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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 89
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.
Könige und Emigranten.

Man hat Beispiele von äußerst rheumatischen Konstitutionen, die marschieren, sich lange auf den Beinen halten konnten, wenn auch schwankend und zappelnd, dank einer einzigen Eigenschaft nur: daß das Haupt gesund war. Doch dies Haupt der französischen Konstitution! Was König Ludwig ist und nicht umhin kann zu sein, das wissen die Leser bereits. Ein König, der die Konstitution nicht annehmen, noch die Konstitution verwerfen kann, noch überhaupt etwas thun kann, als jammervoll fragen: »Was soll ich thun?« Ein König, den endlose Verwirrung umgiebt, in dessen eigenem Haupte kein Keim von Ordnung ist. Überreste eines stolzen, unversöhnlichen Adels ringen in diesem Haupte mit demütig reuigen Barnave-Lameths, ringen in jenem trüben Elemente von Boten und Trägern, von abgedankten bramarbasierenden Militärs vom Café Valois, von Kammerjungfern, Ohrenbläsern und subalternen Dienstpersonen, während von draußen der grimmige Patriotismus diesem all die Zeit über zuschaut, mehr und mehr argwöhnisch. Was können sie in solchem Kampfe aber ausrichten? Höchstens sich gegenseitig aufheben und eine Null produzieren. Armer König! Barnave und die Senatoren von der Partei Jaucourts sprechen eifrig in dieses Ohr, Bertrand de Moleville und Abgesandte aus Koblenz eifrig in jenes; der arme königliche Kopf dreht sich nach dieser Seite und dreht sich nach jener Seite, kann sich nach keiner Seite hin entschließen. Laßt den Anstand einen Schleier drüber werfen, ein erbärmlicheres Elend hat die Welt selten gesehen. Der folgende kleine Zug, genügt der nicht, um auf vieles das traurigste Licht zu werfen? Die Königin klagt der Madame Campan: »Was soll ich thun? Wenn sie, diese Barnaves, uns zu etwas raten, was dem Adel nicht gefällt, so grollt man mir, niemand kommt mehr an meinen Kartentisch, des Königs Coucher ist wie verlassen.«Campan, II, 177, 202. Was soll man thun in einem solchen verzweifelten Falle? Unvermeidlich zu Grunde gehen!

Der König hat diese Konstitution angenommen, im voraus wissend, daß sie nichts nützen wird. Er studiert sie und führt sie aus, hauptsächlich weil er hofft, daß sie sich als unausführbar herausstellen wird. Die Kriegsschiffe verfaulen im 76 Hafen, ihre Offiziere sind fort, die Armee ist desorganisiert. Räuber machen die Landstraße unsicher, für deren Erhaltung nichts mehr geschieht. Der gesamte öffentliche Dienst liegt träg und schlaff darnieder, die Exekutive macht keine Anstrengungen oder nur die eine, die Schuld an allem auf die Konstitution zu werfen. Den Toten spielend, »faisant le mort!« Welche Konstitution könnte wohl gehen, wenn man so mit ihr verfährt? »Der Nation zum Ueberdruß werden,« ja, das wird sie freilich,Bertrand de Moleville, I, 4. – außer du wirst der Nation zum Überdruß, noch früher! Dies ist Bertrand de Molevilles und Seiner Majestät Plan, der beste, den sie aufzustellen vermochten.

Oder wenn am Ende dieser beste Plan sich als zu langsam in der Ausführung erwiese oder fehlschlüge? Dieses auch vorsehend, schreibt die Königin, in tiefstes Geheimnis sich hüllend, »den ganzen Tag, Tag um Tag in Chiffren nach Koblenz«; Ingenieur Goguelat, der uns von der Nacht der Sporen her bekannte, den die Lafayette'sche Amnestie aus dem Gefängnisse befreit hat, reitet und rennt hin und her. Dann und wann kann, bei passender Gelegenheit, ein königlicher vertraulicher Besuch beim Saal der Manege abgestattet werden, eine rührende, aufmunternde königliche Rede (für den Augenblick gewiß aufrichtig) vom Stapel gelassen werden, und die Senatoren alle rufen Beifall und weinen beinahe; zu gleicher Zeit aber hat Mallet du Pan ersichtlich aufgehört, seine Zeitungsartikel zu schreiben, und trägt, nicht ersichtlich, einen eigenhändigen Brief des Königs ins Ausland, der die Hilfe der fremden Potentaten anruft.Moleville, I, 370. Unglücklicher Ludwig, das eine thun oder aber das andere, – wenn du das könntest!

