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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 74
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.
Mirabeau.

Die Stimmung in Frankreich wird immer erbitterter, immer fieberhafter und treibt immer rascher dem letzten Ausbruch des Wahnsinns, der Auflösung entgegen. Argwohn beherrscht alle Gemüter, die streitenden Parteien können sich jetzt nicht mehr vermischen, sie halten sich vielmehr voneinander streng gesondert, betrachten sich gegenseitig in fieberhaft gereizter Stimmung, in der kalter Schrecken mit heißer Wut abwechselt: Gegenrevolution, Tage der Dolche, Castriessche Duelle, Flucht von Mesdames, von Monsieur und dem Königtum. Immer schriller tönt der Alarmruf des Journalismus. Das schlaflose Dionysius-Ohr der achtundvierzig Sektionen ist so fieberhaft scharf geworden, daß der ganze kranke Körper, wie es ja bei einer solchen Krankheit und Schlaflosigkeit oft vorkommt, bei jedem Geräusch unter seltsamen Schmerzen zusammenzuckt.

Da die Royalisten ihre eigens bestellten Dolche besitzen und Sieur Motier nicht so ist, wie er sein sollte, warum sollen nicht auch die Patrioten, selbst die Ärmsten unter ihnen, ihre Piken und alten Gewehre für den schlimmsten Fall in Bereitschaft halten? So erklingen denn im ganzen Monate März alle Ambosse vom Hämmern der Piken. Die konstitutionelle Munizipalität giebt zwar durch Kundmachungen bekannt, daß nur der »aktive« oder steuerzahlende Bürger das Recht habe, Waffen zu tragen; aber dagegen erhebt sich als Antwort sofort in allen Sektionen ein solcher Sturm des Erstaunens, daß sich das konstitutionelle Plakat beinahe schon am nächsten Morgen mit einer zweiten verbesserten Auflage überkleben lassen muß und in das Nichts versinkt.Ordonnance du 17. Mars 1791 (Hist. Parl. IX, 257). So dauert das Hämmern fort, wie auch alle Befürchtungen und Gefahren fortwähren, auf die es hinweist.

Beachte auch, wie die äußerste Linke zwar nicht in der Gunst ihrer eigenen Nationalversammlung, aber in der Gunst der Nation, zumal der Stadt Paris steigt; denn in Zeiten eines so allgemeinen angstvollen Zweifelns scharen sich alle Menschen um diejenige Ansicht, welche die größte Zuversicht, das größte Selbstvertrauen zur Schau trägt, – und das trifft oft bei der gedankenärmsten am leichtesten zu. Der Glaube, und wäre er noch so inhaltsleer, ist eine Macht, die 431 das zweifelnde Herz gefangen nimmt. Der unbestechliche Robespierre ist bereits zum öffentlichen Ankläger bei unseren neuen Gerichtshöfen gewählt worden; der tugendhafte Pétion soll, wie man glaubt, gar Maire werden; der Cordelier Danton, auch durch triumphierende Majoritäten berufen, sitzt als Mirabeaus Kollege am Ratstisch des Departements. Dem unbestechlichen Robespierre hat man ja schon vor Jahren prophezeit, daß er, der niedrige, armselige Mensch, es weit bringen könne; denn in ihm hat der Zweifel keinen Raum.

Sollte unter diesen Umständen nicht auch das Königtum alles Zweifeln und Zaudern aufgeben, sollte es nicht endlich einmal anfangen, sich zu entschließen und zu handeln? Hat es denn nicht noch immer einen sicheren Trumpf in Händen; – die Flucht aus Paris? Nach diesem Trumpf greift zwar, wie wir sehen, das Königtum immer wieder, hält ihn fest, zieht ihn manchmal versuchsweise hervor, aber spielt ihn nie aus, sondern steckt ihn immer wieder ein. Spiel ihn aus, o Königtum! Wenn es noch eine Hoffnung für dich giebt, so ist es diese; wahrlich, es ist die letzte, und auch sie wird mit jeder Stunde immer mehr in Frage gestellt. Ach, man möchte so gern beides thun, fliehen und nicht fliehen, die Karte ausspielen und sie doch im Spiele behalten. Und so wird das Königtum aller Wahrscheinlichkeit nach seinen Trumpf nicht früher ausspielen, als bis alle Honneurs nacheinander verloren sind und mit dem Ausspielen des Trumpfes auch das Spiel selbst zu Ende ist.

Hier erhebt sich also immer wieder eine Frage prophetischer Natur, die man jetzt nicht mehr beantworten kann. Angenommen, Mirabeau, mit dem sich das Königtum wie mit einem Premierminister, der sich nur noch nicht offiziell als solchen bezeichnen darf, aufs angelegentlichste berät, hätte seine Reformen durchgeführt: was wäre dann geschehen? Denn Reformen hat er, weitgreifende Pläne, von denen in dem verworrenen Dunkel nur hier und da ein Bruchstück vor uns aufdämmert: dreißig Departements seien bereit, Ergebenheitsadressen an den König mit vorgeschriebenem Wortlaut zu unterzeichnen; man habe die Absicht, den König aus Paris wegzubringen, aber nur nach Compiègne oder Rouen, schwerlich nach Metz, da das Emigrantengesindel ein für allemal keine leitende Rolle dabei spielen solle; die Nationalversammlung aber solle durch loyale Adressen, durch kluge Behandlung oder auch durch Gewalt von seiten Bouillés zur Vernunft gebracht werden, damit sie einwillige, dem König dorthin zu 432 folgen.Fils Adoptif, VII, 1. 6. Dumont 11. 12. 14. War es so? Waren dies die Bedingungen, unter denen Mirabeau und das Jakobinertum gleich Herkules und Typhon ihren Zweikampf auskämpfen sollten, bei dem der eine oder andere auf dem Kampfplatz bleiben mußte? Der Zweikampf selbst ist beschlossen und gewiß; aber unter welchen Bedingungen, noch mehr, mit welchem Ausgang er stattgefunden hätte, dies zu erraten bleibt ein vergebliches Bemühen. Über allem schwebt ein unbestimmtes Dunkel: unbekannt ist, was geschehen soll, ja unbekannt, was schon geschehen ist. Der Riese Mirabeau geht, wie gesagt, einsam, ohne Weggenossen auf dunklen Pfaden; die Gedanken, mit denen er sich in diesen Monaten trug, wird kein Biograph, kein unzuverlässiger Fils Adoptif jemals enthüllen.Fils Adoptif wie vorher.

