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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 83
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.
Die Rückkehr.

So ist denn unser großes royalistisches Komplott der Flucht nach Metz zur Ausführung gekommen. Nachdem es lange im Hintergrunde geschwebt hat als ein furchtbares königliches Ultimatum, ist es losgebrochen mit seinen Schrecken, wahrlich nicht umsonst. Wie manche royalistische Komplotte und Projekte hatten wir, eins nach dem anderen, die feinangelegt waren und wie Pulverminen und Donnerschläge explodieren sollten! Und nicht ein einziges dieser Komplotte hat ein besseres Schicksal gehabt! Die Pulvermine der Séance royale am 23. Juni 1789, die, wie wir damals sagten, »durchs Zündloch« losging und später, vom Kriegsgott Broglie frisch geladen, eine Bastille in die Luft sprengte. Dann kam das glühende Opernmahl mit Säbelschwenken und dem: »O Richard, o mon roi,« das, unterstützt vom Hunger, den Weiberaufstand herbeiführte, und Pallas Athene in Gestalt der Demoiselle Theroigne. Tapferkeit bringt keinen Nutzen, ebensowenig hat das Glück der Prahlerei gelächelt. Die Schilderhebung Bouillés endet wie die Broglies. Einer nach dem 38 andern opfert sich für diese Sache, nur um ihren schnelleren Untergang zu bewirken; es scheint eine verlorene Sache, verlassen von Himmel und Erde.

Am 6. Oktober vergangenen Jahres hielt König Ludwig, von Demoiselle Theroigne und bei zweihunderttausend Menschen begleitet, einen königlichen Einzug in Paris, wie ihn die Welt noch nie gesehen hatte. Wir prophezeiten ihm noch zwei solche, und demgemäß wird nun noch einer, nach dieser Flucht nach Metz, vor sich gehen. Die Theroigne wird ihn diesmal nicht begleiten, ebensowenig wird Mirabeau »in einem der begleitenden Wagen sitzen.« Mirabeau liegt tot im Pantheon großer Männer, die Théroigne liegt lebend in einem dunkeln österreichischen Gefängnisse, nachdem sie in ihrem Berufe nach Lüttich gegangen war und dort festgenommen wurde. Vom heisern Murmeln der Donau jetzt unterhalten, das Licht ihrer patriotischen Soupers ganz erloschen, so liegt jetzt die Théroigne. Sie wird mit dem Kaiser persönlich sprechen und zurückkehren. Und wie liegt Frankreich? Die flüchtige Zeit mäht das Große nieder und das Kleine, und in zwei Jahren ändert sich Vieles.

Aber jedenfalls haben wir hier, wie wir sagen, einen zweiten schmählichen Einzug des Königs, obschon unter sehr veränderten Umständen, dem ebenfalls Hunderttausende zuschauen. Geduld, ihr Patrioten, die königliche Berline kehrt zurück. Nicht vor Samstag, denn die königliche Berline macht kurze Tagreisen inmitten solch eines lautbrüllenden Meeres von zusammengeströmten Nationalgarden, die man auf Sechzigtausend schätzt, inmitten eines solchen Tumultes eines ganzen Volkes. Drei Kommissäre von der Nationalversammlung, der berühmte Barnave, der berühmte Pétion, der allgemein geachtete Latour-Maubourg sind ihr entgegengereist. Die beiden erstern fahren in der Berline selbst, neben der Majestät, Tag um Tag. Latour als ein so völlig respektabler Mann, von dem alle Welt nur Gutes sagt, darf mit Dame Tourzel und den Kammerzöfchen hinterdrein fahren.

So ist am Samstag abend um 7 Uhr Paris wieder zu Hunderttausenden auf den Beinen, jetzt nicht, um den trikoloren Freudentanz der Hoffnung zu tanzen, auch noch nicht den Furientanz des Hasses und der Rache, sondern um schweigend zu verharren, mit dem ungewissen Blick der Mutmaßungen und der kalten Neugierde. Ein Saint-Antoine-Plakat hat heute morgen bekannt gemacht, daß, »wer immer Ludwig 39 verhöhnt, soll geprügelt, wer ihm Beifall zuruft, soll gehenkt werden.« Seht denn, endlich, diese wundervolle neue Berline, umringt vom blauen Nationalmeere mit aufgesteckten Bajonetten, das langsam, die Berline in der Mitte, durch die schweigend versammelten Hunderttausende dahinfließt. Drei gelbe Kuriere, mit Stricken gebunden, sitzen oben, Pétion, Barnave, Ihre Majestäten mit Schwester Elisabeth und die Kinder Frankreichs sitzen drinnen.

