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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 99
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.
Ein Trost für die Menschheit.

Vom Bundesfest selbst werden wir beinahe nichts sagen. Zelte sind auf dem Marsfeld errichtet, ein Zelt für die Nationalversammlung, ein Zelt für den erblichen Repräsentanten – der in der That da ist, zu früh, und lange warten muß. Dreiundachtzig symbolische Departements-Freiheitsbäume, Bäume, und Maibäume genug. Der schönste von allen ein ungeheuerer rundum mit Wappenschildern und Geschlechtertafeln behangener Maibaum; ja, Säcke voll Akten, »sacs de procédure,« hängen dran, was alles verbrannt werden soll. Die dreißig Sitzreihen auf jenem berühmten Abhange sind wieder voll, wir haben einen schönen Tag, und alles marschiert fahnenschwenkend und trompetend; aber zu was ist es nütze? Der tugendhafte Pétion, den der Feuillantismus suspendiert hatte, ist erst gestern abend wieder eingesetzt worden durch einen Beschluß der Legislative. Die Stimmung der Leute ist die allerverdrossenste. Auf den Hüten liest man mit Kreide geschrieben: »Vive Pétion,« und sogar »Pétion oder Tod, Pétion ou la mort!«

Der arme Ludwig, der bis fünf Uhr gewartet hat, ehe die Versammlung anlangen wollte, schwört den Nationaleid, diesmal mit einem wattierten Küraß unter der Weste zum Schutze gegen Pistolenkugeln.Campan, II, 20; de Staël, II, 7. Madame de Staël reckt den Hals aus dem königlichen Zelt, in einer Art Todesangst, daß die wogende Menge, die den heraustretenden König empfängt, ihn nicht lebend zurückgeben werde. Kein Ruf Vive le roi begrüßt sein Ohr, nur die Rufe Vive Pétion und Pétion ou la mort! Die Nationalfeierlichkeit wird sozusagen abgehudelt, alles macht sich davon, beinahe bevor die Feierlichkeiten vorüber. Sogar der Maibaum mit seinen Wappenschildern und Aktensäcken wird vergessen, steht unverbrannt da, bis gewisse patriotische Deputierte, vom Volke gerufen, eine Fackel anlegen, gewissermaßen zum Nachspiel. Ein traurigeres Pikenfest war noch nie gesehen worden.

126 Maire Pétion, dessen Name an den Hüten figuriert, ist bei diesem Bundesfeste auf seinem Zenith. Lafayette dagegen ist nahe bei seinem Nadir. Warum läutet die Sturmglocke von Saint-Roch am nächsten Samstag, warum schließen die Bürger ihre Läden?Moniteur, Séance du 21 juillet 1792. Es defilieren Sektionen, man fürchtet einen Aufstand. Das Komitee, das lange über Lafayette und seinen antijakobinischen Besuch beraten hat, erklärt heute, daß »kein Grund zur Anklage« vorhanden sei! Bleibt ruhig, ihr Patrioten, trotzdem! Und laßt jene Sturmglocke schweigen! Noch ist die Debatte nicht beendet, noch ist über den Bericht nicht beschlossen, sondern Brissot, Isnard und der Berg werden ihn prüfen und wieder prüfen, vielleicht noch drei Wochen lang.

So manche Glocken, Sturmglocken und anderes ertönt; das Einzelne kaum hörbar, da eins das andere übertäubt. Erklang nicht zum Beispiel am Samstag, neben der Lafayette-Sturmglocke, überdies ein schwacher Unterton einer anderen Glocke, während eine Deputation der Legislative den Chevalier Paul Jones zu seiner langen Ruhe geleitete? Ihm ist jetzt alles eins, Sturm oder Grabgeläute. Nicht zehn Tage später wird der Patriot Brissot, heute noch von den patriotischen Galerien bejubelt, von ihnen angeknurrt werden wegen seines beschränkten Patriotismus, ja beworfen, während er spricht, und »von zwei Pflaumen getroffen werden.«Histoire parlementaire, XVI, 185. Es ist eine verworrene Welt voll leeren Lärms von Grab- und Sturmläuten, von Triumph und Schrecken, Steigen und Fallen.

