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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 86
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel.
Das Grundgesetzbuch.

Wenn in der gegenwärtigen Entfernung von Zeit und Ort selbst die hohe konstituierende Versammlung, die doch die Blicke der ganzen Welt auf sich zog, unsere Aufmerksamkeit nur in verhältnismäßig geringem Grade fesseln konnte, wie viel weniger kann es diese arme Legislative! Sie hat ihre rechte Seite und ihre linke, eine mehr und eine weniger patriotische, denn Aristokraten giebt es jetzt hier nicht mehr; sie sprudelt und spricht, lauscht Berichten und liest Anträge und Gesetze, arbeitet in ihrem Berufe für eine Zeit; aber Frankreichs Geschichte, so wird man finden, ist selten oder nie da zu suchen. Unglückliche Legislative! Was kann die Geschichte anders als, beinahe schweigend, eine Thräne über sie vergießen? Das erste »zweijährige« Parlament Frankreichs, dem, wenn papierne Konstitutionen und ein oft wiederholter Nationalschwur was nützen könnten, andere hätten folgen sollen in friedlich starker, ununterbrochener Reihe, solange die Zeit lief, – ach, es hatte kläglich zu verschwinden noch vor Ablauf eines Jahres, und es kam kein zweites wie es. Ach! Die zweijährigen Parlamente in endloser ununterbrochener Folge, sie und jene ganze konstitutionelle Fabrik, die aus so leicht explodierenden Bundesschwüren gebaut und deren oberster Stein unter Tanz und bunten Freudenfeuern gelegt worden war, sie zerfielen in Stücke, wie zerbrechliches Geschirr, im Zusammentreffen der Ereignisse; und waren schon nach elf kurzen Monaten in jener Vorhölle nahe dem Monde bei den Geistern anderer Chimären. Dort mögen sie, außer wo wir ihrer bedürfen für seltene besondere Zwecke, in melancholischem Frieden bleiben.

Überhaupt, wie wenig kennt der Mensch, oder wie wenig kennt ein öffentlicher Verein von Menschen sich selber! Äsops Fliege saß auf dem Wagenrade und rief: »Welch einen Staub 56 rege ich auf!« Große Herrscher, in Purpur gekleidet, mit Fasces und Insignien versehen, werden von ihren Kammerdienern, durch das Schmollen ihrer Frauen und Kinder beherrscht, oder, in konstitutionellen Ländern, von den Artikeln gewandter Zeitungsschreiber. Sage nicht: Ich bin dieser oder der, ich thue dieses oder das! Denn du kennst es nicht, du kennst nur den Namen, unter dem es bis jetzt figuriert. Ein purpurner Nebukadnezar ist entzückt, weil er sich nun wirklich als Kaiser des großen Babylon fühlt, das er erbaut hat: und ist ein zweifüßig Unding von einem Vierfüßler am Vorabend seines siebenjährigen Grasfressens! Diese siebenhundertfünfundvierzig erwählten Individuen zweifeln nicht daran, daß sie das erste zweijährige Parlament und gekommen sind, Frankreich durch parlamentarische Beredsamkeit zu regieren. Und was sind sie? Und sie sind gekommen, um was zu thun? Thörichte und nicht weise Dinge.

Es wird von vielen sehr bedauert, daß dieses erste »Zweijährige« keine Mitglieder der alten Konstituante hatte mit ihrer Kenntnis der Parteien und der parlamentarischen Taktik, daß ein solch thörichtes selbstverleugnendes Gesetz es verhindert hatte. Ganz gewiß wären alte Mitglieder der Konstituante uns hier willkommen gewesen. Aber anderseits, welche alten oder neuen Mitglieder irgend einer Konstituante unter der Sonne hätten hier wesentlich nützen können? Es können erste zweijährige Parlamente so gestellt sein, daß sie in gewissem Sinne über alle Weisheit hinaus sind, dort, wo Weisheit und Thorheit nur dem Grade nach verschieden sind, und Untergang und Auflösung das für beide bestimmte Ende ist.

