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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 47
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.
Das gemeinsame Mahl.

Warum verweilt aber Mounier so lange, warum kommt er nicht mit der Deputation zurück? Es wird sechs Uhr, es wird sieben Uhr, und noch kein Mounier, noch keine unbedingte Annahme.

Und seht, jetzt sind die triefenden Mänaden nicht als Abordnung, sondern in Massen in die Versammlung eingedrungen und unterbrechen auf die schmählichste Weise die Parlamentsredner und die Tagesordnung. Maillard und der Vicepräsident können sie kaum in Schranken halten, selbst Mirabeau's Löwenstimme vermag sie trotz des Beifalls, den er findet, höchstens auf Minuten zum Schweigen zu bringen; immer wieder unterbrechen sie die Wiedergeburt Frankreichs mit den Rufen: »Brot, nicht so lange Reden.Du pain, pas tant de longs discours!« – So wenig Verständnis bringen diese armen Geschöpfe den Ergüssen parlamentarischer Beredsamkeit entgegen!

Man bringt auch in Erfahrung, daß die königlichen Wagen bespannt werden, als sollte es nach Metz gehen. Wagen, gleichgültig ob königliche oder andere, haben sich allerdings an den hinteren Thoren sehen lassen. Sie zeigten oder beriefen sich auf eine schriftliche Ordre unserer noch monarchisch, nicht demokratisch gesinnten Munizipalität von Versailles; nichtsdestoweniger wurden sie von Versaillern Patrouillen dem strengen Befehle des wachsamen Lecointre gemäß wieder hineingetrieben.

Fürwahr, ein thätiger Mann ist in diesen Stunden Major Lecointre; denn Oberst d'Estaing bleibt unsichtbar im Oeil de Boeuf, unsichtbar oder, was bedenklicher erscheint, er wird für Augenblicke sichtbar; auch erfordert eine hyperloyale Munizipalität eine scharfe Überwachung; kein Befehl, sei es ein Civil- oder Militärbefehl, über all die tausend Angelegenheiten entgeht ihm. Er ist im Versailler Stadthaus, er ist am Gitter des großen Hofes und verkehrt mit den Schweizern und den Leibgarden, er ist in den Reihen von Flandern, er ist hier, er ist dort, er ist überall eifrig bemüht, 271 Blutvergießen zu verhüten, die königliche Familie von der Flucht nach Metz, die Mänaden von der Plünderung der Stadt Versailles abzuhalten.

Gegen Einbruch der Nacht sehen wir, wie er auf jene bewaffneten Gruppen von St. Antoine zuschreitet, die sich in gar zu drohender Haltung in der nächsten Nähe der Salle des Menus herumtreiben. Sie empfangen ihn im Halbkreise; zwölf Sprecher, mit brennenden Fackeln in der Hand, stehen hinter den Kanonen, deren Mündungen auf Lecointre gerichtet sind: ein Bild für Salvator! Er fragt in ruhigem, aber festem Tone, was sie eigentlich mit ihrem Zuge nach Versailles beabsichtigten? Die zwölf Sprecher antworten mit den wenigen, aber inhaltsschweren Worten: »Du pain et la fin des affaires.« Wann diese Geschichte enden wird, das kann freilich kein Major Lecointre, ja überhaupt kein Sterblicher sagen; wegen des Brotes aber stellt er die Frage: Wie viele seid ihr? Er hört, es seien ihrer sechshundert, je ein Laib für die Person würde genügen; – und reitet zur städtischen Behörde, um die sechshundert Brote zu beschaffen.

Die monarchisch gesinnte Behörde will jedoch diese Brote nicht bewilligen; statt dessen will sie lieber zwei Tonnen Reis geben, wüßte man nur, ob er gekocht oder roh sein solle. Ja, wie auch dieses Anerbieten angenommen wird, sind die Herren Munizipalräte plötzlich verschwunden, – sind wie jene sechsundzwanzig Langroben von Paris untergetaucht und verschwinden, ohne auch nur eine Spur von gekochtem oder ungekochtem Reis hinterlassen zu haben, gänzlich aus der Geschichte!

Der Reis kommt also nicht; um die Hoffnung auf Speise ist man schmählich betrogen, betrogen auch um die Hoffnung auf Rache; denn hat man nicht M. de Moucheton von der schottischen Compagnie durch List fortgeschmuggelt? So ist dies alles fehlgeschlagen, und nur Herrn Mouchetons erschlagenes Pferd sieht man dort auf der Esplanade liegen. Das enttäuschte, hungrige St. Antoine stürzt sich auf das erschlagene Roß, zieht ihm die Haut ab, brät es am Feuer, zu dem Zaunpfähle, Gitterstäbe und alles tragbare Holzwerk, dessen man habhaft wurde, das Brennmaterial liefern, – natürlich fehlt es dabei nicht an Jubelgeschrei; und nach der Art der alten griechischen Helden erhoben sie die Hände zum lecker bereiteten Mahle, wie es sich eben bot.Weber, Deux Amis etc. Das andere Gesindel geht auf Raub aus und sucht, was es 272 verschlinge. Flandern wird sich in seine Kaserne zurückziehen, ebenso wird Lecointre mit seinen Versaillern abrücken; nur einige wachsame Patrouillen mit dem Befehle, doppelt wachsam zu sein, bleiben zurück.

