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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 68
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.
Bouillé in Nancy.

Eile also herbei und hilf, tapferer Bouillé; denn wenn nicht schnelle Hilfe kommt, so steht wirklich alles bald in Flammen, und niemand kann wissen, wie weit das Feuer um sich greifen wird! Viel hängt in diesen entscheidenden Stunden von Bouillé ab; sein Verhalten, sein Erfolg oder Mißerfolg kann der ganzen Zukunft den Weg weisen. Wenn er z. B. unentschlossen zögert und nicht kommt, wenn er kommt und nichts erreicht, dann lodert vielleicht im ganzen Heere Frankreichs die Meuterei auf, die Nationalgarden schlagen sich auf diese oder jene Seite, der Royalismus zieht seinen Degen, der Sansculottismus greift nach seiner Pike, und der Geist des Jakobinismus, der noch jung und mit Sonnenstrahlen umgürtet ist, wird plötzlich reif und umgürtet sich mit Strahlen höllischen Feuers; – ergraut doch auch manches Menschenhaupt in einer einzigen Schreckensnacht!

Der wackere, stets entschlossene und unbeugsame Bouillé rückt rasch heran; leider erhält er aus dem Osten, Westen und Norden nur »kleine Zuflüsse,« die sich mit ihm vereinigen, und steht jetzt am Dienstag morgen, dem letzten Tage des Monats, völlig konzentriert, aber noch immer mit unbedeutenden Streitkräften bei dem Dorfe Frouarde in einer Entfernung von wenigen Meilen von Nancy. Giebt es auf der ganzen Erde einen Adamssohn, der vor einer so bedenklichen Aufgabe steht wie Bouillé an diesem Dienstag Morgen? Zweifel und Gefahren bilden ein wogendes Flammenmeer, und Bouillé ist nur seiner selbst und seiner Entschlossenheit sicher. Das kann freilich mehr wert sein als vieles andere. Festen Mutes bietet er der Gefahr die Stirn: »Unterwerfung oder schonungslosen Kampf bis zur Vernichtung; vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit;« dies ist der Inhalt der Proklamation, die er schon tags vorher in dreißig Exemplaren nach Nancy geschickt hatte; – sie alle wurden, wie es sich herausstellte, unterschlagen und nicht bekannt gegeben.Bouillé, Mémoires, I, 153-176. Deux Amis, V, 251-271; Hist. Parl. wie oben.

Trotzdem erscheint um halb 12 Uhr vormittags vor ihm in Frouarde eine Deputation der meuterischen Regimenter und der Munizipalität von Nancy, scheinbar, um die Antwort auf die Proklamation zu überbringen, in Wirklichkeit 387 aber, um zu sehen, was sich erreichen lasse. Bouillé empfängt die Abgesandten in einem weiten offenen Hofe in der Nähe seiner Wohnung in Gegenwart des beruhigten Salm und der übrigen noch gut gesinnten Regimenter, die dazu aufgefordert wurden. Die Meuterer führen eine entschiedene Sprache, die unserem Bouillé als Frechheit erscheint, glücklicherweise auch Salm, der bereits Treppe und Säbel von Metz vergessen hat und ungestüm fordert, daß man die Schurken sofort »henke.« Bouillé ist nicht für das Henken, aber er antwortet, für meuterische Soldaten gebe es nur einen einzigen Weg: mit aufrichtiger Reue die Herren Denoue und de Malseigne in Freiheit zu setzen und sich zum Abmarsch nach dem von ihm bestimmten Orte bereit zu halten, im übrigen aber »sich zu unterwerfen und zu bereuen,« wie es die Nationalversammlung dekretiert, und er selbst gestern mittels dreißig gedruckter Plakate proklamiert habe. Das sind Bouillés Bedingungen, unabänderlich wie die Bestimmungen des Schicksals. Da die Abordnung der Meuterer diese Bedingungen, wie es scheine, nicht annehme, so thue sie gut daran, vom Platze zu verschwinden und dies sofort; denn auch bei ihm werde in einigen Augenblicken die Losung lauten: Vorwärts! Die Deputation der Meuterer verschwindet sofort, die Abgesandten der Munizipalität aber ziehen es aus übertriebener Sorge um ihre persönliche Sicherheit vor, bei Bouillé zu bleiben.