Mitglieder der alten Konstituante, die Barnave, Lameth und andere, für die eine eigene Galerie eingerichtet wurde, wo sie auf Ehrensitzen zuhören mögen, pflegen über die neuen Gesetzgeber sich lustig zu machen;Dumouriez, II, 150 etc. wir aber wollen dies nicht thun! Die armen, von den aktiven Bürgern Frankreichs hierhergesandten siebenhundertfünfundvierzig sind, was sie sein konnten, thun, was ihnen zu thun beschieden. Daß sie patriotischen Geistes voll sind, können wir wohl begreifen. Die aristokratische Noblesse war über die Grenzen geflohen, oder saß still brütend in ihren noch nicht verbrannten Schlössern; ihre Aussichten in den Urwählerversammlungen waren gering. Wo man nur an Flucht, wie die nach Varennes, an Dolchtage, 57 an Komplott auf Komplott dachte, da war das Volk sich selbst überlassen und mußte notwendigerweise Verteidiger des Volkes wählen, wie sie zu haben waren. Es wählte, wie es immer thun wird, »wenn nicht den fähigsten, so doch den zum Gewähltwerden Fähigsten!« Feuer des Charakters, entschieden patriotisch konstitutionelle Gesinnung, dies sind die nötigen Eigenschaften; aber die Gabe der freien Rede, Meisterschaft im Wortgefecht, das ist die Eigenschaft über allen Eigenschaften. Dementsprechend findet man denn, ohne großes Erstaunen, in diesem ersten »Zweijährigen« mehr als vierhundert Mitglieder des Advokatenstandes, Männer, die reden, wenn etwas zu reden ist, ja sogar Männer, die auch denken und selbst handeln können. Die Aufrichtigkeit muß zugestehen, daß dieses unglückliche erste französische Parlament eines gewissen Maßes von Talent, von Redlichkeit nicht entbehrte, daß es weder in Hinsicht auf das eine noch in Hinsicht auf das andere unter dem Durchschnitt von Parlamenten stand. sondern über den Durchschnitt sich erhob. Mögen Durchschnittsparlamente, die nicht von der Welt guillotiniert und langer Schmach preisgegeben werden, nicht sich selber dafür danken, sondern ihrem guten Stern!

Frankreich hat, wie wir sagen, noch einmal gethan, was es konnte. Eifrig patriotische Männer sind aus weiter Ferne zusammengekommen zu seltsamen Schicksalen. Der feurige Max Isnard aus dem äußersten Süden, der feurige Claude Fauchet, der Tedeum-Fauchet, Bischof von Calvados, aus dem äußersten Nordwesten. Kein Mirabeau sitzt jetzt hier, der alle Formeln verschlungen hätte; unser einziger Mirabeau ist jetzt Danton, der noch außerhalb der Versammlung thätig ist, und den manche den »Mirabeau der Sansculotten« nennen.