Ein Lächeln der Verlegenheit oder eine Wolke trüben Verdrusses zeigt sich auf dem breiten phlegmatischen Gesichte Seiner Majestät, der beständig den verschiedenen offiziellen Personen erklärte, was ohnehin offenbar war: »Eh bien, me voilà! Nun, da bin ich,« und, was nicht so offenbar: «Ich versichere Sie, daß ich nicht beabsichtigte, über die Grenze zu gehen,« und so weiter – Reden, die für den armen königlichen Mann natürlich waren, die aber die Rücksicht lieber verschleiern möchte. Schweigend verharrt Ihre Majestät, mit einem Blick des Kummers und der Verachtung, natürlich für dies königliche Weib. So rumpelt und kriecht der schmähliche königliche Zug durch viele Gassen mitten unter einem schweigend gaffenden Volke, einer procession du roi de Basoche vergleichbar, wie MercierNouveau, Paris, III, 22. meint, oder auch einem Zuge des Königs Krispin mit seinen Herzögen von der Schusternaht und dem Leisten, und allen königlichen Wappen der Schusterei. Nur wirklich mit dem Unterschied, daß dieser Zug nicht komisch ist, ach nein, er ist tragikomisch mit seinen gefesselten Kurieren und dem drohenden Verhängnisse, das darüber schwebt; er ist höchst phantastisch und doch die jammervollste Wirklichkeit. Das jammervollste, flebile ludibrium einer Pickelhering-Tragödie! In höchst unprächtiger Ausstattung schleppt sich der Zug an dem staubigen Sommerabend durch manche Straßen, windet sich endlich aus den Augen der Zuschauer, und verschwindet im Tuilerienpalaste – seinem Verhängnisse entgegen, der langen Tortur, peine forte et dure.

Der Pöbel, es ist wahr, ergreift die drei mit Stricken gebundenen gelben Kuriere, will die wenigstens massakrieren. Aber unsere hohe Versammlung, die in diesem großen Momente eben Sitzung hält, sendet eine Deputation zu Hilfe, und das Ganze wird beschwichtigt. Barnave, »noch ganz staubig,« ist schon dort im Nationalsaale, erstattet kurzen, rücksichtsvollen Bericht. Wie denn wirklich dieser Barnave 40 während der ganzen Reise höchst rücksichtsvoll und sympathisch war und der Königin Vertrauen gewonnen hatte, deren edler Instinkt ihr immer eingab, wem sie trauen soll. Sehr verschieden vom schwerfälligen Pétion, der, wenn die Campan die Wahrheit spricht, in der königlichen Berline sein Frühstück aß, sich behaglich das Weinglas füllte, die Hühnerknochen an der Nase des Königtums vorbei hinauswarf und auf des Königs Bemerkung: »Frankreich kann keine Republik sein,« erwiderte: »Nein, es ist noch nicht reif dazu.« Barnave ist hinfort einer Königin Ratgeber; wenn nur Rat noch nützen könnte. Ihre Majestät setzt Dame Campan in Erstaunen, indem sie beinahe eine gewisse Achtung für Barnave zu erkennen giebt und äußert, daß am Tage der Vergeltung und des königlichen Triumphes Barnave nicht hingerichtet werden soll.Campan, II, 18.

Am Montag in der Nacht ist das Königtum geflohen, am Samstag Abend kehrt es zurück – so viel, in einer kurzen Woche, hat es für sich zustande gebracht. Die Pickelhering-Tragödie ist verschwunden in den Tuilerienpalast, der »schweren und harten Strafe« zu. Bewacht, gefesselt und gedemütigt, wie nie das Königtum es war. Bewacht selbst in seinen Schlafgemächern und innersten Zufluchtsstätten, denn es muß bei halb offenen Thüren schlafen, während ein blauer Nationalargus wacht, sein Auge auf der Königin Vorhänge gerichtet; ja, als einmal die Königin nicht schlafen kann, erbietet er sich, sich zu ihr ans Bett zu setzen und ein wenig mit ihr zu plaudern!Campan, II, 149.

 

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