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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 79
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.
Haltung.

Aber in Paris um 6 Uhr morgens, als ein patriotischer Deputierter, durch ein Billet benachrichtigt, Lafayette weckte und sie nach den Tuilerien gingen? – Die Phantasie mag, aber Worte können nicht die Überraschung Lafayettes 17 ausmalen, oder wie verwirrt der hilflose Gouvion seine stieren Argusaugen rollte, nun, wo er entdeckte, daß seine falsche Kammerjungfer die Wahrheit gesagt hatte!

Indes muß berichtet werden, daß Paris, dank einer hohen Nationalversammlung, an diesem scheinbar jüngsten Tage sich selber übertraf. Nie hatte man, nach historisch glaubwürdigen Augenzeugen, eine so »imposante Haltung«Deux Amis, VI, 67-178; Toulongeon, II, 1-38; Camille, Prudhomme etc. (in der Histoire parlementaire, X, 240-244). gesehen. Alle Sektionen »in Permanenz,« so unser Stadthaus, das zuerst, ungefähr um 11 Uhr, drei feierliche Alarmschüsse abgefeuert hatte, und, über allem erhaben, unsere Nationalversammlung! Die Nationalversammlung, ebenfalls permanent, beschließt, was nötig ist, mit Einstimmigkeit, denn Côté droit sitzt stumm da, aus Furcht vor der Laterne. Die Nationalversammlung beschließt mit einer ruhigen Geschwindigkeit, die ans Erhabene grenzt. Man muß notwendigerweise erklären – denn die Sache ist zu offenbar – daß Seine Majestät von gewissen oder von unbekannten Personen entführt oder weggezaubert (»enlevé«) worden ist: was aber verlangt in diesem Falle die Konstitution von uns? Laßt uns auf die ersten Grundsätze zurückkommen, wie wir immer sagen: »revenons aux principes.«

Nach ersten oder nach zweiten Grundsätzen wird schnell vieles beschlossen. Man läßt die Minister rufen, giebt ihnen Weisungen, wie sie ihr Amt weiterführen sollen; Lafayette wird verhört und Gouvion, der einen höchst hilflosen Bericht giebt, so gut er kann. Briefe sind vorgefunden worden, einer darunter von ungeheuerer Größe, ganz in Seiner Majestät Handschrift und offenbar Seiner Majestät eigenes Werk und an die Nationalversammlung adressiert. In allen Einzelheiten, mit Ernsthaftigkeit, mit einer kindlichen Einfalt sind darin die Leiden aufgezählt, die Seine Majestät zu ertragen gehabt hat. Leiden groß und klein: ein Necker mit Beifall empfangen, eine Majestät nicht, dann Insurrektion, Mangel an den gehörigen Möbeln im Tuilerienpalaste, Mangel an gehöriger Barschaft in der Civilliste, allgemeiner Mangel an Bargeld, an Möbeln und Ordnung, überall Anarchie, das Defizit noch immer nicht, nicht im geringsten »verstopft« oder »comblé«; weshalb denn, in Kürze gesagt, Seine Majestät sich an einen Platz der Freiheit zurückgezogen hat und, indem er Sektionen, Bundesschwur und welche Schwüre sonst noch gethan sein mögen sich selbst überläßt, jetzt verweist – auf 18 was denkt wohl eine hohe Versammlung? Auf jene »Erklärung vom 23. Juni« mit ihrem »Seul il fera, er allein will sein Volk glücklich machen.« Als ob die Erklärung nicht tief genug begraben wäre unter zweimal zwölf unwiderruflichen Monaten und dem Schiffbruch und dem Schutte einer ganzen feudalen Welt! Diesen seltsamen, eigenhändigen Brief beschließt die Nationalversammlung drucken und mit erklärenden kurzen aber kräftigen Bemerkungen in allen dreiundachtzig Departements versenden zu lassen. Auch sollen nach allen Seiten aus Kommissäre gehen, das Volk soll ermahnt, die Armeen verstärkt und Sorge getragen werden, daß das Gemeinwohl keinen Schaden leide. – Und nun gehen wir mit einer erhabenen Miene der Ruhe, ja der Gleichgültigkeit »zur Tagesordnung über.«

Durch solch erhabene Ruhe wird der Schrecken des Volkes beruhigt. Diese schimmernden Wälder von Piken, die verhängnisvoll in der frühen Morgensonne starrten, verschwinden wieder, die weithin hörbaren Straßenredner hören auf, oder deklamieren sanfter. Wir sollen einen Bürgerkrieg haben, so laßt ihn uns haben. Der König ist gegangen, aber die Nationalversammlung, Frankreich und wir, wir bleiben. Es nimmt auch das Volk eine große Haltung an, auch das Volk ist ruhig, bewegungslos wie ein ruhender Löwe. Nur einiges Brüllen, etwas Schlagen mit dem Schweife, um zu zeigen, was es thun wird! Cazalès z. B. war umringt von Straßengruppen und dem Geschrei »an die Laterne;« aber Nationalpatrouillen befreiten ihn mit leichter Mühe. Ebenso werden alle Königsbilder und -statuen, wenigstens die von Gips, vernichtet. Sogar des Königs Name, das Wort König, verschwindet plötzlich von allen Ladenschildern, selbst der königliche bengalische Tiger auf den Boulevards wird zum nationalbengalischen, zum tigre national.Walpoliana.

