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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 96
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel.
Die Prozession der schwarzen Hosen.

Aber giebt es nun in Frankreich einen denkenden Mann, der unter diesen Umständen sich überreden kann, daß die Konstitution marschieren werde? Braunschweig rührt sich, er wird in einigen Tagen marschieren. Soll Frankreich still sitzen, in Leichentücher gehüllt, die rechte Hand an die linke gefesselt. bis Braunschweigs St. Bartholomäusnacht anbricht, bis Frankreich wird, was Polen, und seine Menschenrechte ein preußischer Galgen sein werden?

Wahrlich, es ist für alle ein schrecklicher Moment. Nationaler Tod entweder, oder dann ein widernatürlicher krampfhafter Ausbruch eines nationalen Lebens, – jener schon 109 einmal vorausgesagte dämonische Ausbruch! Patrioten, deren Verwegenheit Grenzen hat, thäten in Wahrheit besser daran, sich zurückzuziehen; wie Barnave häusliches Glück in Grenoble genießt. Patrioten, deren Verwegenheit keine Grenzen hat, müssen hinabsteigen in dunkle Tiefe und, indem sie alles wagen und allem trotzen, das Heil suchen in List, in der Verschwörung zum Aufstand. Roland und der junge Barbaroux haben die Karte Frankreichs vor sich ausgebreitet, wie Barbaroux sagt, »mit Thränen«; sie betrachten die Flüsse, die Gebirgsketten darauf, wollen hinter diesen Loirestrom sich zurückziehen, jene Auvergner Steinlabyrinthe verteidigen, eine wenn auch noch so kleine heilige Zufluchtsstätte der Freiheit retten, wenigstens im letzten Graben sterben. Lafayette richtet seinen nachdrücklichen Brief an die Legislative gegen den Jakobinismus,Moniteur, Séance du 18. juin 1792. welcher nachdrückliche Brief das Unheilbare nicht heilen wird.

Vorwärts, ihr Patrioten, deren Verwegenheit keine Grenzen hat! An euch ist's da, zu handeln oder zu sterben. Die Sektionen von Paris sitzen in tiefer Beratung, senden Deputation nach Deputation in den Saal de Manège, um zu petitionieren und zu denunzieren. Groß ist ihr Zorn gegen das tyrannische Veto, das österreichische Komitee und die vereinten kimmerischen Könige. Was hilft's? Die Legislative hört wohl auf »die Sturmglocke in unseren Herzen«, bewilligt uns die Ehren der Sitzung, sieht uns mit Fanfaronaden defilieren; aber das Lager der Zwanzigtausend, das Priesterdekret, beide mit seiner Majestät Veto belegt, sind für die Legislative unmöglich geworden. Der feurige Isnard sagt: »Wir wollen Gleichheit haben, sollten wir auch für sie ins Grab hinabsteigen.« Vergniaud äußert hypothetisch seine ernsten Ezechiel-Visionen des Schicksals antinationaler Könige. Aber die Frage ist: Werden hypothetische Visionen, werden Fanfaronaden das Veto zerstören, oder wird das Veto, sicher in seinem Tuilerienpalaste, durch sie unzerstörbar bleiben? Barbaroux wischt sich seine Thränen weg und schreibt an die Marseiller Munizipalität, daß sie ihm sechshundert Männer senden müßte, »die zu sterben wissen, qui savent mourir«.Barbaroux, p. 40. Nicht mit nassen Augen, nein, mit flammenden schreibt er diese Botschaft – der entsprochen werden wird!

Inzwischen ist der 20. Juni nahegerückt, der Jahrestag 110 jenes weltberühmten Ballhofschwures; an welchem Tage, wie es heißt, gewisse Bürger beabsichtigen, einen Maibaum oder Freiheitsbaum auf der Feuillantsterrasse der Tuilerien zu pflanzen, vielleicht auch bei der Legislative und dem erblichen Repräsentanten zu petitionieren wegen dieser Veto, – mit solchen großartigen Demonstrationen, als nur dienlich und möglich sein wird. So haben's schon einzelne, verschiedene Sektionen gethan, aber wie, wenn sie nun alle gingen oder ein großer Teil von ihnen, und da unter diesen beunruhigenden Umständen den Maibaum pflanzten und die Sturmglocke in ihren Herzen läutete?