Obgleich der tapfere Bouillé festen Mutes der Gefahr entgegentritt, so kennt er doch seine schwierige Lage genau; er weiß, daß in Nancy mit Einrechnung der meuternden Soldaten, der unverläßlichen Nationalgardisten und so und so vielen verteilten Gewehren gegen zehntausend kampffähige Männer wüten und toben, während er selbst kaum über den dritten Teil verfügt, und auch dieses Drittel besteht aus unzuverlässigen Nationalgarden und eben erst beruhigten Regimentern, die zwar im Augenblicke wütend und lärmend zu marschieren verlangen, deren Wut und Lärm aber schon in der nächsten Minute eine neue, verhängnisvolle Wendung nehmen kann. Selbst auf einer unsicheren Woge stehend, soll Bouillé andere empörte Wogen beruhigen! Was kann er thun als sich dem Glücke überlassen, das dem Kühnen manchmal hold sein soll? Um halb ein Uhr – die Meuterer sind bereits verschwunden – wirbeln unsere Trommeln, und wir marschieren nach Nancy! Nancy mag sich also bedenken; Bouillé hat sich bedacht und seinen Entschluß gefaßt!

Aber wie soll sich Nancy bedenken? Es ist keine Stadt 388 mehr, sondern ein Tollhaus! Das grimme Château-Vieux will sich auf Leben und Tod wehren; es zwingt die Munizipalität, unter Trommelschlag den Befehl verkünden zu lassen, daß alle Bürger, die etwas von Artillerie verstünden, bei der Bedienung der Kanonen zu helfen hätten. Das erregte Regiment du Roi ist in seiner Kaserne aufgestellt; es ist ganz trostlos, als es vernimmt, welche Stimmung bei Salm herrscht, und ruft angstvoll aus tausend Kehlen: »La loi, la loi!«, schwankend zwischen Schrecken und Wut, weiß nur gottlos zu schimpfen und zu fluchen, während die Nationalgarden bald dahin, bald dorthin schauen, ohne zu wissen, was sie thun sollen. Welch tolle Stadt! So viel Pläne als Köpfe, jeder will befehlen, niemand will gehorchen; niemand ist ruhig – außer den Toten, die ihren Kampf ausgekämpft haben und jetzt unter der Erde schlummern.

Und seht, Bouillé zeigt sich als Mann von Wort; um halb drei Uhr melden Kundschafter, daß er nur noch eine halbe Meile von den Stadtthoren entfernt ist und daß er, nur auf Vernichtung sinnend, mit Truppen und Kanonen heranrasselt. Eine neue, aus Gemeinderäten, Meuterern und Offizieren bestehende Deputation zieht ihm entgegen und bittet inständig, nur noch eine Stunde Bedenkzeit zu gewähren. Bouillé gewährt sie. Als aber nach deren Ablauf weder Denoue noch Malseigne sichtbar werden, läßt er die Trommel rühren und setzt sich wieder in Bewegung, und gegen vier Uhr können ihn die schreckensbleichen Stadtbewohner von Angesicht zu Angesicht sehen. Dort rasseln seine Kanonen auf ihren Lafetten heran, sein Vortrab ist kaum mehr als dreißig Schritte vom Stanislausthore entfernt; er rückt unaufhaltsam vor wie ein Planet, der seine Bahn in bestimmter Zeit, nach bestimmten Naturgesetzen unaufhaltsam durchläuft. Was nun? Seht, eine Friedensflagge flattert, man schlägt die Chamade, man beschwört Bouillé haltzumachen: Malseigne und Denoue seien schon auf der Straße und kämen schon her; die Soldaten zeigten Reue und seien bereit, sich zu unterwerfen und abzumarschieren. Keine Muskel zuckt in Bouillés eisernem Gesichte, aber er läßt haltmachen. Einen froheren Augenblick hat er nie erlebt. O Freude aller Freuden! Malseigne und Denoue kommen wirklich unter Bedeckung von Nationalgarden heraus aus Straßen, in denen es noch wie toll von Verrat an Österreich und ähnlichem wiederhallt. Wohlbehalten begrüßen sie Bouillé. Er tritt zur Seite, um mit ihnen und anderen Häuptern der Stadt zu sprechen; den Befehl, durch 389 welche Thore, auf welchen Straßen die meuterischen Regimenter abrücken sollten, hatte er schon vorher gegeben.