Was des Königs Regierung wirklich that, war, verworren von einem Widerspruch zum anderen schwanken und, Feuer mit Wasser vermählend, sich in zischenden, dicken Dampf einhüllen. Danton und bedürftige bestechliche Patrioten werden geködert mit Geldgeschenken. Sie nehmen den Köder, erheben sich, davon gestärkt, und – gehen doch ihren eigenen Weg.Moleville, I, 17. Ja, des Königs Regierung hat auch Händeklatscher oder claqueurs, Leute zum Applaudiren, gedungen. Der unterirdische Rivarol hat 1500 Leute im Solde des Königs zum 77 Preise von etwa 250 000 Franken im Monat; »einen Geniestab«, wie er's nennt, nämlich Artikelschreiber, Plakatverfasser, »zweihundertundachtzig Klatscher zu je 3 Franken den Tag;« einen der seltsamsten Stäbe, die je kommandiert worden sind. Die Verzeichnisse und Rechnungen darüber sind noch heute vorhanden.Montgaillard, III, 41. Bertrand de Moleville selbst weiß in einer Weise, die er für sehr geschickt hält, die Galerien der Legislative anzufüllen mit gemieteten Sansculotten und sie auf ein gegebenes Zeichen applaudieren zu lassen, da sie glauben, daß sie es auf Pétions Geheiß thäten – eine List, die fast eine Woche lang unentdeckt blieb. Wirklich sehr geschickt, genau so, wie wenn einer, dem der Tag zu kurz scheint, die Zeiger der Uhr zurückstellen wollte; das ist ihm allerdings möglich.

Hier wollen wir auch von einem unerwarteten Erscheinen Philipps von Orléans bei Hofe Notiz nehmen, sein letztes beim Lever irgend eines Königs. Orléans ist vor einiger Zeit, wie es scheint in den Wintermonaten, zum lange begehrten Rang eines Admirals befördert worden, – wenn auch nur über im Hafen verfaulende Schiffe. Das Ersehnte kommt zu spät. Indessen wartet er Bertrand de Moleville auf, um sich zu bedanken, ja um zu melden, daß er gern auch Seiner Majestät persönlich danken möchte, daß, trotz all der schrecklichen Dinge, die man über ihn gesagt und gesungen hat, er im Grunde weit, und wie weit entfernt sei, Seiner Majestät Feind zu sein! Bertrand überbringt die Botschaft, bringt eine königliche Zusammenkunft zu stande, die zur Zufriedenheit Seiner Majestät abläuft, da offenbar Orléans bereut und entschlossen ist, sich zu bessern. Und doch, am nächsten Sonntag, was sehen wir da? »Am nächsten Sonntag,« sagt Bertrand, »kam er zu dem Lever des Königs; aber die Hofleute, die nicht wußten, was inzwischen vorgegangen, die Haufen von Royalisten, die gerade an diesem Tage ihre Aufwartung zu machen pflegten, bereiteten ihm den demütigendsten Empfang. Sie drängten sich um ihn, traten ihm wie aus Versehen auf die Füße, stießen ihn mit den Ellbogen nach der Thür, und ließen ihn nicht wieder eintreten. Er ging die Treppe hinab in Ihrer Majestät Zimmer, wo der Tisch gedeckt war; kaum ließ er hier sich erblicken, so erhoben sich von allen Seiten Stimmen: »Messieurs, geben Sie acht auf die Schüsseln!« als ob er Gift in seinen Taschen 78 mit sich geführt hätte. Die Beleidigungen, die seine Gegenwart ihm überall zuzog, zwangen ihn, sich zurückzuziehen, ohne die königliche Familie gesehen zu haben; alles folgte ihm bis an die Treppe der Königin. Beim Hinuntergehen wurde ihm auf den Kopf gespuckt, und einige male auf die Kleider. Wut und Groll waren deutlich auf seinem Gesichte zu lesen«Bertrand de Moleville, I, 177. – wie es in der That nicht anders sein konnte. Er legt alles dem König und der Königin zur Last, die nichts davon wissen, die sogar sehr bekümmert sind deswegen; und so steigt er wieder in sein Chaos hinab. Bertrand war an dem Tage selbst im Schlosse und ein Augenzeuge dieses Auftrittes.

