Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Thomas Carlyle >

Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 91
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Siebentes Kapitel.
Die Konstitution will nicht marschieren.

Dem allen kann unsere arme, von einer nicht marschierenden Konstitution gehinderte Legislative nichts entgegenstellen, was hülfe, als bloße Ausbrüche parlamentarischer Beredsamkeit. Sie fährt fort, zu debattieren, anzuklagen, zu schmähen; ein lautes sich dahinwälzendes Chaos, das sich selbst verschlingt.

Aber ihre mehr als zweitausend Dekrete? Leser, die kümmern glücklicherweise weder dich noch mich. Bloße Gelegenheitsdekrete, thörichte und nicht thörichte, genügend für den Tag, damit er seine eigne Plage habe. Unter den ganzen zweitausend sind nicht zehn, die etwas nützen oder schaden, und diese größtenteils in der Geburt erstickt durch königliches Veto. Am 17. Januar sah wenigstens die Legislative ihren hohen Gerichtshof, ihre haute cour, in Orléans einsetzen. Die Theorie war von der Konstituante im letzten Mai aufgestellt worden, dies nun ist die Ausführung. ein Gericht zur Aburteilung politischer Vergehen; ein Gericht, dem es an Arbeit nicht fehlen kann. In Bezug auf dieses war beschlossen, daß es dafür keiner königlichen Annahme bedürfe, so daß darum kein Veto stattfinden könne. Auch können sich Priester jetzt verheiraten, schon seit letztem Oktober. Ein patriotischer, abenteuerlicher Priester war damals so kühn gewesen, sich zu verheiraten, und nicht genug damit, kam er mit seiner Neuvermählten vor die Schranken der Versammlung, damit die ganze Welt mit ihm Flitterwochen feiere und ein Gesetz gegeben werde.

Weniger erfreulich sind die Gesetze gegen widerspenstige Priester; und doch nicht weniger nötig. Was uns hier hauptsächlich interessieren mag, sind Dekrete gegen Priester und Dekrete gegen Emigranten; sie bilden die beiden kurzen Reihen von Dekreten, die nach endlosen Debatten zu stande gebracht und dann durchs Veto beseitigt wurden. Denn eine hohe Nationalversammlung muß notwendig diese geistlichen oder weltlichen Widerspenstigkeiten beugen und sie mit Daumschrauben zum Gehorsam bringen; doch immer, wenn wir der Widerspenstigkeit unsere legislative Daumschraube anlegen und sie drücken oder sogar zerdrücken wollen, bis die 90 Widerspenstigkeit nachgebe, – seht, da tritt des Königs Veto mit lähmender Zauberkraft dazwischen, und unsere Daumschraube, die kaum drückt, viel weniger zerdrückt, funktioniert nicht!

Wahrlich, eine melancholische Reihe von Dekreten, oder vielmehr zwei Reihen, und beide durch das Veto gelähmt! Zuerst, am 28. Oktober 1791, haben wir eine von Ausrufern und Zettelanschlägern verkündete Proklamation der Legislative, womit Monsieur, des Königs Bruder, bei Strafe aufgefordert wird, innerhalb zweier Monate zurückzukehren. Worauf Monsieur nichts erwidert, oder nur durch eine Zeitungsparodie die hohe Legislative bei Strafe auffordert, innerhalb zweier Monate »zur Vernunft zurückzukehren«. Daraufhin muß die Legislative strengere Maßregeln ergreifen. So erklärt sie denn am 9. November alle Emigranten als »der Verschwörung verdächtig«, und kurzweg für »geächtet«, wenn sie nicht bis zum Neujahrstage zurückgekehrt sein werden. Wird dazu der König Veto sagen? Begreifen kann man, daß »dreifache Steuern« von dieser Leute Gütern erhoben werden, oder daß ihre Güter sogar »sequestriert werden« sollen. Aber dann ferner, am Neujahrstage selbst, als nicht ein einziger »zurückgekehrt« ist, erklärt die Legislative, daß Monsieur seine eventuelle Erbschaft der Krone verwirkt habe (déchu), ja, mehr noch, daß Condé, Calonne und eine ansehnliche Liste von anderen des Hochverrates angeklagt sind und durch unsern hohen Gerichtshof von Orléans gerichtet werden sollen: Veto! – Dann wieder wurde, was eidverweigernde Priester betrifft, dekretiert, am letzten November, daß sie ihre etwaigen Pensionen verlieren, »unter Aufsicht, surveillance, gestellt« und, wenn nötig, verbannt werden sollten: Veto! Eine noch schärfere Maßregel folgt, aber auch hierauf wird die Antwort sein: Veto!

