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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 82
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.
Die Nacht der Sporen.

Das kommt von mysteriösen Eskorten und von der neuen Berline mit elf Pferden; »wer ein Geheimnis hat, sollte nicht nur dieses verbergen, sondern verbergen, daß er etwas zu verbergen hat.« Die erste Militäreskorte ist von selbst explodiert, und alle militärischen Eskorten und die ganze argwöhnisch gewordene Gegend wird nun in Aufruhr geraten und losgehen in einer Explosion, die nicht dem Siegesdonner vergleichbar sein dürfte. Eher vergleichbar dem ersten Sturze einer Alpenlawine, die einmal entstanden, wie hier in Sainte-Menehould, sich ausbreiten und weiter und weiter stürzen wird, bis nach Stenai hin, dahinstürmend in wilder Vernichtungswut, bis patriotische Dorfbewohner, Bauern, neue Berline und Königtum in den Abgrund niedergerissen sind.

Die dichten Schatten der Nacht senken sich hernieder. Die Postillone knallen und peitschen, die königliche Berline ist durch Clermont hindurch, wo Oberst Graf von Damas ihr ein 29 Wort zuflüstern konnte, ist glücklich hindurch und auf dem Wege nach Varennes, eilend nach dem Maße des doppelten Trinkgeldes. Und ein Unbekannter, »Inconnu zu Pferde« ruft einige heiser gewisperte, ernste, leider nicht verständliche Worte in den eilig dahinrollenden Wagen und verschwindet im Dunkel der Nacht.Campan, II, 159. Die hohen Reisenden zittern, nichtsdestoweniger läßt die Ermüdung sie alle in eine Art von Schlummer verfallen. Ach, und Drouet und Guillaume spornen ihre Pferde an, schlagen der Kürze und Sicherheit wegen Seitenpfade ein, verbreiten überall ihre moralische Überzeugung, die dahinfliegt, wie von den Vögeln durch die Luft getragen.

Und unser gestrenger Quartiermeister spornt sein Pferd und weckt, gerade hier in Clermont, heisern Trompetenton, der die zu Bett gegangenen Dragoner aus dem Schlafe ruft. Der wackere Oberst von Damas läßt einen Teil dieser Clermont-Dragoner aufsitzen, und der junge Cornet Remy sprengt mit einigen davon. Aber der patriotische Magistrat ist auch hier in Clermont bald auf den Füßen; Nationalgarden schreien nach Patronen, und das Dorf »illuminiert;« – flinke Patrioten springen aus den Betten, schlagen eilig Licht an, jeder stellt sein Souslicht oder seine ärmliche Öllampe ans Fenster, bis alles schimmert und flimmert. Überall ein camisado oder Hemdentumult, Sturmglocken läuten, Dorftrommeln schlagen wütend générale, hier in Clermont, bei allgemeiner Illumination, und aufgeregte Patrioten toben und drohen! Der wackere junge Oberst von Damas spricht in diesem Tumult des aufgeregten Patriotismus einige feurige Worte zu den wenigen Reitern, die er hat: »Kameraden in Sainte-Menehould beschimpft, König und Vaterland bedürfen der Tapferen,« dann giebt er das feurige Kommando: »Zieht eure Säbel.« Aber ach, darauf hin schlagen die Reiter nur auf den Säbelgriff und drücken ihn fester in die Scheide! »Zu mir, wer für den König ist!« ruft Damas in Verzweiflung und galoppiert, er allein mit armseligen zwei Ergebenen, in die Nacht hinein.Procès-verbal du Directoire de Clermont (in Choiseul, p. 188-195).

Es ist eine Nacht, wie sie Clermont nie gehabt, die kürzeste des Jahres, die merkwürdigste des Jahrhunderts, eine Nacht, die es verdient, die Nacht der Sporen zu heißen! Cornet Remy und jene wenigen, die mit ihm davon sprengten, 30 haben den Weg verfehlt, sie galoppieren stundenlang in der Richtung von Verdun, dann stundenlang durch ein von Hecken durchschnittenes Land, durch aufgeschreckte Dörfer gegen Varennes zu. Unglücklicher Cornet Remy, noch unglücklicherer Oberst Damas, mit dem nicht mehr verzweifelt dahin reiten als zwei Ergebene! Mehr reiten nicht von jener Eskorte von Clermont, von anderen Eskorten in anderen Dörfern mögen nicht einmal zwei reiten, alle werden nur ihre Pferde kourbettieren und sich bäumen lassen, und an Weiterem sich hindern lassen durch die Sturmglocke und die illuminierten Dörfer.

