauberen Ort; und wie ein Kranz von locker gebundenen Dornen zogen sich Schanzen und Bastionen in einem weiteren, vielfach durchbrochenen Ringe um die Mauer herum. Zwischen den Vertheidigungswerken und der Stadtmauer weideten die Rinderheerden der Bürger, und neben und jenseits derselben erhoben sich Dörfer und Weiler.

An diesem klaren Apriltag sah man, wenn man gen Norden schaute, das Haarlemer Meer, im Westen, jenseits des neu ergrünenden Laubdomes des Haager Forstes, mußten die Dünen liegen, welche die Natur zum Schutze des Landes vor den andringenden Wogen aufgethürmt hatte. Fester und uneinnehmbarer stellte sich ihre lange Hügelkette dem Andrang der Flut entgegen, als feindlichen Heeren die Erdwerke und Schanzen von Alfen, Leyderdorp und Volkenburg, die drei hart am Ufer des Rheins gelegenen Forts. Des Rheins! Wilhelm schaute zu dem schmalen und trägen Flusse nieder und verglich ihn mit einem vom Throne gestoßenen König, welcher Macht und Größe verloren hat und sich nun mit den Gütern, die ihm verblieben sind, freundlich bemüht, in kleinem Kreise Segen zu spenden. Der Musiker kannte den herrlichen, ungetheilten deutschen Rhein und folgte ihm oft im Geiste nach Süden, aber weit öfter noch führte ihn sein Träumen mit einem gewaltigen Sprung an den See von Lugano, die Perle des hesperischen Alpenlandes, und wenn er an ihn und das Mittelmeer dachte, so sah er smaragdenes Grün und azurenes Blau und goldenes Licht vor seinem inneren Auge; und in solchen Stunden gestaltete sich Alles, was er dachte, in seiner Brust zu Harmonieen und schöner Musik.

Und seine Fahrt, von Lugano nach Mailand! Bescheiden und überfüllt war der Wagen gewesen, welcher ihn in die Stadt Leonardo's geführt hatte, aber er hatte in ihm Isabella gefunden. Und Rom, Rom, das edle, unvergeßliche Rom, in dem man über sich selbst hinauswächst und zunimmt an Kraft und geistigem Vermögen, so lange man dort ist, und welches uns elend macht vor Sehnsucht, wenn es hinter uns liegt.

Am Tiber hatte Wilhelm erst recht erfahren, was Kunst, was seine herrliche Kunst sei; hier war ihm in Isabella's Nähe eine neue Welt aufgegangen, aber über die Herzensblüten, welche sich zu Rom in ihm erschlossen hatten, war ein scharfer Frost gefahren, und er wußte, daß sie verdorben waren und keinerlei Frucht tragen konnten. – Heute jedoch gelang es ihm, sie in ihrer jungen Schönheit vor sein inneres Auge zurückzurufen und statt an die verlorene Geliebte, an die gütige Freundin Isabella zu denken und von einem Himmel zu träumen, so blau wie fester Türkis und leichte Cyanen, von schlanken Säulen und sprudelnden Brunnen, von Olivenhainen und Marmorbildern, von kühlen Kirchenhallen und schimmernden Villen, von feurigen Augen und glühendem Wein, von herrlichen Chören und von Isabella's Gesang.

Die Tauben, welche im Schlage neben ihm girrten und glucksten, ausflogen und wiederkehrten, konnten jetzt nach Belieben schalten und walten, denn ihr Pfleger sah und hörte sie nicht.

Der Fechtmeister Allertssohn stieg die Leiter zu seiner Warte hinan, aber er bemerkte ihn erst, als er auf dem Altan neben ihm stand und ihn mit seiner tiefen Stimme begrüßte.

»Wo sind wir gewesen, Herr Wilhelm?« fragte der Graubart. »In diesem Tuchstoffe webenden Leyden? Nein! Doch wohl bei der Frau Musika selbst auf dem Olympus, wenn anders sie dort ihre Unterkunft hat.«

»Richtig gerathen,« entgegnete Wilhelm, indem er mit beiden Händen das Haar von der Stirn strich. »Ich war bei ihr zu Besuch, und sie läßt Euch grüßen.«

»So entbietet ihr meinen Gegengruß,« entgegnete der Andere, »aber sie gehört sonst nur von fern zu meinen Bekannten. Meine Kehle paßt besser für den Trank als den Sang. Ihr gestattet?«

