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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 72
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.
Fliehen oder Nichtfliehen.

Die Wahrheit aber ist, daß sich der Royalismus mit jedem Tage einem traurigen Ende näher gebracht sieht. Vom Rhein her kommt die bestimmte Behauptung, der König in seinen Tuilerien sei nicht mehr frei. Dem mag der König officiell 414 widersprechen, aber in seinem Herzen fühlt er oft, daß er es nicht leugnen kann. Civilkonstitution des Klerus, Ausweisungsdekret gegen die Dissidenten unter den Geistlichen; selbst zu dem letzteren kann er, so sehr sich sein Gewissen dagegen sträubt, nicht Nein sagen, sondern unterzeichnet nach zweimonatlichem Zögern auch dieses. Er thut es am 21. Januar 1791 – zu seinem tiefsten Seelenschmerz an einem anderen 21. Januar. So haben wir jetzt vertriebene Dissidenten-Priester, unüberwindliche Märtyrer in den Augen der einen, unverbesserliche chikanierende Verräter in den Augen der anderen. Was wir einst vorausgeahnt haben, ist jetzt wirklich eingetreten: die Religion oder ihr heuchlerischer Schein und ihr bloßes Echo hat in ganz Frankreich eine neue, dauernde Spaltung erzeugt, welche die schon bestehenden Zerwürfnisse noch mehr verwirrt und verbittert, eine Spaltung, die z. B. in der Vendée nur durch Feuer und Schwert geheilt werden kann.

Unglückliches Königtum, unglückliche Majestät, »Représentant Héreditaire« oder wie man ihn sonst noch nennen mag; von ihm, dem doch so wenig gegeben ist, erwartet man so viel! Blaue Nationalgarden umgeben die Tuilerien; dort weilt auch der wässerige konstitutionelle Pedant Lafayette, ein Mann, seicht, durchsichtig und starr wie zu dünnem Eis erstarrtes Wasser, ein Mann, den keiner Königin Herz lieben kann. Die Nationalversammlung, die, wie wir wissen, ihr Zelt über einem Abgrund aufgeschlagen hat, tagt in der Nähe und lärmt und tobt weiter. Von außen nichts als Revolten von Nancy, Erstürmung von Castries-Hôtels, Revolten und Aufstände im Norden und Süden, in Aix, Donai, Béfort, Usez, Perpignan, Nimes und in dem unverbesserlichen päpstlichen Avignon; auf der ganzen Oberfläche von Frankreich ein unaufhörliches Knistern und Funkensprühen von Revolten, ein Beweis, wie elektrisch es wird; und zu alledem der strenge Winter, die Hungerstreiks der Arbeiter und der beständige Brummbaß der Not, der Grundton und die Basis aller Disharmonien!

Der Plan des Königtums, soweit man bei ihm von einem bestimmten Plane reden kann, läuft noch immer auf eine Flucht nach der Grenze hinaus; fürwahr, der einzige Plan, von dem sich noch irgend ein Erfolg erwarten läßt! Flieht zu Bouillé, verschanzt euch mit euren Kanonen, die von vierzigtausend noch unverführten Deutschen bedient werden; fordert die Nationalversammlung, fordert wenigstens alle 415 Royalisten, Konstitutionellen und alle, die sich durch Geld gewinnen lassen, auf, euch zu folgen, und den Rest sprengt, wenn es notthut, mit Kartätschen auseinander. Jakobinismus und jeglicher Aufruhr sollen, von Kartätschenladungen getrieben, mit wildem Geheul in die unendliche Weite auseinanderstieben; donnert mit Kanonenschlünden über ganz Frankreich, bittet nicht, befehlt, daß dieser Hexensabbath ein Ende nehme! Und dann herrscht so konstitutionell als nur möglich, übt Gerechtigkeit, liebt Barmherzigkeit, seid in Wahrheit Hirten und nicht bloße Scherer dieses notleidenden Volkes! Dies alles thut, – wenn ihr den Mut dazu habt; fehlt es euch aber an diesem, dann legt euch in des Himmels Namen schlafen: einen anderen Ausweg, eine andere Möglichkeit giebt es nicht.

