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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 84
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel.
Scharfe Schüsse.

Angesichts von dem allem entsteht die höchst dringende Frage: Was mit dem Königtum anfangen? Es absetzen! antworten Robespierre und die wenigen ganz Entschiedenen. Denn wahrlich, was kann man Vernünftigeres thun mit einem König, der davonläuft und selbst in seinem Schlafzimmer bewacht werden muß, damit er bleibe und uns regiere? Wäre Philipp von Orléans nicht ein caput mortuum gewesen! Aber von ihm, den man als Abgeschiedenen nur mehr kennt, 41 träumt jetzt niemand. Man setze das Königtum nicht ab, man erkläre es für unverletzlich, erkläre, daß es fortgezaubert worden sei, enlevé, stelle es wieder her, was dies auch kosten möge an Sophisterei und kleinen Künsten – so antworten mit lautem Ungestüm alle Arten konstitutioneller Royalisten;. so alle reinen Royalisten natürlich, mit leisem Ungestüm und von Furcht unterdrückter Wut, aber noch leidenschaftlicher. Ja, so antworten auch Barnave und die beiden Lameth und Alle, die ihnen folgen; aus voller Macht, erschrocken vor dem unbekannten Abgrunde, an dessen Rand, wohin sie zum größten Teil sich selber gedrängt haben, sie nun, dem Sturze nahe, wanken.

Durch mächtige Anstrengung und Zusammenwirken wird der letztere Kurs beschlossen, und mit starkem Arm, wenn auch nicht mit der klarsten Logik, soll der Beschluß durchgeführt werden. »Mit Aufopferung all ihrer hart erworbenen Popularität, richtet«, wie Toulongeon sagt, »dies merkwürdige Triumvirat den Thron wieder auf, den es mit so vieler Mühe umgestürzt hat, wie wenn man eine umgestürzte Pyramide auf ihre Spitze stellen wollte,« damit sie stehe, so lange man sie hält.

Unglückliches Frankreich, unglücklich im König, in der Königin, in der Konstitution, man weiß nicht, worin am unglücklichsten! War denn nicht die Absicht unserer so glorreichen französischen Revolution die und keine andere, daß, als Schein und Trug, so lange die Seelen tötend, nun auch den Leib zu töten begannen und bis zum Bankerott und gänzlicher Auflösung uns gebracht hatten, daß da ein großes Volk sich erhob und mit Einer Stimme im Namen des Höchsten erklärte: Schein soll nicht mehr sein? Waren die vielen schon erduldeten Leiden und blutigen Greuel und die noch durch traurige kommende Jahrhunderte hindurch zu erduldenden, waren sie nicht der hohe bezahlte und zu bezahlende Preis für eben diese gänzliche Vernichtung des Scheins und Truges unter den Menschen? Und nun, o Barnave-Triumvirat, soll eine Anstrengung von solcher Größe sich beruhigen mit einem solchen doppelt destillierten Truge und dem Schein sogar eines Scheines? Messieurs vom populären Triumvirat, niemals! – Aber was können am Ende arme populäre Triumvirate und fehlbare hohe Senatoren thun? Sie können, wenn die Wahrheit allzu schrecklich ist, ihre Köpfe wie der Vogel Strauß in die erste beste Täuschung stecken und da warten, a posteriori.

Die Leser, die sahen, wie das Clermontais und drei Bistümer in der Nacht der Sporen galoppierten, sahen, wie die Postkutschen ganz Frankreich in Aufruhr brachten wie einen schrecklichen erschreckten welschen Hahn, die die Stadt Nantes im Hemde sahen – sie können sich vorstellen, was es brauchte, um eine solche Sache durchzuführen. Robespierre auf der äußersten Linken, mit ihm vielleicht Pétion und der magere alte Goupil, denn sogar die Triumviratspartei hat ihre Abtrünnigen, sie schreien sich heiser, werden vom konstitutionellen Geschrei übertönt. Aber gar das Debattieren und Räsonnieren einer ganzen Nation, das Geschrei in allen Journalen, für und wider, die gewaltig widertönende Stimme Dantons, die Hyperionpfeile eines Camille, die Stachelschweinwaffen eines unversöhnlichen Marat – das alles bedenke man.

Wie wir es oft vorausgesagt, sagen sich jetzt die Konstitutionellen in Masse von der Muttergesellschaft los und werden Feuillants; bedrohen die Muttergesellschaft mit Auflösung, nun, da alles, was Rang und Ansehen hat, größtenteils aus ihr geschieden. Aber eine Petition um die andere, durch die Post befördert oder von Deputierten gebracht, bittet um Gericht und déchéance, was wir Absetzung nennen, bittet zum mindesten um Verweisung der Sache an die dreiundachtzig Departements. Eine hitzige Deputation von Marseillern erklärt unter anderem: »Unsere Vorfahren, die Phokäer warfen eine eiserne Stange in die Bucht bei ihrer ersten Landung, und eher wird diese Stange wieder auf den Wogen des Mittelmeeres schwimmen, als daß wir einwilligen, Sklaven zu sein.« Vier Wochen oder länger, während die Entscheidung noch zweifelhaft ist, geht es so zu, mit doppelter Gewalt strömt die Emigration über die Grenzen.Bouillé, II, 101. Frankreich kocht in heißer Aufregung über die Frage und Preisfrage: Was ist zu thun mit dem flüchtigen erblichen Repräsentanten?