Im übrigen wird durch eidverweigernde Priester und deren Verfolgung des Königs Gewissen beunruhigt. Emigrierte Prinzen und der Adel drängen ihn zur Doppelzüngigkeit, und ein Veto muß aufs andere folgen, unter immer wachsender Erbitterung. Denn von außen her schaut immer argwöhnischer der Patriotismus der Sache zu, wie wir schon sagten. Von außen also wächst der Sturmwind patriotischer Erbitterung, von Stoß zu Stoß, drinnen ist ein verworrener Wirbel von Intriguen und Thorheiten! Alles verworren, thöricht, sodaß das Auge sich lieber abwendet. Madame de Staël intriguiert für ihren galanten Narbonne, um ihn zum Kriegsminister gemacht zu sehen; und hört nicht auf, als sie ihn dahin gebracht hat. Der König soll nach Rouen fliehen, soll dort mit dem galanten Narbonne gehörig »die Konstitution modifizieren«. Es ist dies der nämliche flinke Narbonne, der letztes Jahr die armen flüchtigen Königstanten mit Hilfe von Dragonern aus ihrer Verlegenheit riß. Man sagt, er sei eigentlich deren Bruder, oder gar noch mehr; so anstößigen Klatsch liebt die Klatschsucht. Er fährt jetzt mit seiner Dame von Staël eilig zu den Armeen, nach den Städten an der Grenze, erstattet rosenfarbene nicht zu glaubwürdige Berichte, peroriert, gestikuliert, wandelt gewichtig für eine kleine Zeit auf der Höhe, von der Welt gesehen; stürzt dann herab, entlassen, weggespült vom Strom der Zeit.

Auch die schöne Prinzessin von Lamballe, die Busenfreundin Ihrer Majestät, intriguiert, zum Aerger des Patriotismus. Die schöne Unglückliche, warum kehrte sie je aus England zurück? Was kann ihre zarte Silberstimme nützen in dem Pfeifen des wilden Weltsturmes? Er wird sie, den 79 armen zarten Paradiesvogel, gegen harte Felsen schleudern. Die Lamballe und die Staël intriguieren, getrennt oder vereint, sichtbar; aber wer soll es berechnen, wie viele andere unsichtbar und in wie unendlichen Wegen intriguieren? Giebt es nicht etwas, was man das »österreichische Komitee« nennen könnte, und das unsichtbar in den Tuilerien sitzt, ein Mittelpunkt eines unsichtbaren antinationalen Spinnengewebes, das seine Fäden ausstreckt bis an die Grenzen der Welt? Denn wir schlafen ja, mitten unter diesen Mysterien. Der Journalist Carra hat jetzt die klarste Gewißheit darüber; dem Brissotisten-Patriotismus und Frankreich im allgemeinen wird die Sache immer wahrscheinlicher.

O Leser, fühlst du nicht Mitleid mit dieser Konstitution? Reißende rheumatische Schmerzen in den Gliedern, Druck des Hydrokephalus und hysterischer Dünste auf das Gehirn, eine in sich selbst entzweite Konstitution, die niemals marschieren, kaum jemals wanken wird! Warum waren Drouet und Procureur Sausse nicht in ihren Betten in der unglückseligen Nacht von Varennes! Warum ließen sie nicht in des Himmels Namen die Korff'sche Berline gehen, wohin sie wollte! Namenlose Verwirrungen, Unvereinbarkeiten, vielleicht Greuel, über die die Welt noch schaudert, wären erspart worden.