Ja, die Möglichkeit wäre vielleicht vorhanden, hätte man nur den Mann, der zu handeln verstünde! Denn wenn auch dieser unbeschreibliche Wirbel babylonischer Verwirrung, den unsere Zeit bietet, nicht durch einen einzigen Mann, sondern nur durch die Zeit und durch viele Männer zur Ruhe gebracht werden kann, so vermag doch ein Mann wenigstens dessen Ausbrüche zu mildern, er kann ausgleichen, beschwichtigen und sich auf der Oberfläche erhalten, ohne in die Tiefe gerissen zu werden, – wie es ja manche Männer und Könige unserer Tage thun. Einem Manne ist vieles möglich; einem Manne, der »kennt und kann,« werden die Menschen gehorchen und ihn ehrerbietig ihren »Könnenden« oder König nennen. Hat nicht Karl der Große geherrscht? Und bedenkt, hatte er, der mit einem einzigen furchtbaren Schlage »viertausend Sachsen über die Weserbrücke hängen ließ,« ruhige Zeiten? – Wer weiß aber, ob nicht in diesem zerrissenen, fanatischen Frankreich der rechte Mann schon wirklich vorhanden ist? Ist es vielleicht der olivenfarbige, schweigsame Mann, jener Artillerie-Lieutenant, der einst zu Brienne eifrig mathematische Studien betrieb? Derselbe, der sich in der Frühe auf den Weg machte, um in Dôle die Probebogen zu korrigieren, der bei Joly ein bescheidenes Frühstück einnahm? Gerade in diesen Tagen ist er ebenso wie sein Freund, der berühmte General Paoli, in sein heimatliches Korsika gegangen, um die alten Plätze seiner Kindheit zu besuchen und zu sehen, ob sich dort etwas für die Demokratie thun ließe.

Das Königtum geht nicht ernstlich daran, den Fluchtplan auszuführen, giebt ihn aber auch nie auf; unentschlossen lebt es in wechselnder Hoffnung weiter, bis das Schicksal selbst 416 entscheidet. Ganz im Geheimen wird eine lebhafte Korrespondenz mit Bouillé unterhalten; mehr als einmal taucht auch der Plan auf, den König nach Rouen zu bringen;Siehe Hist. Parl., VII, 316; Bertrand-Molleville etc. gleich Irrlichtern bei feuchtem Wetter taucht Plan auf Plan auf und verschwindet, ohne zum Ziele zu führen. »Gegen zehn Uhr abends« sitzt der erbliche Repräsentant en partie quarrée mit der Königin, Monsieur, seinem Bruder, und Madame beim »Wisk« oder Whist. Da tritt mit geheimnisvoller Miene der Thürhüter Campan herein und überbringt eine Nachricht, die er nur halb versteht: Ein gewisser Comte d'Inisdal wartet ängstlich draußen im Vorzimmer; der Nationaloberst, der heute nachts die Wache kommandiert, ist gewonnen; Postpferde stehen auf dem ganzen Wege bereit; ein Teil des Adels harrt bewaffnet und entschlossen: wollen Ihre Majestät einwilligen, noch vor Mitternacht zu gehen? Tiefes Schweigen; Campan wartet mit gespanntem Ohre. »Hörten Ihre Majestät, was Campan sagte?« fragt die Königin. »Ja, ich hörte es,« antwortet der König und spielt weiter. »Ein ganz artiges Kouplet, das Campan sang,« bemerkte anzüglich Monsieur, der manchmal auch einen guten Witz machen konnte; ohne zu antworten, spielt der König weiter. »Man muß doch Campan etwas sagen,« bemerkt endlich die Königin. »Sagen Sie Herrn d'Inisdal,« versetzt der König, und die Königin setzt mit Nachdruck fort, »daß der König nicht einwilligen könne, sich zum Gehen zwingen zu lassen.« – »Ich sehe,« sagte d'Inisdal sich umdrehend in gereiztem Tone, »wir tragen die Gefahr und Verantwortung und sollen im Falle des Mißlingens auch den ganzen Tadel auf uns nehmen,«Campan, II, 105. – und damit verschwindet er irrlichtartig, er und sein Komplott. Die Königin blieb bis in die tiefe Nacht hinein wach und packte Juwelen ein; aber es kam zu nichts; in der aufflammenden Gereiztheit war das Irrlicht erloschen.

