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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 71
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.
Das Schwert in der Hand.

Auf einer so wunderbaren Grundlage muß sich Gesetz, Königtum, Autorität und alles, was von einer sichtbaren Ordnung noch am Leben ist, erhalten, so lange es eben geht. Wie einst der alte Rebell in der Mischung der vier Elemente, so hat hier die hohe Nationalversammlung über einem schwankenden, bodenlosen Abgrund inmitten des finstern, unendlichen Haders ihr Zelt aufgeschlagen; hier lärmt sie unermüdlich weiter. Umgeben von Zeit, Ewigkeit und dem leeren Nichts, thut sie, was sie kann und was zu thun ihr beschieden ist.

Blicken wir noch einmal fast mit Widerstreben hinein, so sehen wir wenig Erbauliches: eine konstitutionelle Theorie der defektiven Verba, die trotz unaufhörlicher Unterbrechungen mühselig, aber beharrlich fortschreitet. Wir sehen, wie Mirabeau von der Tribüne herab durch das Gewicht seines Namens und Genies manch leidenschaftlichen Ausbruch der Jakobiner niederhält; freilich macht sich ihre Heftigkeit drüben in ihrem Jakobinersaal mit desto lauteren Worten Luft und hält ihm dort sogar scharfe Strafpredigten.Camilles Journal (in der Hist. Parl. IX, 366-385.) Der Pfad dieses Mannes ist geheimnisvoll, rätselhaft und schwierig, und er hat keinen Weggenossen. Der reine Patriotismus zählt ihn nicht mehr zu seinen Auserwählten, der reine Royalismus 408 verabscheut ihn; und doch ist sein Einfluß auf die Welt ein überwältigender. So mag er unentwegt und einsam seinem Ziele zustreben – so lange ihm noch die Sonne scheint und die Nacht nicht hereingebrochen ist.

Die auserwählte Schar der reinen Patriotenbrüder ist aber klein; es sind ihrer nur etwa dreißig, die jetzt von aller Welt abgesondert auf der äußersten Linken sitzen. Der tugendhafte Pétion, der unbestechliche Robespierre, er, der beharrlichste, unbestechlichste aller dünnen, herben Männer; die Triumvirn Barnave, Duport, Lameth, von denen jeder in seiner Art groß im Reden, Denken und Handeln ist; der magere alte Goupil de Prefeln: auf sie und ihre etwaigen Nachfolger ist der reine Patriotismus angewiesen.

Dort unter den Dreißig kann man auch, so selten er sich hören läßt, Philipp von Orléans deutlich erkennen; in seiner traurigen Verirrung ist er jetzt sozusagen schon im Chaos angelangt. Gerüchte von Statthalterschaft und Regentschaft flammen wie Wetterleuchten am politischen Horizonte auf, ja, man debattiert schon in der Versammlung selbst über die Thronfolge, »für den Fall, daß die gegenwärtig regierende Linie versagen sollte,« und, wie es heißt, ging Philipp während der Verhandlung über diesen wichtigen Gegenstand in ängstlichem Schweigen in den Korridoren auf und ab; aber die Sache verrann im Sande. Mirabeau, der den Mann vollkommen durchschaute, rief mit starken unübersetzbaren Worten aus: »Ce j-f-ne vaut pas la peine qu'on se donne pour lui.« Es verrann alles im Sande, und unterdessen ging, wie man sagt, unserem Philipp das Geld aus. Konnte er, dem alles fehlte außer Geld, dem begabten Patrioten, dem nichts fehlte als dieses, ein wenig Geld verweigern? Ohne Geld, ohne Nahrung, die nur für Geld zu kaufen ist, läßt sich kein Pamphlet schreiben, geschweige denn drucken. Ohne Geld kann sich der hoffnungsvollste Projektenmacher nicht von der Stelle rühren; individuell patriotische oder andere Projekte erfordern Geld, um wie viel mehr noch weit ausgebreitete Intriguen, die nur von Geld leben, durch Geld bestehen können, die bei ihrem Umfang einen wahren Drachenappetit nach Geld entwickeln, sodaß sie ganze Fürstentümer zu verschlingen fähig sind. Und so hat sich Prinz Philipp mit seinen Sillerys, Laclos und den anderen verwirrten Söhnen der Nacht abwärts bewegt, als Mittelpunkt des seltsamsten, verworrensten Knäuels, aus dem, wie wir schon oft sagten, jene übernatürliche epische Maschinerie des Argwohns und 409 Verdachtes hervorging und in dem sich alle Arten von Verdacht, Arglist, erfolgreichem oder erfolglosem Streben nach Unheil entwickelte; ein Knäuel von Dichtung und Wahrheit, den mit Ausnahme des inspirierenden Geistes und Hauptlenkers aller geheimen Pläne keine lebende Seele zu entwirren vermag. Doch hat Camilles Vermutung noch die meiste Wahrscheinlichkeit für sich. Nach seiner Ansicht war der arme Philipp in verräterischer Spekulation zu einer gewissen Höhe emporgestiegen, wie er ja auch früher in einem der ersten Luftballons aufgestiegen war; aber erschreckt über die neue Lage, in die er geriet, öffnete er rasch das Ventil und kam wieder zur Erde herab – als größerer Thor denn beim Aufstieg. Uebernatürlichen Argwohn und Verdacht zu erregen, das war seine Aufgabe in dem Epos der Revolution. Was hat er jetzt, da er kein goldspendendes Füllhorn mehr besitzt, noch zu verlieren? In der dichten Finsternis, die in ihm und um ihn herrscht, muß er, der unselige Mensch, in dem jammervollen Todeselemente unsicher weiter taumeln. Ein- oder vielleicht noch zweimal wird er in seinem vergeblichen Ringen mit dem Todeselemente vor unseren Augen auftauchen, für einen Augenblick, es ist der letzte, wird er aus der Finsternis in die Region des Lichtes emporsteigen oder vielmehr emporgeschleudert werden, ja er wird sogar eine gewisse Berühmtheit erlangen und dann für immer in die Tiefe versinken.

