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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das papierene Zeitalter.

Erstes Kapitel.
Astraea redux

Ein Philosoph und Freund von Paradoxen stellte, Montesquieus Aphorismus: »Glücklich das Volk, dessen Annalen langweilig sind« auf die Spitze treibend, die Behauptung auf: «Glücklich das Volk, dessen Annalen leer sind.« Kann in dieser Behauptung, so toll sie klingt, nicht doch ein Körnchen Wahrheit liegen? Wie es geschrieben steht: »Schweigen ist göttlich« und kommt vom Himmel, so giebt es auch in allen irdischen Dingen ein Schweigen, das besser als alles Reden ist. Bedeutet denn nicht, genau betrachtet, jedes Ereignis, das man besprechen, jede Sache, an die man erinnern kann, unter allen Umständen eine Unterbrechung, ein Aufheben der Kontinuität? Ja, selbst ein freudiges Ereignis schließt doch Veränderung, Verlust an thätiger Kraft in sich und ist insofern entweder in der Vergangenheit oder in der Gegenwart eine Unregelmäßigkeit, eine Krankheit. In dem Zustande steter Ruhe läge also, wenn sich Bewegung und Veränderung vermeiden ließen, unsere wahre Glückseligkeit.

Tausend Jahre wächst die Eiche schweigend im Walde; erst im tausendsten Jahre, wenn der Holzfäller mit seiner Axt kommt, zieht ein Echo durch den stillen Wald: die Eiche kündet selbst mit weithin schallendem Krachen, daß sie fällt. Schweigend geschah auch das Pflanzen der Eichel, die dem Schoß eines wandernden Windes entfiel. Ja, selbst wenn unsere Eiche ihre freudigen Ereignisse hatte, wenn sie sich mit Blättern schmückte, wenn sie blühte, vernahm man da ein jubelndes Verkünden? Nein, kaum ein Wort des Erkennens aus dem Munde eines aufmerksamen Beobachters. Diese Dinge ereigneten sich eben nicht, sie vollzogen sich langsam, nicht in einer Stunde, sondern im Laufe der Zeit: Was ließ sich darüber sagen? Die gegenwärtige Stunde schien genau so, wie die vergangene war und die nächste wahrscheinlich sein wird.

28 So ist es überall; auch die Thörin Fama schwatzt nicht von dem, was gethan, sondern von dem, was schlecht oder gar nicht gethan worden ist; und die thörichte Geschichte (die ja mehr oder weniger der geschriebene kurze Auszug der Fama ist) kennt auch so wenig, was nicht ebensogut hätte unbekannt bleiben können. Die Verheerungen eines Attila, die Kreuzzüge eines Walther von Habenichts, Sicilianische Vespern, dreißigjährige Kriege: Nichts als Elend und Sünde, keine Arbeit, sondern Hemmung der Arbeit! Und doch war die Erde all die Zeit hindurch alljährlich grün und tauchte sich alljährlich in das Gold ihrer gesegneten Ernten; die Hand des Arbeiters, der Kopf des Denkers ruhten nicht, und so haben wir nach alledem und trotz alledem diese herrliche, blühende, hochgewölbte Welt. Da mag denn die arme Geschichte verwundert fragen: Woher dies? Davon weiß sie so wenig und weiß sie so viel von allem, was das Schaffen gehemmt hat oder fast unmöglich gemacht hätte. Das ist nun, sei es aus Notwendigkeit oder thörichter Wahl, ihre Regel und Gewohnheit; und daher enthält jenes Paradoxon: »Glücklich das Volk, dessen Annalen leer sind,« doch ein Körnchen Wahrheit.

