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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 65
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.
Bouillé in Metz.

Unserem Bouillé in seinem nordöstlichen Bezirke bleibt nichts von allen diesen Dingen ganz und gar verborgen. Manchmal leuchtet ihm die Flucht über die Grenze als letzter Hoffnungsstern in der großen Verwirrung auf; trotzdem harrt er hier auf seinem Posten aus und versucht immer noch das Beste zu hoffen, nicht von einer Neuorganisation, sondern 373 von einer glücklichen Gegenrevolution und Rückkehr zur alten Ordnung. Übrigens ist es ihm klar, daß gerade diese nationale Föderation, dieses allgemeine Schwören und Verbrüdern zwischen Volk und Militär »unberechenbaren Schaden« angerichtet hat. Gar vieles, was bisher im Geheimen gärte, hat dadurch Luft bekommen und ist zu Tage getreten. Nationalgarden und Linientruppen umarmen einander auf allen Paradeplätzen, trinken und schwören vereint patriotische Eide, verfallen auf lärmende Aufzüge in den Straßen, auf konstitutionell ganz unmilitärische Ausrufe und Hurrageschrei. So muß sich z. B. das Regiment Picardie eben deshalb im Kasernenhof aufstellen und erhält vom General selbst einen strengen Verweis; es bereut aber sein Verhalten.Bouillé, Mémoires, I, 113.

Die Insubordination hat, wie es die Berichte bekunden, weit und breit und immer lauter und lauter zu murren begonnen. Offiziere hat man in ihren Speiseräumen eingeschlossen und sogar unter Drohungen mit Forderungen bestürmt. Der meuterische Rädelsführer wird zwar mit »gelbem Urlaub,« der sogenannten cartouche jaune, das heißt mit schimpflicher Entlassung bestraft; aber was hilft es? Statt des einen erheben sich zehn neue Rädelsführer, und die cartouche jaune hört auf, als entehrende Strafe zu gelten. Vierzehn Tage oder höchstens vier Wochen nach jenem erhabenen Pikenfeste befindet sich die ganze französische Armee, die rückständigen Sold verlangt, Leseklubs bildet und Volksversammlungen besucht, in einem Zustande, den Bouillé nur »Meuterei« nennen kann. Bouillé weiß es besser wie mancher andere und spricht aus eigener schrecklicher Erfahrung. Ein Beispiel diene für viele.

Es ist noch in der ersten Hälfte des Monats August (das Datum läßt sich nicht mehr genau feststellen), als Bouillé, der eben im Begriffe steht, nach den Bädern von Aachen abzureisen, noch einmal plötzlich in die Kaserne von Metz gerufen wird. Die Soldaten stehen mit geladenen Gewehren in Schlachtordnung aufgestellt, vor ihnen das gesamte dazu gezwungene Offiziercorps, und fordern einmütig und nachdrücklich die Auszahlung des rückständigen Soldes. Das reumütige Regiment Picardie ist also, wie wir sehen, rückfällig geworden; der weite Platz starrt von lauter drohenden Männern in Waffen. Der tapfere Bouillé schreitet auf das nächste Regiment zu, öffnet den befehlenden Mund zu einer 374 Ansprache, erzielt aber nur wüsten Lärm, entrüstete Klagen und Beschwerden und das Schreien nach so und so viel tausend Livres, die ihnen gesetzlich zukämen. Der Augenblick ist kritisch; es liegen jetzt an die zehntausend Soldaten in Metz, und, wie es scheint, sind alle von einem Geist beseelt.

Bouillé ist fest wie Demant; aber was ist jetzt zu thun? Das deutsche Regiment Salm soll besser gesinnt sein; doch auch Salm mag von dem Gebote gehört haben: Du sollst nicht stehlen, auch Salm mag wissen, daß Geld eben Geld ist. Bouillé geht vertrauensvoll auf Salm zu und spricht Worte des Vertrauens; doch auch hier schallt ihm als Antwort nur der Ruf nach vierundvierzigtausend Livres und einigen Sous entgegen. Das Geschrei wird immer lärmender und tobender, je mehr Salms üble Laune wächst, und endet schließlich, da man weder eine Zahlung noch ein Versprechen auf Zahlung erreichen kann, damit, daß alle gleichzeitig klirrend die Musketen schultern und entschlossen im Laufschritt in die nächste Straße zum Hause ihres Obersten eilen, um sich der Fahne und Regimentskasse zu bemächtigen. So handelt Salm im festen Glauben, daß Mein nicht Dein ist, und daß schöne Reden nicht vierundvierzigtausend Livres und einige Sous sind.

