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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 70
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel.
Die Wachenden.

Mag schlafen, wer da will, von Hoffnung und Kurzsichtigkeit eingewiegt, wie ein Lafayette, der »immer in der überstandenen Gefahr die letzte Gefahr sieht, die ihn bedroht hat;« – die Zeit schläft ebenso wenig, wie das Saatfeld der Zeit.

Auch jenes geheiligte Kollegium von Herolden einer neuen Dynastie, wir meinen die etlichen sechzig Zettelankleber mit ihren bleiernen Gewerbezeichen, schläft nicht. Täglich kleiden sie mit Kleistertopf und Querstab die Mauern von Paris aufs neue in alle Farben des Regenbogens: wie bevollmächtigte Herolde oder wunderwirkende Zauberer; denn sie kleben kein Plakatjournal an, ohne damit eine oder die andere Menschenseele zu überzeugen. Ausrufer und Bänkelsänger schreien, und der große Journalismus bläst und tobt gleich einer Äolushöhle aus allen Schlünden von Paris nach allen Enden Frankreichs und facht jedwedes Feuer zu heller Glut an.

Solcher Schlünde oder Journale giebt es nicht weniger als einhundertdreiunddreißigMercier, III, 163. des verschiedensten Kalibers, von euern Cheniers, Gorsases, Camilles bis hinab zu eurem Marat, bis zu eurem erst beginnenden Hébert vom »Père Duchesne.« Sie alle treten mit gewichtigen Argumenten oder mit flüchtigem leichten Witz für die Menschenrechte ein, für Thron und Altar dagegen kämpfen die Durosoys, Royous, Peltiers, Sulleaus, auch mit verschiedenen Waffen, zu denen, so seltsam es klingt, manch profanes Spottgedicht gehört.Siehe Hist. Parl. VII, 51. Was den Volksfreund Marat betrifft, so gleicht seine Stimme 402 der eines Ochsenfrosches oder einer Rohrdommel im einsamen Sumpfe; von niemand gesehen, krächzt er beständig nichts anderes hervor als rauhe Donnerworte voll von Argwohn, Entrüstung und unheilbarem Schmerz. Das Volk geht dem Ruin entgegen, es ist dem Hungertode nahe. »Meine lieben Freunde,« ruft er aus, »eure Not ist nicht die Folge von Lastern oder von Trägheit; ihr habt dasselbe Recht an das Leben wie Ludwig XVI. oder der Glücklichste des Jahrhunderts. Wer darf sagen, er habe ein Recht zu essen, so lange ihr kein Brot habt?«Ami du peuple, Nr. 306. Andere Auszüge in Hist. Parl. VIII, 139-149; 428-433; IX, 85-93 etc. Auf der einen Seite das sinkende Volk, auf der anderen nichts als elende Sieurs Motier, verräterische Riquetti Mirabeaus, kurz überall, wohin man blickt, Verräter, leere Schatten und Gaukler in hohen Stellungen. Geschniegelte, Grimassen schneidende, inwendig hohle Leute mit täuschenden Worten und gebürsteten Kleidern; politische, wissenschaftliche, akademische Gaukler, die alle durch gemeinsame Interessen verbunden sind und einen gewissen Gaukler-Korpsgeist besitzen! Niemand, weder der große Lavoisier noch irgend einer der vierzig Unsterblichen wird von dieser rauhen Zunge verschont, der es übrigens weder an fanatischer Aufrichtigkeit noch, worüber man sich am meisten wundert, an sarkastischem Witz fehlt. Und dann die »dreitausend Spielhöhlen,« die es in Paris giebt, diese Kloaken für das Schurkentum der Welt, diese Schlupfwinkel des Lasters und der Ausschweifung, während doch Freiheit ohne gute Sitten unmöglich ist. In diesen Satanshöhlen, die man genau kennt und auf die man unermüdlich hinweist, versammeln und beraten sich die Mouchards des Sieur Mortier, sie, die wie Vampyre am Blute des verhungernden Volkes saugen. »O Volk!« ruft er oft in herzzerreißendem Tone, »Verrat, Betrug, Blutsaugerei und Schurkerei von Dan bis Bersaba!« Marats Seele ist angeekelt und krank von diesem Anblick; aber was für ein Heilmittel giebt es dagegen? Man errichte »achthundert Galgen« in bequemen Reihen und beginne mit dem Aufknüpfen; Riquetti hänge man gleich am ersten auf! Das ist das kurze Rezept des Volksfreundes Marat.

