Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Thomas Carlyle >

Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 77
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel.
Ostern in Paris.

Länger als ein Jahr, schon seit dem März 1790, scheint es, schwebte schon immer ein Fluchtprojekt dem Geiste des Königs vor und hat sich auch dann und wann verdichtet in etwas wie ein wirkliches Vorhaben; aber die eine oder die andere Schwierigkeit ließ es immer wieder zu Luft werden. Es scheint mit so viel Gefahren verknüpft, vielleicht sogar mit Bürgerkrieg, und vor allem, es kann nicht ausgeführt werden ohne eine Anstrengung. Schläfrige Trägheit ist da nicht am Platze; will man fliehen und nicht in einer ledernen Vache, so muß man sich wahrhaftig rühren. Wär's nicht besser, man nähme ihre Konstitution an, führte sie so aus, daß aller Welt gezeigt würde, daß sie unausführbar sei? Besser oder nicht so gut wie Flucht, sicherlich ist es leichter. Gegenüber allen Schwierigkeiten hätte man zu sagen: da liegt ein Löwe im Wege, seht, eure Konstitution will nicht drüber weg. Für eine schläfrige Person bedarf es keiner Anstrengung, den Tod nachzuahmen, – wie es ja Madame de Staël und andere Freunde der Freiheit schon lange die königliche Regierung thun sehen: faisant le mort.

Ja, nun, wo die von der Schwierigkeit verschärfte Lust zum Fliehen die Sache vorwärts gebracht hat und des Königs Sinn nicht länger zwischen zwei Heubündeln zögert, was kann Gutes dabei herauskommen? Angenommen der arme Ludwig wäre in Sicherheit bei Bouillé, was könnte er denn, im ganzen, dort erwarten? Die erbitterten »Einlaßkarten« antworten: Vieles, alles! Aber ruhige Vernunft antwortet: Wenig, beinahe nichts! Ist nicht die Ergebenheit ein Naturgesetz? fragen die »Einlaßkarten.« Ist nicht die Liebe zum König und selbst der Tod für ihn der Ruhm aller Franzosen, – ausgenommen für diese wenigen Demokraten? Laßt die demokratischen Konstitutionsmacher nur sehen, was sie ohne ihren Schlußstein zustande bringen, laßt Frankreich sich nur 7 die Haare ausraufen, wenn es seinen erblichen Repräsentanten verloren haben wird.

So will denn König Ludwig fliehen; man sieht nicht, zu welchem vernünftigen Zweck. Wie ein übel behandelter Knabe, der eine Stiefmutter hat und trotzig in die weite Welt rennt, um das väterliche Herz in Angst zu versetzen – ist's nicht so? – Der arme Ludwig flüchtet sich aus bekannten unerträglichen Übeln in eine unbekannte Mischung von Gut und Übel, die von der Hoffnung gefärbt wird. Er geht, wie der sterbende Rabelais, ein großes Vielleicht zu suchen: je vais chercher un grand Peut-être. Wie es nicht allein der trotzige Knabe, sondern der weise erwachsene Mann so oft in der Not zu thun gezwungen ist.

Übrigens fehlt es nicht an ferneren Anreizungen und stiefmütterlichen Mißhandlungen, um den Entschluß auf der gehörigen Höhe zu erhalten. Aufrührerische Unruhen hören nicht auf; wie könnten sie denn auch wirklich in einer Revolte, die von Natur bodenlos ist, wenn man sie nicht mit gehöriger Autorität beschwört? Wenn das Aufhören des Aufruhrs der Preis ist für die Schläfrigkeit des Königs, so mag er aufwachen, wann er will, und sich davonmachen.

Jedenfalls bemerke man, welche Windungen und Krümmungen der tote Katholizismus macht, der so geschickt ins Leben zurück galvanisiert ist; es ist ein entsetzlicher, ja ein bemitleidenswerter Anblick! Beeidigte und widerspenstige Priester mit ihren geschorenen Köpfen sind in wütendem Streit überall, oder hören nur auf zu streiten, um sich zum Kampfe zu rüsten. In Paris war das Peitschen so lange, als es notthat, fortgesetzt worden; dagegen sind im Morbihan in der Bretagne bewaffnete Bauern in Aufruhr, ohne zu peitschen, und in Bewegung gesetzt durch Kanzeltrommeln, sie wissen nicht warum. General Dumouriez, der dorthin gesandt worden, findet alles in scharfer Gärung, findet aber auch, daß Erklärung und Zureden noch vieles vermögen.Deux Amis, V, 410-421; Dumouriez, II, 5.

