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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 60
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel.
Die Menschheit.

Menschliches Theaterspielen ist verzeihlich, vielleicht sogar rührend wie die leidenschaftliche Äußerung einer Zunge, die aufrichtig stammelt, oder eines Kopfes, der unaufrichtig schwatzt, weil sein Verstand gelitten hat. Und doch, vergleicht man damit die plötzlichen, unvorbedachten Ausbrüche der Natur, sagen wir z. B. einen Weiberaufstand, wie matt und unerquicklich gleich abgestandenem Dünnbier oder zerronnenem Schaum erscheint es dann! Solche vorbedachten Scenen, und wären sie noch so weltgroß und noch so fein ausgesonnen, sind im Grunde doch nur Pappe und Tünche. Jene Ausbrüche der Natur hingegen sind echt, ursprünglich, sie entquellen dem großen, ewiglebendigen Herzen der Natur selbst. Welche Form und Gestalt sie annehmen, das ist 342 unaussprechlich bedeutungsvoll. So gelte uns denn das nationale Bundesfest als der höchste Triumph, den die Thespische Kunst bisher erreicht hat; jedenfalls als Triumph, da ja das ganze aus fünfundzwanzig Millionen bestehende Parterre nicht nur in die Hände klatscht, sondern gleich auch selbst auf die Bretter springt und leidenschaftlich mitspielt. Und da wir nun einmal einen Triumph vor uns sehen, so wollen wir ihm als solchem aus der Ferne unsere aufrichtige, wenn auch nur flüchtige Bewunderung zollen. So viel Aufmerksamkeit verdient ja doch der Mummenschanz einer Nation, wenn wir auch dabei nicht mit jenem teilnehmenden Interesse verweilen, das z. B. einem Aufstand der Mänaden gebührt. Lassen wir daher ohne weitere Beachtung alle bisherigen, gewissermaßen probeweisen Inscenierungen von Bundesfesten kommen und gehen, lassen wir unzählige Regimentsmusiken auf Ebenen und unter Stadtmauern ihre Fanfaren nach Herzenslust in die Lüfte schmettern.

Bei einer Scene jedoch wird auch der flüchtigste Leser einen Augenblick verweilen: bei Anacharsis Clootz und der gesamten sündigen Nachkommenschaft Adams. Die patriotische Municipalität hat nämlich am 4. Juni ihren Plan fertig gebraut und die Sanktion der Nationalversammlung samt der Zustimmung des Königs erhalten, für welchen selbst in dem Falle, daß es ihm frei stünde, die Zustimmung zu versagen, die von Königstreue überfließenden Festreden ohne Zweifel wenigstens eine vorübergehende Süßigkeit enthalten. Aus allen dreiundachtzig Departements Frankreichs soll von jedem Hundert der Nationalgarden eine bestimmte Anzahl als Deputation kommen; ebenso soll die gesamte königliche Land- und Seemacht ihre bestimmte Zahl von Deputierten entsenden; eine derartige, freilich nicht angeordnete, sondern freiwillige Verbrüderung zwischen königlichen und nationalen Soldaten hat man ja schon einmal gesehen und gebilligt. Im Ganzen dürften, wie man erwartet, nicht weniger als vierzigtausend Mann ankommen; die Kosten hat der entsendende Distrikt zu tragen. Überlegt also, ihr Distrikte und Departements, alles reiflich und wählt geeignete Männer; die Brüder von Paris werden ihnen entgegenfliegen und sie willkommen heißen.

