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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 87
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.
Avignon.

Aber wenn wir das Allgemeine verlassen, was sind das für befremdliche Vorgänge im fernen Südwesten, auf die sich jetzt, zu Ende des Oktobers, aller Augen richten? Ein tragischer Brand, der dort lange ohne eigentliches sichtbares Feuer rauchte und glomm, ist jetzt in helle Flammen ausgebrochen.

Heiß ist das südliche provençalische Blut! Ach, Reibungen müssen, wie wir einmal sagten, wohl vorkommen auf der Bahn der Freiheit; verschiedene Richtungen werden solche erzeugen, ja, verschiedene Schnelligkeit selbst in gleicher Richtung wird es thun. Aus vieles, was da vorging, konnte die anderswo beschäftigte Geschichte nicht besonders achtgeben: auf die Unruhen in Uzez, in Nismes, protestantische und katholische, patriotische und aristokratische, auf Unruhen in Marseille, 64 Montpellier, Arles, auf das aristokratische Lager von Jalès, jenes wunderbare halb wirkliche, halb eingebildete Ding, das bald blaßtrübe dahinschwand, bald immer wieder, (in der Einbildung hauptsächlich) in tiefglühenden Farben aufloderte, wie ein drohender Zauber, »ein treu nach der Natur gemaltes aristokratisches Bild des Krieges.« All dies war ein tragischer, tödlicher Brand, mit Komplotten und Revolten, Tumult bei Tag und Nacht; aber ein dunkler, nicht leuchtender, nicht beachteter Brand, den man jetzt indessen nicht umhin kann zu bemerken.

Vor allen anderen Arten war der versteckte Brand gewaltig in Avignon und dem Comtat Venaissin. Das päpstliche Avignon mit seinem steil über dem Rhônestrom sich erhebenden Schlosse, diese schöne Stadt mit ihren purpurnen Trauben und Goldorangen-Hainen, warum mußte der närrische alte reimschmiedende René, der letzte Fürst der Provence, sie dem Papst und der goldenen Tiara vermachen und nicht lieber Ludwig dem Elften, mit der bleiernen Jungfrau an seinem Hutbande? Zum Guten und zum Bösen! Päpste, Gegenpäpste, mit ihrer Pracht, wohnten in jenem Schlosse von Avignon, das sich so steil über dem Rhônestrom erhebt, Laura de Sade ging dort zur Messe, ihr Petrarca sang und leierte nahebei an der Quelle von Vaucluse, sicherlich in höchst melancholischer Weise. Dies war in alten Tagen.

Und jetzt kommen, nach Jahrhunderten, in diesen neuen Tagen aus einem Federzuge eines närrischen Verse machenden René solche Folgen, wie wir sie nun sehen: Jourdan Coupetête zieht zu Belagerung und Krieg aus mit einer Armee von dreitausend bis zu fünfzehntausend Mann, genannt die Briganten von Avignon, welchen Titel sie selbst annehmen mit dem Beiworte: »die braven Briganten von Avignon!« Ja, so ist's. Jourdan, der Köpfer, rettete sich hierher aus der Châtelet-Untersuchung nach dem Weiberaufstand und begann mit Färberröte zu handeln; aber der Schauplatz und die Zeit gingen mit anderem schwanger als Stoffen zum Färben, daher schloß Jourdan seinen Farbenladen und hat sich emporgeschwungen, denn er war der Mann dazu. Der Ziegelbart Jourdans ist wegrasiert, sein fettes Gesicht knusperig geworden und mit schwarzen Karbunkeln übersäet, der Silenusleib ist ihm geschwollen vom Trinken und Wohlleben, er trägt blaue Nationaluniform mit Epauletten, »einen enormen Säbel, zwei Reiterpistolen im Gürtel, und zwei andere kleinere, die ihm aus den Taschen herausschauen,« nennt sich General und ist 65 ein wahrer Tyrann.Dampmartin, Événements, I, 267. Nun bedenke nur dieses, o Leser, und was alles da vorausgegangen sein und was da im Begleit erscheinen muß. Solche Dinge aber kommen vom alten René her und von der Frage, die sich erhoben hat, ob Avignon jetzt nicht gänzlich aufhören kann, dem Papste zu gehören, und französisch und frei werden kann?

