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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 76
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Varennes.

Erstes Kapitel.
Ostern in Saint-Cloud.

Die französische Monarchie mag darum jetzt für verloren angesehen werden, aller menschlichen Berechnung nach; als eine hinfort in Blindheit sowohl als in Schwachheit ringende Monarchie, nun, da das letzte Licht einer vernünftigen Leitung erloschen ist. Was noch an Hilfsmitteln übrig bleibt, das werden die armen Majestäten auch fernerhin in ungewissem Zögern und Schwanken verschwenden. Mirabeau selbst hatte sich zu beklagen gehabt, daß sie ihm nur halbes Vertrauen schenkten und immer irgend einen Plan hätten in seinem Plan. Wären sie doch längst offen mit ihm nach Rouen oder irgendwohin geflohen! Jetzt können sie nur mit unendlich verminderten Aussichten fliehen, die sich immer weiter vermindern werden bis zum völligen Nullpunkte. Fasse du einen Entschluß, o Königin; der arme Ludwig kann sich zu nichts entschließen. Führe diesen Fluchtplan aus, oder laß ihn wenigstens fallen. Es ist jetzt genug korrespondiert mit Bouillé; was nützen Beratungen und Hypothesen, während alles rings herum in entschiedener praktischer Thätigkeit ist? Es sitzt der Bauer in der Fabel am Flusse und wartet, bis die Wasser abgelaufen sein würden – aber ach, bei euch ist es nicht einmal ein gewöhnlicher Fluß, sondern eine wahre Nilüberschwemmung, und in unsichtbaren Bergen schmelzen Schneemassen, die Wasser strömen nieder, bis alles, und auch ihr, wo ihr eben sitzt, unter Wasser.

2 Manches fordert zur Flucht auf. Die Stimme der Journale fordert dazu auf; es deuten die royalistischen Journale stolz auf die Flucht als auf eine Drohung hin, es verdammen die patriotischen Journale voll Wut den Gedanken an Flucht als etwas Schreckliches. Die Muttergesellschaft, die immer nachdrücklicher wird, fordert dazu auf; sie wird so nachdrücklich, daß, wie es vorausgesagt wurde, Lafayette und unsere gemäßigten Patrioten sich in kurzem von ihr abzweigen und sich als Feuillants zusammenthun müssen – was endlosen öffentlichen Streit veranlassen muß, wobei der Sieg, so zweifelhaft es auch scheint, der Mutter bleiben wird, die sich weder Mäßigung noch Beschränkung auferlegt. Außerdem haben wir seit dem Tag der Dolche den ungemäßigten Patriotismus sich offen mit Waffen ausrüsten sehen. Bürger, denen die »Aktivität« versagt ist, worunter man jetzt scherzhaft ein gewisses Gewicht des Geldbeutels versteht, vermögen es nicht, sich blaue Uniformen zu kaufen und Gardisten zu werden; aber der Mensch ist etwas Größeres als blaues Tuch, der Mensch kann kämpfen, kann es, wenn es sein muß, in vielfarbigem Tuch, oder sogar nahezu ohne Tuch, – als Sansculotte. So fährt man fort, Piken zu hämmern, ob nun die Dolchmesser von verbesserter mit Widerhaken versehener Form »für den westindischen Markt bestimmt« seien oder nicht. Die Leute hämmern ihre Pflugscharen in Schwerter um, anstatt umgekehrt. Denn sitzt nicht Tag und Nacht in den Tuilerien ein »österreichisches Komitee, comité autrichien?« Der Patriotismus weiß dies durch Augenschein und Verdacht nur zu gut! Wenn der König flieht, wird es dann nicht zu einer aristokratisch-österreichischen Invasion, zu einer Schlächterei, Wiedereinsetzung des Feudalismus, zu Kriegen kommen, die ärger als Bürgerkriege? Alle Herzen sind von Trauer und wahnsinniger Angst erfüllt.

