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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 58
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.
Feierlicher Bund und Vertrag.

So dunkle Stellen und selbst ganz tiefschwarze Flecken werden in der Weißglutflamme des französischen Geistes sichtbar, der jetzt ganz im Schmelzen und Verschmelzen begriffen ist. Hier alte Frauen, die ihre Kinder auf das neue Evangelium von Jean Jacques schwören lassen; dort alte Weiber, die Favrasköpfe am Firmament suchen: das sind unnatürliche Zeichen, die auf etwas hindeuten.

In der That, selbst die patriotischen Kinder der Hoffnung können nicht leugnen, daß Schwierigkeiten vorhanden sind: Emigrierende Seigneurs, Parlamente in heimlicher, aber äußerst gefährlicher Meuterei (obwohl sie den Strick um den Hals haben), vor allem offenkundiger »Kornmangel.« Das sind gewiß betrübende, aber nicht unabwendbare Schwierigkeiten für eine Nation, die hofft; für eine Nation, die im Schmelzen und in der Gluthitze der Gedankenmitteilung begriffen ist, die beispielsweise auf das Zeichen eines Flügelmannes wie ein gutgeschultes Regiment die Rechte zum Schwur erhebt und illuminiert, bis jedes Dorf von den Ardennen bis zu den Pyrenäen seine Dorftrommel gerührt, seinen kleinen Schwur geschworen und den matten Schimmer seiner Talglichtillumination einige Faden weit in die nächtliche Tiefe hinausgesandt hat.

Wenn aber Kornmangel besteht, so sind weder Erde noch Nationalversammlung, sondern nur Arglist und antinationale Intriganten daran schuld. Diese böswilligen Spießgesellen haben noch die Macht, uns zu quälen, so lange die Konstitution nicht fertig ist. Ertragt es, heroische Patrioten; doch nein, warum nicht lieber Abhilfe schaffen? Korn wächst doch, es liegt in Garben oder Säcken da; aber Wucherer und royalistische Verschwörer verhindern den Transport, um das Volk zu Ungesetzlichkeiten zu reizen. Auf denn, ihr organisierten patriotischen Behörden, ihr bewaffneten Nationalgarden, thut euch rasch zusammen; vereinigt euren guten Willen, in der Vereinigung liegt zehnfache Stärke, trefft das geheime Schurkentum mit den vereinten Strahlen eures Patriotismus wie mit einem coup de soleil, auf daß es blind und lahm werde!

Unter welchem Hute oder unter welcher Nachtmütze unserer fünfundzwanzig Millionen diese inhaltsschwere Idee zuerst 334 entsprang (denn in irgend einem Kopfe mußte sie ja entspringen), kann niemand mehr feststellen; eine höchst einfache, jedermann naheliegende, lebendige und zeitgemäße Idee, die, ob sie nun zu wirklicher Größe heranwuchs oder nicht, jedenfalls sich zu einem unermeßlichen Umfang entfaltete. Wenn eine Nation in einem solchen Zustande ist, daß schon ein Flügelmann sie beeinflussen kann, was vermag nicht ein Wort, eine That zu rechter Stunde! Wahrlich, wie die Bohne des Knaben im Märchen, also wird sie in einer einzigen Nacht bis zum Himmel wachsen und wird Raum für Wohnungen und Abenteuer bieten; trotzdem bleibt es immer nur eine Bohne (denn die langlebigen Eichen wachsen anders) und kann schon in der nächsten Nacht ihrer ganzen Länge nach am Boden hingestreckt und im gemeinen Staub niedergetreten liegen.

Aber bedenkt doch wenigstens, wie natürlich bei jeder aufgeregten Nation, die einen Glauben hat, eine derartige Neigung zu Bündnissen ist. Die Schotten, die an einen gerechten Himmel über sich und auch an ein Evangelium, freilich an ein ganz anderes als das eines Jean Jacques glaubten, beschworen in ihrer höchsten Not wie Brüder auf einem verlorenen Posten, die sich angesichts der bevorstehenden Schlacht umarmen und zum Himmel aufblicken, einen feierlichen Bund und Vertrag und brachten die ganze Insel dazu, ihn zu beschwören, ja ihn nach ihrer altsächsischen, hebräisch-presbyterianischen Art auch mehr oder weniger zu halten; – denn er wurde, wie es bei solchen Bündnissen zumeist geschieht, im Himmel gehört und dort auch zum Teile ratificiert: siehst du genauer zu, so ist er auch jetzt noch nicht tot oder dem Tode nahe. Die Franzosen mit ihrer gallisch-heidnischen Erregbarkeit und aufbrausenden Leidenschaftlichkeit haben zwar, wie wir sahen, auch eine Art wirklichen Glaubens, auch sie sind inmitten aller Hoffnungsfreudigkeit hart bedrängt; so kann denn auch in Frankreich ein feierlicher nationaler Bund und Vertrag geschlossen werden, freilich unter ganz anderen Bedingungen, mit ganz anderer Entwicklung und ganz anderem Ausgange.