Jene Unterredung mit den beiden Oberoffizieren und den anderen Häuptern der Stadt war zwar etwas ganz Natürliches; und doch möchte man wünschen, Bouillé hätte sie verschoben und wäre nicht zur Seite getreten. Wäre es nicht bei diesen tobenden, leicht entzündlichen Massen, die durcheinander wogen und einander Platz machen, wäre es nicht bei dem scharfen Stickstoffoxydul auf der einen und dem schwefligen Feuerdampf auf der anderen Seite angezeigt, dazwischen zu treten und beide wohl auseinander zu halten, bis der Platz gesäubert ist? Zahlreiche Nachzügler von Chateau-Vieux und den anderen Regimentern sind nicht mit den Haupttruppen abgerückt, die eben durch die bestimmten Thore hinausmarschieren und sich draußen auf offenen Wiesen aufstellen. Die Nationalgarden befinden sich in einem Zustande von beinahe verzweifelter Unentschlossenheit; bewaffneter und unbewaffneter Pöbel wälzt sich durch die Straßen, tobt und wütet über Verrat und Verkauf an Österreich, an die Aristokraten. Mitten unter ihnen stehen geladene Kanonen mit brennenden Lunten, und Bouillés Avantgarde hält nur dreißig Schritte vor dem Thore. Diese tolle, blind wütende, leicht entzündliche Masse, die wie Qualm und Rauch auf und ab wogt, gehorcht keinem Befehle; trotz der ergangenen Aufforderung will sie das Thor nicht öffnen, sondern erklärt, sie werde eher den Schlund der Kanonen öffnen! »Schießt nicht, Freunde, oder es gehe durch meinen Leib!« ruft der junge, heldenmütige Desilles, ein junger Kapitän vom Regiment du Roi, umfängt die Mordmaschine mit seinen Armen und läßt sie nicht los. Schweizer vom Château-Vieux reißen den Heldenjüngling mir aller Kraft, unter Flüchen und Drohungen weg; er aber setzt sich ohne Zagen unter noch lauteren Flüchen auf das Zündloch, unter noch lauteren Flüchen, unter noch lauteren Wutausbrüchen, aber ach, auch unter dem lauten Krachen erst einer, dann noch dreier anderer Musketen, deren Kugeln ihn durchbohren, daß er in den Staub sinkt; und in diesem Augenblicke wahnwitziger Raserei legt man auch die brennende Lunte an das geladene Geschütz: – ein donnerähnlicher Knall und fünfzig Mann von Bouillés Avantgarde sind durch den einen Schuß wie weggeblasen!