Aber jetzt kommt das Dritte, was für das Marschieren dieser französischen Konstitution nichts Gutes bedeutet: außer dem französischen Volke und dem französischen Könige giebt es als Drittes – die versammelte europäische Welt. Es ist notwendig geworden, nun auch daraufhin zu blicken. Das schöne Frankreich ist so licht, und rund herum ist verworrene kimmerische Nacht. Die Calonnes, Breteuils schweben trübe und ferne, überziehen Europa mit Intriguen von Turin bis Wien und Berlin und dem fernen Petersburg im eisigen Norden! Schon vor langem hat der große Burke seine große Stimme erhoben, hat beredt bewiesen, daß das Ende einer Epoche gekommen sei, allem Anschein nach das Ende der zivilisierten Zeit. Ihm antworten viele: Camille Desmoulins, Clootz, der Sprecher des Menschengeschlechts, Paine, der rebellische Schneider und ehrenwerte Verteidiger Galliens in diesem und jenem Land. Aber der große Burke bleibt unwiderlegbar, »das Zeitalter des Rittertums ist vorbei,« und kann nicht anders als vorbei sein, da es das noch unbezähmbare Zeitalter des Hungers erzeugt hat. Altäre genug von der Dubois-Rohan'schen Art, übergehend in die Gobel- und Talleyrand'sche Art, fahren in raschen Verwandlungen zum – 80 sollen wir sagen, zum rechten Eigentümer derselben? Französisches Wild und französische Wildheger ließen sich mit Notschreien auf den Felsen von Dover nieder. Wer will da sagen, daß das Ende von vielem nicht gekommen sei? Eine Gruppe von Sterblichen hat sich erhoben, die glaubt, daß Wahrheit keine gedruckte Spekulation, sondern eine praktische Wirklichkeit ist; daß Freiheit und Brüderlichkeit möglich sind auf dieser Erde, die man so lange immer als Eigentum Belials angesehen hatte, das »der oberste Quacksalber« erben sollte! Wer will sagen, daß Kirche, Staat, Thron, Altar nicht in Gefahr sind, daß nicht der heilige Geldkasten selbst, das letzte Palladium der abgelebten Menschheit, gottesschänderisch behandelt und seine Schlösser gesprengt werden könnten.

Die arme konstituierende Versammlung mochte mit so viel Delikatesse und Diplomatie verfahren, als sie wollte, erklären, daß sie mit Einmischung in ihrer Nachbarn Verhältnisse, mit fremden Eroberungen und so weiter nichts zu thun haben wolle; aber von Anfang an ließ sich vorhersagen, daß das alte Europa und das neue Frankreich nicht miteinander bestehen konnten. Eine glorreiche Revolution, die Staatsgefängnisse und Feudalismus über den Haufen wirft, die unter dem Donner der Bundeskanonen im Angesicht der ganzen Welt verkündet, daß Schein nicht Wirklichkeit, wie soll die bestehen mitten unter Regierungen, die, wenn Schein nicht Wirklichkeit, – man weiß nicht was sind? In einem Ringen auf Leben und Tod nur, nicht anders, wird die Revolution neben ihnen bestehen.

Die Menschenrechte, auf baumwollene Tücher gedruckt in verschiedenen Sprachen, kommen auf die Frankfurter Messe.Toulongeon, I, 256. Was sagen wir Frankfurter Messe? Sie sind über den Euphrat, den fabelhaften Hydaspes gegangen, haben sich über den Altai, Ural, Himalaja geschwungen; in eckiger Bilderschrift von hölzernen Stereotypen abgedruckt, werden sie in China gesprochen und geplappert. Wo wird das aufhören? Kien-Lung wittert Verderben, da kann ja kein noch so entlegener Dalai-Lama jetzt länger in Frieden seine geweihten Kügelchen kneten. – Uns verhaßt, wie die Nacht! Rührt euch, ihr Verteidiger der Ordnung! Sie rühren sich. Alle Könige und Königlein rühren sich mit ihrer geistlichen und zeitlichen Macht, ihre Stirnen sind von Drohungen umwölkt. 81 Diplomatische Emissäre fliegen schnell, Konvente, geheime Konklaven versammeln sich, und weise Perücken wackeln, so gut sich beratschlagend, als sie können.