Widerspenstige Priester auch verursachen Unruhe genug. Aus den Kirchen ihrer Gemeinden vertrieben, wo nun vom Volk gewählte konstitutionelle Priester sie ersetzt haben, nehmen diese unglücklichen Leute ihre Zuflucht zu Nonnenklöstern oder anderen solchen Schlupfwinkeln; und dort versammeln sie am Sabbath antikonstitutionelle Individuen um sich, die ganz plötzlich fromm geworden sind,Toulongeon, I, 262. und halten Gottesdienst oder geben vor, Gottesdienst zu halten in ihrer 3 beschränkten, widerspenstigen Weise, zum Ärger des Patriotismus. Widersetzliche Priester, die mit ihren geweihten, für die Sterbenden bestimmten Hostien vorüberziehen, scheinen zu wünschen, daß man sie in den Straßen morde, was ihnen der Patriotismus nicht zu Gefallen thun will. Eine kleinere Märtyrerpalme soll ihnen indessen nicht versagt werden, nicht das Priestertum des Todes, sondern der Peitschung. An den Plätzen, wo diese Widerspenstigen ihren Gottesdienst halten, erscheinen patriotische Männer, patriotische Weiber mit starken Haselruten, wovon sie Gebrauch machen. Verschließe deine Augen, o Leser, sieh dieses Elend nicht, das dieser neueren Zeit angehört, dieser Zeit eines Märtyrertums nicht der Aufrichtigkeit, sondern nur der Heuchelei und Halsstarrigkeit! Die tote katholische Kirche darf nicht tot liegen bleiben, nein, sie wird in das widerlichste Scheinleben zurückgalvanisiert, wozu, wie wir sagen, die Menschlichkeit ihre Augen verschließt. Denn die patriotischen Weiber nehmen ihre Haselruten und peitschen heiter unter dem Gelächter der Umstehenden auf die breiten Hintern der Priester, ach, auf ebenfalls umgewendete Nonnen los, cotillons retroussés! Die Nationalgarde thut, was sie kann, die Munizipalität »ruft die Prinzipien der Toleranz« an, räumt den Dissidenten die Kirche der Theatiner zum Gottesdienste ein, verspricht ihnen Schutz. Aber es ist umsonst. An der Thür dieser Theatinerkirche erscheint ein Anschlag, und darüber aufgehängt, gleich plebejischen Konsularfasces, – ein Rutenbündel. Die Prinzipien der Toleranz mögen zusehen, wie sie fortkommen, aber kein Dissident soll eigensinniger Weise seinen Gottesdienst halten; so lautet ein Plebiszit, das, wenn auch unausgesprochen, doch unumstößlich feststeht, wie die Gesetze der Meder und Perser. Halsstarrigen Dissidentenpriestern sollte auch nicht Zuflucht gegeben werden von irgend jemand, nicht einmal als Privatleuten; der Klub der Kordeliers klagt offen die Majestät selber an, daß sie solche Zuflucht gebe.Zeitungen vom April und Juni 1791 (in der Histoire parlementaire, IX, 449, X, 217).

Manches fordert zur Flucht auf, aber wahrscheinlich dies vor allem andern, daß sie unmöglich geworden ist! Am 15. April wird bekannt gemacht, daß seine Majestät der König, der in letzter Zeit viel an Schnupfen gelitten hat, für einige Tage in Saint-Cloud das Frühlingswetter genießen will. Draußen in Saint-Cloud? Seine Ostern, seine 4 Pâques wünscht er dort zu feiern, mit widerspenstigen, antikonstitutionellen Dissidenten wohl gar? – Wünscht sich wohl vielmehr davon zu machen nach Compiègne und von dort an die Grenze? Was in aller Wahrheit vielleicht thunlich wäre, oder einst gewesen wäre; denn niemand als zwei Chasseurs begleiteten ihn, leicht zu bestechende zwei Chasseurs! Es ist eine angenehme Möglichkeit, ob man sie nun ausführt oder nicht. Die Leute sagen, es lauerten dreitausend Ritter vom Dolche in den Wäldern dort, sie lauerten in den Wäldern und zwar ihrer dreitausend, – denn menschliche Einbildungskraft ist ja nicht gefesselt. Aber nun, wie leicht könnten die hervorstürzen auf Lafayette, den erblichen Repräsentanten wegnehmen, mit ihm davon gehen, wie ein Wirbelwind, wohin sie wollten! – Genug, es wäre gut, der König ginge nicht nach Saint-Cloud. Lafayette ist zwar vorher gewarnt und gewaffnet, aber, wirklich, riskiert nur er etwas, oder nicht vielmehr er und ganz Frankreich?