Und doch giebt es, was hervorgehoben zu werden verdient, auch eine Ruhe, nicht des ungehemmten Wachstums, sondern passiver Unthätigkeit, welche die Vorbotin nahenden Verfalles ist. Wie der Sieger schweigt, so schweigt auch der Besiegte. Von den beiden feindlichen Kräften hat sich die schwächere ergeben, die stärkere schreitet weiter, geräuschlos, doch rasch und unaufhaltsam: Ihr Fall und Untergang wird nicht geräuschlos sein. Wie doch alles wächst und gleich den Halmen des Feldes seine bestimmte Lebensdauer hat: Ein Jahr, hundert Jahre, tausend Jahre! Alles wächst und stirbt, jedes nach seinen eigenen, wunderbaren Gesetzen, jedes nach seiner eigenen, wunderbaren Art; am wunderbarsten geistige Dinge. Sie bleiben dem Weisesten unerforschlich und lassen sich weder vorherbestimmen noch begreifen. Prangt die Eiche in stolzer Pracht vor euren Augen, so wißt ihr, daß sie im Mark gesund ist; vom Menschen läßt sich nicht das Gleiche sagen, noch viel weniger von einer Vereinigung der Menschen oder dem Volke. Von diesem kann man sogar behaupten, daß der äußere Schein, ja selbst das innere Gefühl voller Gesundheit in der Regel Schlimmeres bedeutet. In der That gehen Kirchen, Monarchien und sociale Institutionen am häufigsten an einem Zustande träger Vollblütigkeit, sozusagen an 29 Apoplexie zu Grunde. Traurig, wenn eine solche Institution mit der Trägheit des Übersättigten zu sich selbst spricht: Mache es dir bequem, du hast der Güter genug aufgespeichert! – Sie gleicht dem Thoren in der Bibel, dem die Antwort ward: Thor, noch in dieser Nacht wird dein Leben von dir zurückgefordert werden!

Ist es der gesunde oder der ungesunde, unheilschwangere Frieden, dessen sich Frankreich während der nächsten zehn Jahre erfreut? Ist es eine friedliche Zeit, über welche der Geschichtschreiber leichten Herzens hinweggehen kann, weil er keinen Anlaß zum Verweilen findet? Noch giebt es keine Ereignisse, noch viel weniger Thaten. Zeit der sonnigsten Ruhe! sollen wir dich, wofür dich alle Menschen hielten, das neue goldene Zeitalter nennen? Nennen wir dich wenigstens das papierene Zeitalter; Papier vertritt ja oft die Stelle des Geldes: Bankpapier, womit man auch dann noch kaufen kann, wenn kein Geld mehr vorhanden ist, oder Buchpapier, das mit blendenden Theorien, Philosophien und Gefühlsergüssen prunkt. O der herrlichen Kunst, Gedanken zu offenbaren, aber auch den Mangel an Gedanken zu verbergen! Ja, das Papier hat unendlich viele Vorzüge, – und das Papier ist ans Lumpen gemacht, aus Sachen, die einst existierten! – Welcher weiseste unter den Philosophen hätte also in jener ruhigen, heiteren, ereignislosen Periode voraussagen können, daß schon, schwanger mit Finsternis und Verwirrung, das Ereignis der Ereignisse herannahte? Wie dem Erdbeben oft heiteres Wetter vorausgeht, so führt die Hoffnung die Revolution ein. Fünfzehn Jahre später wird kein alter Ludwig am 5. Mai um die Sakramente schicken, aber ein neuer Ludwig, sein Enkel, wird mit allem Pomp vor dem staunenden, freudetrunkenen Frankreich die Reichsstände eröffnen.

Mit dem Dubarrytum und seinen d'Aiguillons ist es für immer vorbei. Jetzt hat Frankreich einen jungen, von den besten Absichten beseelten, noch eifrigen König, eine wohlwollende, schöne, junge, mildthätige Königin, und mit ihnen wird Frankreich selbst wieder jung. Maupeou und sein Parlament sind in dunkle Nacht verschwunden; ehrenwerte Männer, die der Nation nicht gleichgültig sind, und wäre es nur deshalb, weil sie Gegner des Hofes waren, verlassen jetzt die »steilen Felsen zu Croe in Combrailles« und andere Exile und kehren lobpreisend zurück: Das alte Parlament von Paris nimmt seine Arbeiten wieder auf. Statt des 30 verschwenderischen, bankrotten Abbé Terray haben wir den tugendhaften Turgot zum Finanzminister, der schon ein völlig reformiertes Frankreich in seinem Kopfe trägt, der alles, was in den Finanzen und sonstwo nicht in Ordnung ist, ins rechte Gleis bringen wird, – soweit es möglich ist. Scheint es nicht, als sollte von nun an die Weisheit selbst im Rate des Königs Sitz und Stimme haben? Turgot hat wenigstens in diesem Sinne bei der Übernahme des Amtes mit dem edelsten Freimut gesprochen, und der König hat ihn mit dem edelsten Vertrauen angehört.Turgots Brief vom 24. August 1774: Condorcet, Vie de Turgot (Oeuvres de Condorcet, t. v.), p. 67. Es ist zwar richtig, daß König Ludwig seine Bedenken hat: »Er geht, wie es heißt, nie zur Messe;« aber das freisinnige Frankreich hat Turgot darum nicht weniger lieb, das freisinnige Frankreich antwortet: »Abbé Terray ging immer!« Das Philosophentum sieht jetzt zum erstenmal einen Freidenker (ja einen Philosophen) in Amt und Würden und wird ihm in allem beifällig zustimmen. Auch der alte, leichtfertige Maurepas wird ihm, wenn es sein kann, kein Hindernis in den Weg legen.