Verhängnisvoll! Das Aufblitzen des ersten Musketenschusses hat eine Kanone zur Entladung gebracht und damit eine Todesfackel angezündet; nun ist alles lodernder Wahnsinn, 390 ein wahrer Höllenbrand. Mit dämonischer Wut stürmt die Vorhut Bouillés durch das Stanislausthor hinein, fegt mit feurigem Besen die Meuterer hinweg, jagt sie in den Tod oder in die Häuser, in die Keller, aus denen der Aufruhr das Feuer wieder aufnimmt. Die auf der Wiese aufgestellten Regimenter hören alles und eilen durch das nächste Thor zurück. Bouillé galoppiert wie rasend nach, kann sich aber kein Gehör verschaffen, – und so begann jetzt in Nancy wie in jener Todeshalle der Nibelungen, »ein Morden, grimm und groß.«

O des Jammers! Eine Scene grausiger, zweckloser Raserei, wie sie der Zorn des Himmels unter Menschen nur selten zuläßt. Aus Kellern, von Dachböden, in den offenen Straßen, an allen Straßenecken und Kreuzungen unterhalten Château-Vieux und der Patriotismus ihr mörderisches Feuer gegen ein anderes ebenso mörderisches und nicht unpatriotisches Feuer. Der blaue Nationalgarden-Kapitän, der kaum weiß, auf welcher Seite er kämpft, verlangt, von mehreren Kugeln durchbohrt, man möge ihn zum Sterben auf die Fahne betten; eine patriotische Frau (ihr Name ist unbekannt, nur ihre That lebt fort) schreit Château-Vieux zu, es dürfe die zweite Kanone nicht abfeuern, und gießt, da ihr Schreien nichts fruchtet, einen Eimer Wasser über sie. Du sollst kämpfen, du sollst nicht kämpfen, und gegen wen sollst du kämpfen! Könnte Lärm die alten Toten wecken, Karl der Kühne müßte aus seiner Rotunde aufstehen; seit jenem Tage, an dem er im grimmen Kampfe in den Graben sank und Leben und Diamant verlor, hat man hier nie wieder solchen Lärm vernommen.

Dreitausend – wie einige rechnen – liegen blutig und verstümmelt da; das halbe Château-Vieux ist auch ohne Standrecht zusammengeschossen. Die Reiterei von Mestre-de-Camp oder der Feinde kann nicht viel thun. Das Regiment du Roi hat man überredet, in der Kaserne zu bleiben; dort wartet es mit Herzklopfen. Mit den Schrecken des Gesetzes bewaffnet und vom Glücke begünstigt, triumphiert endlich Bouillé. In zwei mörderischen Stunden ist er unerschrocken, wenn auch unter Verlust von vierzig Offizieren und fünfhundert Soldaten bis zu den großen Stadtplätzen vorgedrungen; die zerstreuten Reste von Château-Vieux suchen Schutz. Das so leicht aufbrausende Regiment du Roi braust nicht mehr auf, ach nein, es hat ausgebraust; es erbietet sich, die Waffen zu strecken und in einer Viertelstunde zu marschieren. Ja, diese Armen haben ausgebraust, sie verlangen und erhalten eine 391 »Eskorte,« die mit ihnen marschiert, obgleich sie noch Tausende stark sind und jeder Mann noch dreißig Patronen mit sich führt! Die Sonne ist noch nicht untergegangen, als der Frieden, der ohne Blutvergießen hätte kommen können, unter einem Blutbade Einkehr hielt. Die meuterischen Regimenter marschieren gar niedergeschlagen auf drei verschiedenen Wegen, und in Nancy hebt ein Weinen und Wehklagen von Männern und Frauen an, die Stimme der Trauer und Verzweiflung. Die Stadt weint um ihre Erschlagenen, die nicht mehr erwachen, die Straßen sind leer, nur die Patrouillen der Sieger ziehen umher.