Nichtsdestoweniger haben wir unsere Gaben, besonders die Gabe der Rede und der Logik. Wir haben den eleganten Redner Vergniaud, den fließendsten, doch auch den ungestümsten öffentlichen Redner, aus der Gironde genannten Gegend an der Garonne; er ist leider ein Mann von mäßigen Gewohnheiten, der mit Kindern spielen wird, wenn er Pläne schmieden und reden sollte. Der hitzige, rührige Guadet, der ernste bedächtige Gensonné, der liebenswürdige, fröhlich sprühende junge Ducos, der zu einem traurigen Ende bestimmte Valazé; alle die sind gleichfalls aus der Gironde oder der Gegend um Bordeaux, sind Männer von glühenden konstitutionellen Grundsätzen, von raschem Talent, unwiderleglicher Logik, entschiedener Respektabilität, die das Reich der Freiheit gegründet sehen 58 wollen, doch nur durch respektable Mittel. Um sie werden sich andere von gleicher Gesinnung sammeln, nach und nach als Girondisten bekannt werden, zur trauernden Bewunderung der Welt. Von dieser Art bemerke man noch Condorcet, den Marquis und Philosophen, der bei vielem mitgearbeitet hat, an der Pariser Munizipalkonstitution, an der Differentialrechnung, bei der Zeitung Chronique de Paris, in Biographie und Philosophie, und der nun dasitzt als »zweijähriger« Senator; ein merkwürdiger Mann, dieser Condorcet, mit stoischem Römergesicht und feurigem Herzen, einem »unter Schnee verborgenen Vulkan,« in unehrerbietiger Sprache auch »Mouton enragé« genannt, das friedlichste aller Geschöpfe von Tollwut erfaßt! Oder bemerke schließlich Jean Pierre Brissot, den das Schicksal, nachdem es ihn lange geräuschvoll bearbeitete, nun hierher geschleudert hat, sagen wir's: um mit ihm fertig zu werden. Auch er ein »zweijähriger« Senator, ja, für den Augenblick der König von solchen, der rastlos planende, schreibselige Brissot, der sich's einfallen ließ, sich de Warville zu nennen, kein Wappenkundiger weiß im geringsten, warum. Vielleicht, weil sein Vater zu allgemeiner Zufriedenheit eine Speise und Weinwirtschaft betrieb im Dorfe Quarville? Ein Mann wie eine Windmühle, immer mahlend, nach allen Winden sich drehend, doch nicht in der gleichmäßigsten Weise.

Alle diese Männer besitzen Talent, die Fähigkeit, zu wirken; und das werden sie, wirken und schaffen, nicht ohne Erfolg, doch ach, nicht in Marmor, sondern nur in Sand! – Doch der Befähigste unter ihnen bleibt noch zu erwähnen, oder muß vielmehr sich erst entwickeln zu einem Mann, den die Geschichte erwähnen muß: Kapitain Hippolyte Carnot, hierher gesandt ans dem Pas-de-Calais. Mit seinem kalten, mathematischen Kopfe, seinem stillen, eigensinnigen Willen, wird der eiserne Carnot, der weit hinaus denkende, unerschütterliche, unbeugsame Mann, in der Stunde der Not nicht fehlen. Noch ist sein Haar schwarz und soll grau werden unter mannigfachen Wechselfällen des Glücks, glänzenden und trüben; und mit eiserner Miene wird dieser Mann ihnen allen begegnen.

Auch an Côté droit und einer Gruppe von Königsfreunden fehlt es nicht. Vaublanc, Dumas, der geehrte Chevalier Jaucourt, die die Freiheit lieben, doch mit einer Monarchie über ihr, und die furchtlos diesem ihrem Glauben gemäß reden; – sie werden von den gewaltig daherbrausenden Stürmen hinweggefegt werden. Mit ihnen werde auch ein 59 neuer, ein militärischer Theodor Lameth genannt, wäre es auch nur um seiner Brüder willen, die beifällig auf ihn herunterblicken von der Galerie der alten Konstituants. Mit schäumendem Munde redende Pastorets, honigsüß versöhnliche Lamourettes, und nichts redende namenlose Individuen sitzen in Menge als Gemäßigte in der Mitte. An einem Côté gauche, einer äußersten Linken, fehlt es noch weniger; sie sitzt auf den obersten Bänken, wie in der Luft, auf ihrer spekulierenden Höhe oder ihrem Berg, der zu einem wirklich feuerspeienden Berg werden und den Namen »Berg« für alle Zeiten und Länder berühmt-berüchtigt machen wird.

