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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 54
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.
Der Journalismus.

Der Konstitutionalismus mit seinen Nationalgarden thut, was er kann, und hat vollauf zu thun; während er mit der einen Hand dem Patriotismus verständnisvoll zuwinkt, muß er die andere geballt halten, um den royalistischen Verschwörern zu drohen; eine gar heikle Aufgabe, die viel Takt erfordert.

Heute erhält z. B. der Volksfreund Marat seinen »Haftbefehl, prise de corps« zugestellt und verschwindet von der Bildfläche; morgen wird er wieder ganz freigelassen, ja sogar wie ein Kettenhund, dessen Bellen nützen kann, aufgemuntert. Präsident Danton erklärt und zwar öffentlich mit dröhnender Stimme, in einem Falle wie in dem Marats sei es erlaubt »der Gewalt mit Gewalt zu begegnen.« Hierauf erläßt das Châtelet auch gegen Danton einen Haftbefehl: aber der ganze Cordeliers-Distrikt beantwortet dies mit der Frage, ob sich wohl ein Gerichtsdiener finden dürfte, der bereit wäre, den Haftbefehl auszuführen. Noch zweimal schleudert das Châtelet seine Haftbefehle gegen ihn, beidemal vergebens: das Châtelet kann eben Danton nicht zu Leibe. Danton bleibt unverhaftet und wird, müßte er auch für eine Zeitlang fliehen, noch das Châtelet selbst zur Hölle fahren sehen.

Die Munizipalität und Brissot sind unterdessen in ihrer Munizipal-Konstitution weit vorgeschritten. Aus den sechzig Distrikten werden achtundvierzig Sektionen; vieles soll geordnet werden, und Paris soll seine Konstitution erhalten, eine Konstitution, die durchaus auf Wahl beruht, wie ja die ganze Regierung Frankreichs darauf beruhen soll und muß. Nur ein fatales Element ist eingeschmuggelt worden: das des »Citoyen actif.« Wer nicht mindestens die marc d'argent, d. h. eine jährliche, einem dreitägigen Tagelohn gleichkommende Steuer leistet, soll nur ein Citoyen passif sein und gar kein Stimmrecht haben, wäre er auch das ganze Jahr hindurch mit Hammer und Axt thätig, actif. Unerhört! schreien die patriotischen Journale. Ja, gewiß, meine patriotischen Freunde, wenn Freiheit, das leidenschaftliche Sehnen und Gebet aller Menschen, nur das Recht bedeutet, seinen fünfzigtausendsten Teil eines Zungendreschers in den nationalen Debattierklub zu entsenden, dann hat man auch, dessen sind die Götter Zeugen, ungerecht gehandelt. O, wenn wirklich eine solche Glückseligkeit in dem National-Palaver (wie es 318 die Afrikaner nennen, zu finden ist, welcher Tyrann brächte es über sich, auch nur einen Adamssohn davon auszuschließen? Ja, könnte es nicht auch ein Weiberparlament geben, in dem man »Gekreisch von den Bänken der Opposition« vernimmt, oder aus dem »ein ehrenwertes Mitglied wegen eines hysterischen Anfalles hinausgetragen wird?« Einem Kinderparlament würde ich gern zustimmen, ja, wenn ihr wollt, noch weiter bis zu einem Säuglingsparlament hinabgehen. Geliebte Brüder! Die Freiheit, muß man fürchten, ist, wie die alten Weisen sagten, wirklich nur im Himmel zu finden. Wo aber hat nach deiner Meinung, erleuchtetes Publikum, die tapfere kleine Frau von Staal (nicht Neckers Tochter, sondern eine weit klügere als sie) den der Freiheit ähnlichsten Zustand hier auf Erden gefunden? Nach reiflicher Überlegung antwortet sie mit der kühlen Ruhe Dilworths: In der Bastille!De Staal, Mémoires (Paris 1821), I, 169-280. Im Himmel? fragen manche zweifelnd. Wehe, daß sie noch fragen; darin liegt eben das Elend. »Freiheit ist himmlisch;« das bedeutet viel, vielleicht sogar Anteil am National-Palaver bedeutet es aber wahrscheinlich nicht.

