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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 9
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.
Astraea redux mit der leeren Tasche.

Doch seht, jenseits des Oceans ist der neue Tag wirklich angebrochen. Die Demokratie ist geboren und kämpft sturmumgürtet um Leben und Sieg. Das mitfühlende Frankreich jubelt über die Menschenrechte; in allen Salons ruft man: Welch ein Schauspiel! Und nun kommen auch unser Deane, unser Franklin als Bevollmächtigte Amerikas und bitten hier persönlich um Hilfe;1777; Deane etwas früher: Franklin bis 1785. sie sind da, die Söhne der sächsischen Puritaner mit ihrem altsächsischen Charakter, ihrer althebräischen Kultur, der schlichte Benjamin, der schlichte Silas sind hier mit dieser Mission mitten unter den Kindern des Heidentums, der Monarchie, der Sentimentalität und des Scharlachweibes. Wahrlich, ein Schauspiel, worüber man in den Salons vor Freude gackern mag, – wenn auch Kaiser Joseph auf eine darauf gerichtete Frage eine Antwort gab, die man von einem Philosophen am allerwenigsten erwartet hätte: »Madame, mein Handwerk ist Royalist zu sein.« (Mon métier à moi c'est d'être royaliste.)

So denkt zwar auch der leichtfertige Maurepas, aber der Wind des Freidenkertums und die Macht der öffentlichen Meinung werden ihn bald herumdrehen. Einstweilen entbietet man die besten Wünsche und rüstet im Geheimen Kaper aus. Paul Jones soll seinen »Bon Homme Richard« bemannen; es lassen sich ja Waffen und Kriegsvorräte hinüberschmuggeln (wenn die Engländer sie nicht wegnehmen), ein Geschäft, bei dem wieder Beaumarchais als Riesenschmuggler im Hintergrunde undeutlich sichtbar wird und dabei auch seine eigene, magere Tasche füllt. Aber das steht fest: Frankreich sollte eine Flotte haben! Wäre nicht zur Erreichung dieses großen Zieles vielleicht gerade jetzt, da die stolze Beherrscherin der Meere vollauf beschäftigt ist, der rechte Augenblick? Ein verarmter Staatsschatz kann freilich keine Schiffe bauen; aber hat man nur einmal einen Wink gegeben (und Beaumarchais behauptet, er habe es gethan), dann wird dieser oder jener loyale Seehafen, diese oder jene loyale Handelskammer Schiffe bauen und zur Verfügung stellen. – Stattliche Schiffe stechen in die See, unter ihnen die »Ville de Paris,« der Leviathan unter den Schiffen.

Was kann Maurepas jetzt, da Dreidecker, die unentgeltlich 45 zur Verfügung stehen, mit flatternden Wimpeln vor Anker liegen und das freiheitsdurstige Freidenkertum immer ungestümer wird, anderes thun als – sich drehen? Geschwader durchqueren den Ocean, rauhe Yankee-Generale wie ein Gates, Lee, »die wollene Nachtmütze unter dem Hute,« präsentieren vor Frankreichs weitausblickender Ritterschaft, und die neugeborene Demokratie sieht nicht ohne Erstaunen »den durch Epigramme gemäßigten Despotismus« an ihrer Seite kämpfen. Und doch ist es so. Königliche Truppen und heldenmütige Freiwillige, die Rochambeaus, Bouillés, Lameths, Lafayettes haben ihr Schwert in diesem heiligen Kampf der Menschheit gezogen; – sie werden es auch an anderen Orten wieder ziehen und zwar in der seltsamsten Art.

Auf der Höhe von Ushant vernimmt man von den Schiffen her Kanonendonner. Was thut unser junger Prinz, der Herzog von Chartres? Hat er sich im Schiffsraum verborgen oder hat er seinen Heldenmut durch die That bewiesen und dadurch zum Siege beigetragen? Ach, leider erfahren wir aus einem anderen Bericht, daß es überhaupt keinen Sieg gegeben habe, oder daß doch nur der Engländer Keppel gesiegt haben könne.27. Juli 1778. – Der laute Beifall verwandelt sich in spöttisches Kichern, und unser armer junger Prinz kann nicht Groß-Admiral werden, – für ihn eine Quelle endlosen Wehes.

Wehe auch der »Ville de Paris,« dem Leviathan unter den Schiffen! Der Engländer Rodney wußte sie mit festem Griff zu fassen und brachte sie mitsamt den übrigen Schiffen in die Heimat; so trefflich hat sich sein »neues Manöver, die feindliche Linie zu durchbrechen, bewährt.«9. und 12. April 1782. Es scheint wirklich, als sollte Frankreich, wie Ludwig XV. äußerte, niemals »eine Flotte haben.« Der tapfere Suffren muß von Hyder-Aly und den indischen Gewässern zurückkehren, mit geringem Erfolg, aber großem Ruhm, weil er »sechsmal» keine Niederlage erlitt, eine Leistung, die man bei der geringen Unterstützung, welche er fand, wahrhaft heroisch nennen kann. Lassen wir jetzt den alten Seehelden, geehrt von Frankreich, in seinen heimatlichen Cevennen ausruhen; dort mag er aus den alten Schloten seines Schlosses von Jalés, das eines Tages in anderen Händen eine andere Berühmtheit erlangen wird, statt Pulverdampfs Küchenrauch 46 aufsteigen lassen. Auch der tapfere Lapérouse wird nicht lange darauf die Anker zur philanthropischen Entdeckungsreise lichten; denn der König versteht etwas von Geographie.1. August 1785. Leider soll auch diese Fahrt nicht glücken: – der tapfere Seefahrer geht und kehrt nicht wieder. Vergeblich sucht man im weiten Weltmeer nach ihm; er ist in der unendlichen Weite der blauen Fluten spurlos verschwunden, nur sein trauriger, geheimnisvoller Schatten lebt noch lange in den Herzen und Gedanken aller fort.