Und wie »milde« sind auch die Sitten; selbst das Laster »verliert alle Häßlichkeit,« wird schicklich (wie alles Geltende, das sich selbst seine Regeln giebt), ja wird beinahe zu einer Art »milder« Tugend. Es herrscht ein Überfluß an Intelligenz, die noch dazu durch Witz und die Gabe einer geistreichen Konversation glänzt. In den schimmernden Salons des geistreich gewordenen Reichtums sitzt frohgemut das Freidenkertum zu Gaste – neben ihm zu sitzen rechnet sich sogar der Adel zur Ehre an – und predigt, über alle Bastillen erhaben, das nahende Millennium. Der Patriarch Voltaire grüßt vom fernen Fernay; auch die Veteranen Diderot, d'Alembert haben diesen Tag erlebt: Sie und die Jüngeren, die Marmontels, Morellets, Chamforts, Raynals beleben und erheitern das auserlesene Mahl der reichen Witwe, ihrer Gönnerin, oder des philosophierenden Generalpächters. O himmlische Mahle, o himmlische Nächte! Was man lange behauptet und versichert hat, geht der Verwirklichung entgegen: »Das Zeitalter der Revolutionen naht heran« (wie Jean Jacques schrieb), aber das der glücklichen, der gesegneten; der Mensch erwacht aus seinem langen Geistesschlafe und verscheucht die Phantome, die ihn in ihrem Banne gefangen hielten. Seht, von den Höhen des Ostens strahlt der neue 31 Morgen herab; flieht, falsche Phantome, vor den Strahlen des Lichtes; alle Unwahrheit und Unvernunft fliehe von hinnen und verlasse dieses Erdenthal für immer! Wahrheit und Astraea redux (in Gestalt der Philosophie) werden von nun an das Scepter führen. Zu welchem anderen Zwecke wurde denn der Mensch überhaupt erschaffen, wenn nicht dazu: »Glücklich zu sein?« Und Glück harrt jetzt seiner, dank der siegreichen Analyse und dem Fortschritt des Menschengeschlechtes, in Hülle und Fülle. Könige können Philosophen, Philosophen können Könige werden; laß nur erst die Gesellschaft richtig konstituiert sein – durch die siegreiche Analyse. Jeder Magen, der leer ist, soll gefüllt, jede Kehle, die trocken ist, soll feucht werden; selbst die Arbeit soll nur Ruhe und Erquickung, aber keine Beschwerde sein. Man sollte zwar meinen, daß unbestellte Weizenfelder nicht grünen und gedeihen können, und daß die Feldarbeit müde und schmutzig macht, – es müßten denn Maschinen sie verrichten? Schneider und Wirte sollen zur gewünschten Stunde unentgeltlich zu Diensten stehen: Man ist nur über das Wie? noch nicht im Klaren. Wenn aber nach den Geboten des Wohlwollens einer für alle und alle für einen sorgen werden, dann wird sicherlich – niemand unversorgt bleiben. Ja, wer weiß, ob es nicht der siegreichen Analyse, wenn sie so fortschreitet, noch gelingt, »das menschliche Leben ins Unendliche zu verlängern;« dann wird die Menschheit auch des Todes ledig werden, des Teufels ist sie es schon; dann werden wir Tod und Teufel zum Trotz glücklich sein! – So verkündet das Freidenkertum mit hochtönenden Worten sein Redeunt Saturnia regna. –

Der prophetische Sang von Paris und seinen Freidenkern dringt vernehmlich bis ins Oeil de Boeuf von Versailles: das Oeil de Boeuf, dem es in erster Linie um ein viel näherliegendes Glück zu thun ist, antwortet höchstens mit einem artigen: Warum nicht? Der gute, alte, heitere Maurepas ist ein zu lustiger Premier-Minister, um der Welt die Freude zu stören; hat doch ohnehin jeder Tag seine Plage. Der fröhliche Alte macht seine Späße, lebt sorglos in den Tag hinein und sucht nur seinen Mantel nach dem Winde zu drehen, um womöglich allen zu gefallen. Einem Maurepas kommt es gar nicht in den Sinn, den schlichten, jungen König mit Geschäften zu behelligen; so hat sich dieser in seine Privatgemächer zurückgezogen; er ist wortkarg, unentschlossen, zuweilen in gereizter Stimmung; endlich entschließt er sich zu leichter Schmiedearbeit und lernt bei einem Sieur Gamain (den zu segnen er 32 einmal wenig Grund haben wird) Schlösser machen.Campan, I. 125. Überdies scheint er etwas aus der Geographie zu wissen und kann englisch lesen. Armer junger König. Dein kindliches Vertrauen zu dem alten Thoren Maurepas hätte einen besseren Lohn verdient; so aber hat sich alles, Freund und Feind, Schicksal und du selbst, zu deinem Verderben verbunden.

