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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 73
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.
Der Tag der Dolche.

Doch was haben nur die Ausbesserungen zu bedeuten, die im Schlosse von Vincennes vor unseren Augen vorgenommen werden? Da die anderen Gefängnisse von Häftlingen überfüllt sind, muß man hier neuen Raum schaffen: so lautet der Bericht der Municipalität. Abgesehen davon, daß in diesen Zeiten des Haders und des Faustrechts Vergehen und Verhaftungen weit häufiger als früher vorkommen, so mußte ja schon infolge der Reformen im Gerichtswesen, durch welche die Parlamente abgeschafft und neue Gerichtshöfe erst errichtet wurden, die Zahl der Gefangenen steigen. Ist dieser Municipalbericht nicht eine genügende Erklärung? Gewiß; die Restauration des Vincenner Schlosses war von allen Unternehmungen, die eine erleuchtete Stadtbehörde ins Werk setzen konnte, die allerunschuldigste.

Das benachbarte St. Antoine sieht die Sache aber nicht 423 so an; St. Antoine, betrachtet vielmehr diese spitzen Türme und finsteren Verließe, die seinen eigenen dunklen Wohnungen gar zu nahe liegen, schon an und für sich als eine Beleidigung. War nicht Vincennes sozusagen eine Bastille im Kleinen? Hier waren der große Diderot und andere Philosophen in Haft, hier lebte in trauriger Abgeschlossenheit der große Mirabeau volle zweiundvierzig Monate. Und nun, da sich die alte Bastille in einen Tanzplatz verwandelt hat (wenn nur jemand in der Laune wäre, dort zu tanzen!), verstärkt sich diese kleine, unbedeutende Bastille mit frisch behauenen Quadern und breitet, den Patriotismus bedrohend, ihre tyrannischen Flügel aus? Neuen Raum für Gefangene will man schaffen? Für welche Gefangene? Etwa für einen Orléans und die patriotischen Führer der Linken? Es heißt sogar, daß von den Tuilerien bis hierher ein unterirdischer Gang laufe. Wer kann's wissen? Paris, von Steinbrüchen und Katakomben unterminiert, schwebt ohnehin so wunderbar über einem Abgrund; Paris hätte ja schon einmal in die Luft gesprengt werden sollen; – freilich hatte man, als wir Nachschau hielten, das Pulver beiseite geschafft. Und Tuilerien, die an Österreich und Koblenz verkauft sind, sollten überhaupt keinen unterirdischen Gang haben; denn könnte nicht eines Morgens Koblenz oder Österreich daraus hervorkommen, und das patriotische St. Antoine mit weittragenden Geschützen zu einem Schutt- und Trümmerhaufen zusammendonnern (foudroyer)?

So denkt das verdüsterte St. Antoine, da es die schurzbekleideten Arbeiter sieht, die in den ersten Frühlingstagen an diesen Türmen arbeiten. Officiellen Berichten der Municipalität ist ebensowenig zu trauen wie einem Sieur Motier mit seinen Legionen von Mouchards. Ja, wenn Patriot Santerre Kommandant wäre! So aber kommandiert der lungengewaltige Brauer nur unser eigenes Bataillon, und wenn er auch vielleicht manchen gerechtfertigten Argwohn hegt, von solchen Geheimnissen weiß er nichts. So schreitet denn die Arbeit weiter, und das verdüsterte St. Antoine muß zu seiner Betrübnis das Klopfen der Hämmer hören und die Steine in der Luft schweben sehen.Montgaillard, II, 285.