So hat das Kriegsglück, das dem Tapferen hold ist, Bouillé nach seinem eigenen Geständnis »an den Haaren aus einer so schrecklichen Gefahr herausgezogen.« Ein unerschrockener Mann, stahlhart und fest ist dieser Bouillé: – hätte er in den Tagen der Bastille an der Stelle des alten Broglie gestanden, es wäre alles anders gekommen. Er hat die Meuterei und den unberechenbaren Bürgerkrieg unterdrückt; freilich nicht ohne Opfer, aber um einen Preis, den er und der konstitutionelle Patriotismus für billig halten. Ja, was Bouillé betrifft, so erklärt er, durch spätere Angriffe veranlaßt, in aller Ruhe, er habe den Bürgerkrieg eigentlich gegen seinen eigenen Willen und nur aus militärischem Pflichtgefühl unterdrückt,Bouillé, I, 175. denn der unberechenbare Bürgerkrieg sei jetzt die einzige Hoffnung. Durch spätere Angriffe veranlaßt, sagten wir. Der Bürgerkrieg ist freilich ein Chaos, aber aus jedem lebenskräftigen Chaos ringt und gestaltet sich schließlich eine neue Ordnung heraus. Doch welch absonderlicher Glaube, daß von allen Neuordnungen, die sich aus dem Chaos und dem Reiche der Möglichkeit herausgestalten können, es gerade die Zweikammer-Monarchie eines Ludwig XVI. sein müsse! Es ist, als ob Bouillé sich verpflichtete, fünfhundertmal hintereinander Doppelaß zu werfen, und daß jeder andere Wurf ihn verderben solle. Danke vielmehr immer deinem guten Glück und dem Himmel, tapferer Bouillé, und achte nicht der Angriffe! Der Bürgerkrieg, der in diesem Augenblick in ganz Frankreich entbrannt wäre, hätte Gott weiß welchen Ausgang genommen; inzwischen bleibt es jetzt und jederzeit die Pflicht jedes Mannes und Kommandanten, den Brand zu löschen, wo und wie er es kann.

Aber man denke sich, wie es in dem aufgeregten, in viele 392 Lager geteilten Paris zuging, als Ordonnanzen auf Ordonnanzen in gestrecktem Galopp diese bedenklichen Nachrichten überbrachten. Sie wecken ebenso hohe Freude auf der einen, wie tiefe Entrüstung auf der anderen Seite. Die hohe Nationalversammlung beschließt mit überwältigender Majorität eine warme Dankeskundgebung an Bouillé; ein eigenhändiges Schreiben des Königs, die Stimmen aller Freunde des Königs und der Konstitution äußern sich in gleicher Weise. Auf dem Marsfelde wird für die in Nancy erschlagenen Verteidiger eine nationale Leichenfeier mit Gebet und Gesang veranstaltet, welcher Bailly, Lafayette und alle Nationalgarden mit Ausnahme einer kleinen Anzahl derer, welche protestieren, beiwohnen. Man sieht Pomp und ceremonielles Gepränge, bischöflichen Calico mit dreifarbigen Gürteln, den Altar des Vaterlandes und rauchende Kassoletten oder Weihrauchpfannen; das weite Marsfeld ist ringsum mit schwarzem Tuch behangen; – Marat meint, man hätte besser gethan, für das ausgelegte Geld lieber Brot anzuschaffen und es den hungernden lebenden Patrioten zu geben.Ami du Peuple (in Hist. Parl.) wie oben. – Diese lebenden Patrioten und St. Antoine, das schon einmal, wie wir sahen, recht lärmend seine Läden geschlossen hat, sammeln sich wieder, »gegen vierzigtausend an der Zahl« und verlangen mit Lärm und Geschrei unter den Fenstern der dankenden Nationalversammlung Rache für die hingemordeten Brüder, Gericht über Bouillé und augenblickliche Entlassung des Kriegsministers Latour du Pin.

