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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel.
Eine Petition in Hieroglyphen.

Dem arbeitenden Volke geht es auch jetzt nicht gut. Leider! besteht es doch aus 20–25 Millionen, die man zu einem ganz ungeheuerlichen, aber in weiter Ferne liegenden, undeutlichen Ganzen unter dem Namen »Canaille« oder menschlicher gesprochen »die Massen« zusammenfaßt. Fürwahr Massen; strengst du aber deine Einbildungskraft an und folgst ihnen durch das weite Frankreich in ihre Lehmhütten, in ihre Dachkammern und Kellerlöcher, so siehst du, daß diese »Massen« – so seltsam es klingt – aus lauter Einzelwesen bestehen, von denen ein jedes sein eigenes Herz, seine eigenen Sorgen hat, von denen ein jedes mit seiner eigenen Haut bedeckt ist; und stichst du hinein, so blutet es. O purpurbedeckte Majestät, Heiligkeit, Eminenz. Du z. B. Kardinal 34 Groß-Almosenier im roten Ehrenbarett, in dessen mächtige Hand Würden und Reichtümer gelegt wurden, du, der du im Angesichte Gottes auf deine Weltwarte gestellt wurdest, um der treue Hirt deiner Herde zu sein, – bedenkst du nicht, daß jeder Einzelne dieser Massen ein ebenso wunderbarer Mensch ist wie du selbst, der bewußt oder unbewußt um sein Königreich kämpft, um dieses Leben, das er in aller Ewigkeit nur einmal empfangen hat, ein Mensch, der einen Funken göttlichen Geistes in sich trägt, den du unsterbliche Seele nennst?

Verlassen und verschmachtend kämpfen sie in ihrer dunkeln, weiten Ferne; freudlos ist ihr Herd, karg ihre Nahrung. Ihnen winkt in dieser Welt keine Ära der Hoffnung, kaum noch in der anderen – es sei denn die Hoffnung auf die düstere Ruhe des Grabes; denn auch ihr Glaube schwindet. Unbelehrt, ungetröstet, ungesättigt! ein stummes Geschlecht, dessen Sprache nur ein unartikulierter Schrei ist. Weder im Rate des Königs noch auf dem Forum der Welt haben sie einen Fürsprecher, der Glauben fände. Nur in langen Zwischenräumen einmal, wie eben jetzt im Jahre 1775, werfen sie Hammer und Spaten weg, scharen sich zum Erstaunen der denkenden MenschheitLacretelle: France pendant le 18me siècle, II. 455. Biographie universelle, § Turgot (von Durozoir). planlos, aber gefahrdrohend hier und dort zusammen und gelangen sogar nach Versailles. Turgot führt zwar Änderungen im Kornhandel ein, indem er die widersinnigsten Korngesetze abschafft; aber im Lande herrscht große Teuerung. Mag diese wirklich oder »künstlich gemacht« sein, großer Brotmangel läßt sich nicht leugnen. Und so präsentieren diese wüsten Massen am 2. Mai 1775 hier vor dem Versailler Schlosse durch ihr unendliches Elend, durch ihre fahlen, abgezehrten Gesichter, durch ihren Schmutz und ihre Lumpen wie in deutlich lesbaren Hieroglyphen ihre Beschwerdeschrift. Man schließt das Schloßgitter; aber der König will auf dem Balkon erscheinen und zu ihnen sprechen. Des Königs Antlitz haben sie gesehen, und ihre Beschwerdeschrift ist, wenn nicht gelesen, so doch angesehen worden. Als Antwort darauf wurden zwei von ihnen auf einem, »neuen, vierzig Fuß hohen Galgen« gehenkt; die übrigen jagt man in ihre Höhlen zurück – für einige Zeit.

Es ist in der That ein schwieriger »Punkt« für die Regierung, diese »Massen« zu behandeln, – wenn es nicht vielleicht ihr einziger Punkt und ihr einziges Problem sein 35 sollte, neben dem alle anderen Punkte nur als zufällige Launen, Halbheiten und leere Schläge ins Wasser erscheinen. Denn mögen Freibriefe und Urkunden, Herkommen und Brauch, Gemein- und Partikular-Recht sagen, was sie wollen, die Massen bestehen doch aus so vielen Millionen von Einzelwesen, die allem Anscheine nach von Gott erschaffen sind, dem ja, wie man sagt, diese Erde gehört. Außerdem ist das Volk nicht ohne Wildheit, hat Kraft in den Muskeln und Ingrimm im Herzen. Erinnert euch nur, was der alte Marquis Mirabeau, jener alte Querkopf und Menschenfreund, in eben diesen Jahren an einem Feiertage in den Bädern von Mont d'or von seiner Wohnung aus sah: »Die Wilden strömen von den Bergen herab; unsere Leute haben den Befehl, das Haus nicht zu verlassen. Der Pfarrer in Chorrock und Stola, die Justizbeamten in der Perücke, die Maréchaussée mit blankem Säbel, überwachen den Platz, bis die Dudelsäcke beginnen können. Schon nach einer Viertelstunde ist der Tanz durch Kampf unterbrochen; das Schreien und Jammern der Kinder, der Bresthaften und anderer Zuschauer steigert die Wut der Kämpfenden, gerade so wie Geschrei raufende Hunde zu noch größerer Wut reizt: schreckliche Gesellen oder vielmehr schreckliche Bestien, in Kittel von grober Wolle gekleidet, die von breiten mit Kupfernägeln beschlagenen Ledergürteln umspannt werden. Riesengestalten, die »durch hohe Holzschuhe (sabots) noch höher erscheinen; sie stellen sich auf die Zehenspitzen, um dem Kampf zuzusehen, treten den Takt dazu, reiben sich die Seiten mit den Ellbogen; langes, fettglänzendes Haar hängt in ihr hageres Gesicht herab, dessen oberer Teil gelb wie Wachs ist, während sich der untere zu einem Versuche grausamen Lachens oder zu einer Art tierischer Ungeduld verzerrt. Und diese Leute zahlen die Taille, und ihnen wollt ihr noch weiter ihr Salz nehmen. O ihr wißt nicht, was ihr immer noch nackter macht oder, wie ihr es nennt, regiert, was ihr in kalter, feiger Gleichgültigkeit mit einem einzigen Federstrich noch immer weiter ungestraft aushungern zu dürfen wähnt, immer weiter – bis die Katastrophe hereinbricht. – Ach Madame, eine Regierung, die Blindekuh spielt und zu oft stolpert und Fehlgriffe macht, wird mit allgemeinem Umsturz (culbute générale) enden.«Mirabeau, Mémoires écrits par lui-même, son père, son oncle et son fils adoptif (Paris 1834), II. 186.

Das ist ohne Zweifel ein düsterer Zug in einem goldenen 36 Zeitalter, – oder wenigstens in einem Zeitalter des Papieres und der Hoffnung. Einstweilen aber verschone uns mit deinen Prophezeiungen, krächzender Menschenfreund! Dies alles haben wir schon lange genug gehört, und noch immer bewegt sich die alte Welt in ihrer alten Bahn.

 

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