Etwa fünfundzwanzig Monate lang hatte die Verwirrung schon gedauert, sagen wir: drei Monate des Zankens, dann sieben Monate des Wütens, dann endlich etwa fünfzehn Monate nun des Kämpfens und sogar des Hängens. Denn schon im Februar 1790 hatten die päpstlichen Aristokraten zur Warnung vier Galgen aufgerichtet, aber im Juni erhob sich das Volk in vergeltender Wut, und zwang den öffentlichen Henker, sein Amt an vier Aristokraten zu üben, an jeden päpstlichen Galgen einen päpstlichen Haman zu hängen. Dann kamen Avignons Emigrationen, indem die päpstlichen Aristokraten über den Rhônestrom emigrierten, Entlassung des päpstlichen Konsuls, Flucht, Sieg, Wiedereinzug des päpstlichen Legaten, Waffenstillstand und neuer Ueberfall und alle Wechselfälle des Krieges. Petitionen wurden an die Nationalversammlung gerichtet, Kongresse der Städte abgehalten, wobei einige sechzig für die Wiedervereinigung Avignons mit Frankreich und den Segen der Freiheit stimmten, während etwa zwölf von den kleineren, durch Aristokraten bearbeiteten, fürs Gegenteil stimmten, unter Geschrei und Dissonanzen. Gemeinde gegen Gemeinde, Stadt gegen Stadt! Carpentras, das lange auf Avignon eifersüchtig war, ist nun in offenen Krieg gegen dasselbe ausgebrochen, und nachdem der erste General in einer Meuterei getötet worden, schließt Jourdan Coupe-tête seinen Farbenladen und belagert da mit den »braven Briganten von Avignon«, im Angesicht der ganzen Welt, zwei Monate lang die rivalisierende Stadt mit Belagerungsartillerie, vor allem aber mit Lärm und Tumult.

Heldenthaten wurden da vollbracht, daran zweifle man nicht, die hochberühmt in der Lokalgeschichte, der Weltgeschichte aber unbekannt sind. Galgen sehen wir errichten auf der einen Seite und auf der anderen, und unglückliche Leichname daran hängen dutzendweise in einer Reihe, und den unglücklichen Maire von Vaison begraben, ehe er tot war.Barbaroux, Mémoires, p. 26. Die fruchttragenden Saatfelder bleiben ungeerntet, die Weinberge 66 werden zertreten, es herrscht blutige Grausamkeit, der Wahnsinn allgemeiner Wut und Erbitterung. Verwüstung und Anarchie überall, ein höchst hitziger Brand, doch nicht leuchtend und nicht zu gewahren hier! – Endlich, nachdem die konstituierende Nationalversammlung Kommissäre gesandt und ihre Berichte gehört hat,Lescène Desmaisons, Compte rendu à l'Assemblée nationale, 10. Sept. 1791 (Choix des rapports, VII, 273-293). nachdem sie die Petitionen gehört hat, debattiert hat, Monat nach Monat immer seit August 1789 und im Ganzen »dreißig Sitzungen daran gewendet« hat an diese Sache, erklärte sie, wie wir sahen, am 14. September letzthin feierlich, daß Avignon und das Komtat in Frankreich einverleibt wären, und daß Seine Heiligkeit der Papst jede vernünftige Entschädigung erhalten solle.