Der Fechtmeister nahm den Bierkrug, welchen Wilhelm's Mutter täglich frisch zu füllen und in die Kammer ihres Lieblings zu stellen pflegte, und that einen langen Zug. Dann wischte er den Schnurrbart und sagte:

»Das hat gut gethan, und es war mir nothwendig. Die Leute wollten hinaus in's Vergnügen und nicht exerzieren, aber wir haben sie gezwungen, der Junker von Warmond, der Duivenvoorde und ich. Wer weiß, wie bald es zu zeigen gilt, was wir können! Roland, mein Vormann, solcher Unverstand ist wie ein Knüppel, gegen den man mit Florentiner Rapieren, mit seinen Terzen und Quarten nicht ankommt. Mir ist der Weizen verhagelt.«

»So laßt ihn liegen und seht zu, ob die Gerste und der Klee nicht besser stehen,« entgegnete Wilhelm heiter und warf einer großen Taube, welche sich auf die Brüstung seiner Warte gestellt hatte, Wicken und Weizenkörner hin.

»Das frißt, und wofür ist es gut!« rief Allertssohn, welcher der Taube zusah. »Der Herr von Warmond, ein junger Mann nach dem Herzen Gottes, hat mir gerade zwei Falken gebracht; wollt Ihr zusehen, wie ich sie zähme?«

»Nein, Hauptmann, ich habe an meiner Musika und meinen Tauben genug.«

»Das ist Eure Sache. Der Langhals da ist ein possierlicher Kerl.«

»Und was für ein Landsmann mag er wohl sein? Da fliegt er fort zu den anderen. Betrachtet den Burschen ein wenig und dann gebt mir Antwort.«

»Fragt das den König Salomo; der stand auf Du und Du mit den Vögeln.«

»Seht ihm nur nach, Ihr werdet's schon finden.«

»Der Bursche hat einen steifen Hals und trägt den Kopf absonderlich hoch.«

»Und der Schnabel?«

»Gebogen, fast wie bei den Geiern! Potz Tausend, was geht das Ding mit gespreizten Zehen weitspurig einher! Warte, Bandit! Er hackt Euch noch das kleine Täubchen zu Tode. So wahr ich lebe, der Protz muß ein spanischer Schuft sein!«

»Richtig gerathen. Es ist eine spanische Taube. Sie ist mir zugeflogen, aber ich mag sie nicht leiden und jage sie fort; denn ich halte nur wenige Paare von gleicher Art und suche aus ihnen das Beste zu machen. Wer vielerlei Volks in einem Schlage züchtet, der bringt es zu nichts.«

»Das gibt zu denken. Aber ich meine, daß Ihr nicht gerade die schönste Gattung erwählt habt.«

»Nein, Herr. Was Ihr da seht, ist ein Gemisch von Carrier und Tümmler, die Antwerpener Brieftaubengattung. Bläuliches, röthliches, geschecktes Volk; ich frage nicht nach den Farben, aber kleine Körper und große Flügel mit breiten Fahnen an den Schwungfedern müssen sie haben, und vor allen Dingen tüchtige Muskelkraft. Der da, – wartet, ich fass' ihn, – ist einer von meinen besten Fliegern. Versucht einmal, ihm die Schwinge zu heben.«

»Weiß Gott, das kleine Ding hat Mark in den Knochen! Wie es das Flüglein ankneift; die Falken sind nicht viel stärker.«

»'s ist auch eine Leittaube, die ihren Weg allein findet.«

»Warum haltet Ihr keine weißen Tümmler? Ich sollte doch meinen, daß man sie bei ihrem Fluge am längsten mit den Augen verfolgen könnte.«

»Weil es mit den Tauben gerade so geht wie mit den Menschen. Wer recht hell leuchtet und von Weitem gesehen wird, den bedrängen die Widersacher und Neider, und auf weiße Tümmler stößt das Raubzeug zuerst. Ich sage Euch, Meister, wer nur Augen im Kopf hat, der kann in einem Taubenschlag lernen, wie es auf Erden unter Adam und Eva's Nachkommen zugeht.«

