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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 67
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.
Inspektor Malseigne.

Inspektor Malseigne ist, wie wir bei Tageslicht sehen können, ein Mann von »herkulischer Gestalt« und bietet mit seinem mächtigen Schnurrbart – denn die royalistischen Offiziere lassen jetzt die Oberlippe unrasiert – einen grimmigen Anblick; er besitzt nicht nur den ungestümen Mut, sondern auch die Hartnäckigkeit des Stieres.

Am Dienstag, den 24. August 1790, eröffnet er als Untersuchungs-Kommissär die Sitzung, an welcher auch die »erwählten Korporale und die des Schreibens kundigen Gemeinen« teilnehmen. Er findet, daß die Rechnungen des Regiments Château-Vieux verworren sind, daß sie Aufschub und genaue Überprüfung erfordern; darauf beginnt er zu reden, tadelt, rügt und schließt unter hörbarem Murren. Am nächsten Morgen nimmt er die Sitzung wieder auf, nicht im Stadthause, wie vorsichtige Municipalbeamte raten, sondern abermals in der Kaserne. Unseligerweise will Château-Vieux, das die ganze Nacht hindurch gemurrt hat, heute nichts von Aufschub und Überprüfung hören. Malseigne geht vom Tadeln zum Drohen über; aber unaufhörlich antworten ihm nur die Rufe: »Gleich entscheiden! Iugez tout de suite!« Malseigne will zornentbrannt fortgehen; doch seht, Château-Vieux, das unruhig auf und ab wogend den ganzen Kasernenplatz besetzt hält, hat an jedem Thor Schildwachen aufgestellt, welche M. de Malseigne trotz seines Begehrens, trotz der Unterstützung des Kommandanten Denoue nicht ins Freie lassen. Iugez tout de suite! schallt ihm immer wieder entgegen. Hier ist also ein Knoten, den es zu lösen gilt.

M. de Malseigne, mutig wie ein Stier, zieht sein Schwert und will sich den Ausgang erzwingen. Es entsteht ein verworrener Lärm, Malseignes Schwert zerbricht; er entreißt dem Kommandanten Denoue den Säbel, verwundet die Schildwache und erzwingt sich, da man ihn zu töten zögert, thatsächlich den Ausgang. Château-Vieux folgt ihm in aufgelöster Ordnung nach; – ein Schauspiel für Nancy! Er geht, doch ohne zu laufen, in scharfem Schritt vorwärts, dreht sich von Zeit zu Zeit unter Drohungen und Fechtbewegungen um und erreicht wohlbehalten Denoues Haus. Château-Vieux belagert es in größter Aufregung, wird aber für den Augenblick von einer Menge von Offizieren, die sich auf der 383 Treppe aufgestellt haben, am Eindringen verhindert. Malseigne zieht sich auf Seitenwegen unter Bedeckung von Nationalgarden, erregt, doch nicht eingeschüchtert in das Stadthaus zurück. Von dort erläßt er am nächsten Morgen neue Befehle, neue Vorschläge zur Abrechnung mit Château-Vieux; die Soldaten wollen aber darauf nicht eingehen. Endlich läßt er unter großem Lärm den Befehl ergehen, Château-Vieux habe am nächsten Morgen abzumarschieren und in Saarlouis zu bleiben. Château-Vieux weigert sich rundweg abzumarschieren; M. de Malseigne »nimmt Akt« davon, d. h. er legt eine in aller Form beglaubigte schriftliche Verwahrung gegen die Weigerung ein; – wenn es ihm nur etwas nützt!

Das ist das Ende des Donnerstags und thatsächlich auch das Ende von Malseignes Inspektorswürde, die beiläufig fünfzig Stunden gedauert hat. Soweit hat er es leider in fünfzig Stunden gebracht. Mestre de Camp und das Regiment du Roi schwanken noch unschlüssig, Château-Vieux hingegen hat, wie wir sehen, jede Besinnung verloren. In der Nacht schickt ein Adjutant Lafayettes, der sich hier für derartige Fälle ständig aufhält, Eilboten weit und breit nach allen Richtungen aus, um die Nationalgarden herbeizurufen. Pferdegetrappel und lautes bundesbrüderliches Anklopfen stören die Nachtruhe der Bevölkerung; überall muß der konstitutionelle Patriot zu den Waffen greifen und sich auf den Weg nach Nancy machen.

Und so sitzt der herkulische Inspektor unter schreckerfüllten Municipalräten als Mittelpunkt des verworrensten Lärms den ganzen Donnerstag und Freitag bis gegen Sonnabend mittag. Château-Vieux will trotz der formellen Verwahrung keinen Schritt thun. Gegen viertausend Nationalgarden langen einzeln oder truppweise an, ungewiß, was man von ihnen erwartet, noch ungewisser, was man von ihnen erreichen wird. Alles ist ja Ungewißheit, Aufregung, Argwohn; es geht das Gerücht, Bouillé, der sich in den ländlichen Kantonnements weiter nach Osten in Bewegung zu setzen beginne, sei nichts anderes als ein royalistischer Verschwörer, Château-Vieux und der Patriotismus seien an Österreich verkauft, und auch M. de Malseigne sei wohl nichts anderes als dessen Agent. Mestre de Camp und du Roi schwanken immer bedenklicher. Château-Vieux, weit entfernt zu marschieren, läßt vielmehr in leidenschaftlicher Erregung zwei rote Fahnen von zwei Wagen herab durch die Straßen flattern und 384 antwortet am nächsten Morgen seinen Offizieren: »Bezahlt, und wir wollen mit euch bis ans Ende der Welt ziehen.«