St. Antoine hat die erste große Bastille zu Falle gebracht; soll es bei dieser verhältnismäßig kleinen Bastille zaudern? Wie wäre es, Freunde, wenn wir unsere Piken, Gewehre, 424 Schmiedehämmer zur Hand nähmen und uns selbst helfen wollten? Eine schnellere und sicherere Hilfe giebt es nicht. Am 28. Februar zieht St. Antoine, wie in diesen Tagen schon öfters, hinaus und rückt anscheinend ohne jeden unnötigen Lärm ostwärts gegen jenen Stein des Anstoßes von Vincennes. Mit ernster, gebietender Stimme, ohne Lärmen und Schimpfen, kündet St. Antoine allen daran beteiligten Parteien an, es habe die Absicht, diese verdächtige Zwingburg dem Erdboden gleich zu machen. Man mag dagegen Einwendungen erheben, so viel man will, es ist vergeblich. Das äußere Thor geht auf, die Zugbrücken fallen, die eisernen Fensterstangen, die man mit Schmiedehämmern herausschlägt, werden zu Brecheisen, und bald geht ein Regen von Geräten, Steinmassen und Schieferplatten nieder: unter chaotischem Krachen, Rasseln und Poltern wird das Zerstörungswerk vollendet. Und nun stürzen Eilboten durch die aufgeregten Straßen, um Lafayette, die Municipal- und Distriktsbehörden von dem Geschehenen zu benachrichtigen; das Gerücht bringt der Nationalversammlung, den Tuilerien und allen, die es hören wollen, die Kunde: St. Antoine habe sich erhoben, Vincennes und wahrscheinlich die letzte noch bestehende Institution des Landes sei dem Falle nahe.Campan, II, 109-11.Deux Amis, VI, 11-15; Zeitungen (in Histoire Parlementaire XI, 111-117).

Schnell denn! Lafayette lasse die Trommeln rühren und eile gen Osten; denn für alle konstitutionellen Patrioten ist dies wieder eine schlimme Botschaft. Und ihr, Freunde des Königtums, ergreift eure eigens bestellten Dolche neuester Konstruktion, eure Stockdegen, geheimen Waffen und Einlaßkarten, eilt rasch über die Hintertreppen und schart euch um den Sprossen von sechzig Königen! Ein Aufruhr ist ausgebrochen, den wahrscheinlich Orléans und Compagnie heraufbeschworen hat, um Thron und Altar zu stürzen. Es heißt, Ihre Majestät solle ins Gefängnis gebracht, oder aus dem Wege geräumt werden: was soll dann aus Seiner Majestät werden? Was sonst, als Thon für den sansculottischen Töpfer. Oder liegt nicht heute, wenn sich der tapfere Adel sofort zusammenschart, eine Flucht im Bereiche der Möglichkeit? Gefahr droht, Hoffnung winkt: die Kammerherren Herzöge von Villequier und von Duras verteilen Einlaßkarten und in der That schart sich der Adel sofort zusammen. Jetzt wäre es an der Zeit, »mit dem Schwerte in der Hand über jene 425 Halunken da herzufallen,« jetzt könnte es mit Erfolg geschehen.

Der Held zweier Welten besteigt sein weißes Streitroß, blanke Nationalgarden zu Pferde und zu Fuß eilen gegen Osten; Santerre mit seinem Bataillon aus St. Antoine ist bereits da, – augenscheinlich nicht geneigt einzugreifen. Schwer beladener Held zweier Welten, welche Aufgaben harren deiner! Es kostet viel Überwindung, den Spott und die herausfordernden Sticheleien dieser patriotischen Vorstadt, die nun ganz auf der Straße ist, zu ertragen: der ungewaschene Patriotismus treibt in grimmer Laune Scherz; ein ungewaschener Patriot faßt sogar den General beim Stiefel, um ihn vom Pferde zu ziehen. Santerre giebt auf den Befehl, zu schießen, die ausweichende Antwort: »Das sind die Männer, welche die Bastille eingenommen haben,« – und kein Hahn wird gerührt. Auch der Magistrat von Vincennes wagt es nicht, Verhaftungsbefehle zu erlassen, oder nur die geringste Unterstützung zu gewähren; daher will der General die Verhaftungen auf sich nehmen. Durch rasches Eingreifen, durch Freundlichkeit und Klugheit, kecken Mut und unermüdliche Geduld mag es noch einmal gelingen, des Aufruhrs ohne Blutvergießen Herr zu werden.