Auch setzt, wie gesagt, der Pamphletist seine Feder in Bewegung, auf der einen und auf der anderen Seite. Eifrige Fäuste schlagen auf die Kanzel. Nicht erfolglos. Brach nicht Eisen-Birmingham im letzten Juli mit dem Rufe »Kirche und König«, ohne selbst zu wissen warum, in Wut, Trunkenheit und Feuer aus, und wurden nicht Priestley und seinesgleichen, die den Bastilletag durch ein Diner feierten, dort aufs tollste hinausgefeuert? Es ist empörend, wenn man's bedenkt! In den nämlichen Tagen reisten, wie wir bemerken können, österreichische und preußische Potentaten und Emigranten nach Pillnitz in Sachsen und verkündeten dort am 27. August, indem sie etwaige »Geheimverträge« für sich behielten, ihre Hoffnungen und ihre Drohungen, ihre Erklärung, daß dies »die gemeinsame Angelegenheit der Könige« sei.

Wo ein Wille zum Streiten vorhanden, da ist auch ein Weg. Unsere Leser erinnern sich jener Pfingstnacht, am 4. August 1789, wo in wenigen Stunden der Feudalismus zusammenbrach. Die Nationalversammlung versprach, indem sie den Feudalismus abschaffte, daß »eine Entschädigung« gegeben werden sollte, und bemühte sich, eine zu geben. Nichtsdestoweniger antwortete der österreichische Kaiser, daß seine deutschen Fürsten, was sie betreffe, nicht entfeudalisiert werden könnten, daß sie im französischen Elsaß Besitzungen und feudale Rechte hätten, für die keine erdenkliche Entschädigung genügen würde. So geht denn der ganze Handel betreffend diese besitzenden Fürsten, »princes possessionés« von Hof zu Hof, bedeckt bereits ganze Hektare diplomatischen Papiers, zum Überdruß der Welt. Kaunitz erörtert die Sache von Wien aus, Delessart antwortet von Paris, doch vielleicht nicht scharf genug. Der Kaiser und seine besitzenden Fürsten wollen, es ist zu offenbar, kommen und Entschädigung nehmen, – so viel sie kriegen können. Ja, könnte man nicht Frankreich, wie man's mit Polen gethan und noch thut, teilen und so es obendrein beruhigen?

So tönt's uns entgegen, vom Süden zum Norden! Denn in der That, es ist »gemeinsame Angelegenheit der Könige«. Der schwedische Gustav, der geschworene Ritter der Königin von Frankreich, will die verbündeten Armeen führen; – hätte nur Ankarström ihn nicht verräterisch erschossen, weil, in der That, Veranlassung vorhanden gewesen wäre, erst vor der 82 eigenen Thür zu kehren.30. März 1792 (Annual Register, p. 11). Österreich und Preußen sprechen in Pillnitz, und alle Welt hört ihnen voll Spannung zu. Kaiserliche Reskripte sind von Turin ausgegangen, eine geheime Zusammenkunft wird in Wien stattfinden. Katharina von Rußland nickt beifällig, will, wäre sie bereit, helfen. Es rührt sich der spanische Bourbon auf seinen Kissen, auch von ihm, sogar von ihm soll Hilfe kommen. Der magere Pitt, »der Minister der Vorbereitungen«, schaut in verdächtiger Weise aus von seinem Wachtturme im St. James-Palaste. Komplottierende Räte, Calonne im Trüben schwebend, und ach! schon trommeln Sergeanten offen durch alle deutschen Marktflecken und werben zerlumpte Tapferkeit an!Toulongeon, II, 100-117. Man mag hinsehen, wo man will, von allen Seiten umringt unermeßlicher Obskurantismus dieses schöne Frankreich, das sich seinerseits nicht davon will umringen lassen. Europa ist in Geburtswehen, ein Anfall folgt dem anderen, welch ein Schrei war der von Pillnitz! Die Geburt wird sein: der Krieg.