Endlich am Freitag den 15. Juli 1791 entscheidet die Nationalversammlung; in welch verneinendem Sinne wissen wir. Worauf alle Theater sich schließen, von Ecksteinen und tragbaren Sesseln sich die Straßenreden ergießen. Flammende Munizipalanschläge an den Mauern und unter Trompetenschall verkündete Proklamationen »fordern zur Ruhe auf;« 43 mit geringem Erfolge. Und so soll am Sonntag, den siebzehnten, etwas zu sehen sein, was der Erinnerung wohl wert ist. Eine Papierrolle mit einer Petition, abgefaßt von Brissot, Danton, von Cordeliers und Jakobinern – denn sie war 1ange erörtert und gesichtet worden, und gar viele hatten ihre Hand dabei gehabt – eine solche Papierrolle liegt nun sichtbar auf dem hölzernen Gerüste des Vaterlandsaltars zum Unterzeichnen. Das heute müßige Paris, Männer und Weiber, sie strömen den ganzen Tag hin, um zu unterzeichnen oder zu schauen. Auch unsere schöne Roland kann das Auge der Geschichte mit Interesse dort sehen »am Morgen.«Madame Roland, II, 74. In wenigen Wochen wird die schöne Patriotin Paris verlassen, doch vielleicht nur, um zurückzukehren.

Teils durch den Ärger des getäuschten Patriotismus, teils durch Schließung der Theater und die noch immer mit Trompetenschall verkündeten Proklamationen ist die Hitze in den Gemütern der Leute diesen Tag groß. Ja zu allem ist noch ein Vorfall hinzugekommen, der, halb Posse, halb Tragödie und dazu ein Rätsel, hinreicht, alle aufzuregen. Früh am Morgen fühlt plötzlich ein Patriot (oder, wie einige sagen, war es eine Patriotin, und wirklich ist die Wahrheit unergründlich), auf dem festen Bretterboden des Vaterlandsaltars stehend, mit unbeschreiblichem, durch Mark und Bein gehendem Schrecken, daß ihm oder ihr die Stiefelsohle von unten heraus durchstochen wird. Schnell wie elektrisiert hebt er Fußsohle und Fuß in die Höhe, gewahrt im nächsten Moment – die Spitze eines Bohrers oder einer Ahle, die durch die Bretter dringt und jetzt sich hastig zurückzieht! Welches Geheimnis! Vielleicht Verrat? Ungestüm wird das hölzerne Gerüst aufgebrochen, und seht, wahrlich kommt ein Geheimnis zum Vorschein, das bis ans Ende der Welt nie ganz aufgeklärt werden wird! Zwei menschliche Individuen, von gemeinem Aussehen, einer von ihnen mit hölzernem Bein, liegen da versteckt, den Bohrer in der Hand. Sie müssen über Nacht hineingelangt sein, haben einen Vorrat von Lebensmitteln bei sich, aber kein »Pulverfaß,« das man sehen könnte. Sie thun, als ob sie schliefen, sehen verblüfft genug drein und geben die ungenügendste Auskunft über sich selber. »Bloße Neugier; sie bohrten, um durch das Loch durchschauen zu können, um zu sehen, vielleicht »mit Lüsternheit,« was von jenem so neuen 44 Gesichtspunkte aus gesehen werden konnte,« – wenig Erbauliches, wie man denken sollte! Aber freilich, zu welchen allerdümmsten Dingen mögen nicht menschliche Langeweile, Kitzel, Schlüpfrigkeit, Gelegenheit und der Teufel verleiten, wenn sie sich aus einer halben Million müßiger Köpfe zwei besondere auswählen?Hist. parl. XI, 104-107.