So blasen und toben die Hundertunddreiunddreißig und, wie es den Anschein hat, reichen sie doch nicht aus; dennoch giebt es in Frankreich dunkle Winkel, wohin die Zeitungen nicht dringen, und überall herrscht ein Heißhunger nach 403 Neuigkeiten, wie ihn kein anderes Land erlebt hat. Fragt nur einen Dampmartin, der Urlaub hat und so rasch als möglich in seine Heimat reisen will: er kann nicht vorwärts kommen, weil ihn die Bauern auf der Straße anhalten und mit Fragen bestürmen; der Postmeister will die Pferde nicht eher aus dem Stalle herausführen lassen, als bis man mit ihm beinahe zankt, und fragt nur immer: Was giebt es Neues? In Autun muß er sogar trotz der finsteren Nacht und der strengen Kälte – es ist Januar 1791 – seine Gedanken und Glieder zusammennehmen und aus einem auf den Marktplatz gehenden Fenster zum Volke sprechen. Er thut es so kurz als möglich: das, ihr lieben Christen, ist es wahrhaftig, was mir die hohe Versammlung zu thun schien, das und nur das kann ich euch berichten:

Nun schließ ich müd' die Lippen zu,
Nun gönnt mir, gönnt mir meine Ruh.

Der gute Dampmartin! Doch im Grunde genommen, ist es nicht überraschend, wie treu Nationen ihrem Nationalcharakter, der wirklich im Blute liegen muß, bleiben? Schon vor neunzehn Jahrhunderten bemerkte Julius Cäsar mit seinem raschen, sicheren Blick, wie die Gallier Leute auf den Straßen abfingen. Es ist bei ihnen Brauch, sagt er, Reisende selbst gegen ihren Willen anzuhalten und jeden Fremden nach allem zu fragen, was nur immer er gehört und erfahren haben mochte; in den Städten umringt das gemeine Volk den durchreisenden Kaufmann und will hören, aus welchen Landen er komme, und was er dort kennen gelernt habe. Auf Grund solcher Gerüchte und solchen bloßen Hörensagens fassen sie oft über die wichtigsten Angelegenheiten Beschlüsse, die sie schon im nächsten Augenblicke bereuen müssen, zumal mancher Reisende, nur um ihnen zu gefallen, Erdichtetes erzählt und sich dann aus dem Staube machtCaesar, De bello Gallico, Lib. IV, 5. Das geschah vor neunzehn Jahrhunderten; und unser guter Dampmartin muß heute noch, so ermüdet er von der Reise sein mag, in strenger Winterkälte und wahrscheinlich auch bei spärlichem Sternen- und Thranlicht zum offenen Wirtshausfenster hinausreden. Das Volk heißt freilich nicht mehr das Gallische, es ist ganz bracatus geworden, es trägt Hosen und hat noch gar viele andere Veränderungen durchgemacht. Gewisse stolze germanische Franken waren im Sturme herübergekommen, sprangen ihm 404 sozusagen auf den Rücken und haben ihm später durch ihre grimme, unnachgiebige Hartnäckigkeit Zügel angelegt und es geritten; denn der Germane ist schon dem Namen nach ein Kriegsmann, Guerremann, d. h. ein Mann, der Krieg und Speer führt. Und so heißt das Volk gegenwärtig Volk der Franken oder Franzosen; aber tritt nicht der alte gallische und gälisch-keltische Charakter mit seiner Heftigkeit und seiner rasch aufbrausenden Leidenschaftlichkeit samt allen übrigen guten und schlechten Eigenschaften ziemlich unverfälscht zu Tage?