Ja, das Schlimmste in der ganzen Sache ist das letzte, noch zu erwähnende: die Emigranten in Koblenz. So viele Tausende stehen dort voll bittern Hasses und drohend, des Königs Brüder, alle Prinzen von Geblüt außer dem gottlosen Orléans, der duellierende de Castries, der beredte Cazalès, der stierköpfige Malseigne, der Kriegsgott Broglie, Spinnrocken-Seigneurs, beschimpfte Offiziere, alle die über den Rheinstrom geritten sind. Artois hat den Abbé Maury mit einem Kusse bewillkommt und ihn öffentlich an sein königliches Herz gedrückt. Die Emigration ist seit jenen ersten Bastilletagen, wo Artois ging, »um die Bürger von Paris zu beschämen«, in mannigfacher Stimmung von Furcht,. Schmollsucht, Wut und Hoffnung immer über die Grenzen geflossen, bald tropfenweise, bald stromweise, und ist jetzt zu einem Phänomen für die Welt angeschwollen. Koblenz ist ein kleines ausländisches Versailles geworden, ein Versailles in partibus; wie es heißt, wird dort alles fortgesetzt, Zanken, Intrigieren, Günstlingswirtschaft, Hurenwirtschaft sogar, kurz, alle alten Gewohnheiten, im Kleinen, aber von hungriger Rachsucht verschärft.

Der Enthusiasmus der Loyalität, des Hasses und der Hoffnung ist auf gewaltige Höhe gestiegen,: wie man's in jeder Koblenzer Schenke entnehmen kann aus Reden und 83 Gesängen. Maury wohnt dem innern Rate bei, vieles wird beschlossen, unter anderem Listen zu führen über die Daten des Emigrierens; und ein Monat früher oder ein Monat später soll das größere oder kleinere Recht an der kommenden Teilung der Beute bestimmen. Selbst ein Cazalès wurde anfangs kalt angesehen, weil er gelegentlich in konstitutionellem Ton gesprochen hatte – so rein sind unsere Grundsätze.Montgaillard, III, 5-17; Toulongeon wie oben. Und Waffen werden in Lüttich gehämmert, »3000 Pferde« sind unterwegs von den Märkten in Deutschland, Kavallerie wird angeworben, desgleichen Infanterie »in blauem Rock, roter Weste und Nankinghosen«.Histoire parlementaire, XIII, 11-38, 41-61, 358 etc. Man hat seine geheimen inländischen Korrespondenzen, wie seine offenen auswärtigen; mit unzufriedenen Kryptoaristokraten, mit widerspenstigen Priestern, mit dem österreichischen Komitee in den Tuilerien wird korrespondiert. Deserteure werden durch eifrige Werber herübergelockt; beinahe das ganze Regiment Royal-Allemand ist übergegangen. Die Marschroute nach Frankreich und die Teilung der Beute wird genau festgestellt, man wartet nur auf den Kaiser. »Es heißt, sie wollen die Quellen vergiften« berichtet der Patriotismus und fügt hinzu: »sie werden die Quelle der Freiheit nicht vergiften«, wozu man Beifall rufen muß, »on applaudit«. Auch haben sie Fabriken falscher Assignaten, und es ziehen Leute im Innern von Frankreich umher, die sie unter die Leute bringen; einen davon denunziert man gerade dem gesetzgebenden Patriotismus, einen Mann Namens Lebrun, ungefähr dreißig Jahre alt, mit blondem, üppigem Haar, »er hat« – sicherlich nur für den Augenblick – »ein blaugeschlagenes Auge, oeil poché, fährt in einem Kabriolet mit einem schwarzen Pferde,«Moniteur, Séance du 2. novembre 1791 (Histoire parlementaire, XII, 212). – hält sich also beständig sein Kabriolet.

Unglückliche Emigranten! Es war ihr und Frankreichs Los, daß sie unbekannt waren mit vielem, das sie wissen sollten, unbekannt mit sich selbst, mit allem um sie herum. Eine politische Partei, die es nicht weiß, wenn sie geschlagen ist, kann für sich selbst und für alle eines der fatalsten Dinge werden. Nichts wird diese Leute überzeugen, daß sie die französische Revolution nicht durch den ersten Ton ihrer Kriegstrompete auseinandertreiben werden, daß die 84 französische Revolution etwas anderes ist als ein lärmender Krawall von Schwätzern und Schreiern, der beim Blitzen von Reitersäbeln, beim Rascheln von Henkersstricken sich verkriechen werde in Schlupfwinkel, je tiefer je lieber. Aber, ach, welcher Mensch kennt sich und berechnet die Dinge um sich herum richtig? Wo würde denn sonst der physische Kampf überhaupt noch nötig sein? Nie, bevor sie nicht gespalten sind, werden es diese Köpfe glauben, daß ein Sansculottenarm die geringste Kraft besitzt; sind die Köpfe gespalten, so wird's zum Glauben zu spät für sie sein.

