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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 57
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.
Zeichen und Wunder.

Soweit hat es bereits der Contrat social in gläubigen Herzen gebracht. Der Mensch lebt, wie man mit Recht behauptet, vom Glauben; jedes Geschlecht hat mehr oder weniger seinen eigenen Glauben und lacht thörichterweise über den Glauben seiner Vorfahren. Allerdings muß man zugeben, daß der Glaube an den Contrat social einer der allerseltsamsten ist; daß daher ein nachfolgendes Geschlecht darüber mit Recht, wenn auch nicht lachen, so doch sich wundern und mitleidig auf ihn herabsehen könnte. Was heißt denn Contrat? Wären alle Menschen so geartet, daß ein einfacher oder beschworener Kontrakt sie bände, dann wären alle Menschen wahre Menschen und Regierungen etwas Überflüssiges. Nicht darauf kommt es an, was wir uns gegenseitig versprochen haben, sondern was wir nach Abwägung unserer Kräfte uns gegenseitig zu leisten fähig sind; das allein ist es, worauf wir in einer so sündigen Welt, wie der unserigen zählen können. Vor allem gilt dies von einem Volk und einem Herrscher, die sich gegenseitig etwas versprechen, als ob ein ganzes Volk, das sich von Geschlecht zu Geschlecht, ja, was sage ich, von Stunde zu Stunde ändert, überhaupt je irgendwie dazu gebracht werden könnte, zu sprechen oder zu versprechen, noch dazu eine solche Albernheit, wie etwa: »Wir, der Himmel, der jetzt keine Wunder mehr thut, sei unser Zeuge, wir, die ewig wechselnden Millionen, wollen dir, dem gleichfalls veränderlichen Einen erlauben, uns zu zwingen oder uns zu regieren!« Wohl selten hat die Welt einen Glauben gesehen, der sich mit diesem vergleichen ließe.

Und doch hatte man sich damals die Sache so zurechtgelegt. Hätte man dies nicht gethan, wie verschieden wären die Hoffnungen, Versuche und Ergebnisse gewesen! So und nicht anders sollte es aber nach dem Wunsche der oberen Regionen sein: Freiheit durch einen Gesellschaftsvertrag, das war wirklich das Evangelium dieser Ära. Und alle Menschen glaubten daran, wie man an eine frohe Himmelsbotschaft glauben soll, und hingen daran mit überströmenden Herzen, mit Lob und Preis, und traten, Zeit und Ewigkeit herausfordernd, dafür ein. Nein, lächelt nicht, oder thut es nur mit einem Lächeln, das trauriger ist als Thränen. War es doch auch ein Glaube und zwar ein besserer als derjenige, 331 an dessen Stelle er getreten war, als der bloße Glaube an ein ewiges Nirvana und die menschliche Verdauungskraft; denn tiefer als dieser kann kein Glaube herabsteigen.

Denkt aber nicht, daß dieses allgemein herrschende, allgemein schwörende Gefühl der Hoffnung einstimmig war. Mit nichten! Die Zeit war unheilschwanger, die gesellschaftliche Auflösung nahe und gewiß, die gesellschaftliche Wiedergeburt dagegen ein, wenn auch sicheres, so doch schwieriges, noch in weiter Ferne liegendes Problem. Wenn schon die Zeit manchem klarblickenden Zuschauer, der weder mit seiner Überzeugung auf der Seite irgend einer Partei stand, noch an dem immerwährenden Kampfe des einen gegen den anderen teilnahm, unheilschwanger schien, – wie unaussprechlich unheilkündend mußte sie dem getrübten Auge royalistischer Parteigänger vorkommen, für welche der Royalismus das Palladium der Menschheit war, für die mit der Abschaffung des allerchristlichsten Königtums und des allertalleyrandischten Bischoftums zugleich aller loyale Gehorsam, aller religiöse Glaube schwinden und finstere Nacht die Geschicke der Menschen einhüllen mußte! Ernsten Gemütern, welche diesen Glauben haben, geht die Sache tief zu Herzen und drängt sie, wie wir sahen, zu Hintertreppen-Verschwörungen, zu Emigrationen, die den Krieg verbürgen sollen, zu monarchischen Klubs, ja zu noch tolleren Dingen.

