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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 66
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.
Rückstände in Nancy.

Wir müssen aber bemerken, daß der Distrikt Bouillés der entzündlichste von allen zu sein scheint. Nach Metz und zu Bouillé wollte das Königtum immer fliehen; Österreich liegt nahe. Dort mußte das entzweite Volk mehr als anderswo mit Hoffnung oder Furcht über die Grenze in das unergründliche Meer auswärtiger Politik und Diplomatie blicken.

Hatte man doch erst in jüngster Zeit an eine wirkliche Invasion geglaubt, weil gewisse österreichische Truppen durch einen Winkel dieses Landstriches friedlich durchmarschierten; sofort flogen aus allen Himmelsrichtungen gegen dreißigtausend Nationalgarden mit geschulterten Musketen gegen 377 Stenai, um zu sehen, was der Durchmarsch zu bedeuten habe.Moniteur, Séance du 9. Août 1790. Es stellte sich heraus, daß es sich um eine rein diplomatische Frage handelte; der Kaiser von Österreich hatte nämlich, um Belgien schneller zu erreichen, wegen dieser geringen Abkürzung des Weges unterhandelt. Die europäische Diplomatie hatte also auf ihrem dunklen Wege kaum wie der Schatten eines vorüberfliegenden Kondors nur den äußersten Saum dieser Gegenden gestreift, und sofort flog unter Gackern und Krähen jener dreißigtausendköpfige beschwingte Schwarm auf! Dazu kommt, daß hier, wie wir bemerkten, das Volk in Parteien gespalten ist: Aristokraten giebt es in Menge, und der Patriotismus muß sowohl Aristokraten als auch Österreicher überwachen; denn wir sind in Lothringen, das nicht so aufgeklärt ist wie Alt-Frankreich; es erinnert noch an den alten Feudalismus, ja es hatte seit Menschengedenken seinen eigenen Hof und seinen eigenen König oder vielmehr den Glanz eines Hofes und Königs – ohne deren Lasten. Andererseits hat die Muttergesellschaft, die zu Paris in der Jakobinerkirche ihren Sitz hat, auch hier in den Städten Töchter mit schriller Stimme und scharfer Zunge, und nun bedenke man, wie die Erinnerung an den guten König Stanislaus und an die Zeiten des kaiserlichen Feudalismus sich mit diesem neuen, zersetzenden Evangelium vertragen, und welches Gift der Zwietracht sich hier ansammeln mag. An alledem nimmt das Militär, die Offiziere auf der einen, die Gemeinen auf der anderen Seite Anteil, und zwar jetzt in hervorragendem Maße, ein Militär, das hier um so hitziger ist, je dichter es beisammen liegt, wie es ja eine Grenzprovinz erfordert.

So steht es in Lothringen, zumal in seiner Hauptstadt Nancy. Das freundliche Nancy, dem verwelkten Feudalismus so lieb und wert, die Stadt, in welcher König Stanislaus so glanzvoll residierte, hat einen aristokratischen Gemeinderat, aber auch eine Tochtergesellschaft; ihre Einwohnerschaft besteht aus ungefähr vierzigtausend untereinander uneinigen Seelen und aus drei starken Regimentern, von denen eines, das Schweizer Château-Vieux, seit der Zeit, da es sich in den Tagen der Bastille wirklich oder angeblich zu kämpfen weigerte, dem Patriotismus besonders ans Herz gewachsen ist. Hier scheinen leider alle bösen Einflüsse vereint zusammenzutreffen, hier kann sich mehr als anderswo Eifersucht 378 und Leidenschaft entwickeln; hier hat man schon lange Monate hindurch und unter steigender Erbitterung einen gegen den anderen gehetzt, den Gewaschenen gegen den Ungewaschenen, den patriotischen Soldaten gegen den aristokratischen Offizier, und eine große Summe von Beschwerden hat sich aufgehäuft.

Ja, eine große Summe nennbarer wie unnennbarer Beschwerden; denn Groll ist ein genauer Rechenmeister: er wird unter der Rubrik »Verschiedenes« täglich irgend etwas, und wäre es auch nur ein Blick oder ein Laut, die kleinste Begehungs- oder Unterlassungssünde, in Rechnung setzen und so die Gesamtsumme erhöhen. So hat man z. B. im letzten April in den Tagen der Vorföderation, da schon allerorten Nationalgarden und Soldaten einander Brüderschaft zuschworen und ganz Frankreich sich durch lokale Föderationen auf das große Pikenfest vorbereitet, in Nancy wahrgenommen, daß es gerade die dort garnisonierenden Offiziere waren, die kaltes Wasser auf die ganze Verbrüderung schütteten; anfangs suchten sie nach Ausflüchten, um dem Föderationsfeste von Nancy fernbleiben zu können; dann erschienen sie zwar dabei, aber in einfacher Rédingote, in Interimsuniform, kaum mit einem reinen Hemd auf dem Leibe; ja einer von ihnen benützte den feierlichen Augenblick, als die Nationalfahnen vorbeiflatterten, um ohne sichtbare Notwendigkeit auszuspucken.Deux Amis, V, 217.

