Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Thomas Carlyle >

Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 55
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel.
Das Klubwesen.

Wo das Herz voll ist, da sucht es sich aus tausend Gründen und auf tausend Arten mitzuteilen. Wie süß und unentbehrlich ist es in solchen Fällen, sich zu vereinigen; denn in der Vereinigung liegt eine geheimnisvolle Kraft, die von Seele zu Seele geht. Die grübelnden Deutschen sind nach der Ansicht einiger der Meinung gewesen, daß Enthusiasmus nichts anderes bedeute als ein inniges, über das gewöhnliche Maß hinausgehendes Sichgesellen: daher das Wort Schwärmerei oder Schwärmen. Sehen wir nicht auch, daß nur noch glimmende, halberloschene Kohle, wenn man sie zusammenlegt, in hellste, weiße Glut übergeht?

In einem solchen Frankreich müssen gesellige Vereinigungen 322 notwendigerweise erstarken und sich mehren; das französische Leben muß hinaustreten und sich aus einem häuslichen zu einem öffentlichen Klubleben umgestalten. Alte Klubs, die schon keimten, wachsen und blühen; neue sprießen überall hervor. Das ist ein sicheres Zeichen sozialer Unruhe, die auf diese Weise untrüglich zu tage tritt und Beruhigung, aber auch neue Nahrung findet. Jedem französischen Kopfe schwebt prophetisch das Zukunftsbild eines neuen Frankreich vor: ein prophetisches Zukunftsbild, das seine eigene Verwirklichung mit sich bringt, ja beinahe schon Verwirklichung ist und auf jede Weise, bewußt oder unbewußt, darauf hinarbeitet.

Man beachte übrigens, wie der Trieb nach Vereinigung, wofern er nur tief genug wurzelt, immer weitere Kreise und zwar in geometrischer Progression an sich zieht und zur Vereinigung bringt; wie dann in einer solchen schöpferischen Zeit die ganze Welt Vereinigungen oder Klubs bildet, wie dann irgend ein Klub, der stärkste oder glücklichste von allen, durch freundliche Anziehungskraft oder siegreichen Zwang immer mehr erstarkt, bis er unermeßlich stark ist und alle übrigen samt ihren Kräften entweder liebevoll in sich aufnimmt oder feindlich vernichtet. Dies tritt ein, wenn der Vereinsgeist allgemein und die Zeit wirklich schöpferisch ist. Jetzt ist die Zeit schöpferisch, jetzt ist der Klub allgemein: demnach kann es an einem solchen alles absorbierenden Haupt- oder Centralklub nicht fehlen.

Welcher Fortschritt seit dem ersten Auftauchen des bretonischen Komitees! Lange wirkte es im Geheimen und war nicht lässig; mit der Nationalversammlung kam es nach Paris und legte sich den Namen Klub bei, nannte sich vermutlich in Nachahmung jener edlen Engländer, die einen Price und Stanhope zur Beglückwünschung herübergeschickt haben, französischer Revolutionsklub, bald jedoch mit mehr Originalität Klub der Konstitutionsfreunde. Zudem hat er sich um einen billigen Zins den Saal des Jakobinerklosters, eines unserer »überflüssigen Gebäude« gemietet und beginnt nun von hier aus in den Frühlingsmonaten sein Licht über das bewundernde Paris leuchten zu lassen. Allmählich wird er unter dem kürzeren volkstümlichen Namen Jakobinerklub für alle Zeiten allen Ländern denkwürdig werden. Werft einen Blick in das Innere seines Heims: auf starken, aber einfachen Bänken sitzen nicht weniger als dreizehnhundert auserwählte Patrioten, von denen viele Mitglieder der Nationalversammlung sind. Hier seht ihr Barnave, die beiden Lameth, manchmal 323 Mirabeau, immer Robespierre; ferner Fouquier-Tinvilles Frettchengesicht und andere Advokaten; Anacharsis aus dem preußischen Scythien und eine buntgemischte Gesellschaft von Patrioten; – bis jetzt ist alles noch vollkommen reingewaschen, anständig, ja würdevoll. Es fehlt nicht an einem Präsidentensitz und einer Präsidentenglocke, es fehlt weder an einer hohen Rednertribüne noch an Zuschauergalerien, wo auch Frauen sitzen. Hat irgend eine Gesellschaft französischer Altertumsfreunde den geschriebenen Vertrag über die Vermietung des Jakobinersaales aufbewahrt? Oder ist, wurde er das Opfer eines noch unglückseligeren Zufalles als die Magna Charta, von frevelnder Schneidershand zerschnitten? Der Weltgeschichte ist dies nicht gleichgültig.

