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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 90
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.
Briganten und Jalès.

Wir sollen also Krieg bekommen, und unter welchen Umständen! Wo wir eine Exekutive haben, die jetzt wirklich mit immer weniger Verstellung »thut, als ob sie tot wäre«, die sogar dem Feinde sehnsüchtige Blicke zuwirft – unter solchen Umständen sollen wir Krieg bekommen.

Einen öffentlichen Beamten in kräftiger Wirksamkeit giebt es keinen, wenn man nicht Rivarol für einen solchen ansehen will, ihn mit seinem »Geniestab« und zweihundertachtzig Klatschern. Der Staatsdienst liegt danieder, sogar die Steuereinnehmer haben ihre Kniffe vergessen, und in dieser oder jener 86 Provinzialbehörde (Directoire de Département) wird es für ratsam gehalten, die Steuern, die man eintreiben kann, zurückzubehalten, um die eigenen unvermeidlichen Ausgaben zu bestreiten. Unsere Revenue besteht aus Assignaten, eine Emission von Papiergeld folgt der anderen. Und die Armee, unsere drei großen Armeen von Rochambeau, Luckner und Lafayette? Abgemagert, trostlos, bewachen diese drei großen Armeen dort die Grenze, wie drei Schwärme langhalsiger Kraniche in der Mauser, – elend, widerspenstig, desorganisiert, nie im Feuer, nie vor dem Feinde gestanden, ihre alten Generale überm Rhein. Der Kriegsminister Narbonne, der mit den rosafarbenen Berichten, verlangt Rekruten, Ausrüstungen, Geld, immer Geld; droht, da er keines erhalten kann, »sein Schwert zu nehmen«, das ihm selbst gehöre, und seinem Vaterlande damit zu dienen.Moniteur, Séance du 23. janvier 1792: Biographie des Ministres, § Narbonne.

Die Frage aller Fragen ist: Was ist zu thun? Sollen wir mit dem verzweifelten Trotz, den das Glück zuweilen begünstigt, sofort das Schwert ziehen im Angesichte dieser hereinbrechenden Welt von Emigranten und Obskuranten, oder sollen wir warten und passende Zeit abwarten und diplomatisieren, bis, wenn möglich, unsere Hilfsmittel sich ein wenig bessern? Und doch fragt sich's wieder, ob denn unsere Hilfsmittel sich bessern oder durch längeres Warten sich nicht noch verschlimmern werden? Es ist zweifelhaft. Die tüchtigsten Patrioten gehen in ihren Meinungen darüber auseinander. Brissot und seine Brissotins oder Girondisten sprechen in der Legislative laut für den ersteren trotzigen Plan; Robespierre bei den Jakobinern ist ebenso laut für den letztern, die Sache mehr hinhaltenden Plan, wobei es zu Erwiderungen, sogar zu gegenseitigen Vorwürfen kommt, die die Mutter des Patriotismus in Verwirrung bringen. Man denke, welch erregte Frühstücke es geben mag bei Madame d'Udon am Vendômeplatz! Die Unruhe bei allen ist groß. Helft, ihr Patrioten, und o, einigt euch wenigstens, denn die Zeit drängt. Noch war der Winterfrost nicht vorüber, als in jener »ziemlich hübschen Wohnung im Schlosse von Niort« ein Brief anlangte: General Dumouriez muß nach Paris. Es ist der Kriegsminister Narbonne, der schreibt; der General soll Rat geben in vielen Dingen.Dumouriez, II, 6. Im Monat Februar 1792 87 begrüßen die Brissotisten-Freunde ihren Dumouriez Polymetis – der wirklich einem antiken Odysseus in modernem Gewande vergleichbar, ein rascher, elastischer, verschlagener, unverwüstlicher »um Rat nicht verlegener Mann«.

Es stelle sich der Leser dies schöne Frankreich vor mit einem ganzen es umringenden kimmerischen Europa, das sich heranwälzt, schwarz, um loszubrechen in flammenden Kriegsdonner; das schöne Frankreich selbst an Händen und Füßen gebunden in den Verwicklungen dieses sozialen Kleides oder der Konstitution, die man ihm gemacht hat; ein Frankreich, das in solcher Konstitution nicht marschieren kann! Und Hunger dazu, und komplottierende Aristokraten und exkommunizierende Dissidentenpriester; »der Mann Namens Lebrun« treibt sein schwarzes Pferd an, sichtbar, und noch schrecklicher in seiner Unsichtbarkeit ist der Ingenieur Goguelat, der mit Chiffrebriefen der Königin reitet und rennt!

