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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.
Maurepas.

Unter allen Hoffnungen, die in dem Herzen der Franzosen keimen, hat wohl die Hoffnung des alten Herrn von Maurepas, sich durch seine Geschicklichkeit am Ruder zu erhalten, die meiste Berechtigung. Ein heiterer alter Herr, der für jede Schwierigkeit sein Witzwort bereit hat und der sich wie ein Kork, ohne zu sinken, stets auf der Oberfläche erhält, mögen die Wogen der Verwirrung noch so hoch gehen. Was kümmert ihn Vervollkommenungsfähigkeit, Fortschritt der Menschheit und Astraea redux! Die Hauptsache bleibt, daß die Menschen ihn, den witzigen Mann und angehenden Achtziger, noch auf dem Hochsitz der Macht sehen und als die wichtigste Persönlichkeit betrachten. Sollen wir ihn, wie es die stolze Chateauroux zu thun pflegte, Monsieur Faquinet (Schuftchen) nennen? In der Sprache der Höflinge heißt er jetzt »Frankreichs Nestor,« und dieser Nestor regiert jetzt Frankreich.

Eigentlich ist es aber schwer zu sagen, wo gegenwärtig der Sitz der Regierung ist. Im Schlosse zu Versailles sehen wir unseren Nestor, den König und die Königin, ferner Minister und Beamte mit wohlverschnürten Aktenbündeln – aber die Regierung? Die Regierung ist doch etwas, was regiert, was führt und, wenn es not thut, zwingt. Derartiges existiert in Frankreich nicht, wenigstens nicht wahrnehmbar; aber unsichtbar besteht es, wenn auch nicht organisiert, in den philosophischen Salons, in den Galerien des Oeil de Boeuf, im Munde des Schwätzers, in der Feder des Pamphletisten. Ihre Majestät die Königin erscheint in der Oper und wird mit Applaus empfangen; freudestrahlend kehrt sie zurück. Mit der Zeit läßt der Beifall nach und scheint ganz verstummen zu wollen; schwer wird der Königin ums Herz, die Freude flieht aus ihrem Antlitz. Ja, ist denn Herrscherwürde nur ein armseliger Montgolfier, der anschwillt und sich in die Lüfte erhebt, wenn er vom Winde der Volksgunst getragen wird, oder erschlafft und sinkt, wenn kein günstiger Wind weht? Frankreich war zwar schon lange das Land des »durch Epigramme gemäßigten 41 Despotismus;« aber jetzt scheint es, als sollten die Epigramme die Oberhand gewinnen.

Wie glücklich wäre »Ludwig der Ersehnte,« Frankreich glücklich zu machen, wenn dies nur nicht gar so mühevoll wäre und wenn er nur das Wie? wüßte. Um ihn her endloser Widerspruch: so viele Forderungen, so viele Klagen; eine wahre babylonische Verwirrung. Solche Widersprüche kann niemand versöhnen, nur der Stärkste, der Weiseste könnte sie beherrschen oder sie unterdrücken; – unter ihnen selbst nur aushalten, das kann bloß die leichtfertig witzelnde Wetterfahne Maurepas. Das Freidenkertum fordert sein neues Zeitalter und versteht unendlich Vieles darunter. Mit gar lauter Stimme erhebt es seine Forderung; denn das bisher stumme Frankreich beginnt auch zu sprechen und führt die nämliche Sprache. Das giebt einen gewaltigen, vielstimmigen Chor, der nicht ohne Eindruck bleibt, wenn man ihn auch noch nicht deutlich versteht. Das Oeil de Boeuf dagegen, das man wegen der Nähe am besten hört, verlangt laut und ungestüm, daß die Monarchie so wie bisher das Füllhorn bleibe, aus dem loyale Hofleute schöpfen können, – um für den Thron eine rechte Stütze zu sein. Mögen der Liberalismus und die neue Ära ihren Einzug halten, wenn man es so wünscht; nur ja keine Schmälerung der königlichen Einkünfte. Leider ist gerade diese Bedingung unerfüllbar.

Das Freidenkertum sieht seinen Turgot als Generalkontroleur; nun soll unaufhörlich reformiert werden. Unglückseligerweise blieb Turgot nur zwanzig Monate im Amte. Mit einem wunderwirkenden Fortunatussäckel im Staatsschatze hätte es vielleicht länger gedauert; mit einem solchen Säckel hätte sich freilich jeder französische Finanzminister, der damals Erfolge haben wollte, im voraus versehen müssen! Aber müssen wir nicht abermals auch darin die Güte der Natur erkennen, daß sie den Menschen immer aufs neue hoffen läßt? Einer nach dem anderen tritt voll Zuversicht an den Augiasstall heran, als ob er ihn reinigen könnte, verschwendet freudigen Mutes das wenige, was er an Talent besitzt, und bringt, wofern er nur ehrlich ist, doch etwas zustande. Turgot hat Fähigkeiten, Einsicht, Redlichkeit, herrische Willenskraft, – aber den Fortunatussäckel hat er nicht. O du sanguinischer Generalkontroleur! Eine ganze, friedliche Revolution Frankreichs kann im Kopfe des Denkers ausgearbeitet sein; aber wer wird die ungeheueren Entschädigungssummen zahlen, die notwendig sein werden? Davon will leider niemand 42 etwas wissen. Turgot macht gleich nach seinem Amtsantritt den Vorschlag, der Klerus, der Adel, ja selbst die Parlamente seien ebenso wie das Volk zur Steuerleistung heranzuziehen. Ein Schrei der Entrüstung und des Erstaunens erhebt sich in allen Galerien des Schlosses. Herr von Maurepas muß sich wieder einmal drehen; der arme König, der noch vor wenigen Wochen geschrieben hat: »Il n'y a que vous et moi, qui aimions le peuple« muß jetzt Turgot's Entlassung schreibenIm Mai 1776. und es der französischen Revolution selbst überlassen, sich, so gut sie kann, friedlich oder nicht friedlich, zu vollziehen.

