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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 94
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel.
Pétion-National-Pique.

Und doch, wie über den dunkeln, bodenlosen Katarakten die närrischten, phantastisch gefärbten Schaum- und Schattengebilde spielen, den Abgrund unter Regenbogendünsten verbergen! Neben der Diskussion über den Krieg mit Österreich 103 und Preußen läuft eine nicht weniger, sondern im Gegenteil noch viel mehr heftige Diskussion, ob die vierzig oder zweiundvierzig Schweizer vom Château-Vieux von den Brester Galeeren erlöst werden sollen? Und ob sie, wenn erlöst, durch ein öffentliches Fest oder nur durch Privatfestlichkeiten gefeiert werden sollen?

Demoiselle Théroigne sprach, wie wir sehen, und Collot nahm die Sache auf. Hat denn nicht Bouillés letzte Entpuppung seiner selbst, in jener seiner letzten Nacht der Sporen, die sogenannte »Revolte von Nancy« in aller Patrioten Urteil zu einem »Massacre von Nancy« gestempelt? Verhaßt ist uns dieses Massacre, verhaßt der »öffentliche Dank«, den Lafayette und Feuillants dafür ausgesprochen haben! Denn gerade sind Jakobiner-Patriotismus und der zerstreute Feuillantismus im Kampf auf Leben und Tod und bedienen sich jeder Waffe, sogar der Theaterscenen. Die Mauern von Paris werden darum mit Plakaten und Gegenplakaten bedeckt in der Sache der Schweizerdummköpfe. Journal erwidert Journal; Schauspieler Collot dem Dichterling Roucher; Joseph Chénier, der Jakobiner und Ritter der Théroigne, seinem Bruder André, dem Feuillant, Maire Pétion dem Dupont de Nemours; und für den Zeitraum von zwei Monaten giebt's nirgends Frieden für der Menschen Gedanken, – bis diese Sache abgemacht ist.

Gloria in excelsis! Endlich sind die vierzig Schweizer »amnestiert«. Freut euch, ihr Vierzig, herunter mit euern schmierigen wollenen Mützen, die zu Freiheitsmützen werden sollen! Die Brester Tochtergesellschaft begrüßt euch bei der Landung mit Küssen auf beide Backen; man streitet sich um eure eisernen Handschellen wie um Heiligenreliquien; die Brester Gesellschaft kann auch wirklich einen Teil davon haben, die sie in Piken, eine Art heiliger Piken, umschmieden wird, aber der andere Teil muß Paris gehören und dort von der Wölbung herniederhängen, neben den Fahnen der drei freien Völker. Solch eine Gans ist der Mensch und gackert über seidensamtne »Grands Monarques« und über wollene Galeerensklaven, über alles und über nichts, – und wird von ganzer Seele gackern, bloß wenn andere gackern.

Am Morgen des 9. April langen diese vierzig Schweizerdummköpfe an über Versailles, unter himmelhohen Vivats und dem Zusammenströmen von Männern und Weibern. Wir führen sie ins Stadthaus, ja in die Legislative selbst, obwohl nicht ohne Schwierigkeit. Sie werden feierlich angeredet, 104 bewirtet, beschenkt – wozu sogar der Hof, nicht aus Gewissensrücksichten, etwas beisteuert, – und ihr öffentliches Fest soll am nächsten Sonntag stattfinden. Und am nächsten Sonntag findet es statt.Zeitungen vom Februar, März, April 1792; Jambe d'André Chénier sur la fête des Suisses; etc., etc. (Histoire parlementaire, XIII, XIV). Sie werden auf einen »Triumphwagen, der einem Schiffe gleicht,« gesetzt, durch Paris gekarrt unter Trommel- und Paukenschall, von allen Sterblichen applaudiert; dann aufs Marsfeld gekarrt und zum Vaterlandsaltar; und endlich, denn die Zeit bringt immer einmal Erlösung, für immer in die Unsichtbarkeit gekarrt.

Daraufhin will der zerstreute Feuillantismus oder jene Partei, die noch die Freiheit nicht mehr liebt als die Monarchie, ebenfalls ihr Fest haben, ein Fest für Simonneau, den unglücklichen Maire von Etampes, der fürs Gesetz gestorben ist – ganz sicher fürs Gesetz, obschon der Jakobinismus es bestreitet, – denn er wurde ja in dem Getreideaufruhr mit seiner roten Fahne zu Tode getrampelt. Auch diesem Feste wohnt das Publikum bei, applaudiert aber nicht, behüte.

Kurz, an Festen fehlt es nicht, nicht an schönem Regenbogenstaub, wo alles jetzt mit dreifacher Schnelligkeit seinem Niagarafall zustürzt. Nationalgastmähler giebt es, Maire Pétion begünstigt sie; Saint-Antoine und die starken Schönen von den Markthallen defilieren durch den Jakobinerklub, da, nach Santerre, »ihr Glück sonst nicht vollkommen wäre«; sie singen vielstimmig ihr ça-ira und tanzen ihre ronde patriotique. Unter ihnen entdeckt man mit Freuden Saint-Huruge, den St.-Christoph der Carmagnole, »in weißem Hut,« wie man's ausdrücklich zu bemerken für nötig findet. Ja, ein gewisser Tambour oder Nationaltrommler, dem gerade eine kleine Tochter geboren worden, faßt den Entschluß, die neue Französin am Vaterlandsaltar taufen zu lassen. Nachdem getafelt worden, läßt er sie also taufen; Fauchet, der Tedeumsbischof, besorgt es, Thuriot und andere ehrenwerte Personen stehen Gevatter, und das Kind erhält den Namen: Pétion-National-Pique.PatrioteFrançais (Brissots Journal), in der Histoire parlementaire, XIII, 451. Wandelt diese merkwürdige Bürgerin, die jetzt über die besten Lebensjahre hinaus sein dürfte, noch auf Erden? Oder starb sie vielleicht am Zahnen? Für die Weltgeschichte ist das nicht gleichgültig. 105

 

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