Daß bei dieser heftigen Gärung und Verwirrung das Klubwesen üppig gedeiht und an Ausbreitung gewinnt, bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung. Schon überstrahlt alle die Mutter des Patriotismus, die in der Jakobinerkirche ihren Sitz aufgeschlagen hat, und schon verblaßt vor ihrem Glanze das armselige Mondlicht des dem Erlöschen nahen monarchischen Klubs. Sie überstrahlt alle, sagten wir, sie, deren Haupt noch Strahlen der Sonne und noch nicht Blitze der Hölle umgeben; die munizipalen Behörden ehren und fürchten sie; von den Mitgliedern der Nationalversammlung zählt sie die Barnaves, Lameths, Pétions, vor allen aber und zu ihrer größten Freude einen Robespierre zu den Ihrigen. Die Cordeliers hingegen mit ihren Hébert, Vincent und dem Buchhändler Momoro murren laut, daß ein tyrannischer Maire und Sieur Motier sie mit dem scharfen Stachel des Gesetzes drangsaliere, offenbar, um sie durch Chikanen zu Grunde zu richten. Wie die Muttergesellschaft der Jakobiner in der bereits angedeuteten Weise die Cordeliers auf der einen, die Feuillants auf der anderen Seite abschüttelt, die Cordeliers als »Elixier oder doppelte Destillation des Jakobiner-Patriotismus,« die Feuillants als dessen weitverbreitete schwache Verdünnung; wie sie jene wieder in ihren Mutterschoß aufnimmt, während sie diese im Sturme in das Nichts zerstreut; wie sie dreihundert Tochtergesellschaften gebiert und sie unter Mühen durch Korrespondenzen und unausgesetzte Thätigkeit aufzieht; kurz, wie der Jakobinismus, um uns eines alten Bildes zu bedienen, organische Fäserchen bis an die äußersten Grenzen des verworrenen, aufgelösten Frankreichs treibt und dies selbst neu organisiert: das ist eigentlich die große That der Zeit.

Dem leidenschaftlichen Konstitutionalismus, noch mehr dem Royalismus, die beide sehen, wie ihre eigenen Klubs hinsiechen und eingehen, erscheint natürlich das Klubwesen als die Wurzel alles Übels. Nichtsdestoweniger ist das 405 Klubwesen kein Tod, sondern vielmehr eine Neuorganisation, ein Leben aus dem Tod, verderblich zwar für die Überreste des Alten, aber wesentlich und unentbehrlich für das Neue. Daß der Mensch mit dem Menschen sich zu gemeinsamem Wirken verbinden kann, darin liegt seine wunderbare Kraft. Der Patriotismus klagt jetzt nicht mehr in Hütte oder Weiler wie eine Stimme in der Wüste; er kann in die nächste Stadt gehen, kann dort in der Tochtergesellschaft seiner Klage durch verständliche Worte und unter der Leitung der Mutter des Patriotismus auch durch Thaten Ausdruck geben. Seichten Quellen gleich versiegen alle konstitutionellen und anderen Klubs; der Jakobinismus ist es allein, der bis zu dem unterirdischen See in der Tiefe reicht; er allein kann sich wie ein artesischer Brunnen, wofern man ihn nur nicht verstopft, unaufhörlich in reichem Schwalle ergießen, bis die große Tiefe auch zur Oberfläche empordringt und eine Sündflut, furchtbarer als die Noahs, alles überschwemmt und unter sich begräbt.