Unter Königsfreunden kann es über einen solchen Schritt nur eine Meinung geben, unter den Freunden der Nation mögen zwei Meinungen sein. Einerseits, wäre es nicht vielleicht möglich, so diese verwünschten Veto zu verscheuchen. Von Privatpatrioten und selbst von gesetzgebenden Deputierten mag jeder seine eigne Ansicht haben, oder keine; aber die schwerste Aufgabe haben da ersichtlich Maire Pétion und die Munizipalräte, die Patrioten und zugleich auch Hüter der öffentlichen Ruhe sind. Wie, wenn man die Sache mit der einen Hand beschwichtigte, mit der anderen Hand sie wieder aufregte? Maire Pétion und die Munizipalität mögen sich nach dieser Seite hinneigen, das Departements-Direktorium mit seinem Procureur-Syndikus Roederer nach jener. Schließlich muß jeder nach seiner eignen einen, oder nach seinen zwei Ansichten handeln, und alle möglichen Einflüsse und amtlichen Vorstellungen werden sich in der tollsten Weise durchkreuzen. Vielleicht wird sich doch nach allem das wünschenswerte und auch wieder nicht wünschenswerte Projekt, da so vieles dabei sich zuwiderläuft, zerschlagen und das Ganze zu nichts werden?

Nicht so. Am Morgen des 20. Juni liegt in der Vorstadt Saint-Antoine, sichtbar, auf seinen Wagen gebunden, ein großer Freiheitsbaum, seiner Spezies nach eine lombardische Pappel. Auch die Vorstadt Saint-Marceau im äußersten Südosten, und jene ganze fernliegende östliche Gegend sammeln sich, Pikenmänner und Pikenweiber, Nationalgarden und unbewaffnete Neugierige, – mit den friedlichsten Absichten von der Welt. Der trikolore Munizipalrat kommt und spricht. Still, wir sagen dir, es geht alles friedlich im Wege des Gesetzes vor sich. Sind nicht Petitionen erlaubt, und der Patriotismus der Freiheitsbäume? Der trikolore Munizipalrat kehrt unverrichteter Dinge zurück, die sansculottischen Rinnen fahren fort, sich zu ergießen, verbinden 111 sich zu Bächen. Gegen Mittag bewegt sich's, ein ansehnlicher Strom oder ein Zusammenfluß von immer noch anschwellenden Strömen, gegen Westen, angeführt von dem langen Santerre in blauer Uniform und dem langen Saint-Huruge im weißen Hut.

Was für Prozessionen haben wir nicht schon gesehen: einen Fronleichnamszug und Legendre in seinem Cabriolet wartend; Voltaires Gebeine mit Ochsenwagen und Wagenlenkern in römischem Kostüm; Feste vom Château-Vieux und Simonneau; Begräbnis Gouvions; Scheinbegräbnis Rousseaus und die Taufe von Pétion-National-Pique! Doch diese Prozession hat ihren eignen Charakter. Trikolore Bänder hoch oben an den Piken flatternd, eisenbeschlagene Knittel und nicht wenige Embleme, worunter wir besonders zwei bemerken, von tragischer und von untragischer Art: ein von Eisen durchbohrtes Ochsenherz mit der Aufschrift: »Coeur d'aristocrate, Aristokratenherz;« und, noch auffallender, eigentlich die Fahne des Zuges, ein Paar alte, schwarze Hosen (seidene, wie es heißt), hoch an einer Kreuzstange ausgebreitet, mit den denkwürdigen Worten: Tremblez tyrans, voilà les Sansculottes, zittert, Tyrannen, da sind die Sansculotten.« Auch zwei Kanonen schleppt der Zug mit. Wieder treten, auf dem Quai Saint-Bernard, dem Zuge beschärpte, trikolore Munizipalräte entgegen, rufen Halt und reden ernstlich. Wir sind friedlich, ihr tugendhaften, trikoloren Munizipalräte, friedlich wie die girrende Taube. Seht unseren Ballhof-Maibaum! Petitionieren ist gesetzlich, und was die Waffen betrifft, empfing denn nicht eine hohe Legislative die sogenannten Achttausend unter Waffen, obgleich sie Feuillants waren? Und sind unsere Piken nicht von Nationaleisen? Das Gesetz ist unser Vater und unsere Mutter, die wir nicht verunehren wollen; aber der Patriotismus ist unsere eigne Seele. Friedlich sind wir, ihr tugendhaften Munizipalräte, – und im übrigen ist unsere Zeit knapp! Halt machen können wir nicht, marschiert ihr mit uns. – Die schwarzen Hosen bewegen sich ungeduldig, die Kanonen rumpeln, das vielfüßige Heer trampelt weiter.