Aber dagegen bedenke man, daß Seine Heiligkeit, Pius der Sechste, es für gut befunden hat, den Bischof Talleyrand zu exkommunicieren! Sicherlich, wenn wir es überlegen, so werden wir sagen, daß es keine lebende oder tote Kirche auf Erden giebt, die nicht das ganz unzweifelhafte Recht hätte, Bischof Talleyrand zu exkommunicieren. Papst Pius hat in seiner Weise Recht und Macht dazu. Aber gewiß hat dieses 8 Recht auch Vater Adam, ci-devant Marquis Saint-Huruge, in seiner Weise. Seht daher am 4. Mai im Palais-Royal eine gemischte, laut lärmende Menge, in deren Mitte Vater Adam, der stierstimmige Saint-Huruge, in weißem Hut sich sichtbar und hörbar erhebt. Mit ihm geht, wie man sagt, der Journalist Gorsas, gehen viele andere aus den gewaschenen Klassen, denn keine Behörde wird sich hineinmischen. Sie tragen Pius den Sechsten mit Plüsch und Tiara und der Gewalt der päpstlichen Schlüssel hoch daher, in Lebensgröße – aus Latten und brennbarem Harze hergestellt. Royon, der Königsfreund, wird ebenfalls in effigie dahergetragen mit einem Haufen der Zeitung »Königsfreund,« verdammten Nummern des Ami du roi, der passenden Feuerung für das Opfer. Reden werden gehalten, ein Gericht gehalten, ein Urteil hörbar von der Stierstimme in alle vier Winde hinaus verkündet. Und so wird mit großem Jubel unter dem Sommerhimmel das Opfer vom Feuer verzehrt, und unsere Latten- und Harzheiligkeit samt den Begleitopfern geht in Flammen auf und sinkt in Asche zusammen, ein aufgelöster Papst; und Recht oder Macht haben nun von allen Seiten besser oder schlechter gethan, was sie konnten.Histoire parlementaire X, 99-102. Aber im ganzen, wenn wir rechnen von Martin Luther an auf dem Marktplatze von Wittenberg bis auf den Marquis Saint-Huruge in diesem Palais-Royal von Paris, welch einen Weg haben wir zurückgelegt, und in welch seltsame Gebiete hat er uns geführt! Keine Autorität kann jetzt dazwischentreten, ja, die über solche Dinge trauernde Religion selbst mag nach allem sich fragen: Was habe ich mit denen zu schaffen?

In solch außerordentlicher Weise purzelt und springt der tote Katholizismus, der so geschickt galvanisiert worden. Denn wer von den Lesern nach dem eigentlichen Streitgegenstande in diesem Falle und nach dem Unterschiede fragen wollte zwischen Orthodoxie oder meine Doxie und Heterodoxie oder deine Doxie, der würde die Antwort erhalten: Meine Doxie ist, daß eine hohe Nationalversammlung die Bischoftümer gleich machen kann, daß ein gleichgemachter Bischof, da Glaube und Formen belassen worden sind, wie sie waren, dem Könige, dem Gesetze und der Nation Treue schwören und so ein konstitutioneller Bischof werden kann. Deine Doxie ist, wenn du ein Dissident bist, daß er es nicht kann, 9 oder denn zum Verfluchten werden muß. Menschliches Übelwollen braucht nur irgend ein homoiusisches Jota oder sogar nur den Vorwand eines solchen, und wäre auch nur der Raum eines Nadelöhrs da, so wird es reichlich dahinfließen. So müssen die Sterblichen immer weiter schwatzen und sich erhitzen,

Und wie einst Stoiker in alten Zeiten
In heißem Kampf um ihre Kirche streiten.

Dieses von Saint-Huruge veranstaltete Auto da fé fand am 4. Mai 1791 statt. Das Königtum sieht's, sagt aber nichts.

 

 << Kapitel 76  Kapitel 78 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.