Um so rührender ist die andere Feierlichkeit, die am Tage nach der Lafayette-Sturmglocke stattfindet: die Proklamation, daß das Vaterland in Gefahr. Nicht vor dem heutigen Sonntage konnte besagte Feierlichkeit stattfinden. Die Legislative beschloß darüber beinahe schon vor vierzehn Tagen, aber das Königtum und das Gespenst von einem Ministerium hielten die Sache zurück, wie sie nur konnten. Jetzt indessen, an diesem Sonntag, den 22. Juli 1792, läßt sich's nicht länger zurückhalten und die Feierlichkeit findet in aller Wirklichkeit statt. Rührend zu sehen! Munizipalität und Maire haben ihre Schärpen an, Geschützsalven donnern Alarm vom Pont-Neuf und einzelne Kanonen in Zwischenräumen den ganzen Tag lang. Berittene Garden, beschärpte Notabilitäten, Hellebardiere und eine Kavalkade mit fliegenden sinnbildlichen 127 Fahnen, besonders mit einer ungeheueren Fahne, die traurig herabhängt: »Citoyens, la patrie est en danger.« So geht's durch die Straßen mit ernst tönender Musik und langsamem Pferdegetrappel, Anhalten an bestimmten Punkten; und unter schaurigen Trompetenstößen verkündet die Stimme eines Herolds dem Ohr, was die Fahne dem Auge sagt: »Bürger, das Vaterland ist in Gefahr.«

Giebt's eines Menschen Herz, das dies ohne Schauer hört? Das vielstimmige, hierauf antwortende Gesumme oder Gebrülle dieser Menschenmenge ist nicht ein Laut des Triumphs; und doch ist es ein Laut, tiefer als Triumph. Aber als die lange Kavalkade und Proklamation zu Ende, und unsere ungeheuere Fahne auf dem Pont-Neuf aufgepflanzt war, eine andere gleiche auf dem Stadthause, um hier bis auf bessere Zeiten zu wehen, und als jeder Munizipalrat inmitten seiner Sektion in einem Zelte saß, das auf irgend einem weiten Platze errichtet war, jedes Zelt mit flatternder Fahne »patrie en danger,« und darüber eine Pike und bonnet rouge, und vor dem Munizipalrat ein bretterner Tisch auf zwei Trommeln und darauf ein offenes Buch, und ein Schreiber dabei wie »Gottes aufzeichnender Engel,« bereit, die Namen Freiwilliger einzutragen – da hätten, so scheint's uns, die Götter selbst mit Lust herunterschauen mögen! Der junge culottische und sansculottische Patriotismus strömt wetteifernd heran: dies ist mein Name – Name, Blut und Leben gehören ganz meinem Vaterlande! Warum habe ich nicht mehr! Jünglinge von kleinem Wuchs weinen, daß sie das Maß nicht haben. Greise kommen heran, einen Sohn an jeder Hand. Mütter sogar wollen den unter Schmerzen geborenen Sohn hergeben, senden ihn, wenn auch mit Thränen. Und die Menge brüllt: »Vive la patrie!« weithinschallend. Feuer blitzt aus aller Augen. Um die Abendzeit kehrt der Munizipalrat ins Stadthaus zurück, gefolgt von seinem langen Zuge tapferer Freiwilliger, übergiebt seine Liste und sagt, mit stolzem Blicke um sich schauend: Das ist meine Tagesernte.Tableau de la Révolution, § Patrie en danger. Morgen werden sie nach Soissons marschieren, ihr Hab und Gut im kleinen Bündel.

So erbraust, wie der Ocean in seinen Höhlen, das steinerne Paris vom Rufe: »Vive la patrie, vive la liberté«; Tag um Tag werben die Munizipalräte an in ihrem trikoloren Zelte, es wehen die Fahnen aus dem Pont-Neuf und auf dem 128 Stadthause: »Citoyens, la patrie est en danger!« Bei zehntausend Streiter, ohne Disciplin, doch voll Mut, sind in wenigen Tagen auf dem Marsche. Das nämliche geschieht in jeder Stadt von Frankreich. – Man denke darum, ob es dem Lande an Verteidigern fehlen wird? Hätten wir nur eine Nationalexekutive! Auf jeden Fall, laßt nun die Sektionen und Primärversammlungen permanent werden! Sie werden permanent durch gesetzgebenden Beschluß vom Mittwoch den 25.,Moniteur, Séance du 25. juillet 1792. und sitzen beständig in Paris und über ganz Frankreich.