Und so ist hiermit alles amnestiert und beendigt? Ach, wenn der Wahnsinn der Erbitterung ins Blut der Menschen übergegangen ist und Galgen sich erhoben haben auf dieser Seite und auf jener, was vermag da ein pergamentnes Dekret und eine Lafayette'sche Amnestie? Der Lethestrom des Vergessens fließt nicht auf der Erde! Päpstliche Aristokraten und patriotische Briganten sind noch immer einander ein Dorn im Auge, beargwöhnt, beargwöhnend in allem, was sie thun und lassen. Die hohe konstituierende Versammlung ist kaum 14 Tage auseinander, als am Sonntag Morgen, den 16. Oktober 1791, der ungelöschte Brand plötzlich in helle Flammen ausbricht. Denn antikonstitutionelle Plakate erscheinen, und die Statue der Jungfrau soll Thränen vergossen haben und rot geworden sein.Procès verbal de la commune d'Avignon (Histoire parlementaire, XII, 419-423). Weshalb an diesem Morgen der Patriot l'Escuyer, einer der »sechs leitenden Patrioten«, nachdem er sich mit seinen Brüdern und General Jourdan beraten hat, beschließt, in Gesellschaft eines oder zweier Freunde in die Kirche zu gehen; nicht um die Messe zu hören, auf die er wenig Wert legt, sondern um dort die Päpstlichen beisammen zu treffen, ja um jene selbe weinende Jungfrau zu treffen, denn sie befindet sich in dieser Cordelierskirche, und ein Wort der Ermahnung zu ihnen zu sprechen. Es ist eine abenteuerliche Sendung, die den traurigsten Ausgang nimmt. Was l'Escuyers Wort der Ermahnung gewesen sein mag, dies berichtet kein Geschichtsschreiber; aber die Antwort darauf war ein kreischendes Geheul der aristokratisch-päpstlichen 67 Andächtigen, worunter viele Weiber waren. Ein tausendstimmiges drohendes Geschrei, das, da l'Escuyer nicht floh, zum tausendhändigen Drängen und Stoßen wurde, zum tausendfüßigen Treten, mit Niederfallen und Getretenwerden, mit dem Stechen von Nadeln, Scheren und andern weiblichen zugespitzten Instrumenten. Gräßlich zu sehen, wo rund herum die alten Toten und Petrarcas Laura schlafen,Ugo Foscolo, Essay über Petrarca, p. 35. der Hochaltar und brennende Kerzen und die Jungfrau darauf herniederblicken; die Jungfrau ganz ohne Thränen und von der natürlichen Farbe des Steins. – L'Escuyers Freunde stürzen wie Hiobsboten zu Jourdan und der Nationalmacht. Aber der schwerfällige Jourdan will sich vorerst der Stadtthore bemächtigen, eilt nicht so dreifach schnell, als er könnte, und als man in der Cordelierskirche anlangt, ist sie still und leer; l'Escuyer, ganz allein, liegt da am Fuße des Hochaltars, in seinem Blute schwimmend, von Scheren zerstochen, unter die Füße getreten, massakriert. Seufzt noch einmal dumpf und haucht sein elendes Leben für immer aus.

Ein Anblick, der das Herz eines jeden Menschen erregen muß, wie viel mehr aber die Herzen der vielen, die sich selbst die Briganten von Avignon nennen! Der Leichnam l'Escuyers, auf eine Bahre ausgestreckt, der gräßlich entstellte Kopf mit Lorber umkränzt, wird durch die Straßen getragen, unter vielstimmigen unmelodischen Nänien, unter Leichengejammer, das noch tiefer ist als laut! Das Kupfergesicht Joudans, des beraubten Patriotismus, ist finster geworden. Die patriotische Munizipalität sendet amtlichen Bericht nach Paris, befiehlt zahlreiche oder zahllose Verhaftungen behufs Verhör und Untersuchung. Männliche und weibliche Aristokraten werden ins Schloß geschleppt, liegen gedrängt in unterirdischen Kerkern dort, nur vom heisern Rauschen des Rhônestromes beklagt, abgeschnitten von jeder Hilfe.

So liegen sie und erwarten Verhör und Untersuchung. Ach! Wo ein Henker Jourdan Generalissimus ist mit seinem finster gewordenen Kupfergesicht, und wo bewaffnete Brigantenpatrioten ihre Klagelieder singen, ist es nur zu wahrscheinlich, daß die Untersuchung kurz sein wird. An den beiden nächsten Tagen tritt, die Munizipalität mag einwilligen oder nicht, ein Brigantenkriegsgericht in den unterirdischen Räumen des Schlosses von Avignon zusammen. Brigantenscharfrichter, mit entblößtem Säbel, warten draußen vor der Thür auf ein 68 zu vollstreckendes Brigantenverdikt. Kurzer Prozeß, keine Appellation! Der Zorn, die Rachsucht von Briganten regiert da, noch dazu von Branntwein aufgefrischt. Nahebei ist das Verließ der Glacière oder des Eisturms, wo Thaten geschehen mögen, für die die Sprache keine Namen besitzt. – Undurchdringliches Dunkel und Schatten entsetzlicher Grausamkeit umhüllen diese Schloßkerker, diesen Glacièreturm; nur dies ist klar, daß viele eintraten, wenige zurückgekehrt sind. Jourdan und die Briganten, jetzt hochstehend über Munizipalräten, über allen patriotischen oder päpstlichen Behörden, sie herrschen in Avignon, vom Schrecken und Schweigen unterstützt.