Und Drouet reitet, und der Schreiber Guillaume, und das Volk läuft. – Goguelat und der Herzog von Choiseul jagen in den rauhen Wäldern von Clermontais durch Sümpfe, über Felsen, über Stock und Stein, auf Wegen bald, bald auf weglosen Strecken, von Führern geleitet. Husaren fallen in Gruben und »liegen dreiviertel Stunden lang in Ohnmacht,« während die übrigen sich weigern, ohne sie zu marschieren.. Welch ein Abendritt von Pont-de-Sommevelle, welche dreißig Stunden, seit Choiseul Paris verließ mit Leonard, dem Kammerdiener der Königin, mit sich im Wagen. Schwarze Sorge sitzt hinter dem Reiter. So stürzen sie vorwärts, schrecken die Eule auf von ihrem verborgenen Nest, zertreten süß duftende Waldkräuter und Wiesenblumen, und erschrecken das Ohr der Nacht. Doch horch! Es ist gegen zwölf Uhr, wie man glaubt, denn sogar die Sterne sind erloschen. Ist das nicht die Sturmglocke von Varennes? Der Husarenoffizier hält die Zügel an und lauscht. »Ohne Zweifel ein Feuer!« – doch reitet er weiter, mit verdoppelter Angst, um sich zu vergewissern.

Ja, wackere Freunde, die ihr euer Möglichstes thut, es ist eine gewisse Art von Feuer, eine schwer zu löschende. – Die Korff'sche Berline, der ganzen reitenden Lawine noch ein schönes Stück voraus, erreichte das kleine elende Dorf Varennes ungefähr um elf Uhr, war guter Hoffnung trotz dem heiser flüsternden Unbekannten. Liegen jetzt nicht alle Städte hinter uns, ist nicht Verdun zu unserer Rechten vermieden? Sind wir nicht sozusagen unserem Bouillé im Winde, und begünstigt uns nicht die dunkelste Sommernacht? Und so halten wir auf der Spitze des Hügels am Südende des Dorfes in Erwartung unserer Relaispferde, die der junge Bouillé, Bouillés eigener Sohn, mit seiner Husareneskorte bereit halten sollte; denn in diesem Dorfe ist keine Post. 31 Beunruhigend ist's, weder Pferd noch Husar sind da. Ach, und starke Pferde, ein richtiges Gespann, das dem Herzog von Choiseul gehört, stehen an der Krippe, aber im oberen Dorfe jenseits der Brücke, und wir wissen nichts von ihnen. Husaren warten ebenfalls, aber trinkend in den Schenken. Denn, in der That, es sind sechs Stunden über die Zeit, und der junge Bouillé, der einfältige Bursche, dachte, für diese Nacht sei alles vorüber und hat sich zu Bett gelegt. Und so müssen unsere gelben unerfahrenen Kuriere tappend und stolpernd durch ein größtenteils im Schlafe liegendes Dorf irren; die Postillone wollen um kein Geld mit den müden Pferden weiter fahren, wenigstens nicht ohne Erfrischung, nein, da mag der Kammerdiener im runden Hut auf sie einreden, so viel er will.

Welch ein Elend! »Fünfunddreißig Minuten lang,« nach des Königs Uhr, steht die Berline stockstill, der runde Hut zankt mit den Reitstiefeln, die müden Pferde schlabbern ihr Mehl und Wasser, gelbe Kuriere tappen und stolpern, – und der junge Bouillé schläft all die Zeit im obern Dorfe, und Choiseuls schönes Gespann steht an der Krippe. Da hilft nichts, selbst eine königliche Belohnung nicht; bedächtiglich schlabbern die Pferde, der runde Hut zankt, Bouillé schläft. Und horch nun, kommen nicht in der dunklen Nacht in ermattetem Galopp zwei Reiter angeklappert und stutzen einen Augenblick (soweit im Dunkeln erkennbar) beim Anblick der dunklen Masse der Berline und ihres langweiligen Schlabberns und Zankens und sprengen dann schneller davon ins Dorf hinein? Es ist Drouet, er und Schreiber Guillaume. Noch immer an der Spitze, diese zwei, von der ganzen Lawine, über Stock und Stein reitend; noch nicht erschossen, obschon einige sich rühmen, sie gejagt zu haben. Gefährlich ist auch Drouets Botschaft, aber er ist ein alter Dragoner, und seine Sinne sind völlig wach und hell.