Für uns, die wir uns bemühen sein Horoskop zu stellen, bleibt natürlich alles doppelt ungewiß. Wir sehen einen herkulischen Mann und im todbringenden Kampfe mit ihm Ungeheuer aus Ungeheuer. Der emigrierte Adel kehrt mit dem Schwert an der Seite zurück und rühmt sich seiner nie befleckten Königstreue; gleich jenem Harpyienschwarme fällt er voll grausamer, gemeiner Gier ins Land herein. Am Boden aber liegt der Typhon der politischen und religiösen Anarchie; wild wie der Wahnsinn, stark gerade in seinem Hunger, liegt er mit seinen hundert, ja fünfundzwanzig Millionen Köpfen über dem ganzen, weiten Frankreich ausgestreckt da. Mit diesen Ungeheuern soll der Schlangentöter in unaufhörlichem Kampfe liegen und keine Rast erhoffen.

Was den König betrifft, so wird er wie gewöhnlich hin und her schwanken und wie ein Chamäleon Farbe und Entschluß mit der Farbe seiner Umgebung verändern; – er ist nicht geschaffen für einen Königsthron. Nur auf eine einzige Person des königlichen Hauses, auf die Königin, kann sich Mirabeau vielleicht verlassen. Es ist möglich, daß die Größe dieses Mannes, der auch mit der Kunst der Schmeichelei, mit höfischen Sitten wohl vertraut ist und Gewandtheit mit Liebenswürdigkeit verbindet, die flüchtige Königin mit berechtigtem Zauber bestricken und dauernd fesseln könnte. Sie hat Mut zu jedem edlen Wagen, sie hat Augen und Herz, die Seele einer Tochter Theresias. »Muß ich denn (faut-il donc),« schreibt sie voll Leidenschaft an ihren Bruder, »mit dem Blute, dem ich entsprossen bin, mit den Gefühlen, die mich beseelen, 433 unter solchen Menschen leben und sterben?« Ach, leider ja, du arme Fürstin! »Sie ist der einzige Mann, den Seine Majestät um sich hat,« sagt Mirabeau. – Eines anderen Mannes ist Mirabeau freilich noch sicherer: seiner selbst. Das aber sind alle seine Hilfsmittel, sie mögen nun genügen oder nicht.

Dunkel und groß erscheint diese Zukunft dem Auge des Propheten. Ein unaufhörlicher Kampf auf Leben und Tod; Wirren oben und unten, – für uns nichts als Verwirrung und Finsternis, in die hie und da ein Streifen fahlen, blassen Lichtes einfällt. Wir sehen einen König, den man nicht mit der Tonsur – das ist jetzt außer Mode – sondern vielleicht mit einem ganz hübschen Jahresgehalt und Vorrat an Schmiedewerkzeugen irgendwohin fortgeschickt hat. Wir sehen eine Königin, einen Dauphin; die Regentin und den Minderjährigen; eine Königin, die unter dem Moriamur pro rege nostro! hoch zu Roß in das Schlachtgetümmel zieht. »Solch ein Tag,« schreibt Mirabeau, »kann wohl kommen.«

Schlachtgetümmel, Bürgerkrieg, ja Schlimmeres als das, Verwirrung von oben und unten; in dieser Umgebung sieht das prophetische Auge den Grafen Mirabeau wie einen Kardinal de Retz mit alles erwägendem Kopfe, mit alles wagendem Herzen, wenn nicht siegreich, so doch unbezwungen, seinen Platz behaupten, so lange noch Leben in ihm ist. Die Einzelheiten, die Erfolge kann kein prophetischer Blick erraten, es sind, wir wiederholen es, Gewitterwolken und stürmische Nacht, und mitten darinnen, bald weithin sichtbar dahinstürmend, bald im Dunkel sich abmühend, ringt und strebt Mirabeau, Wolkenbezwinger zu sein! – Mit Recht darf man behaupten, daß sich die Geschichte Frankreichs und der Welt anders gestaltet hätte, wenn Mirabeau am Leben geblieben wäre; daß dieser Mann jene – Art d'oser, die er persönlich so hoch schätzte, mehr als alle anderen gebraucht und sie besser ausgeübt und bewiesen hätte als irgend ein anderer seiner Zeitgenossen; daß schließlich das durch ihn erzielte Resultat kein bloßer, leerer Schein einer Formel, sondern etwas Wirkliches, Wesentliches gewesen wäre: ein Resultat, das man lieben oder hassen, aber höchst wahrscheinlich keines, das man stumm ablehnen und für immer rascher Vergessenheit überantworten konnte. Hätte Mirabeau nur noch ein Jahr gelebt! 434

 

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