Das Resultat von allem ist, daß wir am 15. November 1791 sehen, wie Freund Dampmartin, mit Subalternen unter sich und General Choisi über sich, mit Infanterie und Kavallerie und tüchtigen in der Front daherrasselnden Kanonen, mit fliegenden Fahnen, unter Pfeifen- und Trommelschall, in vorbedacht schreckenerregender Weise gegen jenen steilen Schloßfelsen, gegen jene breiten Thore von Avignon anrückt; in sicherer Entfernung folgen drei Kommissäre der neuen Nationalversammlung.Dampmartin, I, 251-294. Avignon, im Namen der Nationalversammlung und des Gesetzes aufgefordert, wirft seine Thore weit auf, Choisi und die übrigen, Dampmartin und die »bons enfants, guten Jungen von Baufremont« – wie man hier diese von früher her bekannten, wackeren konstitutionellen Dragoner nennt – rücken ein unter Jubel und Blumenregen. Zur Freude aller ehrlichen Leute, zum Schrecken allein von Jourdan, dem Henker, und seinen Briganten. Ja, wir sehen den mit Karbunkeln besäeten, geschwollenen Jourdan bald sein Kupfergesicht zeigen und seinen Säbel und seine vier Pistolen, zum Schein eine hohe Sprache führend, während er doch verspricht, das Schloß auf der Stelle zu übergeben. So treten denn Choisis Grenadiere dort mit ihm ein. Sie stutzen und bleiben stehen, als sie an der Glacière und dem gräßlichen Geruche vorüberkommen, brechen in den wilden Ruf aus: »Haut den Schlächter nieder!« – und Jourdan muß durch geheime Gänge schlüpfen und augenblicklich verschwinden.

So trete denn das Geheimnis des hier geübten Gerichts ans Licht des Tages! Hundertunddreißig Leichname von Männern, Weibern, ja selbst Kindern (denn die zitternde Mutter, hastig hingeschleppt, konnte ihr Kind nicht verlassen) liegen aufgehäuft in jener Glacière, faulend unter Fäulnis, 69 zum Entsetzen aller Welt. Drei Tage lang dauert das traurige Hinaustragen und Wiedererkennen, unter dem Geschrei und der Erregung eines leidenschaftlichen südlichen Volkes, das bald im Gebete niederkniet, bald in höchstem Mitleid und wilder Wut tobt. Endlich folgt das feierliche Begräbnis mit dumpf rollenden Trommeln, andächtigen Requiems, und allgemeinem Weinen und Klagen. Die gemordeten Angehörigen ruhen nun in geweihter Erde, in ein und demselben Grabe.

Und Jourdan Coupe-tête? Auch ihn sieht man wieder nach ein oder zwei Tagen, auf der Flucht durch das so romantische Hügelland Petrarcas, aufs heftigste seinen Gaul spornend, dicht hinter sich den jungen Ligonnet, einen flinken Jüngling von Avignon, mit Choisidragonern! Mit einer so geschwollenen Fleischmasse von einem Reiter kann kein Gaul das Wettrennen aufnehmen. Der müde Gaul, vom Sporn gestachelt, setzt in den Fluß Sorgue, bleibt aber in der Mitte fest stecken auf jenem »chiaro fondo di Sorga« und will trotz allen Spornens nicht weiter. Der junge Ligonnet sprengt heran, das Kupfergesicht droht und brüllt, zieht die Pistole, ja drückt vielleicht los; wird aber nichts destoweniger beim Kragen gepackt, festgebunden, die Knöchel unter den Bauch des Pferdes, und so nach Avignon zurückgebracht, wo man ihn kaum vor dem Massakriertwerden auf den Straßen dort schützen kann.Dampmartin, I, 251-294.

Dies war der Brand von Avignon und des Südwestens, als er sichtbar geworden war. Es giebt lange, laute Debatten in der hohen Legislative, in der Muttergesellschaft, über die Frage, was jetzt in der Sache gethan werden soll. Amnestie, rufen der beredte Vergniaud und alle Patrioten, gegenseitiges Vergeben und Bereuen, Wiederherstellung der Ordnung, Beruhigung der Gemüter, und damit, wenn es irgendwie sein kann, ein Ende! Welche Stimme schließlich durchdringt. So qualmt und gärt der Südwesten wieder in einer »Amnestie« oder Nichterinnerung, die, ach, nicht anders kann, als sich doch erinnern, da kein Lethestrom des Vergessens auf der Erde fließt! Jourdan selbst bleibt ungehängt, kommt wieder los, als einer, der noch nicht galgenreif; ja, er wird, wie wir im Vorübergehen aus der Ferne bemerken können, »im Triumph durch die Städte des Südens getragen.«Deux Amis, VII (Paris 1797), p. 59-71. Welche Dinge doch Menschen auf Schultern tragen!