Ehre wartet diesem Berge nicht, bis jetzt noch nicht einmal laute Schande. Gabe und Reiz der Rede oder des Denkens zu besitzen, dessen rühmt er sich nicht, sondern nur der einzigen Gabe zuversichtlichen Glaubens, einer Kühnheit, die Erde und Himmel trotzen wird. Voran stehen die drei Cordeliers: der hitzige Merlin von Thionville, der hitzige Bazire, beide Advokaten, und Chabot, der im Agio gewandte Exkapuziner. Der Rechtsanwalt Lacroix, der einst die einfache Epaulette des Subalternen trug, hat laute Lungen und ein hungrig Herz. Auch Couthon ist hier, der sich wenig träumen läßt, was er ist, und dem ein unglücklicher Zufall die unteren Extremitäten gelähmt hat. Denn, wie es scheint, saß er einmal eine ganze Nacht, anstatt in der Wärme von seiner Liebsten Stübchen, in einem kaltem Schlamm bis an den Leib, da er von der Seite seiner Liebsten (die nach Wirklichkeit und Gesetz einem anderen gehörte) verjagt worden war;Dumouriez, II, 370. und bis an sein Ende geht er nun an Krücken. Cambon ist hier, in dem noch unentwickelt solch ein Finanztalent für das Drucken von Assignaten schlummert, der Vater des Papiergeldes, der in einer Stunde der Drohungen das ernste Wort äußern wird: »Krieg den Schlössern, Friede den Hütten – guerre aux châteaux, paix aux chaumières!«Choix de rapports, XI, 25. Lecointre, der unerschrockene Tuchhändler von Versailles, ist hier willkommen; er ist bekannt seit dem Opernmahl und dem Weiberaufstande. Thuriot ist auch da, der Wahlmann Thuriot, der auf den Zinnen der Bastille stand und St. Antoine in Masse sich erheben sah; und der noch manches andere zu sehen bekommen wird. Als letzten und grimmigsten von allen bemerke man den alten Ruhl, mit seinem braunen, düstern Gesicht und dem langen 60 weißen Haar, von elsässisch lutherischer Abkunft; ein Mann, den Alter und Buchgelehrsamkeit nicht belehrt haben, der in seiner Anrede an die alten Männer in Rheims die geheiligte Ampulla (vom Himmel gesandt, und woraus Chlodwig und alle Könige gesalbt wurden) für eine bloße wertlose Ölflasche erklären und sie auf dem Pflaster dort in Scherben zerschmettern wird, der, ach, manches zu Scherben schmettern wird, schließlich seinen eigenen wilden Kopf durch einen Pistolenschuß, und so sein Leben enden wird.

Eine solche Lava wälzt sich rotglühend in den Eingeweiden dieses Berges, der Welt und sich selbst noch verborgen! Ein ganz gewöhnlicher Berg bis dahin, von der Ebene hauptsächlich durch seine größere Unfruchtbarkeit, sein ödes Aussehen unterschieden; höchstens vermag der sehr aufmerksame Beobachter ihn wahrnehmbar rauchen zu sehen. Denn noch liegt alles so fest und friedlich da, und zweifelt selber nicht, wie gesagt, daß es dauern wird, solange die Zeit läuft. Lieben denn nicht alle die Freiheit und die Konstitution? Gewiß, alle von Herzen, – und doch in verschiedenem Grade. Einige, wie Chevalier Jaucourt und seine rechte Seite mögen die Freiheit weniger lieben als das Königtum, wenn's auf eine Probe ankommen sollte; andere, wie Brissot und seine linke Seite, mögen sie mehr lieben, als das Königtum. Ja, von diesen letztern mögen einige die Freiheit mehr lieben, als selbst das Gesetz, andere nicht. Die Parteien werden sich entwickeln, noch kein Sterblicher weiß wie. Es wirken Kräfte in und außer diesen Männern; Uneinigkeit wird zur Opposition, die sich immer mehr herausbildet, zur Unvereinbarkeit und zu einem Kampfe auf Leben und Tod heranwächst, bis der Starke von einem Stärkern und dieser wiederum vom Stärksten vernichtet ist. Wer kann das ändern? Jaucourt und seine Monarchisten, Feuillants oder Gemäßigte, Brissot und seine Brissotins, Jakobiner oder Girondisten, sie alle, wie das Cordelier-Trio, und alle Menschen, sie müssen thun, was und wie es ihnen zu thun beschieden ist.