Anderseits hat Claude Fauchet, der die Menschheit für das offenbar nahe bevorstehende goldene Zeitalter vorbereitet, im Bereich des Palais Royal seinen Cercle social mit seinen Sekretären, Korrespondenzbureaux &c. eröffnet. Es ist der Tedeum-Fauchet, derselbe, der in der gewaltigen mediceischen Rotunde der Halle aux blés die Leichenrede auf Franklin gehalten hat. Hier macht er diesen Winter hindurch durch die Presse und durch melodische Konferenzen bis an die äußersten Barrieren von sich reden. An »zehntausend achtbare Leute« warten da und lauschen diesem Procureur-Général de la vérité (Generalanwalt der Wahrheit, wie er sich selbst betitelt hat), oder seinem weisen Condorcet oder einem anderen seiner beredten Gehilfen. Hier sprudelt er ohne Wahl alles hervor, was er an unreifen Gedanken in sich trägt, und kommt dabei auf seine Rechnung; denn es bringt ihm ein Bistum, wenn auch nur ein konstitutionelles Bistum ein. Fauchet ist ein Mann von geläufiger Zunge, von starken Lungen und leidenschaftlichem Empfinden; Stoff zu seinen Ergüssen besitzt er genug, und zwar Stoff besserer Art: über Recht, Natur, Menschenliebe, Fortschritt. Ob daraus ein Pantheismus oder ein gewinnsüchtiger Theismus spricht, darüber dürfte sich in unseren Tagen nur ein naives Gemüt den Kopf zerbrechen. Schon lange vor ihm trug sich der geschäftige Brissot mit der Absicht, einen ebensolchen regenerierenden Cercle social zu gründen, ja, er machte in »Newmanstreet Oxfordstreet« im 406 Nebel-Babylon einen darauf gerichteten, aber mißglückten Versuch und steckte, wie einige behaupten, das Geld heimlich in die Tasche. Fauchet, nicht Brissot, sollte der vom Schicksal erkorene Glückliche sein, dem der Plan glückte, ein Erfolg, über den der edle Brissot aufrichtigen Herzens ein recht hölzern klingendes Nunc domine anstimmen wird.Siehe Brissot im Patriote Français; Fauchet, Bouche de fer etc. (ausgezogen in Hist. Parl. VIII, IX. etc.) »Aber zehntausend achtbare Leute!« – Welch ungebührlichen Umfang nehmen doch manche Dinge im Verhältnis zu ihrer wirklichen Bedeutung an! Was ist eigentlich dieser Cercle social, dem zu Ehren Brissot aufrichtigen Herzens ein hölzern klingendes Nunc domine anstimmt? Ach, leider nur Wind und Schatten. Das einzige Wirkliche, das wir daran entdecken, ist: daß einmal, wenn auch nur für Monde oder Augenblicke, hier auf Erden in Gestalt eines Adamssohnes ein Generalanwalt der Wahrheit weilte, und daß zehntausend achtbare Leute ihm anhingen, bevor die Nacht und das Chaos ihn wieder verschlungen hatten.

Überlegt: hundertdreiunddreißig pariser Journale; ein regenerierender Gesellschaftszirkel, Beredsamkeit in der Muttergesellschaft und in den Tochtergesellschaften, Reden von den Balkons der Gasthöfe, Reden in der Kaminecke, Reden bei Tisch – die stets polemischer Natur sind und oft mit Duellen enden! Und dazu die ununterbrochene, mißtönige Brummbaßbegleitung: Mangel an Arbeit, Mangel an Brot. Der Winter ist hart und kalt. Schwarzen, zerrissenen Trauerfahnen gleich sieht man noch immer zerlumpte Gestalten en queue vor den Bäckerläden. Es ist das dritte unserer Hungerjahre, dieses neue Jahr einer glorreichen Revolution. Wird der Reiche in dieser Zeit der Not zu Tisch geladen, so fühlt er sich aus Höflichkeit verpflichtet, sein eigenes Brot in der Tasche mitzubringen; wie mag da der Arme essen? Und das hat eure glorreiche Revolution angerichtet, ruft der eine. Nein, schwarze Verräter, die alle den Galgen verdienen, die sind es, welche unsere ruhmreiche Revolution durch allerlei Listen so verderbt haben, schreit ein anderer. Wer vermöchte den unendlichen Strudel auszumalen, in dem jetzt das aufgelöste und zerrissene Frankreich herumwirbelt? Keines Menschen Zunge ist imstande, den Zwiespalt, der unter jedem französischen Dache, in jedem französischen Herzen wohnt, und alle die ungesunden Dinge zu schildern, deren Summe eben die 407 Revolution ist; ebensowenig lassen sich die bewegenden Gesetze darstellen, die in der Tiefe jener großen, blinden Regellosigkeit unsichtbar wirken. Nur mit Staunen blickt der Mensch auf das Unermeßliche, ohne es messen zu können; er kennt nicht die wirkenden Gesetze, er sieht nur je nach dem Grade seines Wissens die einzelnen Phasen und Folgen von Ereignissen, die durch sie hervorgebracht werden. Frankreich stellt eine ungeheuere galvanische Masse dar, in der noch weit merkwürdigere als chemische, galvanische und elektrische Kräfte aller Art thätig sind; sie machen einander positiv und negativ elektrisch und laden eure fünfundzwanzig Millionen Leydener Flaschen. Sind die Flaschen einmal geladen, dann wird von Zeit zu Zeit bei der geringsten Berührung eine Entladung stattfinden.

 

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