Diese Freunde der Konstitution haben sich, wie ihr Name vermuten läßt, hauptsächlich deshalb zusammengefunden, um nach den Wahlen zu sehen, wenn Wahlen kommen, und für geeignete Männer zu sorgen, aber auch, um sich im allgemeinen zu beraten, damit das Gemeinwohl keinen Schaden leide; doch sieht man noch nicht, wie dies geschehen soll: denn mögen zwei oder drei irgendwo zusammenkommen, – wenn es nur nicht in einer Kirche geschieht, wo alle zu einem passiven Verhalten gezwungen sind, – so wird kein Sterblicher, auch sie selbst nicht, genau angeben können, wozu sie eigentlich zusammengekommen sind. Wie oft hat es sich gezeigt, daß das angezapfte Faß nicht zu freudigen Herzensergießungen, sondern zu Zweikampf und eingeschlagenen Köpfen geführt hat und aus dem verheißenen Freudenfest ein Fest der Lapithen geworden ist. Dieser Jakobinerklub, der anfangs so strahlend schien und für eine neue Himmelssonne galt, um die Völker zu erleuchten, mußte wie alles in der Welt seine bestimmten Phasen durchlaufen. Leider brannte er immer trüber und trüber mit einem schwefligen, flackernden Lichte – und erschien schließlich am erstaunten Himmel wie ein Wahrzeichen des Tartarus, wie ein düsterlohender Flammenkerker verdammter Geister.

Du fragst nach dem Stil seiner Beredsamkeit? Freue dich, Leser, daß du ihn nicht kennst, daß du ihn nie vollkommen kennen lernen kannst. Die Jakobiner gaben ein Journal ihrer Debatten heraus; jeder, der das Herz hat, es zu lesen und zu prüfen, findet darin: leidenschaftliche, dumpfdröhnende patriotische Beredsamkeit, die ebenso ermüdend als gefährlich, ebenso unversöhnlich als unfruchtbar und nur im Zerstören, seiner eigentlichen Aufgabe, fruchtbar ist. Sei dankbar, daß 324 Vergessenheit so vieles bedeckt, daß jedes Aas mit der Zeit im Schoß der grünen Erde sein Grab erhält und sie noch grüner macht. Die Jakobiner sind begraben, ihr Geist ist es nicht; er setzt vielmehr noch immer, soweit er kann, »die Runde um die Welt« fort. Erst jüngst konnte man ihn mit nackter Brust und todesmutigem Auge bei Missolonghi in Griechenland sehen. Wie merkwürdig! Das alte schlummernde Hellas wurde durch eine Stimme aus der Rue St. Honoré zum Somnambulismus erweckt, der bald in klares Erwachen übergehen wird. Alles stirbt, wie wir schon oft bemerkten, nur nicht des Menschen Geist und seine Thaten. Ist nicht z. B. sogar das Haus der Jakobiner vom Erdboden verschwunden und lebt kaum noch in der Erinnerung einiger alten Leute fort? Der Markt von St. Honoré hat es hinweggefegt, und dort, wo einst dumpfdröhnende Beredsamkeit gleich der Posaune des Weltgerichtes die Erde erbeben machte, feilscht man jetzt friedlich um Geflügel und Gemüse. Selbst die hehre Halle der Nationalversammlung ist Gemeindegrund, und über den Platz, an dem der Stuhl des Präsidenten stand, rollen jetzt Last- und Kehrichtwagen; denn dort ist jetzt die Rue de Rivoli. Fürwahr, beim Hahnenschrei – es sei dieser oder jener Hahn, der kräht, – zerrinnen alle Erscheinungen und lösen sich in Nichts auf.