So sinken unter Sturm und Regen die Schatten der Nacht herab, und auf allen Wegen wird es dunkel. Seit der Bartholomäusnacht, da Versailles, wie Bassompierre schreibt, noch ein château chétif war, vielleicht die merkwürdigste Nacht, die man in dieser Gegend erlebt hat. O daß man die Leier eines Orpheus hätte, um durch einen Griff in die melodischen Saiten diese wahnsinnstollen Massen in Ordnung zu bringen! Denn hier scheint alles auseinandergefallen, alles von seinem Platze verrückt zu sein; und dazwischen gähnt der Abgrund. Wie beim Einsturz einer Welt ist das Höchste mit dem Niedrigsten in Berührung gebracht: Frankreichs Pöbel belagert Frankreichs Königtum, »eisenbeschlagene Knüttel« erheben sich rings um die königliche Krone, aber nicht, um sie zu beschützen! Neben Anklagen gegen die blutdürstige antinationale Leibgarde vernimmt man dumpfes Murren gegen den Namen der Königin.

Der Hof sitzt zitternd, ohnmächtig da; seine Stimmung wechselt mit der wechselnden Stimmung auf der Esplanade, mit der verschiedenen Färbung der Gerüchte aus Paris, die in rascher Aufeinanderfolge bald friedlich, bald kriegerisch lauten. Necker und alle Minister halten Rat – ohne jeden Erfolg. Das Oeil de Boeuf ist ein einziger Sturm von Geflüster: Wir wollen nach Metz fliehen, wir wollen nicht fliehen. Die königlichen Wagen versuchen noch einmal, wenn auch nur zur Probe, hinauszufahren, sie werden abermals durch Lecointres Patrouillen zurückgetrieben. In sechs Stunden hat man nichts beschlossen, nicht einmal die unbedingte Annahme.

In sechs Stunden? Ach, wer sich unter solchen Umständen nicht in sechs Minuten entschließen kann, der gebe seine Sache auf; für ihn hat das Schicksal bereits beschlossen. Und der Mänadismus samt dem Sansculottismus berät sich indessen mit der Nationalversammlung und gebärdet sich hier immer ungestümer. Mounier kehrt nicht zurück, nirgends sieht man eine Autorität; Frankreichs Autorität ruht in diesem Augenblicke in den Händen Lecointres und des Gerichtsboten Maillard. – Das ist der Greuel der Verwüstung, der so plötzlich hereingebrochen ist, wiewohl er als etwas Unvermeidliches seine Schatten schon lange vorausgeworfen hat. Dem Blinden kommt eben alles plötzlich. Das Elend, das durch 273 lange Zeiten keinen Wortführer, keinen Helfer gefunden hat, wird jetzt für sich selbst sprechen und sich selbst helfen. Das ist nun seine Sprache, eine der rohesten, nicht wahr? Konnte sie anders sein?

Um 8 Uhr kehrt in die Versammlung zwar nicht die Deputation, aber Doktor Guillotin mit der Nachricht zurück, sie werde kommen; auch sei Hoffnung auf die unbedingte Annahme vorhanden. Er selbst bringt ein königliches Handschreiben, das die Vollmacht und Weisung für die »freieste Durchfuhr des Getreides« enthält. Diesem königlichen Schreiben zollt das Mänadentum von ganzem Herzen Beifall. Demgemäß erläßt auch die Versammlung sofort ein Dekret, das von den entzückten Mänaden auch mit Beifall aufgenommen wird: – aber könnte es denn die hohe Versammlung nicht auch durchsetzen, daß »der Brotpreis auf acht Sous für das halbe Viertel, das Schlachtfleisch auf sechs Sous für das Pfund festgesetzt würde;« das wären doch auch ganz anständige Preise? Diesen Antrag stellt »ein Haufe von Männern und Weibern,« der sich vom Gerichtsboten Maillard nicht zurückhalten läßt; die hohe Versammlung muß ihn anhören. Der Bote Maillard ist übrigens auch nicht immer in seinen Worten maßvoll; aber zurechtgewiesen, kann er sich mit Fug und Recht mit der Eigentümlichkeit der Umstände entschuldigen.Moniteur (in Hist. Parlem. III, 105).