Wie es die Salle de Manège erreichte, einem immer wachsenden Strome gleich, nach längerer Debatte Einlaß erlangte, seine Adresse las und tanzend und ça-ira singend defilierte, von dem langen, vollbrüstigen Santerre und dem langen, vollbrüstigen Saint-Huruge geführt; wie es, jetzt kein wachsender Strom mehr, sondern ein geschlossenes Kaspisches Meer, sich rings um den ganzen Tuilerienbezirk ergoß; wie 112 die vorderen Patrioten, von den hinteren gegen die eisernen Gitterstangen gedrängt, in Lebensgefahr waren, erdrückt zu werden, und noch dazu in den schrecklichen Schlund von Kanonen schauen mußten, da innerhalb der Gitter Nationalbataillone aufgestellt waren; wie trikolore Munizipalräte und Royalisten mit Einlaßkarten eifrig hin und her liefen; und wie beide Majestäten drinnen saßen, umringt von Leuten in Schwarz – das alles mag man sich vorstellen oder in alten Zeitungen und Syndikus Roederers »Chronik der fünfzig Tage« nachlesen.Roederer, etc. (in der Histoire parl., XV, 98-194).

Unser Maibaum ist gepflanzt, wenn auch nicht auf der Feuillantsterrasse, wo kein Zugang ist, dann doch im Garten der Kapuziner, so nahe als man kommen konnte. Die Nationalversammlung hat sich bis zur Abendsitzung vertagt. Vielleicht wird dieses geschlossene Meer, wenn es keinen Zugang findet, sich wieder zu seinen Quellen zurückziehen und in Frieden verschwinden. Ach, noch nicht. Hinten wird immer noch gedrückt; was weiß man hinten, welch einen Druck man vorn erleidet. Auf jeden Fall möchte man, wenn möglich, ehe man geht, mit Seiner Majestät ein Wort sprechen.

Die Schatten fallen länger, dem Westen zu. Es ist vier Uhr; wird Seine Majestät nicht herauskommen? Das wird er kaum! In diesem Falle wollen Kommandant Santerre, Viehschlächter Legendre, Patriot Huguenin mit der Sturmglocke im Herzen, und andere von Autorität, hineingehen. Man richtet Gesuch und Bitten an die ermüdete, unschlüssige Nationalgarde, lauter und lauter, unterstützt vom Rasseln unsrer zwei Kanonen! Zögernd wird das Thor geöffnet. Unendliche Sansculottenhaufen überfluten die Treppen, pochen am hölzernen Hüter des Privatlebens. Pochen wird in einem solchen Falle zum Schlagen, zum Zertrümmern; der hölzerne Hüter fliegt in Stücke. Und nun folgt eine Scene, die die Welt lange und nicht mit Unrecht beklagt hat; denn ein traurigeres Schauspiel als dieses Gegenüberstehen zweier nicht übereinstimmender Faktoren, die sich sozusagen gegenseitig erkannten und blöde ins Angesicht starrten, hat die Welt selten gesehen.