Die exkommunizierenden Priester verursachen neue Unruhe in der Maine- und Loire-Gegend, es haben weder die Vendée, noch Cathelineau der Wollhändler, aufgehört zu murren und zu knurren. Ja, seht Jalès selbst wieder auftauchen! Wie oft muß dieses wirklich imaginäre Lager des bösen Feindes zerstört werden! Nahezu zwei Jahre nun ist es in der geängstigten Phantasie des Patriotismus bald verblaßt, bald hell und deutlich erschienen; thatsächlich, wenns der Patriotismus nur wüßte, eines der überraschendsten Produkte der mit der Kunst zusammenwirkenden Natur. Royalistische Seigneurs versammeln, unter diesem oder jenem Vorwande, von Zeit zu Zeit das schlichte Volk dieser Cevennen-Berge, Leute, die des Empörens nicht ungewohnt und die das Herz zum Kämpfen hätten, wenn nur ihre armen Köpfe zu überreden wären. Der royalistische Seigneur haranguiert, indem er hauptsächlich die religiöse Saite tönen läßt: »Wahre Priester werden mißhandelt, falsche Priester uns aufgedrängt, Protestanten (einst mit den Waffen bekehrt) dürfen jetzt triumphieren, Heiliges den Hunden vorgeworfen,« und erzeugt dadurch rauhes Gemurre der frommen Bergbewohner. »Sollen wir nicht für die Religion eintreten, ihr tapfern Herzen der Cevennen, nicht zu Hilfe eilen? Verlangt's nicht die heilige Religion, ist's nicht Pflicht gegen Gott und König?« – »Si fait, si fait, so ist's, so ist's«, antworten immer die braven Herzen, »mais il y a de bien bonnes choses dans la révolution, aber die Revolution hat auch manches Gute!« – Und so dreht sich die Sache, mag man schmeicheln, wie man will, 88 immer nur um ihre eigne Achse, rührt sich nicht von der Stelle und bleibt bloß ein Theaterstück.Dampmartin, I, 201.

Nichtsdestoweniger erhöht nur eure Schmeicheleien, rührt die Saite schneller und schneller, ihr royalistischen Seigneurs! Mit einer letzten Kraftanstrengung könnt ihr es dazu bringen, daß im nächsten Juni dies Lager von Jalès aus einem Theaterstück plötzlich zu einer Wirklichkeit wird. 2000 Mann stark, sich rühmend, 70 000 stark zu sein, sehr seltsam anzusehen, mit fliegenden Fahnen, aufgesteckten Bajonetten, mit einer Proklamation und einer Artois'schen Bürgerkriegs-Kommission! Schnell möge ein Rebecqui oder ein anderer eifrig verständiger Patriot, ein »Oberstlieutenant Aubry«, wenn Rebecqui sonstwo beschäftigt ist, Nationalgarden aufbieten und das Lager von Jalès zerstreuen und auflösen und das alte Schloß in die Luft sprengen,Moniteur Séance du 15. juillet 1792. damit man, wenn möglich, nichts mehr davon höre!

In den Monaten Februar und März war, wie berichtet wird, der Schrecken, besonders in den ländlichen Distrikten Frankreichs, auf einen übernatürlichen, an Wahnsinn grenzenden Höhepunkt gestiegen. In Stadt und Land laufen Gerüchte um von Krieg, Mord, Österreichern, Aristokraten, vor allem davon, daß die Briganten in der Nähe. Die Leute verlassen Haus und Hütte, man flieht schreiend mit Weib und Kind, ohne zu wissen wohin. Solch ein Schrecken, sagen Augenzeugen, befiel noch nie eine Nation; noch wird er je wiederkehren, selbst nicht in ausdrücklich als Schreckenszeiten bezeichneten Zeiten. Die Gegenden an der Loire, das ganze Land im Zentrum und Südosten fahren auf in Verwirrung, »wie gleichzeitig von einem elektrischen Schlage getroffen«; – denn in der That wird auch das Korn immer seltener und seltener. »Das Volk verbarrikadiert die Zugänge zu den Städten, schleppt Steine in die obern Stockwerke, die Weiber halten kochendes Wasser bereit, jeden Augenblick erwartet man den Angriff. Auf dem Lande ertönt unaufhörlich die Alarmglocke, Trupps von Bauern, dadurch angesammelt, streifen auf den Landstraßen, suchen einen eingebildeten Feind. Sie sind meistens mit Sicheln bewaffnet, die sie in hölzerne Stiele stecken, und werden, wenn sie in wilden Trupps an den verbarrikadierten Städten anlangen, zuweilen selbst für Briganten gehalten.«Zeitungen &c. (in der Histoire parlementaire, XIII, 325).

89 So stürmt das alte Frankreich, stürzt immer tiefer. Was das Ende sein wird, weiß kein Sterblicher; aber daß das Ende nahe, mögen alle wissen.

 

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