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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 92
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.
Die Jakobiner.

Dennoch möge der Patriotismus nicht verzweifeln. Haben wir nicht, in Paris zum mindesten, einen tugendhaften Pétion, eine ganz patriotische Munizipalität? Der tugendhafte Pétion ist schon seit November Maire von Paris, in unserer Munizipalität kann das Publikum den energischen Danton sehen – denn das Publikum wird jetzt auch zugelassen, – ferner den epigrammatischen, langsam sicher gehenden Manuel, einen entschlossenen, nichts bereuenden Billaud-Varennes, einen Mann von jesuitischer Erziehung, auch Tallien, den Redacteur; und nichts als Patrioten, bessere oder schlechtere. So fielen die Septemberwahlen aus, zur Freude der meisten Bürger, sogar der Hof unterstützte Pétion lieber als Lafayette. Somit mußten Bailly und seine Feuillants, die lange wie der Mond im Schwinden begriffen waren, sich mit einer traurigen Abschiedsverbeugung zurückziehen,Discours de Bailly, Réponse de Pétion (Moniteur du 20. novembre 1791). ins Nichts, – oder vielmehr in Schlimmeres, in ein düsteres Zwielicht, grausig durch den Schatten ihrer roten Fahne und das bittere Andenken an das Marsfeld. Wie schnell ist nun der Lauf der Menschen und Dinge. Heute wird Lafayette nicht, wie an jenem Bundestage, wo sein Lebensmittag war, »sein Schwert fest auf den Vaterlandsaltar stemmen« und schwören im Angesichte Frankreichs; ach nein, er hängt nun traurig am Rande des Horizonts, seit jener Stunde immer mehr und mehr schwindend 95 und sinkend, er kommandiert einen der drei in der Mauser stehenden Kranichschwärme von Armeen, und zwar in einer höchst verdächtigen, erfolglosen, unbehaglichen Weise.

Aber, schlimmsten Falles, kann sich der Patriotismus, der hier in dieser Metropole der Welt so stark ist, nicht selber helfen? Hat er nicht Arme und Piken? Das Hämmern von Piken, das der Maire Bailly nicht hatte verbieten können, ist vom Maire Pétion, von der gesetzgebenden Versammlung gut geheißen worden. Warum auch nicht, wenn des Königs sogenannte konstitutionelle Garde »heimlich Patronen macht«? Selbst in der Nationalgarde sind Veränderungen nötig, dieser ganze feuillant-aristokratische Stab der Garde muß aufgelöst werden. Ebenso sollten sicherlich Bürger ohne Uniform mit in den Reihen der Garde stehen dürfen, die Pike neben der Muskete, in einer solchen Zeit; der »aktive« und der passive Bürger, der kämpfen kann, sind sie nicht beide willkommen? – Ohne Zweifel ja, meine patriotischen Freunde! Ja, die Wahrheit ist, der gesamte Patriotismus, und wäre er in noch so schöner Halskrause, wäre er noch so logisch, so respektabel, er muß sich aufrichtig auf den schwarzen, bodenlosen Sansculottismus stützen, oder in der schrecklichsten Weise verschwinden, zur Hölle gehen! So werden denn manche mit Naserümpfen den Sansculottismus samt und sonders verachten; andere sich aufrichtig auf ihn stützen; und wieder andere sich unaufrichtig auf ihn stützen – drei Klassen, eine jede mit entsprechendem Schicksale.

Haben wir indes nicht, in dieser Lage, jetzt einen freiwilligen Alliierten, der stärker ist als alle anderen, nämlich den Hunger? Hunger und all den panischen Schrecken, den er und die Totalsumme unserer anderen Übel erzeugen! Denn der Sansculottismus gedeiht von dem, woran alle anderen Dinge sterben. Der einfältige Peter Baille machte unbewußt beinahe ein Epigramm, und die patriotische Welt lachte nicht darüber, sondern über ihn, als er schrieb: »Tout va bien ici, le pain manque, alles geht hier gut, es mangelt an Brot.«Barbaroux, p. 94.

Ebenso, wenn man es nur wüßte, ist der Patriotismus nicht ohne eine Konstitution, die marschieren kann; er besitzt ein nicht ohnmächtiges Parlament, oder nenne man es ökumenisches Konzil und Generalversammlung der Jean-Jacques-Kirchen, nämlich: Die Muttergesellschaft! Die Muttergesellschaft mit ihren dreihundert erwachsenen Töchtern, 96 mit kleinen Enkelinnen, die in jedem Dorfe Frankreichs ihre Gehversuche machen und, wie Burke meint, nach Hunderttausenden zählen. Das ist die wahre Konstitution, eine, die nicht von zwölfhundert hohen Senatoren, sondern von der Natur selbst gemacht ist, die unbewußt aus den Bedürfnissen und Bemühungen der fünfundzwanzig Millionen Menschen hervorgegangen ist. Sie, unsere Jakobiner, sind »die Herren des Gesetzes,« sie schaffen die Debatten für die Legislative, diskutieren über Krieg und Frieden, bestimmen im voraus, was die Legislative thun soll. Zum großen Ärger philosophischer Leute und der meisten Geschichtschreiber, die darin natürlich wohl, doch nicht weise urteilen. Eine regierende Macht muß es geben, diese Macht ist's; die übrigen Mächte hier sind bloßer Schein.