Sicher ist, daß die zwei menschlichen Individuen mit ihrem Bohrer da sind. Ihr unter einem bösen Stern gebornen Individuen! Denn das Ende von allem ist, daß der Patriotismus, in seiner Reizbarkeit, sich noch mehr aufregt mit Hypothesen, Verdacht und Gerüchten, wieder und wieder diese zwei verwirrten Individuen ins Verhör nimmt, sie ins nächste Wachthaus schleppt und wieder herausschleppt, daß eine hypothetische Gruppe sie der anderen entreißt, bis endlich, in solch höchstem Grade nervöser Reizbarkeit, der Patriotismus sie als Spione des Sieur Motier henkt. Und Leben und Geheimnis wird ihnen auf immer herausgewürgt. Für immer, ach! Oder ist ein Tag zu gewärtigen, wo diese offenbar gemeinen zwei Individuen, die aber nichtsdestoweniger Menschen waren, historische Rätsel sein werden? Und wie der von der eisernen Maske (auch ein menschliches Individuum und offenbar nichts mehr) – wissenschaftliche Abhandlungen haben werden? Für uns ist nur dies sicher, daß sie einen Bohrer, Lebensmittel und ein hölzern Bein hatten und dort an der Laterne gestorben sind, wie nur die unglücklichsten Thoren sterben mögen.

Und so geht das Unterzeichnen weiter, in einer noch größern Aufregung. Und Chaumette – denn Antiquitätensammler besitzen das Papier bis auf die heutige StundeHist. parl., XI, 113 etc. – unterschrieb »in fließender, kecker, etwas geneigter Handschrift,« und Hébert, der abscheuliche Père Duchesne, als ob »eine in Tinte getauchte Spinne aufs Papier gefallen wäre;« auch der Bote Maillard hat gezeichnet, und viele Kreuze stehen da von solchen, die nicht schreiben können. Und Paris strömt durch seine tausend Gassen nach dem Marsfelde und zurück in äußerster Erregtheit; der Vaterlandsaltar ist gedrängt voll von unterzeichnenden Patrioten und Patriotinnen, die dreißig Bänke und der ganze innere Raum voller Zuschauer, voll Kommender und Gehender, ein sich immer wieder erneuernder Strudel 45 von Männern und Weibern in ihren Sonntagskleidern.. Dies alles sieht ein konstitutioneller Sieur Motier und Bailly, der zuschaut mit seinem langen und dadurch noch länger gemachten Gesichte. Die sagen sich, daß das nichts Gutes verspricht, vielleicht doch noch, nach allem, déchéance oder Absetzung des Königs. Thut Einhalt, ihr konstitutionellen Patrioten; Feuer läßt sich ersticken, doch nur rechtzeitig.

Thut Einhalt, ja, aber wie? Hat nicht das erste freie Volk der Welt ein Recht, zu petitionieren? – Glücklicherweise oder auch nicht, ist da ein Beweis von Aufruhr, nämlich, daß man diese zwei Individuen an die Laterne gehängt hat. Ein Beweis, o verräterischer Sieur Motier? Waren die beiden Individuen nicht von dir dorthin gesandt, damit man sie henke und dir einen Vorwand gäbe zur Entfaltung deines blutigen drapeau rouge? Diese Frage wird eines Tages mancher Patriot stellen und wird, stark in widernatürlichem Argwohn, sie bejahen.

Genug, gegen halb acht Uhr am Abend kann mit bloßen Augen folgendes gesehen werden: Sieur Motier mit Munizipalräten in Schärpen, mit blauen Nationalpatrouillen, Reihe auf Reihe, ziehen unter Trommelschlag entschlossen nach dem Marsfelde; Maire Bailly, mit verlängertem Gesicht, wie durch traurige Pflicht gezwungen, trägt das drapeau rouge. Zorniges Hohngeschrei erhebt sich im Diskant und Baß aus hunderttausend Kehlen beim Anblick dieses Zeichens des Kriegsrechts, das nichtsdestoweniger, mit der blutig roten Fahne wehend, vom Gros-Caillou-Eingange her vorrückt, näher, trommelnd und die Fahne schwenkend, gegen den Altar des Vaterlandes. Unter immer wilderem Geheul, Flüchen, Verwünschungen, unter Steinwürfen, Steinen und Kot, saxa et faeces, dem Knallen eines Pistolenschusses. Das Ende ist: Feuer der Patrouillen, gefällte Bajonette, das Knattern einer Salve um die andere! Genau nach einem Jahr und drei Tagen wird unser erhabenes Bundesfeld so mit französischem Blute getränkt.

Etwa »zwölf wurden unglücklicherweise erschossen,« berichtet Bailly, der nach Einern zählt; aber der Patriotismus zählt nach Zehnern und selbst nach Hunderten. Nicht zu vergessen, noch zu vergeben! Der Patriotismus flieht, kreischend, verfluchend. Camille hört auf, heute in den Journalen zu schreiben; der große Danton mit Camille und Fréron sind um ihr Leben geflohen, Marat gräbt sich tief in die Erde und 46 schweigt. Noch einmal hat der Patrouillotismus triumphiert, wieder einmal, aber es ist das letzte Mal.

Dies war die königliche Flucht nach Varennes. So ward durch sie der Thron umgestürzt, aber so auch wieder siegreich aufgestellt – auf seine Spitze; und wird stehen, so lange man ihn halten kann. 47

 


 

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