Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Thomas Carlyle >

Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 62
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Zwölftes Kapitel.
Schall und Rauch.

Und so ist trotz aristokratischer Ränkeschmiede, trotz träger bezahlter Arbeiter, ja man könnte sagen, trotz der Ungunst des Schicksals selbst (denn es hat viel geregnet) das Marsfeld am 13. des Monats Juli in schönster Ordnung: es ist eingefaßt, festgestampft, durch festes Mauerwerk gestützt; der Patriotismus kann bewundernd darüber wandeln und gleichsam Probe halten; denn in jedem Kopfe existiert ein unbeschreibliches Bild des morgigen Tages. Bittet den Himmel, daß er uns morgen keine Wolken beschere! Doch welch finstere und weit schlimmere Wolke steigt auf! Eine übel beratene Munizipalität spricht davon, dem Patriotismus nur gegen Einlaßkarten Zutritt zu dem Feste zu gewähren! Gingen wir auch mit Einlaßkarten an die Arbeit und an das, was diese Arbeit veranlaßte? Nahmen wir die Bastille mit Einlaßkarten ein? Die übel beratene Munizipalität sieht ihren Irrtum ein, und noch in später Mitternacht verkündet Trommelwirbel dem aus seinem Bette halb aufgescheuchten Patriotismus, daß er ohne Eintrittskarten kommen könne. Zieht also die Nachtmütze wieder über die Ohren und legt euch mit halbverständlichem Murren, das vieles bedeuten kann, wieder zur Ruhe. Morgen ist Mittwoch, ein Tag, der unter den Festtagen der Welt unvergeßlich bleiben wird.

Der Morgen bricht an, ein für den Monat Juli kalter Morgen; aber ein solches Fest würde selbst Grönland 355 freundlich erscheinen lassen. Durch alle Einlässe des National-Amphitheaters (es hat eine Meile im Umfang und in entsprechenden Abständen Einlaßöffnungen) strömt ein lebendiges Gedränge hinein und besetzt ohne Lärm alle Plätze. Die École Militaire hat für die höheren Behörden Galerien und schützende Baldachine, bei deren Herstellung Tischler und Maler gewetteifert haben; bei dem Thore an der Seine stehen Triumphbogen und tragen Inschriften, die zwar nicht viel Geist verraten, aber gutgemeint und – orthodox sind. Hoch über dem Altar des Vaterlandes schwingen, an hohen gebogenen eisernen Ständern hängend, unsere antiken Cassolettes oder Weihrauchpfannen, denen süßduftende Weihrauchwolken entsteigen; geschieht es nicht für irgend eine Gottheit der heidnischen Mythologie, so weiß man wahrlich nicht, wem zu Ehren es geschieht. Zweihunderttausend Patrioten und, was doppelt so viel wert ist, hunderttausend Patriotinnen, alle, wie man sich denken kann, im höchsten, schönsten Putz und in fröhlichster Stimmung, sitzen erwartungsvoll auf dem Marsfelde. Welch ein Bild! Ein Kreis buntschillernden Lebens, das die dreißig Reihen der Böschung bedeckt und sich gewissermaßen an den dunkeln Schatten der Alleebäume anlehnt, deren Stämme durch die hohe Böschung verdeckt sind; ringsumher nichts als das lebhafte Grün der sommerlichen Erde und glitzerndes Wasser und weißschimmernde Gebäude: ein kleines rundes Emaillebild auf einer prächtigen Vase aus Smaragd. Und die Vase ist nicht leer: die Kuppeln des Invalidendomes sind reichbevölkert, ebenso die weitentfernten Windmühlen des Montmartre: auf den entferntesten Kirchtürmen, auf den fast unsichtbaren Glockentürmen der Dörfer stehen Leute mit Fernrohren. Auf den Höhen von Chaillot wogt es von Gruppen in allen Farben; alle Höhen nah und fern, die wie ein Gürtel Paris umgeben, bilden selbst ein mehr oder weniger besetztes Amphitheater, dessen Betrachtung das Auge ermüdet. Ja, die Höhen tragen sogar Kanonen, und auf der Seine befindet sich eine schwimmende Batterie; wo das Auge versagt, soll das Ohr dienen. Ganz Frankreich ist eigentlich ein einziges großes Amphitheater; denn in jeder gepflasterten Stadt, in jedem ungepflasterten Dörflein sind die Menschen auf den Beinen und horchen, bis auch in ihrer Gehörweite dumpfes Donnern vernommen wird, das Zeichen, daß auch sie mit ihrem Schwören und Schießen beginnen sollen.Deux Amis, V, 168. Nun 356 aber rücken unter rauschender Musik die Förderierten in Massen an; sie haben sich am Boulevard St. Antoine und in dessen nächster Umgebung gesammelt und sind mit den Bannern ihrer dreiundachtzig Departements, von den zwar nicht lauten, aber tiefgefühlten Segenswünschen begleitet, durch die Stadt hierher marschiert; jetzt erscheint die Nationalversammlung und nimmt unter dem für sie errichteten Baldachin Platz; zum Schlusse kommen die Majestäten und lassen sich auf einem Thron neben ihr nieder. Und Lafayette auf seinem weißen Schlachtroß ist da, und alle bürgerlichen Behörden sind da, und die Förderierten führen Tänze auf, bis ihre streng militärischen Evolutionen und Manöver beginnen.