Urteilt nun selbst, ob unsere patriotischen Künstler eifrig an der Arbeit sind und eingehend Rat pflegen, wie sie das Schauspiel inscenieren sollen, auf daß es würdig sei, die Blicke des Universums auf sich zu ziehen.. Nicht weniger als 343 fünfzehntausend Mann, Erd- und Bauarbeiter, Kärrner mit ihren Bauleitern sind auf dem Marsfelde beschäftigt und höhlen es zu einem für eine solche Feierlichkeit würdigen Amphitheater aus. Hofft man doch, dieses Pikenfest, Fête de Piques, werde sich als eines der höchsten unter den Jahresfesten alljährlich wiederholen. Sollte denn nicht überhaupt eine freie, theatralisch veranlagte Nation ihr bleibendes National-Amphitheater besitzen? Das Marsfeld wird also ausgehöhlt, und das Bundesfest bildet fast für alle Pariser das ausschließliche Gespräch bei Tage und den einzigen Traum in der Nacht. Schon sind Bundesdeputierte unterwegs. Die Nationalversammlung, die außer ihrer eigentlichen Arbeit die Ansprachen der Föderierten anhören und beantworten muß, wird vollauf zu thun haben! Da ist die Ansprache des amerikanischen Comités, in dessen Mitte die schattenhafte Gestalt eines Paul Jones gleich einem matt durchschimmernden Stern sichtbar ist; – das Comité ist gekommen, um uns zu der Aussicht eines so glückverheißenden Tages zu beglückwünschen; – da ist die Ansprache der Bastillenstürmer, die erschienen sind, um ihren Verzicht auf jede besondere Auszeichnung, jeden besonderen Platz bei dem Feste auszusprechen, da die Centralgrenadiere angeblich ein wenig murren; da ist ferner die Rede des Ballhaus-Klubs, der mit einer auf hoher Stange getragenen weithin schimmernden Metallplatte kommt., in welche der Schwur des Klubs eingraviert ist. Er hat die Absicht, diese weithinschimmernde Platte in seinem ursprünglichen Lokal zu Versailles am 20. des Monats, seinem Jahrestage, zum ewigen Gedenken – vielleicht wird es einige Jahre währen – feierlich anzubringen und am Rückwege im Bois de Boulogne zu speisen,Siehe Deux Amis, V, 122; Hist. Parl. etc. ein Plan, den er doch nicht ausführen kann, ohne ihn der Welt vorher gebührend anzuzeigen. Die hohe Nationalversammlung hört, indem sie ihre Regenerierungsarbeit unterbricht, dies alles immer wieder freundlich an und giebt auch, wie es schon längst Sitte gewesen ist, mit einer sozusagen improvisierten Beredsamkeit eine freundliche Antwort darauf; denn es ist ein gestikulierendes Volk von Gefühl, das sein Herz auf der Zunge trägt.

Unter diesen Umständen kam Anacharsis Clootz auf den Gedanken, es bleibe jetzt, da sich so Vieles zu Klubs oder Vereinen zusammenthue und für sein Perorieren Beifall ernte, doch immer noch etwas Größeres und Größtes übrig. 344 Welche großartige Wirkung müßte es erst hervorbringen, wenn gar dieses Größte, die Menschheit selbst, le genre humain, Gestalt annähme und zu reden begänne. In welchem Augenblicke schöpferischer Verzückung dieser Gedanke in Anacharsis' Seele auftauchte, unter welchen Wehen er ihm Leben und Gestalt gab, mit welchem Spotte ihm die Weltkinder begegneten, mit welchem Spotte er als Mann von seinem Sarkasmus erwiderte, welche Überredungskünste er bald im Café, bald bei Soireen aufwendete, mit welchem Eifer er sogar zu den dunkelsten Tiefen von Paris hinabstieg, um seinen Gedanken zur That zu machen: von alledem erzählen uns die geistreichen Berichte über diese Periode nichts. Genug, am 19. Juni 1790 abends beleuchten die schrägen Strahlen der Abendsonne ein Schauspiel, wie es unser närrischer kleiner Planet selten bietet; Anacharsis Clootz, begleitet von »allen Spezies der Menschheit« betritt die hehre Salle de Manège: Schweden, Spanier, Polen, Türken, Chaldäer und Mesopotamiens Bewohner, seht, sie alle sind gekommen, um ihren Anspruch auf einen Platz bei diesem großen Bundesfest, woran sie ein unzweifelhaftes Anrecht hätten, geltend zu machen.