Die Pariser Jakobiner wurden die »Muttergesellschaft, Société Mère,« und hatten nicht weniger als »dreihundert« kreischende Töchter, die mit ihr »in direkter Verbindung« standen. An indirekt mit ihr verbundenen – nennen wir sie Enkelinnen oder entfernte Verwandte – zählte sie vierundvierzigtausend! – Für den Augenblick wollen wir nur einer Anekdote und einer historischen Thatsache Erwähnung thun. Eines Abends standen wie gewöhnlich zwei Jakobinerbrüder an der Saalthür; die Mitglieder pflegten nämlich der Reihe nach diesen Pflicht- und Ehrenposten zu übernehmen und ließen keinen Menschen ohne Einlaßkarte ein: der eine von unseren Thürhütern war der würdige Sieur Laïs, ein schon bejahrter patriotischer Opernsänger, dessen Kehle schon lange, ohne einen Erfolg erreicht zu haben, verstummt ist; der andere, damals ein Jüngling, Namens Louis Philipp, Orléans' Erstgeborener, ist in jüngster Zeit nach unerhörten Schicksalen Bürgerkönig geworden und müht sich ab, eine Zeitlang zu regieren. Alles Fleisch gleicht dem Grase, es ist entweder hohes Riedgras oder niederes, kriechendes Gras.

Das zweite ist die bemerkenswerte historische Thatsache, 325 daß die Muttergesellschaft sogar in ihrer Glanzperiode nicht alle Patrioten befriedigen kann. Schon muß sie, sozusagen, zwei unzufriedene Schwärme, den einen nach rechts, den anderen nach links, von sich abschütteln. Die eine Partei, welche die Jakobiner für zu lau hält, konstituiert sich als Klub der Cordeliers: es ist ein heißerer Klub, Dantons Element, mit dem Desmoulins geht. Die andere Partei dagegen, welche die Jakobiner für siedendheiß hält, fällt zur Rechten ab und wird zum 1789er Klub, zum Klub der Freunde der monarchischen Konstitution. Sie heißen später nach dem Feuillantenkloster, in dem sie sich versammelten, Klub der Feuillanten. Lafayette ist oder wird ihr Haupt; ihn unterstützen überall die angesehenen Patrioten, sowie die Masse der besitzenden und gebildeten Klasse; – er hat also die schönsten Aussichten. Jetzt, in den Junitagen von 1790, speisen seine Mitglieder feierlich im Palais Royal, bei offenen Fenstern, unter dem Jauchzen der Volksmenge, unter Toasten und begeisternden Gesängen, von denen wenigstens einer zu den schwächsten zählt, die je gesungen wurden.Hist. Parl. IV, 334. Wenn ihre Zeit gekommen ist, werden auch sie über die Grenzen in kimmerische Finsternis vertrieben werden.

Ein anderer Klub, der sich offen als Monarchischen oder Royalistischen Klub, »Club des Monarchiens,« bekennt, kann trotz der bedeutenden Fonds, über die er verfügt, trotz der damastenen Sofas, auf denen er seine Sitzungen hält, nicht einmal für einen Augenblick Beifall ernten; er erntet nur Spott und Hohn, bis ihn schon nach kurzer Zeit eine gewisse Gattung von Patrioten, die eines Abends oder an mehreren Abenden ganz unbefugterweise in großer Zahl bei ihm eindringt, durch ihr Grunzen von seinem peinvollen Dasein erlöst. Lebenskräftig wird sich nur die Muttergesellschaft und ihre Familie zeigen; sogar die Cordeliers können in ihren Schoß zurückkehren, der inzwischen wohl warm genug geworden sein dürfte.

Das sind unheilvolle Aussichten! Sind nicht solche Gesellschaften der Anfang einer neuen Gesellschaftsordnung überhaupt? Ist es der Trieb nach Vereinigung, das Aggregationsprinzip, das von neuem zu wirken beginnt in einer alt und brüchig gewordenen Gesellschaft, die in Schutt und ihre Elementar-Atome zerfällt? 326

 

 << Kapitel 54  Kapitel 56 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.