Evolutionen und Manöver? Die Feder eines Sterblichen sträubt sich, sie zu beschreiben; die Phantasie läßt müde ihre Schwingen sinken und erklärt, es sei nicht der Mühe wert. Man marschiert und schwenkt in langsamem, schnellem und doppelt schnellem Schritte. Sieur Mortier oder Generalissimus Lafayette – denn es ist eine und dieselbe Person, und er ist an des Königs Statt vierundzwanzig Stunden lang General von Frankreich – Sieur Mortier mit seiner würdevollen, ritterlichen Haltung muß vortreten, feierlichen Schrittes die Stufen des Vaterlandsaltares emporsteigen und dort im Angesicht des Himmels und der Erde, die kaum zu atmen wagt, unter dem Knarren der hin und her pendelnden Cassolettes, die Spitze seines Degens fest aufstemmend, im eigenen Namen und im Namen des bewaffneten Frankreich den Eid auf »König, Gesetz und Nation« vorsprechen (der Freiheit des Getreideverkehrs geschah dabei keine Erwähnung). Darauf schwenkt man alle Banner, und alles ruft Beifall. Die Nationalversammlung muß stehend von ihrem Platze aus, ebenso der König von dem seinigen mit vernehmlichen Worten schwören. Der König schwört; – und nun möge das Himmelsgewölbe unter euren Vivats einstürzen; ihr freigewordenen Bürger, umarmt einander und drückt herzlich eurem Nachbar die Rechte; ihr bewaffneten Bundesbrüder, laßt eure Waffen klirren, und vor allem sprich du, schwimmende Batterie. Und sie hat gesprochen – nach allen vier Enden Frankreichs. Von Hügel zu Hügel erdröhnt der Donner, schwach wird er vernommen, laut weitergegeben. Es ist, als hätte man in einen ungeheueren See einen Stein geworfen, der immer größere, aber nicht schwächere Kreise bildet. So donnert es von Arras nach Avignon, von Metz nach Bayonne; über Blois und Orléans rollt es im 357 Kanonenrecitativ; Puy inmitten seiner Granitberge, Pau, wo des großen Heinrichs Schildkrotwiege stand, wiederhallen davon. Im fernen Marseille ist die Abendröte gleichsam Ohrenzeuge, aus jedem Kanonenmunde des Kastells von If schießen feuerrote Zungen über das tiefblaue Wasser des Mittelmeeres, und alles Volk jauchzt: Ja, Frankreich ist frei! O glorreiches Frankreich, das sich förmlich in Rauch und Schall aufgelöst und dafür die phrygische Mütze der Freiheit erlangt hat! Auch Freiheitsbäume pflanze man in allen Städten, sie mögen wachsen oder nicht! Sagten wir nicht mit Recht, dies sei der höchste Gipfel, der höchste Triumph, den die Thespische Kunst auf unserem Planeten erreicht hat oder der sich überhaupt erreichen läßt?