Von alledem ist wenig zu hoffen. Ach, mit wem soll man fliehen? Unsere treuen Gardes du Corps sind seit dem Weiberaufstand entlassen und in ihre Heimat zurückgekehrt; viele von ihnen sind auch über den Rhein nach Koblenz und zu den in der Verbannung lebenden Prinzen gegangen. Der wackere Miomandre und Tardivet, diese beiden Getreuen, haben bei einer nächtlichen Unterredung mit beiden Majestäten ihr Viaticum in Louisd'ors und dazu den herzlichen Dank 417 aus dem Munde der Königin empfangen, »während Seine Majestät schweigend mit dem Rücken gegen das Feuer stand.«Campan, II, 109-11. Nun schlagen sie sich von einer Provinz Frankreichs zur anderen durch, erzählen von knappem Entrinnen aus Lebensgefahr und den Greueln des Aufstandes. Ja, von großen Greueln, denen, ach, noch größere folgen werden! – Welch ein Abstand von dem früheren Glanze in Versailles! Hier in den Tuilerien paradiert ein Brauer-Oberst, der stimmengewaltige Santerre, offiziell hinter dem Stuhle Ihrer Majestät. Unsere hohen Hofbeamten sind alle über den Rhein geflohen; am Hofe ist ja außer Hoffnungen, für die man sein eigenes Leben einsetzen muß, nichts mehr zu gewinnen. Obscure, geschäftige Leute kommen über Hintertreppen mit Gerüchten, windigen Plänen und unfruchtbaren Prahlereien. Junge Royalisten singen im Théâtre de Vaudeville Couplets, als wenn dies etwas helfen könnte. Royalisten, Kapitäne auf Urlaub, abgebrannte Seigneurs kann man im Café de Valois und beim Restaurateur Melot antreffen. Hier fachen sie gegenseitig ihr loyale Glut an, trinken mit allen Weinsorten, die zu haben sind, dem Sansculottismus unzählige Pereats, zeigen eigens bestellte Dolche verbesserter Konstruktion und benehmen sich beim Speisen so herausfordernd als nur möglich.Dampmartin, II. 129. An diesen Orten und in diesen Monaten wird zum erstenmal der Beiname Sansculotte auf den notleidenden Patriotismus angewandt; früher hatte man nur den armen Dichter Gilbert Sansculotte gekannt.Mercier, Nouveau Paris, III, 204. Hosenlos: ein bedauerlicher Mangel; aber wenn ihn zwanzig Millionen teilen, kann er sich mächtiger erweisen als die meisten Besitztümer.