Bei diesem Laufe der Dinge hält es am 3. September zwar nicht der Kriegsminister Latour, aber unser angebeteter Necker für angezeigt, sich zur Wiederherstellung der angegriffenen Gesundheit in aller Stille, fast ungesehen zurückzuziehen, zurück in seine heimatliche Schweiz: aber diese Reise gleicht nicht der letzten, nein, er kann vielmehr von Glück sagen, wenn er die Heimat lebend erreicht! Vor fünfzehn Monaten sahen wir ihn mit einer Ehren-Eskorte von Reitern unter Pauken und Trompetenschall kommen; jetzt halten ihn zu Arcis sur Aube, da er ohne Eskorte, ohne Sang und Klang abreisen will, Volk und Munizipalität als Flüchtling auf und machen Miene, ihn als Verräter zu massakrieren, die Nationalversammlung, die man darüber befragt, gestattet ihm, als einer völligen Null, das Land unbehelligt zu verlassen. Aus solch »unbeständigem Treibholz des Zufalls« besteht diese niedere Welt für uns, die in Häusern aus Lehm 393 wohnen; so erhalten zumal in heißen Gegenden und heißen Zeitläuften die stolzesten Paläste, die wir bauen, Flügel und werden zu Sahara-Sandpalästen, die sich vielsäulig im Wirbelwind drehen und schließlich uns unter ihren Sandmassen begraben.

Trotz der Vierzigtausend beharrt die Nationalversammlung auf ihrer Dankeskundgebung, und der Royalist Latour du Pin bleibt Minister. Die Vierzigtausend sammeln sich am nächsten Tag lärmend wie immer an und wälzen sich gegen Latours Hotel; da sie jedoch auf den Stufen vor dem Portal Kanonen mit brennenden Lunten sehen, müssen sie sich zurückziehen und ihren Groll hinabwürgen und bei sich behalten.

Drüben in Lothringen hat man unterdessen die Gewehrverteiler und die Rädelsführer von Mestre-de-Camp und Roi vor Gericht gestellt; – doch werden sie niemals verurteilt werden. Rascher erfüllt sich das Schicksal von Château-Vieux. Dieses wird nach Schweizer Recht sofort vor ein aus den eigenen Offizieren gebildetes Kriegsgericht gestellt, welches in aller Kürze – es braucht nur wenige Stunden dazu – dreiundzwanzig von ihnen an weithin sichtbaren Galgen aufhenken läßt und gegen sechzig zu Galeerenstrafen in Ketten verurteilt. Damit schien die Sache abgethan. Gehenkte verschwinden für immer von dieser Erde, aber aus Ketten und Galeeren kann es für den gefesselten Helden wie für den gefesselten Schurken oder Halbschurken eine Auferstehung im Triumph geben. Der Schotte John Knox, bekanntlich einer der größten Weltheroen, saß auch einst in finsterem Schweigen am Ruder einer französischen Galeere »in dem Gewässer der Lore,« wie er sagt, und schleuderte sogar ihre Jungfrau Maria, statt sie zu küssen, als ein »bemaltes Brett« oder als hölzerne Jungfrau, die natürlich schwimmen konnte, über Bord.Knox, History of the reformation, b. I. Faßt euch darum in Geduld, ihr Galeerensträflinge vom Château-Vieux-Regiment, auch euch winkt noch die Hoffnung!

In Nancy aber hält jetzt die triumphierende Aristokratie mit rauher Hand die Zügel der Regierung. Bouillé hat am zweiten Tage die Stadt wieder verlassen, und die aristokratische Munizipalität, die nun freie Hand hat, herrscht jetzt ebenso grausam, wie sie früher feige war. Die Tochtergesellschaft wird als Urheberin des ganzen Unheils schmählich unterdrückt, die Kerker sind überfüllt; der zu Boden geworfene, verwaiste 394 Patriotismus murrt nicht laut, aber sein Ingrimm ist tief. Hier und in den Nachbarstädten tragen Patrioten in den Knopflöchern »plattgedrückte Kugeln,« die man in den Straßen von Nancy aufgelesen hat; sie wurden plattgedrückt, als sie dem Patriotismus Tod und Verderben brachten; jetzt trägt man sie als stets mahnendes Memento der Rache. Deserteure der Meuterer irren in den Wäldern umher, müssen um Almosen betteln, da es mit der Muskete zu Ende ist. Überall herrscht Auflösung, gegenseitiger Groll und düstere Verzweiflung, bis endlich Kommissäre der Nationalversammlung anlangen.. Eine sanfte Glut von Konstitutionalismus im Herzen tragend, richten sie den Niedergetretenen freundlich auf, ziehen den zu hoch Gestiegenen freundlich herab, stellen die Tochtergesellschaft wieder her, rufen die flüchtigen Meuterer zurück und suchen in kluger Weise durch allmähliches Ausgleichen alles zu beruhigen und zu versöhnen. Mit diesem sanften, schrittweisen Beruhigen und Ausgleichen auf der einen, mit Trauerfeierlichkeiten, Kassoletten, Kriegsgericht und dem Dank der Nationalversammlung auf der anderen Seite hat man alles gethan, was man offiziell thun konnte. Die plattgedrückte Kugel wird aus dem Knopfloche verschwinden, und die schwarze Asche mag, so weit es geht, wieder grün werden.