Ja, die thespische Kunst! So müssen wir leider das Ganze auch weiter nennen; denn seht, ehe man ans Schwören ging, mußten doch auf unserem Marsfelde alle Nationalbanner geweiht werden. Ein durchaus zweckmäßiges Beginnen; kein irdisches Banner kann ja siegreich flattern, kein Unternehmen kann gelingen, wenn nicht der Himmel seinen Segen dazu giebt, wenn man ihn nicht wenigstens hörbar oder unhörbar darum bittet. Aber durch welches Mittel soll man ihn erlangen? Welcher dreimal göttliche Blitzableiter soll dem Himmel das wunderbare Feuer entlocken, auf daß es sanft, lebenspendend und heilbringend niedersteige? Ach, durch das einfachste Mittel: durch zweihundert tonsurtragende Individuen in schneeweißer Alba mit trikolorem Gürtel, die mit dem Seelenaufseher Talleyrand-Perigord als ihrem Wortführer um die Stufen des Vaterlandsaltars gruppiert stehen. Sie sollen als wunderbarer Blitzableiter dienen, – so weit sie können. O du tiefblauer Himmel, du grünende Allmutter Erde, ihr ewig fließenden Ströme, ihr vergänglichen Wälder, die ihr wie die Menschenkinder beständig sterbet und wiedergeboren werdet, ihr Berge und Felsen, die ihr täglich unter jedem Regenschauer hinschwindet und doch in Jahrtausenden nicht verschwindet oder zusammensinkt und, wie es scheint, nur durch neue Weltexplosionen wiedergeboren werden könnt, durch ein so stürmisches Sieden und Bersten, daß der Dampf fast bis zum Mond emporschießt; du unergründliches geheimnisvolles All, Hülle und Wohnstätte des Ungenannten, und du Menschengeist mit deiner vernehmlichen Sprache, der du das Unergründliche, Unnennbare bildest und gestaltest, wie wir es sehen, – ist nicht hier vor unseren Augen ein Wunder? Oder ist es kein Wunder, daß ein Franzose, wir 358 wollen nicht sagen, glaubte, aber sich einbilden konnte zu glauben, ein Talleyrand und zweihundert Stücke weißen Kalicos wären es imstande?

Hier müssen wir jedoch mit den betrübten Geschichtsschreibern jener Zeit bemerken, daß sich in dem Augenblicke, als Episcopus Talleyrand in langer Stola mit Mitra und trikolorem Gürtel die Altarstufen emporhinkte, um sein Wunder zu wirken, der wirkliche Himmel plötzlich verfinsterte; ein Nordwind, der heulende Vorbote kalter Nässe, begann zu pfeifen, und ein wahrhaft sündflutartiger Regen ging nieder. Trauriger Anblick! Sofort spannt sich über den dreißig Sitzreihen unseres Amphitheaters ein Dach von Regenschirmen, ein trügerischer Schutz bei solchem Gedränge. Unsere antiken Cassolettes werden zu Wassertöpfen, ihr Weihrauch zischt aus und erstickt unter Entwicklung schmutzigen Qualms. Wehe, statt der Vivats hört man nur das heftige Niederprasseln des Regens, und drei- bis vierhunderttausend menschliche Individuen fühlen, daß sie eine – glücklicherweise undurchlässige – Haut haben. Die Schärpe des Generals trieft von Wasser, alle militärischen Fahnen hängen schlaff herab und wollen nicht mehr wehen, sondern schlagen schwerfällig gegen die Stangen an, als ob sie in gemalte Blechfahnen umgewandelt wären. Aber weit schlimmer sind die hunderttausend »Schönsten von Frankreich« daran (so viele waren ihrer nach dem Berichte des Historikers). Ihre schneeigen Musseline sind schmutzig geworden, die Straußenfeder schrumpft zu einem jämmerlichen Kiele zusammen, alle Hüte sind verdorben, der formgebende Pappendeckel im Innern zerfließt wie Brei; die Schönheit bewegt sich nicht mehr in der reizenden Hülle ihres leichten Gewandes wie die in ihren paphischen Wolken verhüllt-unverhüllte Liebesgöttin, sondern kämpft wie gegen peinvolle Fesseln an; »die Formen werden sichtbar,« man hört nur teilnahmsvolle Zurufe, Kichern und heimliches Lachen, wogegen nur eine entschlossene gute Laune helfen kann. Es ist eine wahre Sündflut, eine einzige ununterbrochene Wasserfläche oder Wassersäule! Auch die Mitra unseres Seelenaufsehers füllt sich mit Wasser und ist keine Mitra mehr, sondern ein voller durchlässiger Feuereimer auf dem ehrwürdigen Haupte. Ohne sich darum zu kümmern, vollbringt der Oberhirte sein Wunder: der Segen Talleyrands, kein Jakobssegen, ruht jetzt auf allen Fahnen der dreiundachtzig Departements Frankreichs, die zum Danke flattern, so gut sie können, oder schlaff anschlagen. – Gegen drei Uhr brechen die Strahlen der Sonne wieder durch, 359 und die noch übrigen Evolutionen können unter einem lachenden Himmel, wenn auch mit schwerbeschädigten Dekorationen zu Ende geführt werden.Deux Amis, V, 143-179.