Mitten unter dem ungewissen, unklaren Wirrwarr von Prahlereien, windigen Plänen, eigens bestellten Dolchen wird ein punctum saliens als Wegweiser zum Leben und zur Möglichkeit sichtbar: der Finger Mirabeaus. Mirabeau und Frankreichs Königin haben eine Begegnung gehabt und sind voll gegenseitigen Vertrauens voneinander geschieden. Das ist seltsam, geheimnisvoll wie die Mysterien, aber es ist unzweifelhaft wahr. Mirabeau bestieg eines Abends sein Pferd und ritt ohne Begleitung gegen Westen. Will er vielleicht seinem Freunde Clavière in dessen Landhause einen Besuch machen? Bevor er aber bei Clavière ankam, bog der in Gedanken versunkene Reiter zu einer Hinterpforte des 418 Gartens von St. Cloud ab: ein Herzog von Aremberg oder sonst jemand wartete hier und ließ ihn ein; die Königin war nicht fern; »auf dem höchstgelegenen Rondell (rond point) des Gartens von St. Cloud sah er der Königin Angesicht, sprach ohne Zeugen mit ihr allein unter dem weiten Himmelsgewölbe der Nacht. Welch eine Unterredung, die für uns ungeachtet alles Forschens wie die Unterredungen der Götter ein Geheimnis geblieben ist!Campan, II, c. 17. Sie nannte ihn »einen Mirabeau;« anderswo lesen wir, der wilde, jetzt gezähmte Titan habe sie entzückt, wie es ja überhaupt zu den verehrungswürdigen Äußerungen dieses hohen, unglücklichen Herzens gehörte, daß kein Mann von Bedeutung, kein Mirabeau, ja kein Barnave oder Dumouriez ihr begegnete, ohne daß sie sich trotz aller Vorurteile gezwungen fühlte, ihn anzuerkennen und ihm mit Vertrauen entgegenzukommen. Ein hohes, kaiserliches Herz, das sich instinktiv von allem Hohen angezogen fühlte. »Sie kennen die Königin nicht,« sagte einst Mirabeau in vertraulichem Gespräche, »ihre Seelenstärke ist bewunderungswürdig, an Mut ist sie ein Mann.«Dumont, p. 211. Sie hat im Dunkel der Nacht auf jenem Hügel mit Mirabeau gesprochen; er hat loyal die königliche Hand geküßt und mit Begeisterung erklärt: »Madame, die Monarchie ist gerettet.« – Ist es möglich? Von den fremden Mächten, die man insgeheim sondiert hat, erhielt man eine günstige, vorsichtig gehaltene Antwort.Correspondance Secrète (in Hist. Parl. VIII, 169-173). Bouillé ist in Metz und kann vierzigtausend Deutsche aufbringen, auf die man sich verlassen kann. Mit einem Mirabeau als Kopf und einem Bouillé als Arm ist wirklich etwas möglich, – wenn nicht das Schicksal selbst dazwischentritt.

Aber bedenkt, unter welch tausendfachen Hüllen und Mänteln ein Königtum, das mit solchen Gedanken umgeht, sich verbergen muß: da giebt es Personen mit »Einlaßkarten,« ritterliche Beratungen, geheimnisvolle Verschwörungen. Bedenkt jedoch auch, ob das komplottierende Königtum, mag es sich einhüllen, so dicht es will, den Blicken des Patriotismus entgehen kann, den zehntausend Luchsaugen, die nach ihm blicken und auch im Finstern sehen. Der Patriotismus weiß von vielem; er kennt die eigens bestellten Dolche, kann sogar die Werkstätten genau bezeichnen, wo sie hergestellt werden, kennt 419 des Sieur Motier Legionen von Mouchards, kennt die Einlaßkarten und die »Schwarzen,« weiß, wie Fluchtplan auf Fluchtplan folgt – oder vermutet es wenigstens. Denkt an die im Théâtre de Vaudeville gesungenen Couplets oder, was schlimmer ist, an das Flüstern und das bedeutungsvolle Zunicken der schnurrbärtigen Verräter! Andererseits denkt auch an die lauten Alarmrufe der hundertdreißig Journale, das Dionysusohr der achtundvierzig Sektionen, die weder bei Tag noch bei Nacht schlafen.

Der Patriotismus erträgt vieles, doch nicht alles. Das Café de Procope hat eine Deputation von Patrioten vor aller Augen durch die Straßen geschickt, um die »schlechten Redacteure« im Vertrauen zur Rede zu stellen; fürwahr, ein ganz absonderliches Beginnen! Die »schlechten Redacteure« versprechen, sich zu bessern, thun es aber nicht. Zahlreiche Deputationen werden auch abgesandt, um einen Ministerwechsel herbeizuführen; einer dieser Deputationen schließen sich sogar Maire Bailly und Cordelier Danton an, und sie setzen ihren Willen durch. Was hilft es? Das Geschlecht der Pfuscher, der freiwilligen und unfreiwilligen, stirbt nicht aus: die Minister Duportail und Duterre werden ungefähr ebenso weiter pfuschen wie die Minister Cicé und Latour du Pin. So rollt die Welt in ihrer Verwirrung fort.