Man kann ohne Groll gegen die armen Irrenden auf irgend einer Seite sagen, daß, mehr als alles andere Unheil, dieses von dem Emigrantenadel ausgehende verhängnisvoll für Frankreich war. Hätten sie's wissen, verstehen können! Im Anfang des Jahres 1789 umgab sie noch ein gewisser Glanz und Schrecken: der Brand ihrer Schlösser, die monatelanger Eigensinn angezündet hatte, erlosch nach dem 4. August und wäre erloschen geblieben, hätten sie überhaupt verstanden, was zu verteidigen, was als unrettbar aufzugeben war. Noch waren sie eine abgestufte Hierarchie von Autoritäten oder der beglaubigte Schein einer solchen; noch verbanden sie den König mit dem gemeinen Volk, übertrugen und verwandelten, allmählich, von Stufe zu Stufe herunter, des Königs Befehl in des Volkes Gehorsam, und Befehl und Gehorsam waren so noch immer möglich. Hätten sie ihre Stellung erkannt und gewußt, wie sich in ihr zu benehmen, so hätte diese französische Revolution, die nun explosionsweise in wenigen Jahren und Monaten vor sich ging, sich ruhiger über ganze Geschlechter hinziehen können, und manchen Dingen und Verhältnissen wäre nicht grausamer Foltertod, sondern ein ruhiges, sanftes Sterben zu teil geworden.

Aber diese Leute waren stolz und hochmütig; nicht so klug, zu überlegen. Sie stießen alles in verächtlichem Hasse von sich, sie zogen das Schwert und warfen die Scheide weg. Frankreich hat nicht nur keine Hierarchie von Autoritäten, um Befehl in Gehorsam zu verwandeln, sondern seine Hierarchie von Autoritäten ist zu den Feinden Frankreichs übergegangen, fordert sie, die nur einen Vorwand brauchen, laut auf zur bewaffneten Einmischung. Eifersüchtige Könige und Kaiser hätten sonst wohl lange zugesehen, hätten nur in Gedanken sich eingemischt, aber sich gehütet und geschämt, es wirklich zu thun. Aber jetzt! Fordern nicht des Königs Brüder und alle französischen Adeligen, Würdenträger und Autoritäten, 85 die Freiheit haben zu reden, die der König selber nicht hat, fordern sie uns nicht auf im Namen von Recht und Macht? Sie stehen in Koblenz, fünfzehn- bis zwanzigtausend, schwingen ihre Waffen mit dem Rufe: Vorwärts, vorwärts! Ja, Messieurs, vorwärts sollt ihr, – sollt die Beute teilen, entsprechend den Daten eurer Emigration!

Über alle diese Dinge wurden die arme gesetzgebende Versammlung und das patriotische Frankreich unterrichtet, durch denunzierende Freunde, durch triumphierende Feinde. Sulleaus Pamphlete vom Rivarol'schen Geniestab zirkulieren, verkünden höchste Hoffnung. Durosoys Plakate bekleiden die Mauern. »Chant du Coq« kündet krähend den Tag, gegen ihn pickt Talliens Ami des Citoyens. Königsfreund Royou kann im »Ami du Roi« in genauen arithmetischen Ziffern die Kontingente der verschiedenen heranziehenden Potentaten angeben; in allem 419 000 fremde Streiter mit 15 000 Emigranten. Nicht gerechnet die täglichen und stündlichen Desertionen, die ein Zeitungsschreiber täglich melden muß, Desertionen von ganzen Kompagnien und sogar Regimentern, die unter dem Rufe »Vive le roi!« und »Vive la reine!« mit fliegenden Fahnen übergehen.Ami du roi (in der Histoire parlementaire, XIII, 175.) Lügen alles und Wind. Doch für den Patriotismus nicht Wind, noch, eines Tages, für Royou! Der Patriotismus mag also noch eine kurze Zeitlang plappern und schwatzen, aber seine Stunden sind gezählt: Europa kommt mit 419 000 Mann und Frankreichs Rittertum; die Galgen werden, man darf's hoffen, das ihre erhalten.

 

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