»Unsere Beglaubigungsbriefe,« spricht der feurige Clootz, »sind nicht auf Pergament, sondern in den lebendigen Herzen aller Menschen geschrieben. Diese schnurrbärtigen Polen, diese Ismaeliten im Turban und langwallenden Gewande, diese astrologischen Chaldäer, die so stumm hier stehen, mögen sie vor euch, erhabene Väter, durch ihre Stummheit eine beredtere Sprache führen, als es das beredteste Wort zu thun vermöchte! Sie sind die stummen Vertreter ihrer mundtoten, geknebelten, schwerbeladenen Völker, die aus dem Dunkel ihres Elends verwirrt, erstaunt, halb ungläubig und doch sehnsüchtig hoffend auf euch und das hellstrahlende Licht eures Bundes blicken, dieses wunderbar leuchtenden Morgensterns und Vorboten eines für alle Völker anbrechenden Welttages. Wir wollen dastehen als Teilnahme heischende, stumme Denkmale, als Symbole von gar vielem.« Auf Bänken und auf der Galerie erschallt »wiederholter Beifall;« denn welcher unter den hohen Senatoren fühlte sich nicht geschmeichelt bei dem Gedanken, daß wenigstens ein Schatten des Menschengeschlechts von ihm abhängt. Präsident Sieyès, der in diesen denkwürdigen vierzehn Tagen den Vorsitz führt, giebt mit seiner dünnen Stimme eine zwar schrilltönende, aber beredte Antwort. Anacharsis und die Fremdlinge sollen einen Platz 345 beim Bundesfeste erhalten unter der Bedingung, daß sie ihren Völkern daheim erzählen, was sie hier sehen. Einstweilen gewähren wir ihnen die Ehre der Sitzung (l'honneur de la séance). Ein Türke in langwallendem Gewande verbeugt sich zur Antwort mit morgenländischer Feierlichkeit und giebt auch einige artikulierte Laute von sich; aber wegen seiner mangelhaften Kenntnis der französischen SpracheMoniteur, etc. (In Hist. Parl. XII, 283). sind seine Worte nutzlos verschüttetes Wasser, und der Gedanke, den er aussprach, bleibt bis auf den heutigen Tag der Vermutung überlassen.

Anacharsis und die Menschheit nehmen also die Ehre der Sitzung dankend an und haben, wie die alten Zeitungen bestätigen, sofort die Befriedigung, Verschiedenes zu sehen und zu hören. Das Erste und Wichtigste darunter ist, daß auf Antrag von Lameth, Lafayette, Saint-Fargeau und anderer patriotischer Edelleute trotz des Sträubens der übrigen von jetzt an alle Adelstitel vom Herzog bis zum einfachen Edelmann oder noch tiefer hinab, infolgedessen auch die Livrée-Diener oder vielmehr die Livrée der Diener abgeschafft werden; überdies soll in Zukunft niemand, weder Mann noch Frau, die sich selbst »edel« nennen, mit Weihrauch beräuchert werden, wie man es bisher thörichterweise in der Kirche zu thun pflegte. Ja, warum sollen den Feudalismus, der nun schon beinahe zehn Monate tot ist, sein äußerer, leerer Prunk und seine Wappenschilder überleben? Auch die Wappen muß man also abschaffen; – gleichwohl bemerkt Cassandra-Marat, daß sie auf diesem oder jenem Kutschenschlage nur überstrichen sind und wieder durchzublicken drohen.

Somit ist von nun an De Lafayette nur mehr Sieur Motier, Saint-Fargeau einfacher Michel Lepelletier, und Mirabeau muß bald darauf voll Ingrimm erklären: »Mit eurem Riquetti habt ihr Europa drei Tage lang vor ein Rätsel gestellt.« Der Grafentitel ist diesem Manne nicht gleichgültig, und in der That giebt ihm das bewundernde Volk bis zuletzt diesen Titel. Der extreme Patriotismus, vor allen aber Anacharsis und die Menschheit mögen frohlocken; denn jetzt scheint es erwiesen, daß ein Adam unser aller Vater ist!

Das ist der historisch getreue Bericht über des Anacharsis berühmte Heldenthat. So fand diese weltumfassende Vertretung sozusagen einen Wortführer, und Eines wenigstens 346 können wir daraus lernen: welche Stimmung muß das einst so frivol-spöttische Paris und den Herrn Baron Clootz beherrscht haben, wenn eine derartige Schaustellung als etwas Passendes, ja beinahe Erhabenes erscheinen konnte. Der Neid hat in späterer Zeit diesen Erfolg des Anacharsis zu verdunkeln versucht, indem er behauptete, Anacharsis, der zufällige »Sprecher des Komitees fremdländischer Nationen« habe es als eine ihm allein gebührende Ehre beansprucht, der ständige, offizielle »Sprecher, orateur, des Menschengeschlechtes« zu sein. Derselbe Neid war es, der auch die verleumderische Behauptung in Umlauf setzte, seine astrologischen Chaldäer und die übrigen Vertreter der Völker seien nichts anderes gewesen als für diesen Zweck verkleidetes französisches Gesindel: kurz der Neid spöttelte und witzelte in seiner kalten, geistlosen Weise über ihn, aber Anacharsis war der Mann, der mit seinem hinlänglich dicken Panzer alle die vergifteten Pfeile auffing, oder sie prallten wirkungslos ab, und Anacharsis ging ruhig seines Weges weiter.