Das Dorf Varennes liegt da, dunkel und im Schlafe, ein äußerst unebenes Dorf von umgekehrter Sattelgestalt, wie einige es beschreiben. Es schläft, das Rauschen des Flusses Aire singt ihm das Wiegenlied. Dennoch kommt aus dem goldenen Arm, dem Wirtshause Bras d'or, über den abschüssigen Marktplatz noch ein Schein geselligen Lichts, kommen Stimmen rauher Viehtreiber oder ähnlicher Leute, die noch den letzten Trunk nicht genommen haben. Boniface Le Blanc, in weißer Schürze, wartet ihnen auf, und einen ermunternden Anblick bietet er. In diesen Bras d'or tritt Drouet ein. 32 Heiterkeit blitzt aus seinen Augen; er winkt Boniface in aller Heimlichkeit: »Camarade, es-tu bon patriote? Bist du ein guter Patriot?« – »Si je suis!» antwortet Boniface. – »In dem Falle,« wispert eifrig Drouet – und wispert was nötig, und von Boniface allein gehört.Deux Amis, VI, 139-178.

Und nun seht Boniface Le Blanc sich rühren, wie er's nie gethan, nicht für den lustigsten Zecher. Seht Drouet und Guillaume, die gewandten alten Dragoner, schnell drunten die Brücke versperren, mit einem »Möbelwagen, den sie dort finden,« mit allem, was sie erwischen können von Wagen, Karren, Fässern, Kisten, – bis keine Berline die Brücke passieren kann. Dann schnell, sowie die Brücke versperrt, seht, wie sie eilig nahe dabei, unter dem Thorbogen von Varennes Posto fassen, verstärkt durch Le Blanc, Le Blancs Bruder, und einen oder zwei eifrige Patrioten, die er geweckt hat. Etwa ein halbes Dutzend in allem stehen sie nahe unter dem Thore wartend, mit Nationalgewehren, bis die Berline angerollt kommt.

Sie kommt! Jalte-là! Laternen blitzen unter den Röcken hervor, die Zügel sind von starken Fäusten ergriffen, zwei Nationalmusketen richten sich von vorn und von hinten durch die beiden Kutschenthüren: »Mesdames, Ihre Pässe?« – Ach, ach! Sieur Sausse, Procureur der Gemeinde, Lichtzieher auch und Krämer dazu, ist da mit amtlicher Krämerhöflichkeit, Drouet mit grimmiger Logik und schnellem Verstand: Die geehrte Reisegesellschaft, sei es nun Baronin von Korffs Gesellschaft, oder seien es Personen von noch höherem Rang, wird vielleicht die Gefälligkeit haben, sich auszuruhen bei Monsieur Sausse bis zum Morgen!

O Ludwig, o unglückliche Marie Antoinette, die du verurteilt bist, unter solchen Menschen dein Leben zuzubringen! Phlegmatischer Ludwig, bist du denn bis in dein Innerstes hinein nichts, als träges, nur halbbelebtes Phlegma? König, Oberfeldherr, Souverain, Franke. Wenn je dein Herz einen Entschluß fassen konnte, seitdem es begann zu schlagen unter dem Namen eines Herzens, so sei es jetzt oder nie in dieser Welt: »Gewaltthätige nächtliche Individuen! Und wenn wir Personen wären von höherem Range? Und wenn es der König selber wäre? Hat nicht der König das Recht, das alle Bettler haben, unbelästigt auf seiner eigenen Straße zu reisen? Ja, ich bin der König! Und nun zittert, da ihr es wißt! 33 Der König hat gesprochen in dieser geringen Sache, und in Frankreich oder unter Gottes Thron giebt's keine Macht, die widersprechen soll. Nicht den König, nur seinen Leichnam sollt ihr hier unter eurem elenden Thor anhalten und es vor Gott und den Menschen verantworten. Zu mir, ihr Leibgarden, Postillone, en avant!« Man kann sich den blassen Schrecken der beiden Le Blanc mit ihren Musketen, das Maulhängen eines Drouet denken, und wie Procureur Sausse zergangen wäre wie Talg in der Ofenhitze, wenn Ludwig so gesprochen hätte, zugefahren wäre, nach einigen Schritten den jungen Bouillé und seine Husaren und Relaispferde erweckt hätte, triumphierend mit stolzer Reitereskorte und wieder Eskorten in Montmédy eingezogen wäre, und so der ganze Lauf der französischen Geschichte ein anderer geworden sein würde!