König Ludwig, als man an seine Thüre schlägt, öffnet dieselbe, steht da mit offener Brust und fragt: »Was wollt ihr?« Die sansculottische Flut prallt erschreckt zurück, kehrt aber wieder, von den hinteren gedrängt, mit Rufen: »Veto! 113 Patriotische Minister! Weg mit dem Veto!« – worauf Ludwig tapfer antwortet, daß jetzt weder die Zeit, noch dies die Art sei, solches von ihm zu verlangen. Ehren wir jede Tugend an einem Manne! Ludwig fehlt es nicht an Mut, er hat sogar die höhere Art davon, die man moralischen Mut nennt, wenn auch nur die passive Hälfte. Seine wenigen Nationalgrenadiere ziehen sich mit ihm in eine Fenstervertiefung zurück. Hier steht er mit untadeliger Passivität mitten unter dem Drängen und Schreien. Welch ein Schauspiel! Man reicht ihm eine rote Freiheitsmütze; er setzt sie sich ruhig auf den Kopf und vergißt sie da. Er beklagt sich über Durst; halbtrunkenes Schurkenpack hält ihm eine Flasche hin, er trinkt daraus. »Sire, fürchten Sie sich nicht!« sagte einer seiner Grenadiere. »Fürchten?« antwortet Ludwig, »fühle da«, und legt des Mannes Hand auf sein Herz. So steht die Majestät in rotwollener Mütze da, schwarzer Sansculottismus wälzt sich rund um ihn herum, weit hin, planlos, mit unartikulierten Mißtönen, mit Rufen: »Veto, patriotische Minister!«

Für eine Dauer von drei Stunden oder mehr! Die Nationalversammlung hat sich vertagt, die trikoloren Munizipalräte nützen beinahe nichts, Maire Pétion läßt auf sich warten, Autorität ist keine vorhanden. Die Königin mit ihren Kindern und der Schwester Elisabeth, in Thränen und Angst nicht nur für sich selber, sitzen hinter einer Barrikade von Tischen und Grenadieren in einem innern Gemache. Die Leute in Schwarz sind alle wohlweislich verschwunden. Die blinde Sansculottensee wälzt sich stockend durch des Königs Palast drei Stunden lang.

Doch nehmen alle Dinge ein Ende. Vergniaud kommt mit einer Deputation der Legislative, da jetzt die Abendsitzung eröffnet ist. Maire Pétion ist angelangt, haranguiert das Volk, »auf den Schultern zweier Grenadiere stehend«. In dieser unbequemen Stellung und in anderen haranguiert Maire Pétion an verschiedenen Plätzen, draußen und drinnen; viele andere Männer thun das Gleiche. Endlich defiliert Kommandant Santerre, geht mit seinem Sansculottismus an der entgegengesetzten Seite des Palastes hinaus. Als er durch das Zimmer kommt, wo mit einer Miene voll Würde und trauriger Ergebung die Königin mitten unter den Tischen und Grenadieren sitzt, reicht auch ihr ein Weib eine rote Mütze; die Königin behält sie in der Hand, setzt sie sogar dem kleinen Kronprinzen auf. »Madame«, sagt Santerre, »dies 114 Volk liebt Sie mehr, als Sie denken«.Toulongeon, II, 173; Campan II, 20. – Gegen acht Uhr fallen die Glieder der königlichen Familie sich in die Arme, unter »Strömen von Thränen«. Unglückliche Familie! Wer wollte sie nicht beweinen, wäre nicht eine ganze Welt zu beweinen?

So ist das Zeitalter der Ritterlichkeit vorbei, und das des Hungers gekommen. So schaut der von allem entblößte Sansculottismus seinem Roi, Ordner, allerweisesten Könige ins Angesicht und findet, daß der ihm nichts zu geben hat. So starren die beiden Parteien, nach langen Jahrhunderten einander von Angesicht zu Angesicht gegenübergestellt, blöde einander an: Dies bin ich; aber, ums Himmels willen, bist das du? Und gehen weiter, nicht wissend, was daraus machen. Und doch, wo nicht Übereinstimmendes sich nun erkannt hat als nicht übereinstimmend, so muß etwas daraus gemacht werden. Das Schicksal weiß, was.

Dies ist der weltberühmte 20. Juni, der es eher verdiente, die Prozession der schwarzen Hosen zu heißen. Womit wir vielleicht das, was wir von diesem ersten französischen zweijährigen Parlament und seinem Thun und Wirken zu sagen hatten, passend genug abschließen mögen. 115

 


 

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