Montag der 18. April ist gekommen, die Osterreise nach Saint-Cloud soll vor sich gehen. Die Nationalgarde hat ihre Befehle erhalten; eine erste Division, als Vorhut, ist sogar schon abmarschiert und vermutlich angelangt.. Seiner Majestät Maison-bouche soll in Saint-Cloud alle Hände voll zu thun haben mit Kochen und Braten, des Königs Diener bald fertig sein. Um ein Uhr rollt der königliche Wagen mit seinen acht königlichen Rappen stattlich auf den Karussellplatz, fährt vor, um seine königliche Last aufzunehmen. Doch horcht! Von der benachbarten Kirche von Saint-Roche beginnt die Sturmglocke ihr dingdong. Ist also der König gestohlen? Geht er? Ist er fort? Massen von Menschen drängen sich auf den Karussellplatz. Die königliche Equipage steht noch immer dort, – und, beim Himmel, soll stehen bleiben!

Lafayette kommt herzu mit Adjutanten und mit beredten Worten, dringt durch die Gruppen. »Taisez-vous, antworten ihm diese, »der König soll nicht gehen.« Monsieur erscheint an einem obern Fenster, zehntausend Stimmen schreien und kreischen: »Nous ne voulons pas que le roi parte!» Ihre Majestäten sind eingestiegen, die Peitschen knallen. Aber zwanzig Patriotenarme haben jeden der acht Zügel ergriffen, es entsteht ein Bäumen, ein Rütteln und Geschrei, und der Wagen kommt nicht einen Schritt vorwärts. Vergeblich erzürnt sich Lafayette, wird unwillig, redet auf die Leute ein und thut sein Möglichstes. Patrioten in der ganzen Leidenschaft des Schreckens brüllen rund um die königliche Equipage; 5 es ist wie ein brüllend Meer zur Raserei gewordenen Schreckens. Will das Königtum nach Österreich fliehen, um wie eine brennende Rakete den endlosen Brand eines Bürgerkrieges zu entzünden? Haltet es auf, ihr Patrioten, in des Himmels Namen! Rauhe Stimmen apostrophieren leidenschaftlich das Königtum selbst. Der Thürsteher Campan und andere ähnliche Amtspersonen, die sich zum Helfen oder Raten herzudrängen, werden bei den Schärpen gefaßt und hin und her geschleudert und gewirbelt in höchst gefährlicher Weise, so daß Seine Majestät aus dem Wagenfenster flehentlich für sie bitten muß.

Befehle kann man nicht hören, nicht befolgen, die Nationalgarden wissen nicht, was sie zu thun haben. Es sind Centralgrenadiere da vom Observatoirebataillon, nicht im Dienste, und, ach, in halber Meuterei; sie führen grobe, ungebührliche Reden, bedrohen die berittene Garde mit scharfen Schüssen, wenn sie dem Volk etwas zu Leide thun. Lafayette steigt zu Pferde und wieder ab, läuft keuchend umher, sucht zu bereden, ist in äußerster Verzweiflung. Das dauert eine und drei Viertelstunden, »sieben Viertelstunden« nach der Tuilerienuhr. Der verzweifelte Lafayette will einen Weg öffnen, wäre es auch durch der Kanonen Mund, wenn Seine Majestät es befehlen wird. Ihre Majestäten steigen aus, dem Rate royalistischer Freunde und patriotischer Feinde folgend, ziehen sich zurück mit schwerem, unwilligem Herzen und geben das Unternehmen auf. Maison-bouche mag jenes schon gekochte Diner selber essen – Seine Majestät soll Saint-Cloud heute nicht zu sehen bekommen, – noch je wieder.Deux Amis, VI, 1; Histoire parlementaire, IX, 407-414.

So ist denn die rührende Fabel von der Gefangenschaft im eigenen Palaste eine traurige Thatsache geworden? Die Majestät beklagt sich bei der Versammlung, die Municipalität berät sich, beantragt eine Petition oder Adresse; die Sektionen antworten mit finsterem, kurzem Nein. Lafayette legt seine Stelle nieder, erscheint in pfeffer- und salzfarbenem Civilrock und kann durch kein Schmeicheln herumgebracht werden, nein, nicht in kürzerer Zeit als drei Tagen, und durch nie erhörtes Flehen; Nationalgardisten knien vor ihm nieder und erklären, daß dies nicht elende Fuchsschwänzelei sei, sondern daß sie hier als freie Männer knieten vor der Statue der Freiheit. Übrigens werden jene Centralgrenadiere vom Observatoirebataillon entlassen, – werden aber in Wirklichkeit alle, 6 bis auf vierzehn, unter neuem Namen und mit neuen Quartieren wieder eingereiht. Der König muß seine Ostern in Paris feiern, in vielem Nachdenken über diese merkwürdige Lage der Dinge. Doch ist er jetzt so gut wie entschlossen, zu fliehen, nun da die Lust durch die Schwierigkeit geschärft ist.

 

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