Und wenn man denkt, zu welchem Schicksal diese armen Siebenhundertundfünfundvierzig, ohne es im geringsten zu wissen, zusammengekommen sind! Kein Herz sei so hart, sie nicht zu bemitleiden. Ihr innigster Wunsch war, zu leben und zu wirken als erstes französisches Parlament und die Konstitution in Gang zu setzen. Gingen sie nicht gleich bei ihrer Einsetzung, beinahe unter Thränen, durch die rührendsten konstitutionellen Ceremonien? Die zwölf Ältesten werden 61 feierlich abgesandt, die Konstitution, das gedruckte Grundgesetzbuch zu holen. Archivist Camus, ein ehemaliger Konstituant, der nun zum Archivisten ernannt worden, er und die ältesten Zwölf treten wieder ein, unter militärischem Gepränge und Musik, das göttliche Buch tragend. Und der Präsident und alle gesetzgebenden Senatoren legen ihre Hand auf das Buch und leisten einer nach dem anderen den Eid darauf, unter Beifallrufen und Herzergießung, unter allgemeinem, dreifachem Hoch!Moniteur, Séance du 4. Octobre 1791. So beginnen sie die Session. Unglückliche Sterbliche! Denn noch am nämlichen Tage, da der König ihre Deputation, wie es scheint, ziemlich trocken empfangen hat, kann sie nicht anders als sich gekränkt fühlen, kann solche Kränkung nicht anders als beklagen; und darauf hin sieht sich unser Beifall rufendes erstes Parlament, am Morgen nach dem Schwur, schon verpflichtet, zu explodieren in eine trotzige Vergeltung, einen antiköniglichen Beschluß, wie sie ihrerseits Seine Majestät empfangen wollen, und wie die Majestät nicht mehr »Sire« genannt werden soll, außer wenn es ihnen beliebt, und dann am folgenden Tag diesen Beschluß als zu eilig und als ein bloßes, jedoch nicht unprovoziertes Gesprudel zu widerrufen.

Ein aufbrausender, doch gutgesinnter Schlag von Senatoren, gar zu entzündbar, wo beständig Funken fliegen. Ihre ganze Geschichte ist eine Reihe von Aufwallungen und Streitereien, aufrichtigen Wünschens, ihre Amtspflichten zu erfüllen, trauriger Unmöglichkeit, es zu thun; Vorwürfe, Tadel gegen des Königs Minister, gegen eingebildete und wirkliche Verräter; hitzige Wut und Donnern gegen wiederdonnernde Emigranten, Furcht vor dem österreichischen Kaiser, dem »österreichischen Komitee« in den Tuilerien selbst; Wut und ständiger Schrecken, Hast und Zweifel und trübe Verwirrung! – Hast, sagen wir, und doch hatte die Konstitution gegen Hast Vorkehrung getroffen. Kein Gesetz kann durchgehen, bis es gedruckt, bis es dreimal verlesen ist in Zwischenräumen von acht Tagen; – »außer wenn die Versammlung schon vorher beschließt, daß der Fall ein dringender.« Was die Versammlung denn, gewissenhaft nach der Konstitution, nie vergißt zu thun: in Anbetracht von diesem, und auch in Anbetracht von dem, und dann auch in Anbetracht von jenem anderen, beschließt die Versammlung immer, »qu'il y a urgence;« und nachdem sie daraufhin beschlossen hat, »daß der Fall ein 62 dringender sei,« so ist sie frei zu beschließen, – welch wahnsinnig unerläßlich Ding ihr am besten scheint. Zweitausend und einige Beschlüsse, wie man rechnet, innerhalb elf Monaten!Montgaillard, III, 1, 237. Die Hast der Konstituante schien groß, aber diese ist dreimal so groß. Denn die Zeit selbst eilt in dreifacher Schnelligkeit, und sie müssen mit ihr Schritt halten. Unglückliche Siebenhundertfünfundvierzig, wahrhaft patriotisch, aber so entzündbar; in Feuer gesetzt, müssen sie auch Feuer sprühen: ein Senat von Schwärmern und Raketen in einer Welt voll Sturm, wo Funken beständig in den Winden fliegen!