So ist denn die Hoffnung aufgeschoben? Ja, aufgeschoben, aber nicht vermindert oder vernichtet. Ist das nicht z. B. unser Patriarch Voltaire, der nach langjähriger Abwesenheit wieder einmal Paris besucht? Das Gesicht des alten Mannes ist ganz klein und zusammengeschrumpft; »aus der mächtigen Perücke à la Louis XIV. blitzen nur seine zwei Augen wie Karfunkel«Februar 1778. hervor. Welche Aufregung! Vom glühendsten Heroenkultus erfaßt, ist das spottsüchtige Paris plötzlich ehrfurchtsvoll geworden. Edelleute sind in Tavernen als Kellner verkleidet, um nur einen Blick von ihm zu erhaschen; die lieblichsten Töchter Frankreichs wären bereit, ihr Haar unter seine Füße zu breiten. »Sein Wagen ist der Kern eines Kometen, dessen Schweif sich durch ganze Straßen hinzieht;« man krönt ihn im Theater unter endlosen Hochrufen, – ja »erstickt ihn unter Rosen;« – der alte Richelieu hatte ihm gegen seine nervösen Anfälle Opium empfohlen, und der Patriarch nahm davon eine zu große Dosis. Selbst Ihre Majestät die Königin dachte daran, ihn zu sich zu bescheiden, ließ sich aber von ihrem Vorsatze abbringen. Ihre Majestät möge es auch wohl überlegen! Ist es nicht der ganze Lebenszweck dieses Mannes gewesen, alles, worauf die Majestät und die Ehrfurcht vor ihr jetzt noch beruhen, zu untergraben und zu zerstören? Und eine solche Anerkennung zollt ihm die Welt? Vergöttert ihn als ihren Propheten und Wortführer, dessen weiser Mund ausgesprochen hat, was sie zu sagen sehnsüchtig verlangte? – Und nun fügen wir hinzu, daß der Leichnam dieses von Rosen erstickten, vergötterten Patriarchen nur heimlich bestattet werden konnte. Dies alles ist merkwürdig, und Frankreich ist ohne Zweifel guter Hoffnung (was der Engländer big nennt); wir wollen ihm eine glückliche Geburtsstunde und eine gesegnete Frucht wünschen.

43 Auch Beaumarchais hat jetzt die Memoiren1773–1776. Vgl. Die Werke von Beaumarchais, worin sie und ihre Geschichte enthalten sind. seines Prozesses abgeschlossen, nicht ohne Erfolg für sich und die Welt. Caron Beaumarchais (oder de Beaumarchais, denn er wurde geadelt) war von Geburt arm, aber voll ehrgeizigen Strebens. Er besaß Talent, Kühnheit, Verschlagenheit, vor allem das Talent zur Intrigue: er war ein magerer, aber zäher, unbeugsamer Mann. Glück und Geschicklichkeit brachten ihn an die Harfe von Mesdames, unseren guten Prinzessinnen Graille Chiffe und Loque. Und, was mehr wert war, der Hofbanquier Pâris Duvernier beehrte ihn mit seinem Vertrauen und schließlich mit Geldgeschäften. Das gleiche Vertrauen schenkte ihm Duvernier's Erbe Graf La Blache nicht; im Gegenteil, es entsteht ein Prozeß, in welchem der zähe Beaumarchais nicht nur sein Geld und seinen Ruf verliert, sondern auch nach der Meinung Götzmanns, des Berichterstatters in seinem Prozesse, nach der Meinung des Parlaments Maupeou und einer ganzen, teilnahmlos zusehenden Welt kläglich geschlagen ist; – nach der Meinung aller, nur nicht nach seiner eigenen. Sein Zorn entflammt ihn zwar nicht zu Versen, aber zu satirischen Streitschriften, und der dürre Musiklehrer nimmt mit dem Heldenmut der Verzweiflung einer ganzen Welt zum Trotz seine verlorene Sache wieder auf; kämpft geschickt für sie gegen Berichterstatter, Parlamente und durchlauchtige Personen mit leichtem Spott, klarer Logik, mit Gewandtheit, mit unerschöpflicher Zähigkeit und unerschöpflichen Mitteln wie der geschickteste Fechter, und nun zieht er durch seine Geschicklichkeit die Augen der ganzen Welt auf sich. Drei lange Jahre währt der Kampf mit wechselndem Glücke. Endlich, nach übermenschlichen Anstrengungen triumphiert unser unbezwingbarer Herkules-Caron, gewinnt seinen Prozeß und seine Prozesse wieder, nimmt dem Referenten Götzmann den Richterhermelin ab, bedeckt ihn statt dessen für ewige Zeiten mit einem Spottgewand und weckt in den Köpfen der Menschen sowohl über das Parlament Maupeou (zu dessen Beseitigung er beigetragen hat), als auch über Parlamente aller Art und über die französische Rechtspflege im allgemeinen tausenderlei Gedanken. So hat sich Beaumarchais, vom Schicksal getrieben, wie ein hagerer, französischer Herkules in das Reich der Unterwelt gewagt und dort siegreich Höllenhunde gebändigt. Von nun an zählt auch er zu den Berühmtheiten seiner Zeit. 44

 

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