Das übrige Paris geht unterdessen mit mehr oder weniger Gleichmut seinen Geschäften nach; es handelt sich ja nur um einen Auflauf, deren es jetzt so viele giebt. Die Nationalversammlung verhandelt gerade in erregtester Stimmung über ein Gesetz gegen die Emigration, und Mirabeau erklärt laut: »Ich schwöre im voraus, daß ich einem solchen Gesetze nicht gehorchen werde.« Mirabeau erscheint heute oft auf der Rednerbühne; mag er auch von außen unaufhörlich gestört und unterbrochen werden, in seinem Inneren lebt ungebrochen die alte Energie. Was kann das Murren und Lärmen auf der Rechten oder Linken diesem Manne anhaben, der unbewegt wie ein Teneriffa oder unerschütterlich wie ein Atlas dasteht? Durch die Klarheit seiner Gedanken weiß er sich mit seinem tiefen, anfangs gedämpft und unsicher klingenden Baß Gehör zu verschaffen und den Sturm der Menschen zu beschwören; seine Stimme schwillt bald an, bald ab, bis sie sich schließlich zu einer weithintönenden sieghaften Kraftmelodie erhebt, die alle Herzen bezwingt; sein grobes, narbenbedecktes Gesicht, das eben noch verfallen und wie vom Feuer versengt schien, erglüht in neuem Feuer und strahlt; und noch einmal in diesen armseligen Zeiten fühlt man, welche Macht, 426 ja Allmacht das Menschenwort über die Herzen der Menschen hat. »Ich werde triumphieren oder in Stücke gerissen werden,« sagte er einst. »Schweigt,« ruft er jetzt im königlichen Bewußtsein seiner Kraft mit gebietender Stimme, »schweigt, ihr dreißig Stimmen dort. Silence aux trente voix! –« Und Robespierre und die dreißig Stimmen verstummen – und abermals wird das Gesetz so beschlossen, wie es Mirabeau haben wollte.

Wie sticht in demselben Augenblicke General Lafayettes Straßenberedsamkeit davon ab, die sich mit unserem lungengewaltigen Brauer und mit dem allen Regeln der Grammatik abholden St. Antoine herumzanken muß! Und wie wesentlich verschieden von beiden ist die Beredsamkeit des Café de Valois und die halblaute Großsprecherei der vielen Männer mit Einlaßkarten, die jetzt die Korridore der Tuilerien überschwemmen. Wenn sich solche Scenen gleichzeitig in einer und derselben Stadt abspielen können, um wie viel mehr ist dies in einem Lande, auf einem Planeten mit seinen Widersprüchen möglich, auf dem jeder Tag eigentlich nur eine unendliche Summe aneinander prallender Widersprüche darstellt, die trotz alledem ein zusammenhängendes, wenn auch unendlich kleines Resultat ergeben.

Doch dem sei, wie ihm wolle, Lafayette hat Vincennes gerettet und kehrt mit einigen Dutzenden festgenommener Zerstörer heim. Das Königtum ist noch nicht gerettet, aber auch noch nicht ernstlich gefährdet. Der konstitutionellen Wache des Königs, den alten Gardes français oder Centre grenadiers, die eben heute Dienst thun, wird das Herbeiströmen von Leuten mit Einlaßkarten immer verdächtiger und unbegreiflicher. Soll denn wirklich Seine Majestät von diesen Leuten in aller Eile nach Metz gebracht werden? Ist die Revolte von St. Antoine von den verräterischen Royalisten nur als Deckmantel für ihren Plan angestiftet worden? Gebt wohl acht, ihr Central-Grenadiere, auf eurem Posten! Von diesen »Schwarzen« ist noch nie etwas Gutes gekommen. Tragen sie nicht Mäntel und Redingotes, tragen nicht einige von ihnen sogar Lederhosen und hohe Stiefel, als wären sie zum Reiten bereit? Und was schaut da aus dem Rockaufschlag des Chevalier de Court heraus?Weber, II, 286. Sieht es nicht dem Griffe eines schneidenden oder stechenden Instruments zum Verwechseln ähnlich? Und wie er hin und her schleicht! und immer guckt aus dem linken 427 Rockaufschlag der Dolchgriff hervor. »Halt, Monsieur!« – Ein Centralgrenadier faßt ihn, faßt den hervorsehenden Griff, reißt ihn heraus und schwingt ihn vor aller Augen in der Luft. Beim Himmel, ein wirklicher Dolch, ein Jagdmesser oder welchen Namen immer ihr dem Ding geben wollt, das ganz danach aussieht, als ob es nach Patriotenblut lechzte!