Aber ein Zweig des Sansculottismus, der aufblühen muß, ist der Journalismus. Soll sich nicht, da Volksstimme Gottesstimme ist, diese göttliche Stimme hörbar machen, ja bis an die Enden Frankreichs und in ebenso vielen Zungen hörbar machen wie damals bei dem ersten Turmbau zu Babel? Einige brüllen laut wie der Löwe, andere girren sanft wie die Tauben. Selbst Mirabeau hat sein belehrendes Journal oder einige Journale, an denen Genfer Handlanger mitarbeiten; überdies hat er Streit genug mit seiner Verlegerin Frau Le Jay, so übergefällig sie sich sonst zeigt.Dumont, Souvenirs, 6.

Royou druckt noch immer seinen Königsfreund, Barrère vergießt trotz sinkenden Absatzes in seinem »Tagesanbruch« Thränen loyaler Empfindsamkeit. Doch warum ist Fréron ein solcher Hitzkopf und Demokrat, Fréron, der Neffe des »Königsfreundes«? Die Hitze ist sein Erbteil; denn die Wespe Fréron, Voltaires Frélon, zeugte ihn, die, wenn auch nur durch Kritiken auf Makulaturpapier, so lange stach, als sie Stachel und Giftsack besaß. Constant giebt den nützlichen Moniteur heraus und verbreitet wie der Laternenanzünder am Abend Licht und Helligkeit. Der Moniteur erscheint jetzt täglich, bringt Thatsachen ohne viele Kommentare; 319 er ist offizielles Organ und hält die sichere Mittelstraße ein. Seine damaligen Chefredacteure sind schon längst wiederbringlich oder unwiederbringlich in die Nacht der Vergessenheit hinabgesunken. Der herbe Loustalot mit der »Herbheit« unreifer Schlehen wird nie zur Reife kommen, sondern vor der Zeit sterben; sein Prudhomme aber wird die »Révolutions de Paris« nicht sterben lassen, sondern sie nebst vielem anderen selbst herausgeben, – mag er auch persönlich ein langweilig polternder Drucker bleiben.

Von Cassandra-Marat war schon oft die Rede; die überraschendste Wahrheit soll aber erst gesagt werden: daß er wirklich nicht ohne gesunden Menschenverstand ist, daß seine frostige, heisere Kehle übergenug Wahres hervorkrächzt. Ja, manchmal könnte man meinen, er habe einen Anflug von Humor und lache sogar ein wenig im Innersten seines Ichs. Camille besitzt mehr Witz und Freimut als er und ist wie immer cynisch, aber auch sonnig-heiter: eine leichtlebige, liederreiche Natur, »geboren, Verse zu schreiben,« wie er einst unter bitteren Thränen erklären wird, ein hellstrahlender Apollo, klar und doch mild leuchtend mitten in diesem Titanenkampfe, in dem er nicht siegen soll!

Zusammengelegte und feilgebotene Zeitungen giebt es in allen Ländern, aber in einem journalistischen Elemente wie dem französischen muß man auf neue und seltsame Arten vorbereitet sein. Was sagt der englische Leser zu einer Plakatzeitung, Journal affiche, die schon von weiten durch alle Farben des Spektrums das Auge auf sich lenkt und die auch derjenige, welcher keinen Sou besitzt, lesen kann? Solche Zeitungen werden in den kommenden Monaten, da die öffentlichen und privaten Patrioten-Vereine sich häufen und Gelder durch Subskription aufbringen können, in großer Menge ausgehängt werden; Blätter, geleimte Blätter, um zu fangen, was zu fangen ist. Sogar die Regierung hat ihre journalistische Leimruthe. Louvet, jetzt noch mit einer »reizenden Novelle« beschäftigt, wird die »Schildwachen,« Sentinelles, schreiben und mit großem Erfolg ankleben, ja, Bertrand de Moleville wird es in seiner drückendsten Not noch schlauer anzufassen versuchen.Bertrand Moleville, Mémoires, II, 100 etc. Der Journalismus ist eine Macht; ist nicht jeder Chefredacteur durch die Kunst seiner Überredung ein Weltbeherrscher, ein Herrscher durch Selbstwahl, aber sanktioniert durch den Absatz seiner Nummern? Freilich besitzt die Welt 320 auch das wirksamste Mittel, ihn nötigenfalls zu entthronen: sie braucht ihm einfach nichts abzunehmen, dann muß er verhungern.