Veto auf Veto. Die Daumschraube gelähmt! Götter und Menschen können es sehen, daß die Legislative sich in einer falschen Lage befindet. Wer, ach, befände sich in einer richtigen? Schon murren Stimmen nach einem »Nationalkonvent«.Dezember 1791 (Histoire parlementaire, XII, 257). Diese arme Legislative, angespornt und angestachelt zur Thätigkeit von ganz Frankreich und ganz Europa, kann nichts thun, kann nur zanken und perorieren, mit stürmischen »Motionen«, und einer Motion, der kein Weg offen steht, nichts als Aufregung, Lärm und rauchende Wut!

91 Welche Auftritte in jenem Nationalsaal! Der Präsident klingelt mit seiner im Lärm nicht hörbaren Glocke, oder setzt, als äußerstes Zeichen der Not, seinen Hut auf; »nach zwanzig Minuten legt sich der Tumult,« und dieses oder jenes unbesonnene Mitglied wird für drei Tage nach dem Abbayegefängnis geschickt. Verdächtige Personen müssen vorgeladen und verhört werden; der alte Monsieur de Sombreuil von den Invaliden muß Rechenschaft geben über sich, und warum er seine Thore offen läßt. Ungewöhnlicher Rauch stieg auf von der Porzellanfabrik in Sèvres, was auf eine Verschwörung schließen ließ; die Töpfer gaben die Erklärung, daß es die von Ihrer Majestät aufgekauften Memoiren der Halsband-Lamotte wären, die sie versucht hätten durch Feuer zu unterdrücken,Moniteur, Séance du 28. mai 1792; Campan, II, 196. – die nichtsdestoweniger heute noch lesen kann, wer mag.

Dann wieder scheint es, als ob der Herzog von Brissac und des Königs konstitutionelle Garde »heimlich Patronen machten in den Kellern«. Dieses Gesindel von halben und ganzen Royalisten! Es sind ja manche darunter richtige Halsabschneider, die man aus Spielhöhlen und Schlupfwinkeln zusammengesucht hat; in allem 6000 statt 1800, die einen unverschämt anstieren, so oft wir das Schloß betreten.Dumouriez, II, 168. Darum denn sollen, nach unendlichen Debatten, Brissac und des Königs Garden aufgelöst werden. Aufgelöst werden sie auch, nach einem Dasein von nur zwei Monaten; denn sie waren erst im März desselben Jahres zu stande gekommen. So endet, kurzum, des Königs neue konstitutionelle maison militaire; er muß sich jetzt wieder bloß von Schweizern und blauen Nationalgarden bewachen lassen. So scheint's das Los von allem Konstitutionellen. Eine neue maison civile wollte der König nicht einmal begründen, so sehr Barnave darauf drang; alte zurückgebliebene Herzoginnen würden die Nase rümpfen und sich fern halten, und im Ganzen hielt Ihre Majestät es nicht der Mühe wert, wo doch der Adel so bald triumphierend zurück sein würde.Campan, II, 19.

Oder, wenn wir noch weiter in diesen Nationalsaal und seine Szenen blicken, so sehen wir Bischof Torné, einen konstitutionellen Prälaten von nicht strengen Sitten, beantragen, daß »geistliche Kleidung und derartige Karikaturen« 92 abgeschafft würden. Bischof Torné wird warm, gerät in Feuer und schließt damit, daß er sein eigenes priesterliches Kreuz ablöst und wie ein Pfand oder einen Wettbetrag zornig auf den Tisch wirft. Welches Kreuz sofort vom Kreuze des Tedeum-Fauchet, dann durch andere Kreuze und Insignien bedeckt wird, bis sich alle derselben entledigt haben; dieser klerikale Senator reißt seine Schädelkappe, jener seine Spitzenkrause herunter, – damit nicht der Fanatismus sich gegen ihn richte.Moniteur du 7. avril 1792; Deux Amis, VII, 111.

Schnell sind alle Regungen hier! Und dabei so verworren, unwesentlich, daß man sie beinahe gespenstisch nennen möchte; blaß, trübe, leer, wie das Königreich des Gottes Dis! Der ungestüme Linguet, der für uns zu einer Art Gespenst zusammengeschrumpft erscheint, spricht hier für irgend eine ihm wichtige Sache, unter Geräusch und Unterbrechung, die über menschliche Geduld gehen; darum »zerreißt er seine Papiere und geht«, der zornige, dürre, kleine Mann. Auch andere ehrenwerte Mitglieder zerreißen ihre Papiere in der Aufwallung, Merlin von Thionville thut es, indem er ruft: »Also kann das Volk nicht gerettet werden durch euch!« An Deputationen fehlt es auch nicht: Deputationen von Sektionen, die gewöhnlich mit Klagen und Beschuldigungen, immer mir patriotischem Feuer kommen; Deputationen von Weibern, die bitten, daß man ihnen auch erlaube, Piken zu nehmen und auf dem Marsfelde zu exerzieren. Warum nicht, ihr Amazonen, wenn euch daran liegt? Gelegentlich dann, wenn man seine Botschaft ausgerichtet und Bescheid erhalten hat, so defiliert man durch den Saal, »ça-ira singend« oder vielmehr, man wirbelt durch denselben, »dabei unsere ronde patriotique tanzend,« – unsere neue Carmagnole oder den pyrrhischen Kriegs- und Freiheitstanz. Der Patriot Huguenin, Exadvokat,. Exkarabinier, Exschreiber an der Barrière, kommt als Abgesandter, mit Saint-Antoine in seinem Gefolge, denunziert den Antipatriotismus, die Hungersnot, den Aufkauf und die Menschenfresser; er fragt die hohe Legislative: »Giebt es nicht eine Sturmglocke in euren Herzen gegen diese mangeurs d'hommes?«Siehe Moniteur, Séances (in der Histoire parlementaire XIII, XIV)