Am Donnerstag ist unser Bund geschlossen; aber die Festlichkeiten dauern noch in dieser und zum Teile in der nächsten Woche fort, Festlichkeiten, die kein Kalif von Bagdad, kein Aladin mit seiner Wunderlampe hätte bieten können. Auf der Seine findet ein Schifferstechen mit Wasser-Sprüngen, Spritzen und schallendem Gelächter statt. Abbé Fauchet, unser Tedeum-Fauchet, hält in der Rotunde der Kornhalle eine Trauerrede auf Franklin, dem zu Ehren jüngst die Nationalversammlung drei Tage lang in Schwarz gegangen ist. Die Tafeln eines Mortier und Lepelletier ächzen noch immer unter der Last der Gerichte, die Decken hallen noch immer von patriotischen Trinksprüchen wieder. Am fünften Abend, dem christlichen Sabbath, findet ein allgemeiner Ball statt. Ganz Paris, Mann, Weib und Kind, tanzt entweder in geschlossenen Räumen oder unter freiem Himmel zum Klange der Harfe oder viersaitigen Violine. Selbst der Greis in weißen Haaren versucht noch einmal hier unter dem wechselnden Mond seine alten Füße nach dem Takte zu heben; Säuglinge, die νήπια τέκνα die noch nicht reden können, krähen auf den Armen und zappeln ungeduldig in unbewußtem Verlangen nach Bethätigung ihrer Muskelkraft mit ihren kleinen, rundlichen Gliedern. Die stärksten Balken biegen sich mehr oder weniger, es kracht in allen Fugen.

Aber draußen, an der Brust der Mutter Erde selbst, seht die Ruinen der Bastille! Überall brennen Lampen, überall sieht man allegorischen Schmuck und dazu einen sechzig Fuß hohen Freiheitsbaum mit einer phrygischen Mütze von so ungeheuerer Größe, daß König Arthur und seine ganze Tafelrunde darunter speisen könnten. Tief im Hintergrunde bemerken wir undeutlich im düsteren Scheine einer einsamen Lampe einen jener halbvergrabenen eisernen Käfige und einige Kerkersteine, die letzten Überreste der verschwindenden Tyrannei; sonst sieht man nur Lampenguirlanden, wirkliche oder künstliche Bäume zu einem Feenhaine gruppiert, an dessen Eingang jeder Vorübereilende die Inschrift lesen kann: »Ici l'on danse.« So hatte es in der That Cagliostro,Siehe dessen Lettre au peuple Français (London 1786). der prophetische 360 Erzgaukler, dunkel vorausgesagt, als er vier Jahre vorher die schreckliche Haft verließ, um in die noch schrecklichere der römischen Inquisition zu fallen, die er nicht mehr verlassen sollte.

Doch was ist schließlich die Bastille im Vergleich zu den Champs Élysées! Dorthin, nach diesen Feldern, die mit Recht die Elyseischen heißen, lenken alle ihre Schritte. Lampenfestons erleuchten sie taghell, kleine Ölbecher schmücken zierlich wie bunte Glühwürmer die höchsten Zweige, die Bäume sind mit buntfarbigem Feuer wie übergossen und werfen ihren Schimmer weit in das Waldesdunkel hinein. Hier unter freiem Himmel drehen sich die ganze ambrosische Nacht hindurch sehnige Föderierte im fröhlichen Reigen mit ihren schönsten neugewonnenen Liebchen, die elastisch sind wie Diana, aber nicht so spröde und streng wie sie; und Herzen rühren und entflammen andere Herzen, und sicherlich hat unser alter Planet nur selten mit seinem mächtigen Schattenkegel, der über den Mond hinausreicht und Nacht genannt wird, um einen solchen Ballsaal den Vorhang gezogen. Wenn, wie Seneca sagt, sogar die Götter auf einen Wackeren, der gegen das Mißgeschick ankämpft, lächelnd niederschauen, was müssen sie von fünfundzwanzig Millionen Sorgloser denken, die es acht Tage hindurch siegreich niederzukämpfen verstehen?