Das widerfuhr am frühen Morgen dem Chevalier de Court, und die Scene, die sich nicht ohne Lärm abspielte, wurde viel besprochen. Aber was wollen die vielen Leute, deren Zahl jetzt gegen Anbruch der Nacht beständig wächst? Haben auch sie Dolche? Ach, nach erregtem Wortwechsel hat man auch bei ihnen zu tasten und zu durchsuchen angefangen; alle Männer in Schwarz werden trotz ihrer Einlaßkarten beim Kragen gefaßt und untersucht. Empörend nur daran zu denken: so oft man bei einem von ihnen einen Dolch, einen Stockdegen, eine Pistole oder auch nur eine Schneidernadel gefunden und unter lautem Hohn herausgezogen hat, wird der unglückliche Besitzer mit aller Schnelligkeit die Treppe hinabgeworfen; ja, hinabgeworfen, und langt schmählich mit dem Kopfe voran unten an; schmähliches Weiterschieben von Schildwache zu Schildwache, sogar Knüffe und Püffe und nicht näher zu bezeichnende Fußtritte a posteriori beschleunigen die unfreiwillige Thalfahrt. In dieser beschleunigten Weise taucht – ungewiß, ob mit dem Kopf oder mit den Füßen oben – ein Schwarzer nach dem anderen an allen Ausgängen in dem Tuileriengarten auf; taucht auf; aber ach, jetzt fällt er in die Arme einer empörten Menge, die sich hier in der Dämmerung angesammelt hat und noch sammelt, um Nachschau zu halten was vorgehe, um zu sehen, ob man den erblichen Repräsentanten schon fortgeschafft habe oder nicht. Unglückliche Schwarze, endlich seid ihr der eigens bestellten Dolche überwiesen, ihr überwiesenen »Ritter vom Dolche.« Drinnen geht es wie auf einem brennenden Schiffe zu, und draußen ist das tiefe Meer. Drinnen ist keine Hilfe; Seine Majestät schaut einen Augenblick aus dem innersten Heiligtum heraus, befiehlt allen Besuchern, »die Waffen niederzulegen,« und schließt dann wieder die Thür. Die niedergelegten Waffen bilden einen Haufen; die überwiesenen Dolchritter fliegen noch weiter mit Windeseile hinab, werden am Fuße aller Treppen von der buntgemischten Menge empfangen, weitergeschoben, gestoßen, gejagt und zerstreut.Histoire parlementaire IX, 139-148.

428 Das ist das Schauspiel, welches sich unserem Lafayette bietet, als er in der Abenddämmerung nach schwererrungenem Erfolg von Vincennes zurückkehrt. Kaum hat er die sansculottische Scylla überwunden, so umbrandet ihn schon die aristokratische Charybdis, und der ruhige, geduldige Held zweier Welten verliert beinahe seine Mäßigung. Er hält die fliehenden Ritter nicht auf, sondern beschleunigt eher ihre Flucht. Zwar befreit er den einen oder anderen verfolgten Royalisten von Rang, schilt ihn aber mit bitteren Worten, welche der Augenblick eingiebt und die man in keinem Salon verzeihen könnte. Du hartbedrängter Held, der du sozusagen zwischen den reichen Gottheiten über dir und den notleidenden Sterblichen unter dir in der Luft schwebst, gleich verhaßt den einen wie den anderen. Der Kammerherr Herzog von Villequier wird vor allem Volke so schmählich abgekanzelt, daß er es für angezeigt hält, sich in den Zeitungen zu rechtfertigen; da dies nichts nützt, geht er über die Grenze und zettelt in BrüsselMontgaillard, II, 286. Komplotte an. Seine Gemächer werden leer stehen und doch nützlicher sein, als da sie bewohnt waren.