Mit diesem vorübergehenden Blick auf ein kupfernasiges 70 Ungeheuer, das so durch die Städte des Südens zieht, müssen wir diese Gegend verlassen – und sie qualmen lassen. Es fehlt ihnen nicht an Aristokraten, stolzen alten Adeligen, die noch nicht emigriert sind. Arles hat seine »Chiffone«, wie man in sinnbildlichem Spott die aristokratische geheime Verbindung dort nennt; Arles hat, mit der Zeit, auch seine Pflastersteine aufgehäuft zu aristokratischen Barrikaden, gegen die Rebecqui, der feurig entschiedene Patriot, Marseiller mit Kanonen führen muß. Noch schwimmt die eiserne Stange nicht auf den Wellen der Bucht von Marseille, und ebensowenig haben denn diese heißblütigen Söhne der Phokäer sich als Sklaven unterworfen. Durch verständiges Vorgehen und feurige Ueberredung treibt Rebecqui, ohne Blutvergießen, jene Chiffone auseinander, stellt das Pflaster von Arles wieder her. Er segelt in kleinen Booten die Küste entlang, dieser Rebecqui, durchsucht mit dem scharfen Auge des Patriotismus verdächtige Martellotürme, marschiert eiligst über Land, allein oder mit Truppenmacht, von Stadt zu Stadt, reinigt das Land weit und breit,Barbaroux, p, 21; Histoire parlementaire, XIII, 421-424. – redet zu und kämpft auch, wo es sein muß. Denn vieles ist zu thun, sogar Jalès sieht verdächtig aus, so daß der Gesetzgeber Fauchet, nach einer Debatte darüber, die Sendung von Kommissären und Errichtung eines Lagers auf der Ebene von Beaucaire beantragen muß, mit oder ohne Resultat.

Von diesem und vielem andern wollen wir nur die kleine Folge bemerken, daß der junge Barbaroux, Advokat und Stadtschreiber von Marseille, mit dem Auftrage, auf Abhilfe gegen jene Schwierigkeiten zu wirken, im Monat Februar in Paris ankommt. Der schöne und wackere junge Spartaner, reif an Energie, nicht reif an Weisheit! Sein schwarzes Verhängnis wird doch von einem gewissen flammenden Glorienschein, von lichten Strahlen, wie von einer südlichen Sonne erhellt, die der Tod nicht völlig verschlingen kann. Bemerken wir auch, daß zum zweiten- und letztenmal die Roland wieder in Paris sind. Die Stelle eines königlichen Inspektors ist in Lyon, wie anderswo, abgeschafft; Roland hat hier seine Pension zu reklamieren, wenn eine solche zu erlangen ist, hat patriotische Freunde, mit denen er verkehren möchte, hat zum mindesten hier ein Buch herauszugeben. Jener junge Barbaroux und die Roland kamen zusammen, und daß der ältere Spartaner Roland den jungen Spartaner gern sah, ja sogar liebte und 71 von ihm wieder geliebt wurde, das kann man sich vorstellen; und Madame –? Atme nicht, du giftiger Hauch übler Nachrede! Jene Seele ist fleckenlos, klar wie ein spiegelnder See. Und doch, wenn die beiden einander in die Augen sahen, und jedes von ihnen schweigend, in tragischer Entsagung, fand, daß das andere gar zu liebenswert war? Honni soit! Sie nennt ihn »schön wie Antinous«, er »wird an anderer Stelle von jenem staunenswerten Weibe sprechen.« – Eine Madame d'Udon (oder ein ähnlicher Name, denn Dumont erinnert sich dessen nicht ganz genau) giebt den Brissotin-Deputierten und uns Freunden der Freiheit glänzende Frühstücke in ihrem Hause auf dem Vendômeplatze, mit Tagesberühmtheiten, mit Anmut und reizendem Lächeln, und mit bedeutendem Luxus. Hier wird unter vielem Plaudern und Gläserklingen unser Plan der Debatte in der Legislative für den Tag festgesetzt und manche Beratung gepflogen. Der strenge Roland wird dort gesehen, doch geht er nicht oft hin.Dumont, Souvenirs, p. 374.

 

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