Unter diesen Umständen hält es M. de Malseigne am Sonnabend für angezeigt, die Wälle zu Pferde zu besichtigen. Eine Eskorte von drei Reitern begleitet ihn. Beim Stadtthor befiehlt er zwei Reitern, seine Rückkehr abzuwarten, und galoppiert mit dem dritten, einem verläßlichen Mann, in der Richtung gegen Luneville, wo ein noch nicht meuterndes Regiment Karabiniere in Garnison liegt. Die beiden zurückgelassenen Reiter werden unruhig, erraten, was das Ganze zu bedeuten habe, und schlagen Lärm. Gegen hundert Mann von »Mestre de Camp« satteln in größter Eile, als wären sie schon an Österreich verkauft, die Pferde und galoppieren in wirrem Durcheinander hinaus, um auf ihren Inspektor Jagd zu machen. Und so jagen sie und der Inspektor klirrend und rasselnd durch das erstaunte Land, das Thal des Meurtheflusses hinauf der Stadt Luneville und der Mittagssonne zu; beinahe erstaunen sie selbst über ihr Thun.

Welch eine Jagd! als gälte sie Aktäon; glücklicherweise ist es Aktäon-Malseigne, der hier gewinnt. Zu den Waffen, ihr Karabiniere von Luneville, züchtigt die Meuterer, die euern General, eure Garnison insultieren, feuert vor allem bald, damit ihr euch nicht erst beratet und dann zu schießen weigert. Und die Karabiniere schießen bald auf die ersten Plänkler von Mestre de Camp, die schon beim ersten Aufblitzen des Feuers schreien und wie wahnsinnig in rasendem Galopp nach Nancy zurückjagen. Panischer Schrecken und Wut bemächtigt sich aller: offenbar sind wir bedingungslos an Österreich verkauft; so und so viel hat man für ein jedes Regiment gezahlt, man kann ja die genaue Summe angeben; – und der Verräter Malseigne ist nun entwischt! Helft, Himmel und Erde, helft ihr ungewaschenen Patrioten, auch ihr seid verkauft und verraten wie wir!

Das meuternde Regiment du Roi ladet seine Gewehre, das ganze Mestre de Camp sattelt, Kommandant Denoue wird ergriffen, mit einem Leinewandkittel (sarreau de toile) bekleidet und ins Gefängnis geworfen. Château-Vieux erbricht die Magazine und verteilt gegen dreitausend Gewehre an die Patrioten: Österreich soll einen heißen Empfang finden! Ach, die unglücklichen Jagdhunde haben, wie wir sagten, ihren Jäger verjagt und nun laufen sie winselnd und bellend, beinahe wie tollwütig herum und wissen nicht, welcher Spur sie folgen sollen.

385 So marschieren sie denn unter Tumult durch die Nacht dahin; auf den Höhen von Flinval, wo man das halb erleuchtete Luneville sehen kann, machen sie halt. Gegen vier Uhr morgens geht das Hin- und Herparlamentieren an, bis man schließlich zu einem Übereinkommen gelangt: die Karabiniere geben nach, Malseigne wird unter gegenseitigen Entschuldigungen ausgeliefert. Nach stundenlangem Wirrwarr hat man ihn sogar schon unterwegs; die Luneviller ziehen alle mit – es ist ja ein müßiger Sonntag – um sich diesen Abmarsch anzusehen, den Abmarsch des heimkehrenden, meuterischen mMestre de Camp mit ihrem gefangenen Inspektor. Mestre de Camp marschiert, die Luneviller schauen zu! Seht! an der ersten Straßenecke sprengt unser Inspektor tollkühn in gestrecktem Galopp wieder davon und entkommt unversehrt; eine Kugel durchlöchert nur sein Lederwams. Der Herkules! Und doch ist sein Entkommen vergeblich; denn die Karabiniere, zu denen er auf weitem Umwege im Bogen zurückkommt, stehen ratschlagend bei ihren nächtlichen Wachtfeuern, beratschlagen über Österreich, über Verräter und über die Wut von Mestre de Camp; – kurz, das nächste sich uns darbietende Bild zeigt unseren stiermutigen M. de Malseigne, wie er am Montag nachmittag in einem offenen Wagen, einen Soldaten mit gezogenem Säbel an seiner Seite, mitten unter »wütenden Weibern,« Reihen von Nationalgarden und einer geradezu babylonischen Verwirrung durch die Straßen von Nancy zum Gefängnis fährt, um dem Kommandanten Denoue Gesellschaft zu leisten; denn das ist schließlich die Wohnung unseres Inspektors Malseigne.Deux Amis, II, 206 – 251; Zeitungen und Dokumente (in Hist. Parl. VII, 59-162).

Fürwahr, es ist höchste Zeit, daß Bouillé heranrückt. Die ganze Gegend ringsumher ist durch Wachtfeuer, illuminierte Städte, Märsche und Aufläufe in Unruhe versetzt und hat mehrere Nächte hindurch nicht geschlafen. Nancy mit seiner unverläßlichen Nationalgarde, seinen verteilten Gewehren und meuterischen Soldaten, mit seinem panischen Schrecken und seiner glühenden Wut kann keine Stadt mehr, sondern nur ein Tollhaus genannt werden. 386

 

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