Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Thomas Carlyle >

Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 59
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Neuntes Kapitel.
Symbole.

Wie natürlich ist für alle Menschen in allen entscheidenden Momenten die symbolische Darstellung! Ja, was ist des Menschen ganzes Erdenleben anders als eine symbolische Darstellung und ein Sichtbarmachen der in ihm unsichtbar wirkenden Himmelskraft? Sie durch Wort und That darzustellen, ist sein eifriges Bemühen, und er thut es mit schlichter Einfachheit, wenn es möglich ist; mit theatralischer Pose, wenn es mit Einfachheit nicht geht; und auch diese kann ihre Bedeutung haben. Eine Fastnachtsmaskerade ist kein bloßes Nichts; im Gegenteil, in naiveren Zeiten waren Weihnachtsmummenschanz, Narrenspiele mit ihren Anführern 340 und Spaßmachern ein bedeutendes Etwas. Sie waren ein aufrichtiges Spiel, wie Mummenschanz auch heute noch dem aufrichtigen Verlangen nach Spiel und Scherz entspricht. Welch ungleich höhere Bedeutung muß ein aufrichtiger Ernst gehabt haben, sagen wir z. B. ein hebräisches Laubhüttenfest, bei dem ein ganzes Volk im Namen und im Angesicht des Allerhöchsten versammelt ist, bei dem sogar die Einbildungskraft von der Wirklichkeit überboten wird, bei dem die hehrste Ceremonie noch nicht zur bloßen Form herabgesunken, sondern bis zur unbedeutendsten Verzierung bedeutungsvoll geblieben ist. Auch im modernen Privatleben darf man nicht auf Theaterscenen, in denen thränenreiche Frauen ganze Ellen Battist benetzen und schnurrbärtige, leidenschaftliche Jünglinge mit Selbstmord und ähnlichem drohen, mit Geringschätzung herabsehen. Vergieße lieber selbst eine Thräne darüber.

Jedenfalls ist zu bedenken, daß keine Nation ihr Tagewerk im Stiche lassen und vorsätzlich hinausziehen wird, um eine Scene aufzuführen, ohne damit etwas ausdrücken zu wollen. Gewiß wird sich kein theatralischer Mensch, der niedrige Absichten oder heuchlerische Hintergedanken hat, der Mühe unterziehen, eine Soloscene aufzuführen; bedenkt aber, ob nicht eine theatralisch veranlagte Nation geradezu in die eigentümliche Lage versetzt ist, um ihrer selbst willen, um Trost und Erleichterung in ihrer sentimentalen oder nicht sentimentalen Stimmung zu finden, ein solches Selbstgespräch zu halten?

Aber in der Neigung zu derartigen theatralischen Scenen zeigt sich sowohl zwischen den Nationen als auch zwischen den Individuen ein großer Unterschied. Wenn z. B. unsere sächsisch-puritanischen Freunde ihren Nationalbund ohne Pulverrauch und Trommelwirbel in einem ärmlichen Zimmer, in einem düsteren Klosterraume der Edinburgher Highstreet, wo man jetzt elenden Branntwein trinkt, beschworen und unterzeichneten, so entsprach es ihrem ganzen Wesen, so und nicht anders zu schwören. Unsere gallisch-encyklopädischen Freunde dagegen müssen dazu ein Champ de Mars haben, das von der ganzen Welt gesehen wird, und eine Schaubühne, der gegenüber das Amphitheater des Kolosseums nur eine Tenne für herumziehende Schauspieler war, kurz, sie müssen etwas haben, was unsere alte Erde noch nie oder kaum je zuvor gesehen hat. Auch diese Methode mag damals und dort ganz natürlich gewesen sein. Ebenso stand auch das 341 Halten der beiden Schwüre im richtigen, d. h. im umgekehrten Verhältnis zum Gepränge bei der Eidesleistung. Denn die theatralische Neigung eines Volkes steht in einem gar komplizierten Verhältnis zu seiner Vertrauensseligkeit, seinem Geselligkeitsbedürfnisse, seinem Enthusiasmus, aber ebenso zu seiner Erregbarkeit und Porosität oder dem Mangel festen Zusammenhanges, schließlich auch zu seiner leicht entzündlichen Leidenschaftlichkeit, die zwar hoch aufflammt, aber in der Regel bald erlischt.

Wie wahr ist es hingegen auch, daß noch kein Mensch oder keine Nation, die etwas Bedeutendes zu thun wähnte, jemals etwas anderes als etwas Unbedeutendes gethan hat! O Bundesfest am Marsfelde mit deinen dreihundert Trommeln, deinen zwölfhundert Blasinstrumenten und deinen auf allen Höhen in der Runde aufgefahrenen Geschützen, die durch ihren Donner in wenigen Minuten ganz Frankreich Kunde von dir geben sollen. Müßte nicht ein Atheist Naigeon von seinem armseligen und mühseligen Krähen – zu dem er verurteilt zu sein scheint – ablassen, wenn er es versuchte, sich achtzehn Jahrhunderte zurückzuversetzen und jene dreizehn ärmlich gekleideten Männer vorzustellen, die bei ihrem kargen Abendmahle in einer niedrigen, jüdischen Hütte kein anderes Symbol hatten als Herzen, die Gott selbst in die göttliche Tiefe des Leides eingeweiht hatte, und die Worte: Dies thut zu meinem Andenken?

 

 << Kapitel 58  Kapitel 60 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.