Den Geist der Weissagung zum Beispiel hatte man seit Jahrhunderten für erloschen gehalten; diese letzten Zeiten aber haben ihn, der Neigung aller »letzten« Zeiten entsprechend, wieder erweckt, damit wir unter den vielen Tollheiten in Frankreich auch ein Beispiel der allergrößten Tollheit haben. In entlegenen Landbezirken, wohin die Strahlen des Philosophismus noch nicht gedrungen sind, wo eine heterodoxe Konstitution des Klerus den Streit bis zum Altar trägt, und sogar die Kirchenglocken zu kleiner Münze umgeschmolzen werden, glaubt man steif und fest, das Ende der Welt könne nicht mehr fern sein. Tiefgrübelnde, schwarzsehende alte Leute, besonders alte Weiber, geben geheimnisvoll zu verstehen, daß sie wissen, was sie wissen. Hat die heilige Jungfrau noch so lange geschwiegen, stumm ist sie doch nicht geworden; und fürwahr, wenn je, so wäre es jetzt an der Zeit, daß sie spräche. Eine Prophetin – leider haben nachlässige Historiker ihren Namen, Stand und ihre näheren Verhältnisse nicht mitgeteilt – verschafft sich allgemeines Gehör und findet bei nicht wenigen Glauben, unter anderen bei dem Mönche 332 Gerle, einem armen patriotischen Karthäuser und Mitgliede der Nationalversammlung. In pythischem Recitativ, mit wildem, starrem Blick singt sie, es werde ein Zeichen kommen, die himmlische Sonne selbst werde ein Zeichen, eine Scheinsonne aushängen, auf der, wie einige sagen, der Kopf des gehenkten Favras sichtbar sein werde. Horche, Dom Gerle, mit deinem armen, hohlen Kopfe, horche, ja horche nur, – und vernimm nichts.Deux Amis, V, 7.

Merkwürdig dagegen war jenes »magnetische Pergament,« vélin magnétique, der Herren D'Hozier und Petit-Jean, zweier Parlamentsräte aus Rouen. Warum sind die beiden, der sanfte, junge D'Hozier, »auferzogen im Glauben an sein Meßbuch, an genealogische Pergamente« und an Pergamente überhaupt, und der in mittleren Jahren stehende Melancholiker Petit-Jean, am Feste St. Peter und Paul nach St. Cloud gekommen, wo Seine Majestät jagte? Warum warteten sie dort in den Vorzimmern den ganzen lieben Tag zur Verwunderung der Schweizer, warum warteten sie, als man sie hinausgewiesen hatte, sogar vor den Gittern, warum entließen sie ihre Diener nach Paris, als wollten sie endlos warten? – Die beiden haben ein magnetisches Pergamentpapier, worauf sie unter Eingebung der heiligen Jungfrau, die wunderbarerweise die Hülle Mesmerisch-Cagliostrischer Geheim-Philosophie dazu wählte, Belehrungen und Prophezeiungen für den hartbedrängten König geschrieben haben. Auf göttliches Geheiß wollen sie es noch heute dem König unterbreiten und so die Monarchie und die Welt retten. Unbegreifliches Paar sichtbarer Wesen! Ihr wollt Menschen sein, Menschen des achtzehnten Jahrhunderts? Euer magnetisches Pergamentpapier spricht dagegen. Sagt, seid ihr überhaupt etwas? So fragen die Kapitäne der Wache, so fragt der Maire von St. Cloud, so fragt eingehend der Untersuchungsausschuß der Municipalität und Nationalversammlung. Wochen hindurch erhält man keine bestimmte Antwort. Zuletzt wird es klar, daß die richtige Antwort auf diese Frage ein Nein ist. Geht, ihr Phantasten, geht samt eurem magnetischen Pergament. Die Thore eures Kerkers stehen offen. Ihr werdet wohl schwerlich noch einmal den Vorsitz in der Rechnungskammer von Rouen führen, sondern unbeachtet im Dunkel verschwinden.Siehe Deux Amis, V, 199. 333

 

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