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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 95
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Elftes Kapitel.
Der erbliche Repräsentant.

Und doch wird nicht durch Carmagnole-Tanzen und das Singen von ça-ira etwas zu Stande gebracht. Der Herzog von Braunschweig tanzt keine Carmagnolen, sondern hält seine Drillmeister in Thätigkeit.

An den Grenzen benehmen sich unsere Armeen, sei es nun Verrat oder nicht, aufs allerschlechteste. Was soll man von ihnen sagen? Schlecht befehligte Truppen? Oder Truppen, die an und für sich schlecht sind? Schlecht verpflegt, undiszipliniert, meuterisch, in dreißigjährigem Frieden nie im Feuer gestanden? Jedenfalls ist Lafayettes und Rochambeaus kleiner Handstreich, den sie gegen österreichisch Flandern unternahmen, so unglücklich ausgefallen, als es nur ein Handstreich kann: die Soldaten erschraken vor ihrem eignen Schatten, schrien plötzlich »on nous trahit« und rannten davon in wilder Panik bei oder vor dem ersten Schuß; nichts brachten sie zuwege, als zwei oder drei Gefangene, die sie aufgelesen, zu hängen und ihren eignen Kommandanten, den armen Theobald Dillon, den sie in der Stadt Lille in einen Kornspeicher trieben, zu massakrieren.

Und der arme Gouvion, derselbe, der ratlos dasaß beim Weiberaufstande! Gouvion hatte den Saal der Legislative und seine parlamentarischen Pflichten in Überdruß und Verzweiflung verlassen, als jene Galeerensklaven vom Château-Vieux dort zugelassen wurden. Er sagte: »Zwischen den Österreichern und den Jakobinern bleibt einem keine Wahl mehr als eines Soldaten Tod,«Toulongeon, II, 149. und so hat er sich denn »in dunkler, stürmischer Nacht« in den Schlund der österreichischen Kanonen gestürzt und ist im Gefechte bei Maubeuge am 9. Juni gefallen. Der gesetzgebende Patriotismus trauert um ihn mit schwarzen Leichentüchern und Totenklage auf dem Marsfelde. Mancher Patriot war klüger als er, treuer keiner. Lafayette selbst zeigt sich von einer ganz zweifelhaften Seite; anstatt die Österreicher zu schlagen, ist er beschäftigt, gegen die Jakobiner zu schreiben. Rochambeau, ganz trostlos, verläßt den Dienst; es bleibt nur mehr Luckner, der schwatzende, alte, preußische Grenadier.

Ohne Armeen, ohne Generale! Und die kimmerische Macht 106 hat sich gesammelt, Braunschweig bereitet schon seine Proklamation vor, ist im Begriff zu marschieren. Möge das patriotische Ministerium und die Legislative sagen, was sie unter diesen Umständen thun wollen! Vorerst innere Feinde unterdrücken, antwortet die patriotische Legislative und beantragt am 24. Mai ihr Dekret der Verbannung widerspenstiger Priester. Man sammle auch einen Kern entschiedener innerer Freunde, fügt der Kriegsminister Servan hinzu und beantragt am 7. Juni sein Lager von zwanzigtausend Mann. Zwanzigtausend Nationalfreiwillige, fünf aus jedem Kanton, auserlesene Patrioten, denn ein Roland hat das Innere unter sich; die sollen sich hier in Paris versammeln und, klug bedacht, zur Verteidigung sowohl gegen fremde Österreicher, als gegen ein eigenes österreichisches Komitee dienen. So viel vermögen ein patriotisches Ministerium und eine patriotische Legislative.

So vernünftig und klug ausgedacht solch ein Lager für Servan und den Patriotismus erscheinen mag, so erscheint es nicht so für den Feuillantismus, für jenen feuillantistisch-aristokratischen Stab der Pariser Garde, einen Stab, der, man möchte wohl wieder sagen, notwendig aufgelöst werden muß. Diese Leute sehen in diesem von Servan vorgeschlagenen Lager eine Beleidigung, und sogar, wie sie vorgeben, eine Beschimpfung. Infolgedessen kommen Petitionen von blauen Feuillants in Epauletten und werden übel aufgenommen. Ja, am Ende kommt eine Petition, genannt die Petition »der achttausend Nationalgarden«; so viele Namen stehen drauf, Weiber und Kinder eingerechnet. Diese berühmte Petition der Achttausend wird wirklich angenommen, und die Bittsteller, alle unter Waffen, werden zu den Ehren der Sitzung zugelassen, – wenn Ehren oder auch nur eine Sitzung da sein werden; denn im Augenblick, wo ihre Bajonette an der einen Thür erscheinen, »vertagt« sich die Versammlung und strömt zur anderen Thür hinaus.Moniteur, Séance du 10. juin 1792.