Die holde, junge Königin wandelt inzwischen wie eine Göttin der Schönheit in ihren Staatsgemächern umher und zieht aller Augen auf sich; noch mischt sie sich nicht in Staatsgeschäfte, fürchtet nichts von der Zukunft, ja denkt nicht einmal an sie. Weber und die CampanCampan, I. 100-150. Weber, I. 11-50. haben sie geschildert: In den mit königlicher Pracht ausgestatteten Prunkgemächern, in ihren reizenden Boudoirs, im Bade, im Frisiermantel, in großer und kleiner Toilette; stets eine ganze Welt voll Glanz um sich, die ihr huldigt und unterthänig auf einen Blick von ihr wartet. Holde, junge Tochter der Zeit! Was hat die Zukunft für dich aufgespart! Jetzt schwebt sie als die blendendste Erscheinung dieser Erde voll Anmut inmitten aller Erdengröße dahin; sie ist eine Wirklichkeit und doch eine magische Vision; denn wird nicht die tiefste Finsternis sie verschlingen? Das sanfte, junge Herz nimmt Waisen an Kindesstatt an, stattet tugendhafte Mädchen aus, freut sich, Armen zu helfen, – Armen, die man ihr malerisch in den Weg stellt, und bringt diese Art des Wohlthuns in Mode; denn, wie gesagt, das Reich des Wohlwollens hat begonnen. Mit der Herzogin von Polignac und der Prinzessin von Lamballe verbindet sie sogar ein der Freundschaft ähnliches Gefühl; nach sieben langen Jahren hat sie jetzt auch ein Kind und wird bald Mutter eines Dauphins sein; auch in ihrem Gemahl findet sie ihr Glück, soweit es Königinnen vergönnt ist.

Ereignisse? Die einzigen Ereignisse, die es giebt, sind für wohlthätige Zwecke veranstaltete Tugendfeste (Fêtes des Moeurs) mit ihren Preisverteilungen und schönen Reden; Fischweiberprozessionen zu der Wiege des Dauphins; vor allem aber Liebeleien, ihr Entstehen, ihre Entwicklung, ihr Erkalten und ihr Ende; Schneestatuen, eine Huldigung der Armen für die Königin, von der sie im strengen Winter mit Brennholz beschenkt wurden; Maskeraden, Liebhaber-Theater, Verschönerungen von Klein-Trianon, Ankauf und Restaurierung von St. Cloud, Reisen vom Sommer-Hof-Elysium ins 33 Winter-Elysium; Schmollen und Grollen der sardinischen Schwägerinnen (denn auch die Prinzen sind jetzt verheiratet); kleine Eifersüchteleien, welche die Hofetikette niederzuhalten weiß: kurz ein Prickeln des oberflächlichsten, gehaltlosesten, aber künstlich verfeinerten Lebensschaumes, – köstlich, doch leider ebenso kostbar wie schäumender Champagnerwein.

Monsieur des Königs älterer Bruder, der sich auf den Schöngeist hinausspielt, neigt den Philosophen zu; Monseigneur d'Artois reißt einer schönen Unverschämten die Maske vom Gesicht; hat infolgedessen ein Duell auszutragen, – bei dem beinahe Blut fließt.Besenval, II. 282-330. Er trägt Hosen einer neuen, noch nie dagewesenen, geradezu fabelhaften Art; »vier lange Lakaien,« schreibt Mercier, als ob er Augenzeuge gewesen wäre, »heben ihn empor und lassen ihn dann in das Kleidungsstück hineinfallen, damit sich nicht das allerkleinste Fältchen bilde; abends müssen ihn dieselben vier Leute auf dieselbe Art nur mit etwas mehr Anstrengung aus seiner engen Haft befreien.«Mercier: Nouveau Paris, III. 147. Dieser Mann, dessen Schicksal die »Drei Tage« besiegelt haben, lebt heute als ein abgelebter Greis in GrazA. D. 1834. – vereinsamt und verlassen! So werden die armen Sterblichen hin und her geschoben und gestoßen.

 

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