Auch Gibraltar will sich, während der Krieg noch immer währt, nicht ergeben, obwohl Crillon, Nassau-Siegen und die fähigsten Köpfe und Ingenieure ihrer Zeit dort anwesend und die Prinzen von Condé und Artois ihnen zu Hilfe geeilt sind. Wunderbar schwimmende Batterien mit ledernen Dächern, flott gemacht durch den französisch-spanischen Pact de famille, fordern ritterlich zur Übergabe auf; aber Gibraltar antwortet mit wahren Strömen rotglühenden Eisens, als wäre der Felsen Calpe zum Höllenschlund geworden, und donnert ihnen ein so vernichtendes Nein entgegen, daß alle daran glauben müssen.Annual Register (Dodsley's, XXV. 258-267). September, Oktober 1782.

Mit dieser donnernden Explosion verstummt der Kriegslärm, und das Zeitalter des Wohlwollens kann wieder ruhig weiter hoffen. Unsere edlen Freiwilligen der Freiheit sind zurückgekehrt und Apostel der Freiheit geworden. Lafayette glänzt als der Ritter ohne Furcht und Tadel seiner Zeit im Oeil de Boeuf von Versailles, und im Hotel de Ville von Paris stellt man seine Büste aus. Riesengroß, unüberwindlich steht die Demokratie in ihrer neuen Welt da und erhebt sogar den Fuß gegen die alte Welt. – – Unsere französischen Finanzen aber haben durch dies alles keine Besserung erfahren, im Gegenteil, mit ihnen steht es recht schlecht.

Was ist aber mit den Finanzen zu machen? Das ist die große Frage und eine zwar kleine, aber tiefschwarze Wetterwolke, die selbst der strahlende Glanz allgemeiner Hoffnungsfreudigkeit nicht verdecken kann. Wir sahen, wie Turgot unter lautem Lärm aus dem Amt gejagt wurde, weil ihm der Fortunatussäckel fehlte. Ebensowenig konnte Monsieur de Clugny den Anforderungen des Dienstes genügen oder überhaupt mehr thun als sein Gehalt verzehren, im übrigen den 47 Dienst gehen lassen, so gut es ging, und sich einen »Platz in der Geschichte sichern,« in der man seinem wesenlosen Schatten noch heute begegnet. Besaß der Genfer Necker diesen Säckel? Er besaß die Geschicklichkeit und Ehrlichkeit eines Banquiers und Kredit aller Art; denn er hatte akademische Preisschriften geschrieben, sich für indische Handelscompagnien eingesetzt, philosophische Diners gegeben und sich in zwanzig Jahren ein Vermögen erworben. Ferner besaß er die Wortkargheit und das feierliche Wesen des tiefen Denkers oder – des unklaren Kopfes. Welche Überraschung für Gibbon, den treulosen Seladon, dessen Vater, wahrscheinlich weil er sein eigenes Gig hielt, »von einer solchen Verbindung nichts hören wollte,« seine verlassene Demoiselle Curchod jetzt in den vornehmsten Kreisen als Frau eines Ministers und »Necker nicht eifersüchtig«Gibbons Briefe: Datum 16. Juni 1777 &c. zu finden.

Eine neue, junge Demoiselle, später als Madame und de Staël berühmt, spielt, jetzt noch ein Kind, zu den Füßen des Niedergangs und Zusammenbruchs. Madame Necker gründet Spitäler, giebt zur Aufheiterung ihres übermüdeten Generalkontroleurs glänzende philosophische Diners. Seltsame Früchte sind durch das ungestüme Drängen des Freidenkertums, durch die Verwaltung des Marquis de Pezay und durch die Armut, die selbst Könige bezwingt, gezeitigt worden. Und so trägt Necker, dem Atlas gleich, fünf Jahre lang ohne Gehalt, das er ausschlägt, die Last der Finanzen;Bis Mai 1781. nichts als die öffentliche Meinung und die Unterstützung seines edlen Weibes ermutigen ihn zum Ausharren. – Hoffentlich auch die vielen Gedanken, die er im Kopfe trägt, aber auszusprechen vermeidet. Sein Compte rendu, das er mit Erlaubnis des Königs veröffentlicht – ein neues Zeichen einer neuen Zeit – läßt Wunder sehen; wer sonst als der geniale Atlas-Necker kann verhüten, daß diese Wunder zu unheilkündenden Vorboten werden? Auch in Neckers Kopfe liegt eine ganze friedliche französische Revolution ganz eigener Art, und hinter seiner wortkargen, unklaren Tiefe oder tiefen Unklarheit verbirgt sich ein gut Teil Ehrgeiz.

Indessen zeigt es sich, daß auch sein Fortunatussäckel nicht viel mehr ist als das alte »Vectigal parsimoniae.« Ja, auch er mußte mit seinem Steuerplan hervortreten.! Besteuerung des Klerus und Adels; Provinzialversammlungen 48 und alles andere nichts als – der reine Turgot. Der sterbende Monsieur Maurepas muß sich noch einmal drehen, und Necker tritt zum allgemeinen Bedauern zurück.

Als weltbekannter Privatmann sieht Necker nun aus der Ferne zu und wartet seine Zeit ab; 80,000 Exemplare seines neuen Buches, das er »Administration des finances« betitelt, sind in wenigen Tagen verkauft. Er ist gegangen, er wird wiederkommen und zwar mehr als einmal, getragen von dem Jubel einer ganzen Nation. Ein merkwürdiger Mann, dieser Generalkontroleur der Finanzen, früher Gehilfe in Thélussons Bank.

 

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