Ach, es war nicht in dem armen, phlegmatischen Manne. Sonst wäre ja die französische Geschichte gar nie hier unter diesem Thore von Varennes zur Entscheidung gekommen. – Er steigt aus, alle steigen sie aus. Procureur Sausse reicht der Königin und der Schwester Elisabeth seine Krämerarme, die Majestät nimmt die beiden Kinder bei der Hand. Und so gehen sie ruhig über den Marktplatz zurück zum Procureur Sausse, steigen hinauf in seinen kleinen oberen Stock, wo Seine Majestät stracks »Erfrischungen verlangt.« Ja, Erfrischungen verlangt, wie es geschrieben ist, und Brot und Käse mit einer Flasche Burgunder bekommt und bemerkt, daß es der beste Burgunder sei, den er je getrunken!

Inzwischen ziehen die Varenner Notabilitäten und alle anderen, Beamte oder nicht Beamte, hastig ihre Hosen an, und greifen nach ihren Fechtapparaten. Halbangezogene Sterbliche rollen Fässer hinaus, legen gefällte Bäume in den Weg. Eilboten sprengen hinaus nach allen vier Winden, – die Sturmglocke beginnt zu läuten, »das Dorf illuminiert.« Sehr merkwürdig ist's, wie diese kleinen Dörfer sich benehmen; sie sind so geschickt, wenn sie mitten in der Nacht vom Kriegslärm aufgeschreckt werden. Wie kleine, behende, städtische Klapperschlangen, die man plötzlich aufstört; denn ihre Sturmglocke klappert und tönt, ihre Augen (die Talglichter) schillern und leuchten, wie im Klapperschlangenzorn, und das Dorf wird stechen. Der ehemalige Dragoner Drouet ist Ingenieur und Generalissimus, tapfer wie ein Ruy Diaz: Jetzt oder nie, ihr Patrioten, denn die Soldaten sind im Anzug, ob Blutbad durch Österreicher, durch Aristokraten, ob 34 Kriege schlimmer als Bürgerkrieg, alles hängt von euch ab und von der Stunde! – Nationalgarden stellen sich, erst halb zugeknöpft, in Reih und Glied, Sterbliche, wie gesagt, noch immer nur in Hosen, in Unterröcken, rollen Fässer und Gerümpel heraus, legen gefällte Bäume zu Barrikaden: das Dorf will stechen. Rasende Demokratie, so scheint's, ist also nicht bloß in Paris zu finden? Ach nein, was auch immer die Höflinge schwatzen mögen, allzu klar: nicht! Das Sterben für seinen König ist ein Sterben für sich selber geworden, und wenn nötig gegen den König.