Aber vor allem ist es ein beständiges Geschäft der Legislative, die Minister des Königs zu tadeln. Von Seiner Majestät Ministern sagten wir bisher und sagen wir auch 93 ferner so gut wie nichts. Noch gespenstischer sind sie! Traurig ist's, keiner hält sich auf die Dauer, wenigstens nicht, seit Montmorin verschwand; der »älteste im Rate des Königs« ist zuweilen nicht zehn Tage alt.Dumouriez, II, 137. Feuillant-konstitutionell entweder, wie der respektable Cahier de Gerville, der achtbare, unglückliche Delessart; oder royalistisch-konstitutionell, wie Montmorin, Neckers letzter Freund; oder aristokratisch, wie Bertrand de Moleville; so schweben sie vorüber wie Phantome in der ungeheueren gärenden Verwirrung – arme Schatten, in die daherstürmenden Winde hinausgestoßen, machtlos, bedeutungslos, mit denen das menschliche Gedächtnis sich nicht zu belasten braucht.

Aber wie oft werden diese armen Minister der Majestät vorgeladen, um gefragt, gehofmeistert, ja bedroht, beinahe wie Buben behandelt zu werden. Sie antworten mit so feiner Verstellung und Kasuistik, als sie können, woraus die arme Legislative nicht weiß, was machen. Nur eines ist ihr klar: daß das kimmerische Europa uns umzingelt, daß Frankreich (doch sicherlich nicht wirklich tot?) nicht marschieren kann. Nehmt euch in acht, ihr Minister! Der schneidige Guadet durchbohrt euch mit Kreuzfragen, mit plötzlichen Advokatenschlüssen. Der Sturm, der in Vergniaud schlummert, kann erwachen. Der rastlose Brissot kommt mit Berichten, Anklagen endloser, dünner Logik daher; der Mann ist eben jetzt in seinem Fahrwasser. Condorcet redigiert mit seiner entschiedenen Feder unsere Adresse der gesetzgebenden Versammlung an die französische Nation«.16. Februar 1792 (Choix de rapports, VIII, 375-392). Der feurige Max Ismard, der übrigens nicht »Feuer und Schwert« als Kampfmittel gegen jene kimmerischen Feinde gebrauchen will, »sondern die Freiheit,« er will erklärt haben, »daß wir die Minister verantwortlich machen, und daß wir unter Verantwortlichkeit den Tod verstehen, nous entendons la mort«.

Denn wahrlich, jetzt wird's ernst. Es drängt die Zeit, und Verräter sind da. Bertrand de Moleville hat eine glatte Zunge, der bekannte Aristokrat, und Galle im Herzen. Wie seine Antworten und Erklärungen schnell bereit sind, wie jesuitisch und gefällig für das Ohr! Aber vielleicht das Merkwürdigste ist der Vorfall, als einmal Bertrand mit Antworten fertig war und sich zurückgezogen hatte. Kaum hatte die hohe Versammlung begonnen zu überlegen, was man mit ihm 94 machen solle, als der Saal sich mit Rauch füllt, dickem, stinkendem Rauch, der kein Reden mehr gestattet, nur Husten und Keuchen. Nichts hilft dagegen, so daß die hohe Versammlung sich vertagen muß.Courrier de Paris, 14. janvier 1792 (Gorsas Zeitung); in der Histoire parlementaire, XIII, 83. Ein Wunder? Ein typisches Wunder? Man weiß es nicht; nur das scheint man zu wissen, daß »der Ofenheizer von Bertrand angestellt war«, oder von einem seiner Untergebenen. – O raucherfülltes, verwirrtes Königreich des Dis, mit deinen Tantalus- und Ixionsqualen, mit deinen wilden Feuerfluten und den Strömen des Wehklagens, warum hast du nicht auch deinen Lethestrom, in den man sich versenken und diese Leiden enden könnte?

 

 << Kapitel 90  Kapitel 92 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.