Beachtet also den unbedeutenden Anfang, den ersten Funken eines mächtigen Feuerwerks; denn läßt sich auch nicht der besondere Hut, so läßt sich doch der besondere Distrikt bestimmen. Am 29. Tage des letzten November sah man die Nationalgarden zu Tausenden von nah und fern mit Militärmusik und ihren mit trikoloren Schärpen geschmückten 335 Municipalbeamten die Rhône entlang nach dem Städtchen Etoile ziehen. Hier leisteten sie nach den üblichen militärischen Übungen und Paraden unter Trompetengeschmetter, Flintensalven und sonstigem Beiwerk, das der patriotische Genius ersonnen hatte, feierlich Eid und Gelübde, unter König und Gesetz treu zu einander zu stehen, insbesondere aber trotz Wucher und Raub für die freie Durchfuhr aller Arten von Feldfrüchten, so lange es solche gäbe, Sorge zu tragen. Das war die Zusammenkunft in Etoile am Ende des milden Novembermondes 1789.

Aber wenn schon eine einfache, unbedeutende Revue mit nachfolgendem Festmahl, Ball und allerlei Deklamationen und ähnlichen Tändeleien eine glückliche Landstadt zum Gegenstand des Interesses und des Neides für die Nachbarstädte macht, um wie viel mehr wird das folgende die Aufmerksamkeit erregen! Zwei Wochen später wird das größere Montélimart, beinahe über sich selbst errötend, dasselbe, ja noch Größeres thun. Auf der Ebene von Montélimart oder, was ebenso voll tönt, »unter den Mauern von Montélimart« sieht der 13. Dezember wieder sechstausend Männer zusammenkommen und schwören; aber sie nehmen in ihren Schwur die folgenden drei neuen, bemerkenswerten und einstimmig angenommenen Verbesserungen auf: erstens, daß die Männer von Montélimart sich mit den bereits verbündeten Männern von Etoile verbinden; zweitens, daß sie, ohne die selbstverständliche freie Durchfuhr des Getreides besonders zu erwähnen, mit weit größerem Nachdruck, in aller Kürze und Bündigkeit »im Angesichte Gottes und ihres Landes« schwören, »allen Beschlüssen der Nationalversammlung bis zum Tode (jusqu' à la mort) zu gehorchen und Gehorsam zu verschaffen;« drittens, und das ist die Hauptsache, daß ein officieller Bericht darüber der Nationalversammlung, Herrn von Lafayette und dem »Wiederhersteller der französischen Freiheit« feierlich überreicht werde, damit diese daraus soviel Trost als möglich schöpfen. So bringt das größere Montélimart seine patriotische Bedeutung zur Geltung und behauptet seinen Rang auf der municipalen Stufenleiter.Histoire Parl. VII, 4.

So ist denn mit dem neuen Jahre das Signal gegeben; denn wird nicht die Nationalversammlung und die feierliche Berichterstattung an sie zum mindesten zu einem Nationaltelegraphen? Es soll nicht nur im ganzen Südosten, wo 336 auch unseren Monsieur d'Artois, wenn es ihm beliebte, von Turin aus einzubrechen, ein heißer Empfang erwarten dürfte, auf allen Straßen und auf dem Rhôneflusse Getreide, so lange es überhaupt Getreide giebt, unbehindert circulieren, sondern es soll nun auch jede Provinz, die Mangel an Korn leidet, die von einem meuterischen Parlamente, von monarchischen Klubs, unkonstitutionellen Verschwörern oder von irgend einer anderen den Patrioten bedrückenden Drangsal heimgesucht ist, dahin gehen und dasselbe oder noch Besseres thun, zumal jetzt, da das Februarschwören alle aufgerüttelt hat. Von der Bretagne bis nach Burgund, fast auf allen Ebenen Frankreichs, unter den Mauern der meisten Städte hört man Trompetengeschmetter, sieht man Banner wehen, sieht man konstitutionelle Manöver ausführen und über allem einen lachenden Frühlingshimmel, während auch die Erde ihr hoffnungkündendes Grün hervorsprießen läßt, darüber heller Sonnenschein, den Stürme aus dem Osten verdunkeln, ähnlich wie der Patriotismus auch nur mit Mühe über Aristokraten und Kornmangel siegt. Da marschieren und schwenken konstitutionell nach dem Ça-ira von Trommeln und Pfeifen und unter der Führung der mit Trikoloren geschmückten Municipalbehörden unsere blank schimmernden Phalangen; oder halten inne, erheben unter Artilleriesalven, die des Zeus Donner nachahmen, ihre Rechte empor, und das ganze Land, oder bildlich gesprochen, das »Universum« blickt auf sie; kurz, tapfere Männer in ihrem besten Feiertagsgewande, schön geschmückte Frauen, von denen die meisten ihren Herzliebsten unter jenen Männerscharen haben, sie alle schwören beim ewigen Himmel und der grünenden, allnährenden Mutter Erde, daß Frankreich frei ist!