Auch das, was die Pariser Zettelankleber zu leisten hatten, ist nicht gering zu schätzen; es sind ihrer über sechzig, alle ausgerüstet mit Querstöcken, Ranzen, Kleistertöpfen, sogar mit bleiernen Abzeichen; denn die Munizipalität erteilt ihnen die Konzession zu ihrem Gewerbe; ein sakrosanktes Kollegium, eigentlich Herolde der Weltbeherrscher, obwohl sie in der erst beginnenden, noch rohen neuen Ära noch nicht als solche geachtet und geehrt werden. Sie waren es, die durch eine immer neue periodische Litteratur die Mauern von Paris zu Stätten der Belehrung und Überzeugung machten. Jeder Vorübereilende, der lesen konnte, fand hier: Plakatjournale, Plakatspottgedichte, Verordnungen der Munizipalität, königliche Proklamationen, dazu noch die ganze übrige Masse gewöhnlicher Plakate – vorausgesetzt, daß man sie nicht mit verächtlicher Geringschätzung ausgelassen hatte. Was für unsagbare Dinge haben die Steinmauern innerhalb dieser fünf Jahre erzählt! Dies alles ist dahin; das Heute hat das Gestern verschlungen und wurde selbst vom Morgen verschlungen, wie es mit dem gesprochenen Worte immer geht. Ja, ist selbst dein geschriebenes Wort, du unsterblicher Schriftsteller, etwas anderes als ein für eine kurze Spanne Zeit konserviertes Wort? Das Plakatjournal konservierte es für einen Tag, manche Bücher konservieren es für etwa zehn, einige für dreitausend Jahre: was geschieht aber dann? Nun dann, wann die Zeit um ist, stirbt es auch, und die Welt ist seiner ledig. Wahrhaftig, wohnte nicht im Worte des Menschen, wie im Menschen selbst ein Geist, der das hörbare, fleischgewordene Wort überdauerte und immer und in alle Ewigkeit entweder Gott oder dem Teufel zustrebte, warum sollte sich dann der Mensch wegen der Wahrheit oder Lüge seines Wortes viel Skrupel machen – wenn nicht etwa aus geschäftlichen Rücksichten? Aber ist es nicht seine Unsterblichkeit und die Frage, ob sie ein halbes oder ein ganzes und noch ein halbes Menschenleben dauern wird, eine Sache von großer Bedeutung? Unsterblichkeit, Sterblichkeit! – Der große Fritz trieb einst einige feige Ausreißer mit den Worten in den Kampf zurück: »Ihr Racker, wollt ihr denn ewig leben?«

So teilt man jetzt Gedanken mit; welches Glück, wenn es überhaupt Gedanken mitzuteilen giebt! Vernachlässigt aber deshalb nicht, wo es am Platze ist, die einfacheren, alten 321 Methoden. Das Zelt beim Palais Royal hat der tyrannische Patrouillotismus beseitigt; kann er auch menschliche Lungen beseitigen? Anaxagoras Chaumette sahen wir auf Prellsteinen stehen, während Tallien an seinem Subredaktionspulte saß und arbeitete. In jedem Winkel der civilisierten Welt läßt sich eine Tonne umstürzen, die ein stimmbegabter, artikuliert sprechender Zweifüßler besteigen kann; ja, mit einiger Erfindungsgabe kann man sich für Geld und gute Worte ein tragbares Gestell oder einen Klappstuhl verschaffen; den kann ein peripatetischer Redner, wenn er von einem Orte vertrieben wird, in die Hand nehmen, um ihn an einem anderen wieder aufzustellen, und kann dabei mit der Seelenruhe des weisen Bias sagen: Omnia mea mecum porto.

Das ist die Art, wie der Journalismus spricht, wie er feilgeboten und angeklebt wird. Welcher Wandel seit der Zeit, da der einzige alte Metra, »Metra der Zeitungsmann,«Dulaure, Histoire de Paris, VIII, 483; Mercier, Nouveau Paris etc. der eine Notabilität von Paris war, mit vergoldetem Dreispitz in demselben Tuileriengarten spazieren ging und die Zeitung entweder vor die Nase oder leichtgefaltet hinten am Rücken hielt, da selbst Ludwig zu sagen pflegte: »Qu'en dit Metra?« Welche Veränderung, seit in Venedig das erste Neuigkeitsblatt um einen Heller, Gazza, verkauft wurde und davon den Namen Gazzetta erhielt! Wir leben in einer gar fruchtbaren Welt.

 

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