In solcher und ähnlicher Weise hat sich das Pikenfest zu Ende getanzt; die galanten Föderierten kehren wieder nach allen Richtungen der Windrose heim, mit fiebernden Nerven, heißen Köpfen und Herzen, ja einige von ihnen, wie z. B. Dampmartins ältlicher, ehrenwerter Freund aus Straßburg, »von Alkohol ganz ausgebrannt und dem Verlöschen nahe.«Dampmartin, Événements, I, 144-184. Das Pikenfest hat sich ausgetanzt, es ist verschieden und Schatten eines Festes geworden. Nichts ist von ihm übriggeblieben als sein Bild in der Erinnerung der Menschen und der Platz, der es sah und jetzt nicht mehr sieht (denn auch die Erhöhungen auf dem Marsfelde sind bis zur Hälfte ihrer ursprünglichen Höhe zusammengesunken).Dulaure, Histoire de Paris, VIII, 25. Dieses Fest war ohne Zweifel eines der denkwürdigsten unter den Hohen Festtagen einer Nation; niemals hat man einen Eid mit so überquellendem Herzen, mit solchem Nachdruck und Überschwang von Freude geschworen, und wird es vielleicht niemals mehr 361 thun; – und doch wurde er nach Jahr und Tag in nicht mehr gutzumachender Art gebrochen. Ach, warum? Wenn das Schwören ein so himmlisches Entzücken gewährte, da sich Brust an Brust preßte und in fünfundzwanzig Millionen Herzen gleichzeitig die Flammen der Begeisterung aufloderten, warum also, ihr unerbittlichen Schicksalsmächte, warum? – Zum Teile wohl gerade deshalb, weil man mit einer so überschwenglichen Freude geschworen hat, hauptsächlich aber aus einem viel älteren Grunde: die Sünde war in die Welt gekommen und mit der Sünde das Elend. Diese fünfundzwanzig Millionen mit ihrer phrygischen Mütze haben jetzt weder eine Macht, die sie leitete und zügelte, über sich, noch eine leitende Macht oder Regel gerechten Wandels in sich; wie soll, wenn alles mit Riesenschritten auf unbekannten Wegen ziel- und zügellos vorwärts stürzt, der Abgrund, das unbeschreibliche Chaos ausbleiben? Wahrlich, nicht das Rosenrot der Föderation ist die Farbe dieser Erde und ihre Aufgabe; nicht durch Ausbrüche edler Gefühle, sondern mit ganz anderen Waffen muß der Mann der Welt Trotz bieten.

Aber wie weise ist es unter allen Umständen, mit seinem Feuer zu sparen und es lieber tief im Innern als wohlthuende, belebende Wärmequelle einzuschließen! Alle gewaltsamen Explosionen, mögen sie noch so gut geleitet sein, sind bedenklich und zumeist unnütz, immer eine ungeheuere Verschwendung; und nun denke dir einen Menschen, eine Nation, die ihren ganzen Vorrat an Feuer in einem einzigen künstlichen Feuerwerk verschwendet! So hat man (denn im Leben des Einzelnen wie der Nationen giebt es Hochflutzeiten) aus Liebe geschlossene Ehen mit einem solchen Übermaß lauter Freude feiern gesehen, daß die Alten darüber die Köpfe schüttelten. Eine ruhige Heiterkeit wäre besser am Platze gewesen; denn es war ein Schritt fürs Leben. Ihr Liebenden, je mehr ihr triumphiert und euch als Sieger über alles irdische Übel fühlt, das euch von der Erde verschwunden zu sein scheint, desto erstaunter und enttäuschter werdet ihr sein, wenn ihr entdecken werdet, daß alles Erdenübel noch vorhanden ist. »Warum ist es noch vorhanden?« wird jedes von euch beiden fragen. »Weil mein falscher Genosse zum Verräter geworden ist; das Übel war verschwunden; ich für meinen Teil meinte es ehrlich, ich handelte danach und hätte immer danach gehandelt.« Und so verwandeln sich die honigsüßen Flitterwochen in lange essigsaure Jahre, vielleicht in so zerstörenden Essig, wie es jener Hannibals war.

362 Sollen wir also sagen: die französische Nation hat das Königtum oder vielmehr, das von ihr umworbene und gedrängte Königtum hat in solch übersüßen Weise die Nation zum hochzeitlichen Vaterlandsaltar geführt und hat dann, um die Hochzeit mit dem gehörigen Prunk und Glanz zu feiern, gedankenlos ihr Bett verbrannt? 363

 


 

 << Kapitel 61  Kapitel 63 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.