Das sind freilich nur kleine Einzelposten; aber sie wiederholen sich beinahe täglich. Die aristokratische Municipalität, die konstitutionell zu sein vorgiebt, verhält sich meist ruhig; nicht so ruhig verhalten sich die Tochtergesellschaft, die fünftausend erwachsenen Patrioten, noch weniger die fünftausend Patriotinnen der Stadt, der bärtige und bartlose Vier-Generationen-Adel mit Epauletten, der grimme Schweizer-Patriot von Château-Vieux, die aufbrausende Infanterie vom Regiment du roi, die heißblütigen Reiter von Mestre de Camp! Das ummauerte Nancy, das mit seinen geraden Straßen, weiten Plätzen und Bauten aus der Zeit des Königs Stanislaus so schön und schmuck auf dem fruchtbaren Alluvium der Meurthe dasteht, so schön inmitten der goldigen Kornfelder in diesen Erntemonaten, – ist im Innern nur eine Hölle voll Zwietracht, Angst und allem erdenklichen Zündstoff, der dem Explodieren nahe ist. Wenn die 379 allgemeine militärische Gluthitze, die wir mit einem Riesenball rauchenden Werges verglichen, irgendwo aufflammt, so dürfte hier in Lothringen und Nancy sein Bart leichter als sonstwo versengt werden!

Bouillé ist vollauf beschäftigt, aber nur mit der Oberaufsicht im allgemeinen. Er läßt sein beruhigtes Salm und alle anderen leidlich verläßlichen Regimenter nach südlicher gelegenen Städten und Dörfern in ländliche Kantonnements marschieren, wo es wie z. B. an den stillen Gewässern von Vic, Marsal und Umgebung weder an Pferdefutter noch an abgesonderten Exercierplätzen fehlt, wo überdies des Soldaten Neigung zum Grübeln durch fleißiges Drillen niedergehalten werden kann. Salm erhielt wie gesagt nur die Hälfte des rückständigen Soldes; natürlich herrschte darüber unzufriedenes Murren. Trotz alledem scheint Bouillé durch jene Scene mit dem gezogenen Schwerte in den Augen Salms gewonnen zu haben; denn Männer und Soldaten lieben, selbst wenn sie darunter zu leiden haben, Unerschrockenheit und rasche, unbeugsame Entschlossenheit. Ist nicht dies die Haupttugend, ja die Tugend aller Tugenden des Mannes eine Eigenschaft, die für sich allein fast gar keinen Wert besitzt, da ja auch andere tiefer stehende Geschöpfe wie Esel, Hunde und sogar Maulesel ihrer nicht entraten, aber in richtiger Verbindung bildet sie die unerläßliche Grundlage aller übrigen Tugenden.

Von Nancy und der darin herrschenden Gärung weiß Oberkommandant Bouillé nichts Genaueres; er weiß nur im allgemeinen, daß die Truppen dieser Stadt vielleicht die schlimmsten sind.Bouillé, I, c. 9. Die Offiziere haben dort jetzt ebenso wie früher alles in ihren Händen und scheinen leider nicht klug zu Werke zu gehen; denn »fünfzig gelbe Urlaube« auf einen Schlag sprechen doch deutlich genug für das Vorhandensein von Schwierigkeiten. Doch was sollte der Patriotismus von gewissen leicht zuschlagenden Füsilieren denken, die man wirklich oder angeblich angestiftet hat, den Klub der Grenadiere zu beleidigen? – Die ruhigen, bedächtigen Grenadiere und ihren Leseklub? Zu beleidigen mit Schreien und Lärmen, bis schließlich auch die bedächtigen Grenadiere ihre Seitengewehre zogen und Schlägereien und Duelle entstanden? Ja, noch mehr, hat man nicht, wie es offen zu Tage lag, oder wie man es wenigstens vermutete, Klopffechter desselben 380 Schlages bald im Soldatenrock »ausgeschickt,« um mit Bürgern Händel zu suchen, bald im Bürgerrock, um mit Soldaten anzubinden? Wurde doch ein gewisser Roussière, ein guter Fechter, auf frischer That ertappt, während vier Offiziere (wahrscheinlich ganz junge Leute), die ihn aufgereizt hatten, Hals über Kopf davoneilten. Fechtmeister Roussière wurde auf die Wachtstube geschleppt und zu drei Monaten Arrest verurteilt; aber seine Kameraden verlangten für ihn vor allen anderen den «gelben Urlaub,« ja sie führten ihn hierauf zur Parade, setzten ihm einen Papierhelm mit der Aufschrift »Ischariot« auf und begleiteten ihn bis zum Stadtthor, wo sie ihm auf das strengste geboten, für immer zu verschwinden.