Wohl dürfen wir von einer weltumfassenden öffentlichen Vertretung sprechen, aber auch von der überraschendsten; denn wer hätte je gehofft, in der Reitschule der Tuilerien alle Nationen des Erdballes zu sehen? Und doch ist es so, und unerwartete Dinge wie diese können sich wohl ereignen, wenn ein ganzes Volk sich zu Mummenschanz und Possenspiel verkleidet. Hast du nicht vielleicht selbst schon eine gekrönte Kleopatra, die Tochter der Ptolemäer, der trotz der flehentlichen Bitten ihres Antonius von Gemeindedienern plötzlich die Thespische Scheune geschlossen worden war, in irgend einer nichts weniger als heroischen Stube oder in einem schlecht beleuchteten Kramladen ein gestrenges, unerbittliches Gemeindeoberhaupt beinahe kniefällig bitten sehen, er möge sie doch, da sie nun schon dazu angezogen wäre, da sie Kinder und kein Geld hätte, herrschen und sterben lassen? Wenn solche sichtbaren Erscheinungen an uns vorbeihuschen, sobald man nur gegen die Thespische Bühne unsanft verfährt, wie viel mehr wird an unserem Auge vorbeiziehen, wenn, wie gesagt, das ganze Parterre auf die Bühne springt; dann ist es, wie in Tiecks Drama, in der Wirklichkeit eine »Verkehrte Welt.«

Nachdem man nun das Menschengeschlecht selbst vor Augen gesehen hatte, hörte es auf, ein Wunder zu sein, den Doyen, »den Ältesten des Menschengeschlechtes« gesehen zu haben. Ein solcher »Doyen du Genre Humaine« hatte sich in diesen 347 Wochen sehen lassen: es war Jean Claude Jakob, ein geborener Leibeigener, der aus seinem heimatlichen Jura abgeschickt worden war, um der Nationalversammlung für seine Befreiung zu danken. Hundertundzwanzig Jahre haben in sein gebleichtes, verfallenes Gesicht tiefe Furchen gegraben. Er hat im heimatlichen Patois dunkel reden gehört von den Siegen des unsterblichen großen Monarchen, von einer verwüsteten Pfalz, von den Dragonaden in den Cevennen, von Marlboroughs Auszug zum Kriege; dies alles, während er sich selbst in harter Arbeit mühte und plagte, um einen kleinen Flecken dieser Erde grüner zu machen. Vier Geschlechter sind während dessen verblüht, haben geliebt und gehaßt und sind wie dürres Laub verweht worden; als Ludwig XIV. starb, zählte er sechsundvierzig Jahre. Die Versammlung erhob sich unaufgefordert wie ein Mann von den Sitzen und zollte dem Ältesten der Welt ihre Ehrerbietung, ja, der alte Jean soll ehrenhalber bedeckten Hauptes in ihrer Mitte Platz nehmen. Mit seinen alten, schwachen Augen betrachtet er, unsicher schwankend zwischen den Überresten alter Erinnerungen und Ereignisse, diese neue Wunderscene, die ihm traumhaft und unverständlich erscheint; denn auch die Zeit selbst wird beinahe wesenloser, traumhafter Schein. Jeans Seele und Augen sind müde und nahe daran, sich zu schließen, – um sich wieder zu öffnen und eine ganz andere Wunderscene zu schauen, die wirklich sein wird. Die Patrioten veranstalten eine Sammlung für ihn; überdies wird eine königliche Pension für ihn erwirkt, und frohen Mutes kehrt er heim; aber schon zwei Monate später mußte er alles verlassen, um den Weg ins Unbekannte anzutreten.Deux Amis IV, 111.

 

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