Was aber soll in diesen unglücklichen Tagen der bedürftige französische Patriot, auf den solche unentwirrbaren und widerspruchsvollen Einflüsse und Thatsachen einstürmen, glauben; woran soll er sich halten? Alles ist ungewiß; gewiß und wahr ist nur das eine, daß er elend und arm ist, und daß die glorreiche Revolution, das Wunder des Weltalls, bis jetzt weder Brot noch Frieden gebracht hat, offenbar weil sie durch schwer auffindbare Verräter verderbt wird, durch Verräter, die unsichtbar im Dunkel wohnen oder nur auf Augenblicke im fahlen, zweifelhaften Zwielicht erscheinen, um plötzlich wieder im Dunkel zu verschwinden! – Und wieder beherrscht übernatürlicher Argwohn die Herzen der Menschen.

»Niemand,« schreibt schon am ersten Februar Carra von den »Annales politiques,« »kann hier weder an dem mit Hartnäckigkeit festgehaltenen Plane, den König wegzubringen, noch an den fortgesetzten Umtrieben dieser Leute zweifeln, die sie zur Erreichung dieser Absicht ins Werk setzen.« Gewiß niemand, und darum entsandte die wachsame Mutter des Patriotismus zwei Mitglieder an ihre Tochter in Versailles, um sich zu überzeugen, wie die Sachen dort ständen. Und was 420 fand man? Der Patriot Carra fährt fort: »Den Bericht der beiden Deputierten haben wir alle am letzten Sonnabend mit eigenen Ohren vernommen. Die Deputierten haben mit anderen Versaillern die königlichen Stallungen und die Stallungen der ehemaligen Gardes du Corps besichtigt. Siebenhundert bis achthundert Pferde standen darin gezäumt und gesattelt, offenbar um auf den ersten Wink zur Abreise bereit zu sein. Dieselben Deputierten sahen ferner mit eigenen Augen unterschiedliche Hofwagen, die eben mit wohlgepackten Reisekoffern (vaches de cuir, wie man sie nennt), beladen wurden; das königliche Wappen auf den Kutschenschlägen war fast unkenntlich gemacht.« Vielsagend genug! Auch »versammelte sich an demselben Tage die ganze Maréchaussé oder berittene Polizei in voller Ausrüstung,« – und zerstreute sich wieder. Sie, die Verräter, wollen den König über die Grenze schaffen, damit dann Kaiser Leopold und die deutschen Fürsten, deren Truppen bereit stehen, einen Vorwand zum Losschlagen haben. »Das,« fügt Carra hinzu, »ist des Rätsels Lösung, das ist der Grund, warum unsere flüchtigen Aristokraten an den Grenzen Truppen werben; sie warten nur, bis an einem der nächsten Morgen die oberste Exekutivgewalt zu ihnen hinübergebracht werde und der Bürgerkrieg beginne.«

Ja, wäre nur schon die oberste Exekutivgewalt, wenn es sein müßte, selbst in einer jener ledernen Kühe wohlverpackt und wohlbehalten hinübergeschafft! Aber das Merkwürdigste an der Sache ist, daß der Patriotismus, gleichviel ob er was aufs Geratewohl oder mit dem Instinkt eines übernatürlichen Spürsinns thut, diesmal mit gutem Grunde gegen ein Etwas, nicht gegen ein Nichts bellt. Bouillés geheime und seitdem veröffentlichte Korrespondenz liefert den Beweis dafür.

Ja, es läßt sich nicht leugnen, denn alle sehen es, daß Mesdames, die Tanten des Königs, Vorbereitungen zur Abreise treffen: sie verlangen Reisepässe vom Ministerium, sicheres Geleite von der Municipalität, ein Begehren, vor dessen Erfüllung Marat alle Welt ernstlich warnt. »Diese alten Beguinen« werden Gold, ja, den kleinen Dauphin mitnehmen und statt seiner ein untergeschobenes Kind, das sie schon eine Zeitlang gepflegt haben, zurücklassen. Übrigens sind sie sozusagen nur ein leichter Stoff, den man in die Luft wirft, um die Windrichtung zu erfahren, eine Art von Probedrachen, den man steigen läßt, um sich zu vergewissern, ob man den großen Papierdrachen, die Flucht des Königs, steigen lassen kann.