Groß ist die Muttergesellschaft, sie hat die Ehre gehabt, vom österreichischen Kaunitz geschmäht zu werden,Moniteur, Séance du 29. mars 1792. und ist darum dem Patriotismus um so lieber. Durch Glück und Mut hat sie selbst den Feuillantismus, wenigstens den Feuillants-Klub, unterdrückt. Sie hat ihn am 18. Februar, so hoch er auch einst den Kopf trug, mit Befriedigung schließen sehen und erlöschen; Patrioten gingen hin unter großem Tumult, um ihn auszuzischen aus diesem Leben. Die Muttergesellschaft hat ihr Lokal vergrößert, das sich jetzt über das ganze Schiff der Kirche erstreckt. Werfen wir mit dem würdigen Toulongeon, unserm alten Exkonstituant-Freunde, der glücklicherweise Augen hat zu sehen, einen Blick hinein: »Das Schiff der Jakobinerkirche,« sagt er, »ist verwandelt in einen weiten Cirkus, dessen Sitze kreisförmig wie ein Amphitheater sich bis an die Dachwölbung erheben. Eine hohe Pyramide von schwarzem Marmor, die an eine der Mauern gebaut ist und ehemals ein Grabmonument war, ist allein noch stehen geblieben; sie dient jetzt als Rücken für das Bureau der Beamten. Hier, auf einer erhöhten Plattform, sitzen der Präsident und die Sekretäre; hinter und über ihnen die weißen Büsten Mirabeaus, Franklins und verschiedener anderer, zuletzt sogar die Marats. Gegenüber ist die Rednertribüne, die sich bis mitten zwischen dem Boden und der Deckenwölbung erhebt, so daß des Sprechenden Stimme gerade im Centrum ist. Von diesem Punkte ans donnern die Stimmen, die Europa erschüttern; tief unten werden schweigend die Donnerkeile und Feuerbrände geschmiedet. Dringt man in diesen gewaltigen 97 Kreis, wo alles maßlos, gigantisch ist, so kann man eine Bewegung des Schreckens und Staunens nicht unterdrücken; die Phantasie ruft uns jene schauerlichen Tempel ins Gedächtnis zurück, die von der Poesie der Alten den Rachegöttern geweiht waren.«Toulongeon, II, 124.

Scenen auch sieht dies jakobinische Amphitheater, – hätte nur die Geschichte Zeit für sie. Hier wurden die Fahnen der »drei freien Völker der Welt«, die drei brüderlichen Fahnen von England, Amerika, Frankreich, zusammen geschwenkt, von einer Londoner Deputation der Whigs und ihrem Klub auf einer Seite, von jungen französischen Bürgerinnen auf der anderen. Schöne, holdredende weibliche Bürger senden feierlich Gruß und Bruderkuß herüber, auch von ihrer eigenen Nadel genähte Trikoloren und endlich Weizenähren, während der Dom wiederhallt von dem Rufe aller Kehlen: »Vivent les trois peuples libres!« – eine höchst dramatische Scene. Demoiselle Théroigne erzählt, von jener Rednertribüne mitten in der Luft, ihre Schicksale in Österreich, kommt, auf den Arm Joseph Chéniers, des Poeten Chénier, gelehnt, um die Freiheit zu erbitten für die unglückseligen Schweizer vom Château-VieuxDébats des Jacobins (Histoire parl. XIII, 259 etc.). Hofft, ihr vierzig Schweizer, die ihr dort in den Gewässern von Brest rudert! Ihr seid nicht vergessen.

Der Deputierte Brisson peroriert von jener Tribüne herunter; Desmoulius, unser gottloser Camille, läßt von unten her den hörbaren Zwischenruf ertönen: »Coquin!« Hier, obschon noch öfter bei den Kordeliers, wiederhallt die Löwenstimme Dantons. Der grimmige Billaud-Varennes ist hier, Collot d'Herbois, der für die vierzig Schweizer spricht in höchsten Leidenschaftsausbrüchen. Der sich in witzigen Denksprüchen gefallende Manuel schließt hier mit den kräftigen Worten: »Ein Minister muß zu Grunde gehen!« – worauf das Amphitheater erwidert: »Tous, tous, alle, alle.« Aber der Hauptpriester und Redner hier ist, wie wir sagten, Robespierre, der langatmige, unbestechliche Mann. Welch ein patriotischer Sinn in jenen Zeiten in den Menschen gewesen sein muß, diese eine Thatsache scheint es uns zu beweisen, daß fünfzehnhundert menschliche Wesen, ohne gezwungen zu sein, bei Robespierres Reden ruhig dabeisitzen konnten, ja allabendlich, stundenlang und beifällig, und auf jedes Wort lauschten, als ob das Leben dran hinge. Ein unerträglicheres 98 Individuum, sollte man meinen, hat wohl selten seinen Mund auf einer Rednertribüne aufgethan. Bitter, ohnmächtig unversöhnlich, langweilig schleppend, trocken wie der Harmattan, der Wind von Afrikas Westküste. Er eifert in endlos seichter Rede gegen augenblicklichen Krieg, gegen wollene Mützen oder bonnets rouges, gegen viele andere Dinge, und ist der Trismegistus und Dalai-Lama der Patrioten. Dennoch erhebt sich zu respektvoller Gegenrede ein Mann von schriller Stimme und kleiner Gestalt, jedoch schönen Augen und einer breiten schön gewölbten Stirne; es ist, sagen die Zeitungsberichterstatter, »Monsieur Louvet, der Verfasser des reizenden Romans Faublas. Aber bleibt fest, ihr Patrioten! Zieht jetzt euern Wagen noch nicht nach zwei Seiten, wo Frankreich von panischem Schrecken ergriffen in den ländlichen Distrikten dahinstürzt, wo das kimmerische Europa über euch hereinstürmt!

 

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