So fliehen schmählich in der zunehmenden Dunkelheit die von Patrioten gejagten Dolchritter. Eine dunkle, jämmerliche Geschichte, von der Finsternis geboren, sinkt sie auch in Nacht und Finsternis zurück. In diesem Dunkel aber kann der Leser zum letzten- oder vorletztenmal eine um ihr Leben fliehende Gestalt deutlich erkennen: es ist Crispin-Catilina d'Espréménil. Noch sind es kaum drei Jahre her, daß dieselben Central-Grenadiere, damals Gardes français, ihn im Morgengrauen eines Maitages nach den Calypso-Inseln brachten; – und so weit ist es mit ihm und mit ihnen gekommen. Gestoßen und zu Boden geschlagen, aber von dem beim Volke beliebten Pétion befreit, durfte er wohl in die bitteren Worte ausbrechen: »Auch ich, mein Herr, bin einst vom Volke auf den Schultern getragen worden;«Siehe Mercier, II, 40, 202. eine Thatsache, über welche Pétion, der Liebling des Volkes, nachdenken kann, wenn er will.

Doch glücklicherweise senkt sich bald die hereinbrechende Nacht über diesen schmachvollen Tag der Dolche, und die Ritter entkommen, wenn auch übel zugerichtet, mit zerrissenen Röcken und zerrissenen Herzen in ihre Wohnungen. Zwiefacher Aufruhr wurde, von einigen blutenden Nasen 429 abgesehen, ohne viel Blutvergießen unterdrückt. Vincennes ist nicht ganz zerstört und läßt sich wieder herstellen; weder ist der erbliche Repräsentant gestohlen, noch die Königin heimlich ins Gefängnis gebracht worden. Es ist ein Tag, an den man noch lange denkt, den man mit lautem Lachen und dumpfem Murren, mit bitterem Hohn des Triumphes und bitterem Groll der Niederlage bespricht. Der Royalismus schiebt, wie gewöhnlich, die Schuld auf Orléans und die Anarchisten, die das Königtum beschimpfen wollten; die Patrioten, wie gewöhnlich, auf die Royalisten und selbst auf die Konstitutionalisten, die Seine Majestät stehlen und nach Metz bringen wollten; wir, auch wie gewöhnlich, schreiben es dem übernatürlichen Argwohn und Phöbus Apollo zu, der sich der Nacht gleich gemacht hat.

So hat der Leser an diesem letzten Tage des Februar 1791 die drei lange streitenden Elemente der französischen Gesellschaft auf unvermutetem Kampfplatze in einem seltsamen, tragikomischen Zusammenstoß aneinander prallen und vor seinen Augen offen in Aktion und Gegenaktion treten sehen. Der Konstitutionalismus, der gleichzeitig den Sansculotten-Aufstand zu Vincennes und den royalistischen Verrat in den Tuilerien niedergeworfen hat, steht heute groß und siegreich da. Was soll man aber von dem armen hin und her gestoßenen Royalismus denken, der seine Dolche zurücklassen muß? Jeder Hund, sagt das Sprichwort, hat seinen Tag; hat ihn, hat ihn gehabt oder wird ihn haben. Im gegenwärtigen Augenblick haben Lafayette und die Konstitution ihren Tag. Aber Hunger und Jakobinertum, die rasch dem Fanatismus zusteuern, sind noch immer an der Arbeit; sind sie erst einmal wirklich fanatisch, wird auch ihr Tag kommen. Bis dahin hebt Lafayette in allen Stürmen wie ein meerbeherrschender Gott sein heiteres Haupt ruhig empor; über ihm fliehen die Winde des Äolus wie ungebetene Gäste in ihre Höhlen zurück, und die von den Winden bis zum Schäumen aufgewühlten Wogen unter ihm glätten sich von selbst. Was aber dann, wenn einmal die unterseeischen, titanischen Feuermächte mit ins Spiel kämen und den Meeresgrund selbst zum Bersten brächten? Wenn sie Poseidon-Lafayette samt seiner Konstitution aus dem Weltraum schleuderten und in dem titanischen Ringen das Meer sich mit dem Himmel vermischte? 430

 

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