Aber was kann schließlich, da dieses Dekret gehörig durchgegangen ist und die Unordnung fortdauert, da kein Präsident Mounier zurückkommt und die Mitglieder allmählich zusammenschmelzen, was kann der Vicepräsident thun als auch verschwinden? So schmilzt denn die Versammlung unter solchem Drucke zusammen, sie löst sich auf oder, wie der offizielle Ausdruck lautet, sie vertagt sich. Maillard wird mit dem »Dekrete über das Korn« nach Paris geschickt, er und einige Weiber und zwar in Wagen, die dem König gehören. Ebendahin hat sich schon früher die schlanke Louison Chabray mit jener »schriftlichen Antwort« begeben, wegen deren die zwölf weiblichen Mitglieder der Deputation ins Schloß zurückkehren mußten. Ja, die schlanke Sylphe hat sich durch das düstere, kotige Land auf den Weg gemacht; sie hat viel zu erzählen, ihre armen Nerven sind so aufgeregt, und so kommt sie, wie am heutigen Tage jedermann, nur recht langsam auf der Straße vorwärts. Der Präsident Mounier ist noch immer nicht gekommen, ebensowenig wie die unbedingte Annahme, 274 wiewohl sechs lange, ereignisreiche Stunden verflossen sind, obwohl ein Kurier nach dem anderen Lafayettes Anrücken meldet. Bedeutet sein Kommen Frieden oder Krieg? Es ist hohe Zeit, daß auch das Schloß den einen oder anderen Entschluß fasse, daß auch das Schloß ein Lebenszeichen von sich gebe, wenn es am Leben bleiben will.

Triumphierend, voller Freude nach solchem Verzug kommt endlich Mounier und mit ihm die schwer errungene Annahme, die jetzt freilich nur geringen Wert besitzt. Denkt euch Mouniers Überraschung, als er seinen Senat, den er durch die unbedingte Annahme zu entzücken hofft, verschwunden und statt seiner einen Senat von Mänaden findet. Wie der Affe des Erasmus mit einem Holzspan das Rasieren seines Herrn nachmachte, so führen diese Amazonen mit nachgeäffter Würde eine tolle Parodie auf die Nationalversammlung auf. Sie stellen Anträge, halten Reden, fassen Beschlüsse und erzielen damit wenigstens schallendes Gelächter. Alle Galerien und Bänke sind besetzt, und eine handfeste Dame der Halle nimmt Mouniers Platz ein. Nicht ohne Mühe, mit Unterstützung von Thürhütern und guten Worten bahnt sich Mounier den Weg zur Frau Präsidentin; die handfeste Dame giebt aber noch vor ihrer Abdankung besonders zu verstehen, daß sie und ihr ganzer Senat, Männlein und Weiblein (denn was war ein gebratenes Pferd für so viele?) ganz gehörigen Hunger leiden.

Unter den gegebenen Umständen faßt der erfahrene Mounier einen doppelten Entschluß: erstens die Mitglieder der Nationalversammlung durch Trommelschlag wieder einzuberufen und zweitens für Mundvorrat zu sorgen. Schnelle Boten fliegen zu allen Bäckern, Köchen, Pastetenbäckern, Weinschenkern und Gastwirten, Trommeln wirbeln durch alle Straßen, und die gellenden Stimmen der Ausrufer bringen die Kundmachung zur öffentlichen Kenntnis. Sie kommen; die Mitglieder kommen und, was noch besser ist, die Lebensmittel kommen; auf Handkarren, in Mulden treffen sie ein: Brote, Wein und ein reicher Vorrat an Würsten. Die Speisekörbe wandern in schönster Eintracht von Bank zu Bank, und, wie der Vater des Epos sagt, so schmausten sie, und nicht mangelte ihr Herz des gemeinsamen MahlesDeux Amis, III, 208. (δαιτὸς εἴσης)

Allmählich können sich doch ungefähr hundert Mitglieder 275 hineindrängen und, da die Mänaden ein wenig Platz machen, um Mouniers Sitz sammeln. Sie hören erst die »unbedingte Annahme« und gehen dann, entsprechend der Tages- oder richtiger Nachtordnung in die »Beratung des Strafgesetzes« ein. Alle Bänke sind überfüllt; auf den düsteren Galerien, denen die ungewaschenen Köpfe ein noch düstereres Aussehen verleihen, blitzt es seltsam von improvisierten Hellebarden.Courrier de Provence (Mirabeaus Zeitung Nr. 50, S. 19). Heute sind es genau fünf Monate, seit von ebendenselben Galerien die Schönheit im reichsten Federn- und Juwelenschmuck ihren herzerfreuenden Zauber wirken ließ; und heute? So weit sind wir mit der Wiedergeburt Frankreichs gekommen; die Geburtswehen sind, wie mich dünkt, entsetzlich. Die Mänaden lassen sich gelegentliche Zwischenrufe nicht verbieten und fragen: »Was soll uns das Strafgesetzbuch? Brot ist das, was wir brauchen.« Mirabeau dreht sich um und weist sie mit seiner Löwenstimme zur Ruhe; die Mänaden klatschen Beifall – fangen aber wieder von neuem an.

So kauen sie ihre zähen Würste, mengen sich in die Beratung des Strafgesetzes und machen die Nacht fürchterlich. Wie wird das enden? Lafayette muß erst mit seinen Dreißigtausend kommen: ihn, der nicht mehr fern sein kann, erwarten alle wie einen Boten des Schicksals.

 

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