Oder man denke andererseits, einige Monate vorausblickend, an die Scene, die man den baiser de l'amourette nennt. Die Gefahren, die das Land bedrohten, waren schon nahegerückt und unermeßlich, die Nationalversammlung, die Hoffnung Frankreichs, in sich selbst gespalten. In solch äußerster Not erhebt sich der honigsüße Abbé Lamourette, der neue Bischof von Lyon, dessen Name l'amourette Liebchen bedeutet, – der erhebt sich, und mit pathetischer, honigsüßer Beredsamkeit beschwört er alle hohen Senatoren, ihre gegenseitigen Beschwerden und Feindschaften zu vergessen, einen neuen Eid zu schwören und sich als Brüder zu vereinigen. Worauf sie alle unter Vivatrufen sich umarmen und schwören, die Linke sich mit der Rechten vermischt, der öde Berg zur fruchtbaren Ebene hinabstürzt, Pastoret in den Armen Condorcets liegt, der Beleidigte mit Thränen in den Armen des Beleidigers; und alle schwören sie, daß jeder, der entweder eine Feuillants-Zweikammer-Monarchie oder eine Ultrajakobiner-Republik wünsche, oder irgend etwas außer der Konstitution und zwar dieser allein, der solle auf ewig verdammt sein.Moniteur, Séance du 6. juillet 1792. Rührend zu sehen und zu hören. Denn, buchstäblich am nächsten Morgen schon, müssen sie, vom Schicksal getrieben, sich wieder streiten, und ihre erhabene Versöhnung wird spottweise le baiser de l'amourette oder der Delilakuß genannt.

Den unglücklichen Brüdern Eteokles und Polynikes gleich umarmen sie sich, doch vergeblich, weinen, daß sie einander nicht lieben dürfen, sondern nur sich hassen und einer von des anderen Hand sterben müssen. Oder sagen wir, verdammten Kobolden gleich, denen bei schwerer Strafe durch Zauberkunst befohlen ist, Schwereres zu thun, als Stricke aus Sand zu flechten, nämlich: »die Konstitution in Gang bringen.« 63 Wenn die Konstitution nur gehen wollte! Ach, die Konstitution rührt sich nicht. Sie fällt auf die Nase, sie heben sie zitternd wieder auf: So gehe doch, du goldne Konstitution! Die Konstitution will nicht gehen. – »Er soll marschieren, beim . . . . . .!« sagte der gute Onkel Tobias und fluchte sogar. Aber traurig antwortete der Korporal: »Er wird nie mehr marschieren in dieser Welt.«

Eine Konstitution wird, wie gesagt, nur dann gehen, wenn sie, wo nicht die alten Gewohnheiten und den alten Glauben der Konstituierten, so doch genau ihre Rechte, oder besser noch ihre Macht vorstellt, – denn sind nicht diese beiden, richtig verstanden, ein und dasselbe? Die alten Gewohnheiten Frankreichs sind dahin, sein neues Recht und seine neue Macht sind, außer in papierner Theorie, noch nicht vergewissert und können's nicht sein, in keiner Weise, bis Frankreich seine Feuerprobe durchgemacht hat. Bis es in grimmigem Kampfe auf Leben und Tod, und wäre es auch im äußersten widernatürlichen Krampfe des Wahnsinns, sich gemessen haben wird mit allen Fürsten und Mächten, den obern und untern, den innern und äußern, mit Erde und Hölle und sogar dem Himmel. Dann wird es sie kennen. – Drei Dinge lassen Böses erwarten für das Ingangkommen der französischen Konstitution: das französische Volk, der französische König, drittens die französische Noblesse und die versammelte europäische Welt.

 

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