Wie groß ist ein ruhig liegendes Volk! Morgen wird einer zum anderen sagen: »Wir haben keinen König, doch haben wir gut genug geschlafen.« Morgen werden der glühende Achille de Châtelet und Thomas Prime, der rebellische Schneider, die Mauern von Paris reichlich mit ihren Plakaten bekleben lassen, worin sie verkünden, daß Frankreich eine Republik sein muß.Dumont, p. 16. – Müssen wir hinzufügen, daß auch Lafayette, obwohl anfangs von Piken bedroht, eine große 19 oder wirklich die größte Haltung angenommen hat? Späher und Adjutanten eilen hinaus, aufs geratewohl, die Flüchtlinge aufzuspüren und zu verfolgen; der junge Romoeuf eilt nach Valenciennes, doch mit geringer Hoffnung.

So Paris; in erhabener Ruhe in seinem Verluste. Aber von den Messageries royales, durch alle Postbeutel, strömt weithin, wie ein elektrischer Funke, die Neuigkeit: Unser erblicher Repräsentant ist geflohen. Lacht, schwarze Royalisten, aber lacht ja nur ins Fäustchen, damit's der Patriotismus nicht sieht und, wütend werdend, die Laternen in Anwendung bringt! In Paris allein ist eine hohe Nationalversammlung mit ihrer erhabenen Ruhe, die übrigen Orte müssen wahrlich die Neuigkeit hinnehmen, wie sie können: mit offnen Mäulern und Augen, mit panischem Geschnatter, mit Zorn, mit Vermutungen. Wie jede dieser langweiligen ledernen Postkutschen mit ihrem ledernen Postbeutel und der Nachricht: »Der König ist geflohen« das ruhige Frankreich aufwühlt, während sie dahinrasselt, in Stadt und Weiler den ruhigen Sinn in zitternde Erregung tödlichen Schreckens versetzt und dann weiter rumpelt, als ob nichts geschehen wäre! Alle Straßen entlang, bis an die äußersten Grenzen, bis ganz Frankreich in Aufregung versetzt, – verwandelt ist (bildlich gesprochen) in einen einzigen ungeheueren, ergrimmten, rotkollernden welschen Hahn!

Es erreicht zum Beispiel mitten in der Nacht das lederne Ungetüm die Stadt Nantes, die tief im Schlafe liegt. Das Wort, kaum ausgesprochen, weckt alle Patrioten, und General Dumouriez, in seine Roquelaure gehüllt, muß aus seinem Schlafzimmer herunter kommen, findet die Straße erfüllt »mit vier- oder fünftausend Bürgern im Hemde.«Dumouriez, Mémoires, II, 109. Hier und da sieht er ein schwaches elendes Talglicht, eilig angezündet, und so viele dunkle, hagere Gesichter mit zurückgeschobenen Nachtmützen und mehr oder weniger wallenden Umhüllungen, offenen Mundes, bis der General gesprochen hat! Und über ihnen dreht sich, wie immer, der große Bär ruhig um Bootes, ruhig, gleichgültig wie die lederne Postkutsche. Seid getrost, ihr Leute von Nantes, Bootes und der ruhige Bär drehen sich noch, noch sendet der alte atlantische Ocean seine Flut laut wogend euern Loirestrom hinauf, Branntwein wird wie bisher den Magen erwärmen, noch ist's nicht der letzte aller Tage, sondern einer vor den letzten. – Die Narren! Wenn 20 sie wüßten, was im selben Augenblick, auch bei Talglichtern, im fernen Nordosten vor sich geht!

Vielleicht dürfte man sagen, der erschrockenste Mann in Paris oder in Frankreich ist – was denkt der Leser? – der seegrüne Robespierre. Doppelte Blässe mit Schatten wie von Galgen und Henkersstricken überzieht die seegrünen Züge; ihm ist es nur zu klar, daß es »eine Bartholomäusnacht für die Patrioten« geben wird, daß er in vierundzwanzig Stunden nicht mehr am Leben sein wird. Diese gräßlichen Ahnungen seiner Seele hört ihn eine angesehene Zeugin bei Pétion äußern, Madame Roland nämlich, dieselbe, die wir letztes Jahr strahlen sahen am Lyoner Bundesfeste. Die letzten vier Monate waren die Rolands in Paris, mit Komitees der Nationalversammlung die tief in Schulden versunkenen Munizipalangelegenheiten von Lyon zu ordnen. Währenddem verkehren sie, wie ganz natürlich, mit den besten Patrioten der Hauptstadt, mit unseren Brissons, Pétions, Buzots, Robespierres, »die zu uns zu kommen pflegten,« sagt die schöne Gastgeberin, »vier Abende in der Woche.« Sie hätten, heute geschäftiger als je und umher eilend, dennoch gerne den seegrünen Mann getröstet, sprachen von Achille de Châtelets Plakat, von einem Journal, das »der Republikaner« heißen sollte, davon, daß die Gemüter vorzubereiten wären für eine Republik. »Eine Republik?« sagte der Seegrüne mit seinem trockenen, heiseren, nicht scherzhaften Lachen, »was ist das?Madame Roland, II, 70. O seegrüner Unbestechlicher, du wirst es sehen!

 

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