Die Rechte läßt in ihrer Beharrlichkeit nicht nach, ja entwickelt, obwohl jede Hoffnung nahezu geschwunden ist, einen lebhafteren Eifer als je. Der zähe Abbé Maury antwortet dem obskuren Provinz-Royalisten, der ihm in dankbarem Entzücken die Hand drückt: Hélas, Monsieur, alles, was ich hier thue, ist so viel wie Nichts,« und begleitet seine Worte mit einem Schütteln seines unbeugsamen, eisernen Kopfes. Der tapfere Faussigny, der nur dies einzige Mal auf der Bildfläche erscheint, stürzt wie rasend in die Mitte des Saales und ruft: »Es giebt nur einen Weg, hier zum Ziele zu kommen, und der ist, mit dem Schwerte in der Hand auf diese Hallunken loszugehen« (sabre à la main sur ces gaillards là),Moniteur, Sitzung vom 21. August 1790. wobei er wütend auf unsere auserwählten Dreißig auf der äußersten Linken hindeutet. Darauf entsteht Lärmen und Toben, es giebt Streit und Widerruf, bis schließlich der Zorn verraucht. Die Lage wird geradezu unhaltbar und die Dinge gehen, wie man zu sagen pflegt, dem »Bruche« entgegen. 410 Jener ungestüme theoretische Angriff Faussignys fand im August 1790 statt; und noch ehe der nächste August gekommen ist, führen die berühmten zweihundertundzweiundneunzig Erwählten des Royalismus feierlich den endgültigen Bruch herbei, sagen sich los von einer Versammlung, die ganz vom Parteigeist beherrscht ist, schütteln den Staub von ihren Füßen und ziehen von dannen.

Die Scene mit dem Schwert in der Hand veranlaßt uns zu einer Bemerkung. Von Duellen haben wir schon öfter gesprochen und beobachtet, wie in allen Teilen Frankreichs unzählige Duelle ausgefochten wurden; wie Tischgenossen während eines Wortgefechtes den Weinbecher und die Waffen des Witzes und Geistes bei Seite warfen und sich lieber auf dem Kampfplatze entgegentraten, um blutend auseinanderzugehen oder auch nicht zu gehen, sondern sich gegenseitig mit dem Eisen zu durchbohren, zu fallen und mit dem Zorne zugleich das Leben auszuhauchen, kurz, um zu sterben, wie Thoren sterben. Das hat schon lange gewährt und währt noch weiter; aber jetzt gewinnt es beinahe den Anschein, als hätte der verräterische Royalismus aus Verzweiflung in der hohen Versammlung selbst einen neuen Weg eingeschlagen: durch systematische Duelle dem Patriotismus den Garaus zu machen. Eisenfresser, »spadassins,« jener Partei gehen renommierend umher oder können für ein Spottgeld gewonnen werden. Erst jüngst sah das gelbe Auge des Journalismus »zwölf Spadassins,« die aus der Schweiz angekommen waren, dasselbe Auge sah auch eine beträchtliche Zahl von Mördern (nombre considérable d'assassins), die sich auf Fechtböden und Schießständen übten. Es ist ja ein Leichtes, jeden patriotischen Deputierten von Bedeutung herauszufordern; mag er auch einmal, ja zehnmal heil davonkommen, einmal wird er fallen, und Frankreich muß um ihn trauern. Wie viele Forderungen hat Mirabeau erhalten, besonders solange er der Vorkämpfer des Volkes war: Forderungen zu Hunderten; aber solange die Konstitution noch gemacht werden muß, seine Zeit also kostbar ist, antwortet er auf alle Herausforderungen mit der stehenden Redensart: »Monsieur, Sie stehen auf meiner Liste; aber ich mache Sie aufmerksam, daß sie lang ist, und daß ich niemand einen Vorzug einräume.«