421 In dieser beunruhigenden Lage läßt es der Patriotismus nicht an sich fehlen. Die Municipalität sendet eine Deputation an den König, die Sektionen an die Municipalität; bald wird sich auch die Nationalversammlung rühren. Doch seht, unterdessen haben Mesdames am 19. Februar 1791 Bellevue und Versailles verlassen, sind in aller Stille vermutlich nach Rom oder anderswohin abgereist. Sie sind mit gehörig kontrasignierten Pässen versehen und, was ihnen mehr hilft, von einer dienstwilligen Eskorte begleitet. In Moret versuchte der patriotische Maire oder das Dorfbürgermeisterlein die Damen aufzuhalten; aber rasch stürmte Louis de Narbonne von der Eskorte im Galopp davon, kehrte bald mit dreißig Dragonern zurück und brachte sie siegreich außer Gefahr. Und so ziehen die armen alten Frauen ihres Weges – zum Schrecken von Frankreich und Paris, dessen nervöse Reizbarkeit aufs höchste gestiegen ist. Wie wäre es sonst möglich, daß jemand die arme Loque und die arme Graille, die in ihren alten Tagen in so unerwartete Verhältnisse geraten sind, daß selbst der Klatsch, der sich nur noch um Schreckensscenen und Greuelthaten dreht, auf die Dauer keine Freude macht, in Zeiten, in denen man nicht einmal einen rechtgläubigen Beichtvater in Frieden haben kann, – wie wäre es sonst möglich, daß jemand diese alten Frauen hindern wollte, jedweden Weg einzuschlagen, auf dem sie irgend einen Trost zu finden hoffen.

Die armen, alten Damen, sie gehen, und nur ein hartes Herz kann ihnen Mitleid versagen; sie gehen mit Herzklopfen und unmelodischen unterdrückten Angstrufen, während ganz Frankreich in nicht unterdrücktem Schrecken neben und hinter ihnen laut gackert und schreit: ein so großes Mißtrauen herrscht unter den Menschen. In Arnay le Duc, auf dem halben Wege zur Grenze, findet abermals eine patriotische Municipalität und Bevölkerung den traurigen Mut, sie anzuhalten, und diesmal muß Louis de Narbonne nach Paris zurückkehren und die Nationalversammlung befragen. Die Nationalversammlung antwortet, nicht ohne auf Widerstand gestoßen zu sein: Mesdames dürfen reisen. Darauf erhebt sich Paris ungestümer als je und schreit beinahe wie toll. Während die Nationalversammlung über diese Kardinalfrage debattiert, füllen sich die Tuilerien und ihre Umgebung mit Männern und Frauen; bei einbrechender Nacht muß Lafayette die Leute zerstreuen; und man läßt die Straßen beleuchten. Kommandant Berthier, ein Berthier, dessen große, ihm jetzt 422 noch unbekannte Dinge harren, wird im Augenblick in Bellevue zu Versailles blockiert. Durch keine Kriegslist gelingt es ihm, das Gepäck von Mesdames aus den Höfen fortzuschaffen. Kreischend sammeln sich wütende Versaillerinnen um ihn, seine eigenen Soldaten schneiden die Wagenstränge durch; er muß sich ins Innere zurückziehen und bessere Zeiten abwarten.Campan, II, 132.

Ja, zu derselben Zeit, da Mesdames in Moret, mit Mühe durch das Schwert befreit, eilends fremden Gegenden entgegenfahren und in Arnay noch nicht angehalten sind, ist in Paris ihr hoher Neffe, der arme Monsieur, um Schutz zu suchen, tief in die Keller seines Luxemburg hinabgetaucht und läßt sich, wie Montgaillard berichtet, nur schwer bewegen, wieder hervorzukommen. Schreiende Volksmassen, die das Gerücht von seiner Abreise herbeigelockt hat, umringen sein Luxemburg; aber kaum hören und sehen sie Monsieur, so krähen sie vor Freude und begleiten Madame und ihn unter Vivatrufen zu den Tuilerien.Montgaillard, II, 282. Deux Amis, VI, 1. Es herrscht ein Zustand nervöser Reizbarkeit, wie ihn nur wenige Nationen kennen gelernt haben.

 

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