Demgegenüber bemerke man, wie um dieselben Stunden, am 25., Braunschweig sich in Koblenz »rührt, s'ébranle,« auf den Weg macht. Sich rührt, in der That; ein einzig Wort wird solch ein Rühren. Gleichzeitiges Schultern von dreißigtausend Musketen, Bäumen und Rasseln von zehntausend Pferden, denen bramarbasierende Emigranten vorangehen, Trommeln, Pauken, Weinen, Fluchen und unermeßliches Gerumpel von Bagagewagen und Feldkesseln; das alles heißt: Braunschweig rührt sich. Nicht ohne dies alles marschiert der eine Mann, »einen Raum bedeckend von vierzig Meilen.« Nicht ohne, ja noch weniger ohne sein Manifest, datiert, wie gesagt, vom 25., ein Aktenstück wert der Beachtung!

Nach diesem Dokument sollte es scheinen, große Dinge wären in Aussicht für Frankreich. Das ganze französische Volk soll nun Erlaubnis haben, sich um Braunschweig und seine emigrierten Seigneurs zu sammeln; die Tyrannei einer Jakobiner-Faktion soll es nicht mehr bedrücken; sondern es soll umkehren und Gnade finden bei seinem guten König, der vor drei Jahren in seiner königlichen Erklärung vom 23. Juni sagte, er wolle sein Volk selbst glücklich machen. Was die Nationalversammlung betrifft und andere für den Augenblick mit einem Schatten von Autorität bekleidete Körperschaften, so sind sie beauftragt, des Königs Städte und Festungen unversehrt zu erhalten, bis Braunschweig kommt und sie von ihnen übernimmt. Ja, schleunige Unterwerfung mag manches mildern, aber dafür muß sie schleunig sein. Jeder Nationalgardist oder andere nicht militärische Person, die in Waffen Widerstand leistet, soll »als Verräter behandelt,« das heißt: auf der Stelle gehenkt werden. Außerdem, sollte Paris, ehe Braunschweig dorthin kommt, dem König eine Beleidigung zufügen, oder zum Beispiel dulden, daß ihn eine Partei 129 anderswohin entführt, so soll Paris in Trümmer geschossen und »militärischer Exekution« unterworfen werden. Ebenso sollen alle anderen Städte, die solch einen gezwungenen Marsch Seiner Majestät sehen und nicht aufs äußerste sich widersetzen, zusammengeschossen werden. Und Paris und jede andere Stadt, die Ausgangs-, Durchgangs- oder Endpunkt für besagten gottesschänderischen Zwangsmarsch sein wird, soll als Schutt und rauchender Trümmerhaufen zur Warnung liegen bleiben. – Solche Rache wäre in der That exemplarisch, »une insigne vengeance« O Braunschweig, in welchen Worten du da schreibst und prahlst! In diesem Paris, wie im alten Ninive, sind so viele Tausende, die nicht die rechte von der linken Hand unterscheiden, und auch viel Vieh. Sollen sogar die Milchkühe, die vielgeplagten Lastesel und die armen kleinen Kanarienvögel sterben?

Auch an königlicher und kaiserlicher, preußisch-österreichischer Erklärung fehlt es nicht, worin die Sanssouci-Schönbrunner Auffassung dieser ganzen französischen Revolution, vom ersten Beginn an, weitläufig dargelegt und gesagt ist, mit welchem Schmerz diese hohen Häupter solche Dinge unter der Sonne thun sahen. Indes, »als einen kleinen Trost für die Menschheit,«Annual Register (1792) 236. senden sie nun Braunschweig; ohne Rücksicht auf die Kosten, wie man sagen möchte, oder auf ihre eigenen Opfer, denn ist es nicht die erste Pflicht, Menschen zu trösten?

Durchlauchtige Hoheiten, die ihr dasitzt und protokolliert, manifestiert und die Menschheit tröstet! Wie wäre es, wenn einmal in den tausend Jahren eure Pergamente, Formulare und Staatsraisons in alle vier Winde geblasen würden, und die Wirklichkeit ohne Hosen starrte euch, sogar euch, ins Gesicht; und die Menschheit sagte selber, was für ein Ding sie wohl trösten könnte?

 

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