Sahen wir nicht im Herbste auch das Duell zwischen Cazalès und Barnave, diesen zwei Meistern im Zungengefecht? Jetzt stehen sie einander gegenüber, um Pistolenkugeln zu wechseln. Cazalès, das Haupt der Royalisten, die man die 411 Noirs nennt, hatte in einem Augenblick der Leidenschaft behauptet, »die Patrioten wären lauter Brigands,« und hatte bei diesen Worten – so schien es wenigstens – seinen zornglühenden Blick ganz besonders auf Barnave gerichtet, der natürlich nur mit einem ebenso zornglühenden Blicke – und mit einem Rendezvous im Bois de Boulogne antworten konnte. Barnaves zweiter Schuß traf Cazalès – Hut; die vordere Spitze eines dreieckigen Filzhutes, wie man solche damals trug, fing die Kugel auf und rettete die schöne Stirn vor mehr als einer vorübergehenden Verletzung. Wie leicht hätten die Würfel anders fallen, wie leicht hätte Cazalès Hut nicht dicht genug sein können! Der Patriotismus erhebt laute Klagen über das Duellieren im allgemeinen und unterbreitet im Petitionswege der hohen Nationalversammlung die Bitte, dieser feudalen Barbarei durch ein Gesetz zu steuern. In der That Barbarei und Widersinn! Wird denn jemand dadurch überzeugt oder überführt, daß man ihm eine halbe Unze Blei durch den Kopf jagt? Gewiß nicht. – Barnave wurde bei den Jakobinern mit Umarmungen, aber auch mit Vorwürfen empfangen.

Dessen und des Umstandes eingedenk, daß er in Amerika eher im Rufe waghalsiger Tollkühnheit und mangelnder Überlegung als mangelnden Mutes gestanden habe, lehnt Charles Lameth am 11. November in aller Seelenruhe die Forderung eines heißblütigen jungen Edelmannes aus Artois ab, der eigens zu dem Zwecke gekommen war, um ihn zu fordern, oder richtiger, er nimmt zuerst in aller Ruhe die Herausforderung an, überläßt es aber dann zwei Freunden, für ihn einzutreten und dem jungen Edelmann gehörig den Text zu lesen, eine Aufgabe, deren sie sich mit Erfolg entledigen; ein kaltes Verfahren, welches sowohl die beiden Freunde, als auch Lameth und den jungen, hitzigen Edelmann aus Artois zufriedenstellt. Damit, sollte man meinen, sei die Sache abgethan gewesen.

Dem war aber nicht so. Da Lameth gegen Abend fortgeht, um seinen Pflichten als Deputierter nachzukommen, wird er in den Korridoren des Parlaments nur von royalistischen Stichel- und Spottreden (brocards) und ganz offenen Beleidigungen empfangen. Schließlich hat auch menschliche Geduld ihre Grenzen. »Monsieur,« sagte Lameth zu einem gewissen Lautrec, einem buckligen oder sonstwie verkrüppelten Manne mit scharfer Zunge und dazu einem »Schwarzen« schwärzester Färbung, »Monsieur, wären Sie nur ein Mann, 412 mit dem man sich schlagen könnte!« »Ich bin einer,« ruft der junge Herzog von Castries. Blitzschnell erwidert Lameth: »Tout à l'heure, sofort denn!« Und so sieht man bei Einbruch der Abenddämmerung im Bois de Boulogne zwei Männer mit Löwenblicken, in regelrechter Fechterstellung, die Seite voran, den rechten Fuß vorn, mit Hieb und Stoß, in Terzen und Quarten die Klingen kreuzen in der Absicht, einander zu durchbohren. Sieh, da macht der ungestüme Lameth mit voller Wucht einen wütenden Ausfall, der flinke Castries springt zur Seite, Lameth sticht ins Leere und schlitzt an Castries Degenspitze seinen eigenen ausgestreckten linken Arm weit und tief auf. Darauf Blutung, Erblassen, Verbinden, Erledigung von Förmlichkeiten – und das Duell ist zur Zufriedenheit erledigt.