Herrliche Tage, da sich Sterbliche wirklich einmal (so unglaublich es klingen mag) in Eintracht und Brüderlichkeit versammelten; da der Mensch, wenn auch nur einmal und nur für Augenblicke in dem langen Jammer von Jahrhunderten, in Wahrheit des Nächsten Bruder ist! – Und dann die Deputationen mit ihren hochtrabenden, weitschweifigen Ansprachen an die Nationalversammlung, an M. de Lafayette und den Wiederhersteller, sehr häufig auch an die Mutter des Patriotismus, die ihren Sitz auf den eichenen Bänken des Jakobinersaales aufgeschlagen hat. Alle Ohren hören von nichts anderem als von Verbrüderungen sprechen. Neue Namen von Patrioten tauchen auf, die eines Tages wohlbekannt klingen werden: Boyer-Fonfrède, der beredte 337 Ankläger des meuterischen Parlaments von Bordeaux, Max Isnard, der beredte Berichterstatter über die Föderation von Draguignan, ein beredtes Rednerpaar, das sich bald zusammenfinden wird, wenn es auch jetzt noch durch die ganze Breite Frankreichs getrennt ist. Immer weiter greifen die Flammen der Verbrüderungen und lodern immer heller. Schon sprechen z. B. die Brüder aus der Bretagne und aus Anjou von einer Verbrüderung aller wahren Franzosen, ja wünschen offen »Tod und Verderben« auf jeden Abtrünnigen herab. Sie gehen noch weiter: während sie in ihrer Ansprache an die Nationalversammlung nur eine leise Klage über die marc d'argent durchblicken lassen, die so viele Bürger zu Passivbürger mache, stellen sie in der Muttergesellschaft schon die Frage, warum nicht ganz Frankreich ein für allemal einen einzigen Bund bilde und einen gemeinsamen Bundeseid schwöre, da sie doch selbst von nun an weder Angiovinen noch Bretonen, sondern lediglich Franzosen wären.Reports etc. (in Hist. Parl. IX, 122-147.) Ein vortrefflicher Gedanke! Er taucht gegen das Ende des Monates März auf, und der ganze Patriotismus kann nicht umhin, diese vortreffliche »Anregung« aufzugreifen, sie so lange zu wiederholen und nach allen Seiten zu erörtern, bis sie laut wird; – dann aber werden die Municipalräte gut daran thun, selbst sie aufzunehmen und in Erwägung zu ziehen.