Und so ist unsere reitende und laufende Lawine am Abgrund angelangt, die Korff'sche Berline voran, und mag nun dorthin sich ergießen und stürzen ins Endlose! Braucht man zu fragen, ob es für die nächsten sechs Stunden ein Klappern von Rosseshufen gab weit und breit hin? Klappern und Sturmläuten und wilder Tumult über ganz Clermontais und über die drei Bistümer. Dragoner und Husaren galoppieren auf Wegen und auf Nichtwegen, Nationalgarden bewaffnen sich und brechen auf in finsterer Nacht, Sturmglocke auf Sturmglocke verbreitet den Alarm. In etwa vierzig Minuten erreichen Goguelat und Choiseul mit ihren ermüdeten Husaren Varennes. Ach, es ist also kein Feuer, oder ein schwer zu löschendes Feuer! Sie springen über die Baumbarrikaden trotz dem Nationalsergeanten, dringen ins Dorf, wo Choiseul seine Reiter mit der wirklichen Lage der Dinge bekannt macht, die in ihren Kehllauten mit Zwischenworten antworten. »Der König, die Königin!« und zuverlässig erscheinen. Die wollen nun, in dieser entschlossenen Stimmung, vorerst Procureur Sausses Haus besetzen. Wie gut – hätte nicht Drouet die Sache anders gewendet und sogar in seiner äußersten Not gebrüllt: »Kanoniere, zu euern Kanonen!« – zwei alten verrosteten Feldstücken, höchstens mit Spinnweben geladen; das Rasseln dieser Stücke, als die Kanoniere sie mit zuversichtlichen Mienen heranrollten, dämpfte dennoch den Eifer der Husaren und veranlaßte sie, sich respektvoller weiter zurück aufzustellen. Das übrige thun Weinkrüge, die in ihre Reihen gereicht werden, denn auch die deutsche Kehle ist empfänglich. Wie nach ungefähr einer Stunde Ingenieur Goguelat heraustritt, antwortet man ihm mit einem weinseligen: »Vive la Nation!« –

Was hülfe es? Goguelat, Choiseul, nun auch Graf Damas und alle Varenner Beamten sind beim König, und der König kann keinen Befehl geben, keinen Entschluß fassen, sondern 35 sitzt da, wie immer, wie Thon in des Töpfers Händen; vielleicht die absurdeste von allen jämmerlichen und der Entschuldigung bedürftigen Thonfiguren, die es nur giebt unterm Monde. Er will nächsten Morgen weiter reisen und die Nationalgarden mit sich nehmen, wenn – Sausse es erlaubt! Unglückliche Königin! Ihre zwei Kinder liegen da auf ärmlichem Bett, die alte Mutter Sausse kniet vor Gott mit Thränen und dem lauten Gebet, daß er die Königin und ihre Kinder segne; die kaiserliche Marie Antoinette kniet nahezu vor dem Sohne Sausse und dessen Weib unter Talglichtkisten und Syrupfässern, – und kniet vergebens! Dreitausend Nationalgarden sind gekommen; nicht lange, so wird man zehntausend zählen, denn die Sturmglocken eilen übers Land wie Feuer über trockene Heide, oder viel schneller.

Der junge Bouillé, den die Varenner Sturmglocke geweckt hat, hat sich aufs Pferd gesetzt und ist zu seinem Vater geflohen. Dorthin reitet auch in beinahe hysterisch verzweifelter Weise ein gewisser Sieur Aubriot, Choiseuls Ordonnanz, schwimmt durch den dunkeln Fluß, da unsere Brücke gesperrt ist, spornt sein Pferd, als ob die wilde Jagd ihm auf den Fersen säße.Rapport de M. Aubriot (in Choiseul, p. 150-157). Durch das Dorf Dun, noch immer im Galopp reitend, verbreitet er den Alarm; in Dun sattelt der wackere Kapitän Deslons und seine Eskorte von einem Hundert, und reiten. Deslons gelangt auch nach Varennes, läßt seine Hundert draußen an der Baumbarrikade, erbietet sich, den König herauszuhauen, wenn er es befehlen will; aber unglücklicherweise »wird es eine heiße Arbeit geben«, weshalb denn König Ludwig »keine Befehle zu geben hat.Extrait d'un rapport de M. Deslons (Choiseul, p. 164-167).«

Und so läutet die Sturmglocke, und Dragoner galoppieren und können, nach allem Galoppieren, nichts thun. Nationalgarden strömen daher wie sich sammelnde Raben. Die explodierende Donnerkette, die stürzende Lawine, oder womit man den Eskortenapparat sonst vergleichen will, ist lebendig geworden, über die Maßen, – bis hin nun nach Stenai und Bouillé selbst.Bouillé, II, 74-76. Der wackere Bouillé, ein Sohn des Sturmwindes, er läßt sein Regiment Royal-Allemand satteln, spricht Feuerworte, die Herz und Augen entflammen, verteilt fünfundzwanzig Goldlouisdors an jede Kompagnie. – Reite, 36 Royal-Allemand, du altberühmte Schar, nicht zum Tuilerienangriff und zu Necker-Orléansscher Büstenprozession, ein König ist gefangen, und eine Welt ist zu gewinnen! – Ja, es ist eine Nacht, die es verdient, die Nacht der Sporen genannt zu werden.