Will es denn gar kein Ende nehmen? Der geliebte Lameth liegt an einer schweren und nicht ungefährlichen Wunde krank darnieder. Diese schwarzen aristokratischen Verräter töten die Verteidiger des Volkes, zerfleischen sie nicht mit Vernunftgründen, sondern mit Degenstichen. Und dann die zwölf Spadassins aus der Schweiz und die beträchtliche Zahl von Mördern, die sich auf dem Schießstande einübt! So denkt und klagt der verwundete Patriotismus sechsunddreißig Stunden lang mit immer steigender und um sich greifender Hitze.

Nach Ablauf dieser sechsunddreißig Stunden sieht man Sonnabend, den dreizehnten Tag des Monates, ein neues Schauspiel: die Rue de Varennes und das benachbarte Boulevard des Invalides bedeckt eine bunte, flutende Menge; Castries Hotel ist ein reines Tollhaus geworden, wie vom Teufel besessen; aus allen Fenstern fliegen Betten samt Bettzeug und Vorhängen, Gold- und Silbergeschirr, Spiegel, Gemälde, Bilder, Läden, Schränke und klirrendes Porzellan unter lautem Jubel des Volkes hinaus, ohne daß etwas gestohlen wird; denn es ergeht der Ruf: »Wer auch nur einen Nagel stiehlt, wird gehenkt.« Es ist ein Plebiscitum oder ein nicht formeller bilderstürmender Beschluß des gemeinen Volkes, der eben vollstreckt wird. Zitternd sitzt die Munizipalbehörde und überlegt, ob sie das Drapeau rouge aushängen und vom Martialgesetz Gebrauch machen solle. In der Nationalversammlung ergehen sich die einen in lauten Klagen, während die anderen ihren Beifall nur mit Mühe unterdrücken. Abbé Maury kann nicht entscheiden, ob sich der bilderstürmende Pöbel auf vierzigtausend oder auf zweihunderttausend beläuft.

Deputationen und Eilboten – denn das Hotel Castries 413 liegt in ziemlicher Entfernung von der Seine – kommen und gehen. Lafayette und die Nationalgarden machen sich – man kann sagen, in nicht gar großer Eile – ohne das Drapeau rouge auf den Weg. Ja, bei seinem Eintreffen auf dem Platze grüßt Lafayette mit abgezogenem Hute, ehe er den Befehl erteilt, die Bajonette aufzupflanzen. Was hilft's? Das »plebejische Kassationsgericht,« wie es Camille witzig nennt, hat sein Werk vollendet, und kommt nun heraus – mit aufgeknöpfter Weste und umgekehrten Taschen; denn es war eine Erstürmung und gerechte Verwüstung, aber keine Plünderung! Mit schier unerschöpflicher Geduld macht der Held zweier Welten dem Volke Vorstellungen mit guten Worten; mit einer Art sanften Zwanges, wenn auch mit aufgepflanzten Bajonetten, beschwichtigt und zerstreut er die Menge, und am nächsten Morgen zeigt alles wieder das gewohnte Aussehen.

Angesichts dieser Vorgänge hat wohl der Herzog von Castries Grund genug, »an den Präsidenten zu schreiben,« ja selbst über die Grenze zu gehen, um Truppen anzuwerben oder sonst zu thun, was ihm beliebt. Der Royalismus aber giebt seine Raufmethode auf, und die zwölf Spadassins kehren in die Schweiz oder ins Reich der Phantasie, oder was immer ihre wahre Heimat ist, zurück. Ja, der Verleger Prudhomme ist ermächtigt, etwas Merkwürdiges zu veröffentlichen: »Wir sind,« sagt der langweilige Polterer und Verleger, »zu der Anzeige ermächtigt, daß M. Boyer, der Verteidiger guter Patrioten, an der Spitze von fünfzig Spadassinicides oder Raufboldtötern steht. Seine Adresse ist: Passage du Bois de Boulogne, Faubourg St.-Denis.«Révolutions de Paris (in Hist. Parl. VIII, 840). Eines der merkwürdigsten Institute, das des Helden Boyer und seiner Raufboldtöter! Indessen bedarf man seiner Dienste nicht mehr, da der Royalismus seine Duellmethode als durchaus unbrauchbar aufgegeben hat.

 

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