Das ist die »Affaire von Nancy,« oder, wie einige es nennen, »das Blutbad von Nancy;« richtig besehen, eigentlich nur die unschöne Kehrseite des dreimalglorreichen Pikenfestes, dessen glänzende Vorderseite ein Schauspiel selbst für Götter war. Vorder- und Kehrseite liegen immer so nahe bei einander: die eine sah man im Juli, die andere im August. Theater, zumal die Theater Londons bringen glänzend ausgestattete Darstellungen jener »Föderation des französischen Volkes,« die man dramatisch bearbeitet hat. Die »Affaire von Nancy« wurde zwar auf keiner Theaterbühne aufgeführt, aber sie spielte und spukte noch viele Monate in den Köpfen der Franzosen; denn die Nachricht davon fliegt und tönt durch ganz Frankreich, weckt bis an die äußersten Grenzen in Dorf und Stadt, in Klubs und Kasinos irgend einen mimischen Reflex, eine Wiederholung in der Phantasie, die stets mit der zornigen Behauptung oder Gegenbehauptung endet: Es war recht; es war unrecht! Daraus entstehen Streitigkeiten und Duelle, Erbitterung und eitles Geschwätz, wodurch wieder die neuen Explosionen, die uns noch erwarten, beschleunigt, vermehrt und verstärkt werden.

Inzwischen hat man aber, es mochte kosten, was es wollte, 395 die Meuterei unterdrückt. Weder ist in der französischen Armee eine gleichzeitige, allgemeine Raserei ausgebrochen, noch ist die Armee auf einmal aufgelöst, aufgehoben und wieder neugestaltet worden; sie muß vielmehr wie an einem chronischen Übel jahrelang dahinsiechen und gleichsam Zoll für Zoll sterben; sterben an vereinzelten Revolten wie die der Matrosen von Brest u. a., die man unterdrückt; an Unzufriedenheit und Unbotmäßigkeit der Soldaten; an noch größerer Unzufriedenheit der royalistische Schnurrbärte tragenden Offiziere, die einzeln oder in Scharen über den Rhein gehen;Dampmartin, I, 249 etc. kurz, an krankhafter Unzufriedenheit und krankhaftem Ekel und Überdruß, die auf beiden Seiten herrschen. Es ist eine sterbende, zu keinem Dienst mehr taugliche Armee, die schließlich nach langen Wehen unerwartet, wie ein Phönix zugleich, stirbt und neugeboren wird, um sich dann stark, ja stärker als je zuvor zu neuem Fluge emporzuschwingen.

Das war die Aufgabe, welche das Schicksal unserem wackeren Bouillé beschieden hatte. Jetzt mag er wieder in den Hintergrund zurücktreten, in Metz oder in ländlichen Kantonnements fleißig drillen, geheimnisvoll diplomatisieren, Pläne auf Pläne schmieden und so wie früher dahinschweben, als kaum sichtbarer Schatten und des Königtums letzte Hoffnung. 396

 


 

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