Unaufhaltsam! Salm stampft und legt den Weg dahin im militärischen Tempo gar rasch zurück. Bouillé und die Offiziere ziehen das Schwert und müssen im doppeltschnellen pas-de-charge oder im unmilitärischen Rennen davonstürzen, um den Soldaten zuvorzukommen, stellen sich auf der Treppe auf und bleiben dort mit so viel Todesverachtung und scharfem Stahl, als sie haben, stehen, während Salm drohend Reihe für Reihe herandrängt, – in welcher Stimmung, kann man sich leicht vorstellen; glücklicherweise artet sie noch nicht in Mordlust aus. Hier will Bouillé stehen bleiben und entschlossen, und wenigstens eines Mannes, seiner selbst, sicher, in finsterer Ruhe das Ende abwarten. Was der unerschrockenste der Männer und Generale thun kann, ist gethan. Obgleich ein Piket die Straße an beiden Enden absperrt, obgleich Bouillé den Tod vor Augen sieht, gelingt es ihm doch, durch Boten einem Dragonerregimente den Befehl zum Angriff zukommen zu lassen. Die Dragoneroffiziere steigen zu Pferde, aber die Dragoner weigern sich aufzusitzen; damit ist für Bouillé jede Hoffnung geschwunden. Die Straße ist, wie gesagt, abgesperrt, von der übrigen Welt wie abgeschlossen; nur der Himmel sieht gleichgültig herab, und höchstens sieht 375 noch hie und da ein furchtsamer Hausbesitzer aus dem Fenster mit guten Wünschen für Bouillé heraus, während das zahlreiche Gesindel auf dem Pflaster seine guten Wünsche Salm entgegenbringt. So stehen die beiden Parteien wie Wagen da, die auf einer engen Straße festgefahren sind, oder wie Ringer, die sich krampfhaft auf Leben und Tod umschlungen halten. So stehen sie nach den Uhren von Metz zwei lange Stunden einander gegenüber: Bouillé mit dem blitzenden Schwerte in der Hand, mit demantharter Entschlossenheit auf der Stirn; Salm in finsterem Schweigen, das nur von Zeit zu Zeit durch das Klirren der Waffen unterbrochen wird; aber es schießt nicht. Von Zeit zu Zeit drängt zwar der Pöbel diesen oder jenen Grenadier dazu, sein Gewehr auf den General anzulegen, der wie eine Gestalt aus Bronze ruhig hinblickt; aber immer wieder schlägt ein Korporal oder ein anderer Soldat das Gewehr in die Höhe.

In dieser denkwürdigen Stellung zwei volle Stunden auf der Treppe stehend, tritt Bouillé, der für uns lange nur ein Schatten war, deutlich aus der Dunkelheit hervor und wird zu einer Persönlichkeit. Da übrigens Salm ihn nicht gleich im ersten Augenblick erschossen hat, er selbst aber nicht schwankt, so wird die Gefahr vermindert. Der Bürgermeister, »ein äußerst ehrenwerter Mann,« verschafft sich endlich mit seinen Municipalräten und trikoloren Schärpen Zutritt und überredet Salm durch Vorstellungen, Bitten und Versprechungen, in seine Kaserne zurückzukehren. Am nächsten Tage zahlen die Offiziere, denen unser ehrenwerter Maire das Geld vorstreckt, die Hälfte der verlangten Summe bar aus. Salm giebt sich damit zufrieden, und so ist für den Augenblick alles leidlich beschwichtigt.Bouillé, I, 140-145.

Scenen wie die in Metz oder Anzeichen und Vorbereitungen zu derartigen Scenen sind jetzt in ganz Frankreich an der Tagesordnung. Während Dampmartin mit seinen zusammengedrehten Fouragestricken zu Straßburg im Südosten weilt, rufen in denselben Tagen oder vielmehr Nächten zu Hesdin im fernen Nordwesten die Soldaten des »Royal Champagne« beim Scheine einiger dreißig Kerzen ihr »Vive la nation, au diable les aristocrats!« Die Garnison von Bitche zog, wie der Deputierte Rewbell mit Bedauern berichtet, unter Trommelwirbel zum Stadtthor hinaus, setzte ihre Offiziere ab und kehrte mit dem Säbel in der Hand 376 wieder in die Stadt zurück.Moniteur (Hist. Parl. VIII, 29). Sollte sich nicht die hohe Nationalversammlung selbst mit diesen Dingen befassen? Das militärische Frankreich ist überall in einer gar bitteren, leicht entzündlichen Laune, die gleich dem Rauch diesen oder jenen Ausweg sucht: es ist ein Riesenball rauchenden Flachses, der da und dort, von einem bösen Winde angeblasen, leicht in Flammen auflodern und zu einem brennenden Erdball werden kann.

Alle diese Vorfälle versetzen natürlich den konstitutionellen Patriotismus in höchste Unruhe. Die hohe Versammlung hält zwar eifrig Beratungen ab, wagt es aber nicht, sich im Sinne Mirabeaus zu augenblicklichem Auflösen und Löschen zu entschließen; sie findet es vielmehr bequemer, zu successiven Palliativmitteln zu greifen. Zum mindesten sollen aber die Beschwerden über die Soldrückstände klargestellt werden. Zu diesem Zwecke hat man einen Plan ersonnen, der unter dem Namen »Dekret vom 6. August« in jenen Tagen viel von sich reden machte. Inspektoren sollen zu allen Truppen im Lande reisen und unter Beiziehung gewählter Korporale und »des Schreibens kundiger Soldaten« die thatsächlichen Rückstände und Unterschleife feststellen und sie begleichen; ein ganz zweckmäßiges Mittel, wenn sich auf diese Weise die rauchende Hitze abkühlen läßt, wenn sie nicht, wie wir sagten, zu viel Luft erhält oder irgendwo durch Reibung und Funken zum Ausbruche kommt.

 

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