Um sechs Uhr haben sich zwei Dinge ereignet. Lafayettes Adjutant Romoeuf, der à franc étrier auf der Route jenes alten Gemüsehändlers ritt, ist nach Varennes gelangt, wo jetzt die Zehntausend wütend verlangen, mit einer Wut, wie sie nur der panische Schrecken erzeugt, daß das Königtum sogleich nach Paris zurückkehre, damit nicht unendliches Blutvergießen entstehe. Zweitens ist auf der anderen Seite der »englische Tom,« Choiseuls Jockey, der mit Choiseuls Relaispferden geflohen, auf den Höhen von Dun dem daherreitenden Bouillé begegnet. Dunkles Gewitter lagert auf Bouillés eherner Stirn, donnernd rasselt Royal-Allemand auf seinen Fersen daher. So gut er kann, beantwortet der »englische Tom« die kurze Frage: »Wie steht's in Varennes?«, fragt dann seinerseits, was er, der englische Tom, mit Monsieur de Choiseuls Pferden thun soll und wohin reiten? – »Zur Hölle!« antwortet eine Donnerstimme; dann wieder spornend befiehlt sie Royal-Allemand zu galoppieren und verschwindet fluchend (en jurant).Déclaration du Sieur Thomas (in Choiseul, p. 188). Es ist das Letzte, was man vom braven Bouillé hört. In Sicht von Varennes hält er an, ruft einen Offiziersrat zusammen, findet, daß alles umsonst ist. König Ludwig ist schon fort, mit seiner eigenen Zustimmung, unter dem allgemeinen Läuten der Sturmglocken, dem Trampeln von zehntausend Bewaffneten, die schon da sind, und von etwa sechzigtausend, die noch daherströmen. Der wackere Deslons stürzte selbst ohne »Befehl,« mit seinen hundert Reitern an das Ufer der Aire,Weber, II, 386. durchschwamm einen Arm des Flusses, konnte nicht durch den zweiten, und stand dort, triefend und keuchend und schneuzend, unter dem Hohngeschrei der Zehntausend, während die neue Berline auf ihrem mühseligen, unvermeidlichen Weg nach Paris dahinrollte. Keine Hilfe also auf Erden, noch vom Himmel, in einer Zeit ohne Wunder!

In jener Nacht »ritten Marquis de Bouillé und einundzwanzig andere von uns über die Grenze; die Bernhardinermönche zu Orval in Luxemburg gaben uns Nachtessen und Quartier.Aubriot, wie oben, p. 158.« Wortlos reitet Bouillé dahin, in Gedanken, die 37 das Reden nicht vertragen. Nordwärts, ins Ungewisse und in kimmerische Nacht; nach den westindischen Inseln, denn mit schwächlichem Emigrantenwahnsinn kann der Sohn des Sturmwindes nicht zusammen wirken; dann nach England, zu vorzeitigem, stoischem Tode – nie wieder nach Frankreich. Ehre dem Tapfern, der, sei's nun in diesem Streit oder in jenem, ein wirkliches Wesen und vernehmlich redendes Stück menschlicher Tapferkeit ist, nicht ein prahlendes, hohles Gespenst und ein schnatternder und plappernder Schatten. Er war einer der wenigen royalistischen Hauptfaktoren, dieser Bouillé, von dem man dieses sagen kann.

So verschwindet denn auch der wackere Bouillé aus dem Gewebe unserer Geschichte. Geschichte und Gewebe, beides ist ein schwaches unzulängliches Abbild jenes großen wunderbaren Gewebes und des lebenden Gewirkes, genannt Französische Revolution, das sich damals wirklich webte »auf dem lautsausenden Webstuhle der Zeit.« Die alten Braven mit ihren Bestrebungen verschwinden, und neue, bissige Drouets mit neuen Bestrebungen und Farben erscheinen, – wie es bei diesem Weben so geht.

 

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