Auch ist es in diesen Tagen beklagenswert zu sehen, wie Nationalgarden, die die Fronleichnamsprozession eskortieren, jeden Patrioten beim Kragen fassen und niederschlagen, der nicht den Hut abnimmt, wenn die Hostie vorübergetragen wird. Sie halten ihre Bajonette dem Viehschlächter Legendre, einem seit den Bastilletagen wohlbekannten Patrioten, auf die Brust und drohen, ihn abzuschlachten; obwohl er ganz 107 respektvoll, wie er sagt, in seinem Kabriolet gesessen, in einer Entfernung von fünfzig Schritt, wartend bis der Zug vorüber wäre. Ja, orthodoxe Weiber schrien, er müsse an die Laterne.Débats des Jacobins (in der Histoire parlementaire, XIV, 429).

Zu einer solchen Höhe ist in diesem Corps der Feuillantismus gestiegen. Denn wirklich, sind nicht ihre Offiziere Kreaturen des Hauptfeuillants Lafayette? Auch der Hof hat sich natürlich an sie herangemacht, ihnen geschmeichelt, schon seit jener Auflösung der sogenannten konstitutionellen Garde. Einige Bataillone sind ganz und gar aus Feuillantismus geknetet, »pétris« im Grunde reine Aristokraten, zum Beispiel das Bataillon der Filles-St.-Thomas, das aus Bankiers, Fondsmaklern und anderen vollen Börsen der Rue Vivienne besteht. Unser werter, alter Freund Weber, Ihrer Majestät Milchbruder, dieser Weber trägt auch eine Muskete in diesem Bataillon, – man kann sich denken, in welcher patriotischen Absicht.

Unbekümmert (oder vielmehr bekümmert) um all dies, beschließt die von dem patriotischen Frankreich und dem Gefühl der Notwendigkeit unterstützte Legislative das Lager von zwanzigtausend Mann. Die entschiedene, doch bedingte Verbannung von boshaften Priestern hat sie schon beschlossen.

Nun wird man sehen, ob der erbliche Repräsentant für uns ist oder wider uns? Ob oder ob nicht zu all unseren anderen Leiden noch dies unerträglichste kommt, daß wir nicht bloß eine bedrohte, in äußerster Gefahr und Not befindliche, sondern eine gelähmte Nation sind; daß wir dasitzen in den Leichentüchern einer Konstitution, die unsere rechte Hand an unsere linke fesselt, um so, unfähig uns zu rühren, zu warten, bis wir in preußischen Stricken zum Galgen hinaufsteigen? Möge der erbliche Repräsentant es wohl überlegen! Das Dekret betreffend die Priester? Das Lager der Zwanzigtausend? – Beim Himmel, er antwortet: Veto! Veto! – Der strenge Roland überreicht seinen »Brief an den König«; es war eigentlich Madames Brief, die ihn ganz in einer Sitzung geschrieben hatte; einer der freimütigsten Briefe, die je einem König überreicht worden. Diesen freimütigen Brief hat König Ludwig das Glück über Nacht zu lesen. Er liest, verdaut innerlich, und am nächsten Morgen sieht sich das ganze Ministerium entlassen. Es ist der 13. Juni 1792.Madame Roland, II, 115.

Dumouriez, der nie um Rat verlegene, mit einem Duranthon, 108 genannt Justizminister, verweilt noch für einen Tag oder zwei unter etwas verdächtigen Umständen. Er spricht mit der Königin, weint beinahe mit ihr; aber am Ende reist auch er ab zur Armee und überläßt das Ruder den unpatriotischen oder halbpatriotischen Ministerien, die jetzt es annehmen können. Man nenne sie nicht; es sind neue, schnell wechselnde Phantome, die vorübereilen wie die Bilder einer Zauberlaterne, gespensterhafter denn je!

Unglückliche Königin, unglücklicher Ludwig! Die beiden Veto waren so natürlich: sind nicht die Priester Märtyrer, und auch Freunde? Dieses Lager der Zwanzigtausend, könnte es aus anderen als stürmischen Sansculotten bestehen? Die beiden Veto waren natürlich, und doch, für Frankreich, unerträglich. Priester, die mit Koblenz zusammenarbeiten müssen, anderswohin gehen mit ihrem Märtyrertum; stürmische Sansculotten, sie und keine andere Art von Kreaturen werden die Österreicher zurücktreiben. Ziehst du die Österreicher vor, dann, um Himmels willen, geh und vereinige dich mit ihnen. Wenn nicht, so halte es offen mit dem, was uns bis in den Tod gegen sie verteidigen wird. Mittelweg giebt es keinen.

Oder, ach, welcher Ausweg war noch übrig nun für einen Mann wie Ludwig? Geheime Royalisten, der Exminister Bertrand de Moleville, der Exkonstituent Malonet und alle Sorten unnützer Individuen raten und raten. Den hoffenden Blick bald auf die gesetzgebende Versammlung gerichtet, bald auf Österreich und Koblenz, und rundum auf das Gebiet der glücklichen Möglichkeiten; so wirbelt und treibt ein altes Königtum auf dem Strom der Dinge, man weiß nicht wohin.

 

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