Auf alle diese Verdächtigungen, Anklagen, lärmenden Vorgänge und so viele andere Verstöße ähnlicher Art konnten die Offiziere nur mit Unwillen und Verachtung herabblicken, konnten vielleicht ihrem Unwillen mit verächtlichen Worten Ausdruck geben und »bald darauf zu den Österreichern fliehen.«

Als nun hier wie überall die Frage der Rückstände zur Sprache kam, zeigte es sich bei dem ganzen Vorgange, wie erbittert die Stimmung war. Das Regiment Mestre de Camp erhält unter lautem Lärm ungefähr drei Louisdor für den Mann, die man wie gewöhnlich von der Municipalität leihen muß. Die Schweizer von Château-Vieux begehren die gleiche Summe, erhalten aber sofort statt des Geldes die neunschwänzige Katze (courrois), wozu noch das unerträgliche Zischen der Weiber und Kinder kam. Das Regiment du Roi, des langen Wartens müde, bemächtigt sich der Regimentskasse und marschiert mit ihr in seine Kaserne, bringt sie aber am nächsten Tage durch die wie ausgestorbenen Straßen wieder zurück: wohin man blickt, überall sieht und hört man nur unordentliches Herumziehen, wüstes Lärmen, Trinken, Schimpfen und Insubordination, kurz, das ganze militärische Gefüge geht rasch in Brüche oder wird, wie die Schriftsetzer in einem ähnlichen Falle von einem bereits fertigen Satz sagen, »zusammengeworfen.«Deux Amis, V, c. 8. So stehen die Dinge zu Nancy in den ersten Augusttagen, also kaum einen Monat nach dem erhabenen Pikenfest.

Wohl mag der konstitutionelle Patriotismus in Paris und anderswo bei diesen Nachrichten zittern. Der Kriegsminister 381 Latour du Pin läuft atemlos in die Nationalversammlung mit der schriftlichen Botschaft, »alles stehe in Brand, tout brúle, tou presse!« Die Nationalversammlung erläßt unter dem Eindruck des ersten Augenblicks, dem Verlangen des Ministers entsprechend, ein Dekret und die Aufforderung, »zum Gehorsam zurückzukehren und reuig Abbitte zu leisten;« vielleicht wird dies etwas helfen. Der Journalismus hingegen erhebt aus allen Kehlen ein heiseres Geschrei der Verurteilung oder elegischen Zustimmung. Die achtundvierzig Sektionen lassen ihre Stimme vernehmen. Auch im Faubourg St. Antoine hört man die Stentorstimme des Brauers oder, wie er jetzt heißt, des Obersten Santerre. Denn unterdessen haben die Soldaten von Nancy eine mit Dokumenten und Beweismitteln ausgerüstete Deputation von zehn Männern abgeschickt, die eine andere Geschichte erzählen werden als die des »tout brûle.« Diese zehngliederige Deputation läßt der wachsame Latour du Pin, noch bevor sie den Versammlungssaal betritt, aufgreifen und auf einen Verhaftsbefehl des Maire Bailly ins Gefängnis setzen! Das verstieß doch gegen jede Konstitution; denn sie hatte Urlaub von ihren Offizieren. Darauf schließt St. Antoine erregt und aufgebracht über die ungewisse Zukunft die Läden. Ist denn Bouillé ein Verräter und an Österreich verkauft? Haben in diesem Falle die armen gemeinen Soldaten nicht gerade aus Patriotismus revoltiert?

Eine neue Deputation, diesmal eine Abordnung von Nationalgarden, macht sich von Nancy auf den Weg, um die Versammlung aufzuklären. Sie begegnet der früheren zehngliedrigen Deputation, die wider Erwarten nicht aufgehängt worden war, und setzt darauf ihren Weg mit besseren Aussichten fort, erreicht aber auch nichts. Deputationen, Regierungsboten, Ordonnanzen im Galopp, tausendstimmige, beunruhigende Gerüchte schwirren beständig hin und her und verbreiten Angst und Verwirrung. Mit Vollmachten, mit Geld und dem Dekret vom 6. August ausgestattet reist endlich in der letzten Augustwoche der zum Inspektor ernannte M. de Malseigne auf den Schauplatz der Meuterei ab. Er soll nun dafür sorgen, daß die Rückstände ausbezahlt, daß Gerechtigkeit geübt oder daß wenigstens der Aufruhr gedämpft werde. 382

 

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