Die Gründung irgend eines allgemeinen Bundes scheint unvermeidlich zu sein. Das Wo ist gegeben: natürlich Paris; nur das Wann und Wie steht noch in Frage. Auch darauf wird die schaffende Zeit Antwort bringen, ja bringt sie schon; denn in demselben Maße, wie das Bundeswerk fortschreitet, vervollkommnet es sich auch und der Genius des Patriotismus fügt einen Beitrag nach dem anderen hinzu. So kamen in Lyon am Ende des Monats Mai fünfzig oder nach anderen sogar sechzigtausend Menschen zusammen, um einen Bund zu schließen, während eine beinahe unzählbare Menge zuschaute. Vom Morgengrauen bis zur einbrechenden Nacht währte es; denn schon um fünf Uhr an dem hellen, tauigen Morgen stellten sich unsere Lyoner Gardisten in Reih' und Glied, zogen im strahlenden Glanze nach dem Rhônequai, um von dort unter Hut- und Tücherschwenken wackerer Patrioten und schöner Patriotinnen, unter dem fröhlichen Jubel von etwa zweihunderttausend patriotischen Stimmen und Herzen nach dem Bundesfelde zu marschieren. Wer ist dort jene königliche 338 Gestalt, die, ohne Aufmerksamkeit erregen zu wollen, so sehr unter allen hervorragt, die in Begleitung ihrer Hausfreunde und des patriotischen Redacteurs Champagneux schon unter den allerersten hinausgewandert ist? Aus ihren dunklen Augen leuchtet Enthusiasmus, aus den festen Zügen ihres Minervenantlitzes spricht Würde und ernste Freude; wo sich alles freut, freut sie sich am meisten. Das ist Madame Roland de la Platrière.Madame Roland, Mémoires, I (Discours préliminaire, p. 23). Ihr Mann, ein pünktlicher ältlicher Herr, ist königlicher Inspektor der Lyoner Manufakturen, jetzt überdies durch Volkswahl der pünktlichste unserer neuen Stadträte von Lyon; ein Mann, der viel erworben hat, wofern innerer Wert und Fähigkeit erworben werden können, der vor allem die Tochter des Pariser Kupferstechers Phlipon zur Gattin erworben hat. Merke dir, o Leser, diese königliche Bürgerin! Ihre Schönheit und amazonenhafte Würde entzücken das Auge, noch mehr den Geist. Unbewußt ihres Wertes, ihrer Größe, ihrer krystallhellen Reinheit, ist sie ein echter Charakter, ein Geschöpf der Wahrheit und Natur in einer Zeit der Verderbtheit, der Verstellung und des Scheins; in ihrer ruhigen Vollkommenheit, in ihrer ruhigen Unnahbarkeit ist sie, wisse es wohl, die edelste aller lebenden Französinnen, – und als solche wird sie eines Tages bekannt werden. Doch um wie viel glücklicher war sie, so lange sie unbekannt blieb, ja sich selbst nicht kannte. Jetzt blickt sie ahnungslos auf dieses große, theatralische Schauspiel und wähnt, ihre jugendlichen Träume gingen ihrer Erfüllung entgegen.

Und fürwahr, es ist ein Schauspiel wie selten eines und währt vom Morgen bis in die tiefe Nacht! Trommelwirbel und Trompetengeschmetter sind schon an und für sich etwas; was sagt ihr aber zu einem künstlichen, fünfzig Fuß hohen Felsen, mit eingehauenen Stufen und künstlichem Gesträuch? Das Innere – denn in Wirklichkeit besteht der Felsen aus Brettern – bildet einen festlichen Tempel der Concordia, während sich auf der äußeren Spitze die meilenweit sichtbare Kolossalstatue der Freiheit mit ihrer Pike, phrygischen Mütze und ihrer Bürgerkrone erhebt; zu ihren Füßen steht ein Altar des Vaterlandes, Autel de la Patrie. Man hat weder mit Balken und Latten noch mit Stuck und Malerei in allen Farben gespart. Denkt euch ferner, daß auf allen Stufen Banner wehen, daß am Altare das Hochamt gesungen wird, 339 daß fünfzigtausend Kehlen den Bürgereid schwören, während zugleich aus eisernen und anderen Schlünden wie aus einem Vulkan ein Dröhnen und Brausen anhebt, so gewaltig, daß die Wasser der Rhône und Saône für einen Augenblick erschreckt zurückweichen möchten. Ein glänzendes Feuerwerk, Tanz und Gelage bilden den Abschluß dieser Götternacht.Hist. Parl., XII, 274. Und so geht auch das Lyoner Bundesfest vorüber und wird von der Nacht der Vergessenheit verschlungen; doch nicht gänzlich, – denn unsere schöne, wackere Roland war dabei und veröffentlicht, ohne ihren Namen zu nennen, in Champagneux' Courrier de Lyon, einen Bericht darüber, der in sechzigtausend Exemplaren cirkuliert und den man jetzt noch gern lesen möchte.

Nach alledem wird, wie wir sehen, Paris im großen und ganzen nur wenig zu ersinnen, sondern nur nachzuahmen und anzuwenden haben. Und was die Wahl des Festtages betrifft, – welcher Tag im Kalender könnte sich dazu besser eignen als der Jahrestag der Bastille? Und der Platz? Der passendste Festplatz ist, wie jeder einsehen muß, nur das Marsfeld, wo schon mancher Julianus Apostata zur Herrschaft über Frankreich oder die Welt auf den Schild erhoben wurde, wo eiserne Franken mit lautem Zusammenschlagen der Schilde Karl dem Großen Antwort gaben, und wo von altersher das Erhabene an der Tagesordnung war.

 

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