»Zank und Geschnäbel gibt es hier oben gerade so wie in Leyden.«

»Ja, gerade so, Hauptmann. Wenn ich eine alte Taube mit einer viel jüngeren paare, so kommt es nur selten gut aus. Wenn der Tauber verliebt ist, so weiß er dem Schönchen so viel Komplimente zu machen, wie der feinste Galan seiner Holden. Und wißt Ihr auch, was das Schnäbeln bedeutet? Der Werbende füttert sein Liebchen, das heißt, er sucht es mit schönen Geschenken für sich zu gewinnen. Dann kommt die Hochzeit, und sie bauen ein Nest. Gibt es Junge, so füttern sie sie gemeinsam in guter Eintracht. Die vornehmen Tauben brüten nur schlecht, und wir legen ihre Eier gemeineren unter.«

»Das sind die Edelfrauen, die für ihre Säuglinge Ammen gebrauchen.«

»Ungepaarte Tauben stiften unter den gepaarten oft Unheil.«

»Nehmt ein Exempel, junger Mann, und hütet Euch, ein Hagestolz zu werden. Auf die Mädchen zwar, die unvermählt bleiben, lasse ich nichts kommen, ich habe unter ihnen viel liebe, hülfreiche Seelen gefunden.«

»Ich auch, doch leider auch schlimme, wie hier im Schlage. Im Ganzen führen meine Pfleglinge glückliche Ehen, aber wenn es zur Trennung kommt –«

»Wer von beiden trägt dann die Schuld?«

»Unter zehn Malen neunmal das Weibchen.«

»Roland, mein Vormann, gerade so wie unter den Menschen,« rief der Fechtmeister und schlug in die Hände.

»Was ist das mit Eurem Roland, Herr Allerts, Ihr habt mir neulich versprochen . . . aber wer kommt da die Leiter herauf?«

»Ich höre Eure Frau Mutter.«

»Sie bringt mir einen Besuch. Ich kenn' diese Stimme . . . und dennoch. Wartet. Es ist der Hausmeister des alten Fräuleins von Hoogstraten.«

»Aus der Nobelstraße? Laßt mich gehen, Wilhelm, denn dieses Glippergesindel –«

»Wartet ein wenig, es gibt auf der Leiter nur Platz für Einen,« bat der Musiker und hielt Belotti die Hand hin, um ihn von der letzten Sprosse in seine Kammer zu ziehen.

»Spanier und Spaniergenossen,« murmelte der Fechtmeister, ging auf die Thür zu und rief, während er an der Leiter hinabstieg: »Ich warte hier unten, bis die Luft wieder rein ist.«

Das hübsche, sonst immer mit äußerster Sorgfalt glatt rasirte Gesicht des Hausmeisters war heute mit Bartstoppeln besät, und der alte Mann sah kummervoll und überwacht aus, als er Wilhelm zu erzählen begann, was sich seit dem vergangenen Abend im Hause seiner Herrin zugetragen.

»Wer rasches Blut hat,« sagte der Italiener, indem er seinen Bericht fortsetzte, »den machen die Jahre wohl schwächer, aber nicht ruhig. Ich konnt's nicht mit ansehen, den armen Engel, denn sie ist nicht fern von dem Throne der Jungfrau, wie einen kranken Hund, den man auf den Hof wirft, behandeln zu sehen, und so nahm ich denn meinen Abschied.«

»Das macht Euch Ehre, war aber gerade jetzt wenig am Platz. Und hat man denn wirklich das Fräulein in die feuchte Kammer gebracht?«

»Nein, Herr. Pater Damianus kam und machte der alten Eccellenza deutlich, was die heilige Jungfrau von einem Christenmenschen erwartet, und als die Padrona dennoch den Willen durchzusetzen versuchte, gab ihr der heilige Mann so scharfe und strenge Worte zu hören, daß sie sich fügte. Jetzt liegt die Signorina mit glühenden Wangen im Bett und redet irre.«

»Und wer behandelt die Kranke?«

»Um des Arztes willen bin ich eben zu Euch gekommen, lieber Herr, denn den Doktor de Bont, welcher nicht auf sich warten ließ, als ich ihn rief, hat die Eccellenza so übel angelassen, daß er ihr kurz den Rücken wandte und mir an der Hausthür erklärte, er komme nicht wieder.«

Wilhelm schüttelte den Kopf, der Italiener aber fuhr fort:

»Es gibt ja noch andere Aerzte in Leyden, aber Pater Damianus sagt, de Bont, oder Bontius, wie sie ihn nennen, sei der geschickteste und gewissenhafteste von allen, und weil nun die alte Eccellenza selber um Mittag einen Anfall bekam und gewiß nicht so bald aus dem Bett kann, ist die Bahn wieder frei, und Pater Damianus sagt, er werde zur Noth den Doktor Bontius selbst aufsuchen. Aber weil Ihr doch ein Kind dieser Stadt und der Signorina nicht fremd seid, so wollte ich dem Pater die Abweisung, welche ihm doch wohl bei dem Feind unserer heiligen Kirche bevorsteht, ersparen. Der arme Mann hat ohnehin genug von den unnützen Buben und Spöttern zu dulden, wenn er mit dem Sakrament durch die Stadt geht.«

»Ihr wißt, daß es streng untersagt ist, ihn bei Ausübung seines Berufes zu stören.«

»Aber er kann sich doch nicht, ohne geneckt zu werden, auf der Straße zeigen. Wir werden Beide die Welt nicht ändern, mein Herr. So lange die Kirche das Heft in der Hand hielt, hat sie euch gebrannt und geviertheilt, und nun ihr hier die Macht habt, werden unsere Priester verfolgt und verhöhnt.«

»Gegen das Gesetz und die obrigkeitliche Verfügung.«

»Ihr werdet's den Leuten nicht wehren, und Pater Damianus ist ein Lamm, welches Alles geduldig erträgt, ein ebenso guter Christ wie viele Heilige, denen man Kerzen stiftet. Kennt Ihr den Doktor?«

»Ein wenig, von Ansehen.«

»O, so geht zu ihm, Herr, um des Fräuleins wegen,« rief der alte Mann weich und dringend. »Es liegt in Eurer Hand, ein Menschenleben, ein schönes junges Menschenleben zu retten.«

Die Augen des Hausmeisters schimmerten feucht. Wählend Wilhelm ihm die Hand auf den Arm legte und freundlich sagte: »Ich will es versuchen,« rief der Fechtmeister in die Thür: »Euer Konzilium währt mir zu lange. Auf ein anderes Mal!«

»Nein, Meister, kommt auf eine Minute herein. Dieser Herr hier ist wegen eines armen, todkranken Mädchens gekommen. Jetzt liegt das hülflose Geschöpf ohne Pflege allein, denn seine Base, das alte Fräulein van Hoogstraten, hat den Doktor de Bont, weil er kalvinisch ist, von ihrem Bette getrieben.«

»Von dem Bett des todkranken Mädchens?«

»Es ist nichtswürdig genug, nun aber liegt die Alte selber darnieder.«

»Bravo, bravo!« rief der Fechtmeister und schlug in die Hände. »Wenn der Gottseibeiuns sich nicht vor ihr fürchtet und sie zu holen begehrt, will ich ihm die Postpferde zahlen. Aber das Mädchen, das kranke Mädchen?«

»Der Herr hier bittet mich, de Bont zu bewegen, daß er sie wieder besucht. Ihr seid mit dem Doktor befreundet?«

»Ich war es, Wilhelm, ich war es; indessen – am letzten Freitag sind wir wegen der neuen Sturmhauben scharf an einander gerathen, und nun verlangt der gelehrte Halbgott Entschuldigungen von mir, aber zur Retirade blasen, das steht hier nicht geschrieben . . .«

»O, lieber Herr,« rief Belotti mit rührender Dringlichkeit. »Das arme Kind liegt da ohne Hülfe im höchsten Fieber. Wenn Euch der Himmel selbst mit Kindern gesegnet . . .«

»Ruhig, alter Mann, ruhig,« entgegnete der Fechtmeister und strich Belotti freundlich über das graue Haar. »Meine Kinder gehen Euch zwar nichts an, aber wir thun für die junge Frauensperson, was wir vermögen. Auf Wiedersehen, ihr Herren! Roland, mein Vormann, was man nicht Alles erlebt! Der Hanf ist doch billig in Holland, und solch' ein Unhold wird mitten unter uns so alt wie ein Rabe.«

Mit diesen Worten stieg er die Leiter hinunter. Auf der Straße erwog er mit einem Gesicht, als habe er Wermuth im Munde, die Worte, mit denen er sich bei Doktor Bontius entschuldigen wollte; dazwischen aber lächelten seine Augen und bärtigen Lippen.

Sein gelehrter Freund machte ihm die Abbitte leicht, und als Belotti nach Hause kam, fand er den Arzt am Bette der Kranken.

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