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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 46
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.
In Versailles.

Aber schon ist Pallas Athene (in Gestalt der Demoiselle Théroigne) mit Flandern und den Dragonern zu Fuß eifrig beschäftigt. Sie und andere Weiber, die dazu am besten taugen, ziehen durch die Reihen, sprechen in ernstgemeintem Scherze, drücken rauhe Krieger an ihr patriotisches Herz, drücken Spontons und Musketons mit ihren Armen nieder: kann ein Mann, der diesen Namen verdient, hungernde, patriotische Frauen angreifen?

Man liest, die Théroigne habe ganze Säcke voll Geld an Flandern verteilt; – wer hat es gegeben? Ach, mit Geldsäcken sitzt man wohl selten als Aufrührerin auf einer Kanone. Verleumderischer Royalismus! Die Théroigne hatte nur den beschränkten Erwerb ihres Berufes als Venusdienerin; Geld hatte sie nicht, aber sie hatte braune Locken, sie hatte die Gestalt der heidnischen Göttin, sie hatte ein bethörendes Herz und eine Zunge voll Beredsamkeit.

Inzwischen langen ununterbrochen Gruppen und Truppen von St. Antoine an, durchnäßt, in verdrossener Stimmung, bewaffnet mit Piken und improvisierten Hellebarden: so weit hat sie eine volkstümlich gewordene fixe Idee getrieben. So viele struppige Gestalten sind auf diese Weise hierher gekommen, ohne zu wissen, was sie thun wollten, Gestalten, die nur gekommen sind, um zu sehen, was man thue. Wer aber ist jene über alle hervorragende, hagere Gestalt mit dem bleiernen, wenn auch kleinen Brustschilde,Weber, II, 185–231. mit dem dichten, roten, leicht ergrauten Haupthaar und dem langen, ziegelfarbigen Barte? Das ist Jourdan, einst ein unredlicher Maultierhändler, heute kein Händler mehr, sondern Malermodell, das sich einen freien Tag gönnt. Seinen langen, ziegelfarbenen Bart hat die Kunst gefordert; woher aber sein bleiernes Brustschild rührt (wenn er nicht etwa als Ausrufer eine Bleimarke als Licenz-Zeichen trug) das wird vielleicht für ewige Zeiten ein historisches Problem bleiben. Noch einen zweiten Saul bemerken wir unter dem Volke; »Père Adam,« Vater Adam, wie ihn die Gruppen nennen, besser bekannt als Marquis Saint-Huruge mit der Stierstimme, der Veto-Held, ein Mann, der seine Verluste gehabt und sie verdient hat. Der lange Marquis, der erst vor einigen Tagen das Gefängnis 267 verlassen hat, geht auf und ab und schaut unter seinem Regenschirm nicht ohne Interesse diesem Schauspiele zu. Alle die Personen, die wir hier im wirren Durcheinander sehen: Pallas Athene, eifrig mit Flandern beschäftigt; die patriotischen Nationalgarden von Versailles, arm an Munition und von ihrem Oberst d'Estaing im Stiche gelassen, nunmehr unter dem Kommando ihres Majors Lecointre; umherplänkelnde Leibgarden, verdrossen, mißgestimmt in ihren nassen Lederhosen; schließlich diese wogende See empörten Schmutzes, – können sie nicht Veranlassung zu unerwarteten Ereignissen und Überraschungen bieten?

Doch seht, da kommen die zwölf weiblichen Deputierten aus dem Schlosse, ohne Präsident Mounier, aber freudestrahlend zurück und rufen: »Es lebe der König und sein Haus!« Offenbar günstige Nachrichten, Mesdames? O gewiß, die allerbesten! Fünf von uns wurden in die innerste Herrlichkeit eingelassen und durften vor das Angesicht des Königs treten. Hier diese schlanke Demoiselle »Louison Chabray, Skulpturarbeiterin, erst siebzehn Jahre alt,« wurde von uns sowohl, weil sie am besten aussah, als auch, weil sie die besten Manieren hat, als Sprecherin bestimmt. Seine Majestät hatte für sie, übrigens auch für jede von uns, nur huldvolle Blicke; ja als Louison bei der Ansprache an den König in Ohnmacht zu fallen drohte, fing er sie in seinen Armen auf und sagte artig, »sie wäre es wohl wert! (Elle en valût bien la peine.)« Bedenkt, ihr Frauen, welch ein König! Seine Worte enthielten nur trostreiches: es sollen Lebensmittel, wenn es deren überhaupt noch auf der Welt giebt, nach Paris geschickt werden; die Korndurchfuhr soll frei sein wie die Luft; die Müller sollen mahlen, so lange es nur ihre Mühlsteine aushalten, sonst werde es ihnen übel ergehen; nichts soll unrecht bleiben, was nur immer ein Wiederhersteller der französischen Freiheit wieder recht machen kann!

Wahrlich, das sind gute Nachrichten; aber den durchnäßten Mänaden klingen sie allzu unglaublich! Einen Beweis hat man also nicht, wie es scheint? Trostworte sind – doch nur Worte, die keinen Menschen satt machen. O beklagenswertes Volk, verraten von Aristokraten, die sogar deine Boten bestechen! In seinen königlichen Armen also, Mademoiselle Louison? In seinen Armen? O du schamlose Dirne, wert des Namens, den wir lieber nicht aussprechen! Ja, deine Haut ist weich, unsere ist vor lauter Plage hart und vom Warten im Regen hier gehörig naß; du hast keine hungrigen 268 Kinder zu Hause, sondern nur Albaster-Puppen, und die weinen freilich nicht! Die Verräterin! An die Laterne mit ihr! – Und schon hat die arme Louison Chabray, die holde schlanke Maid, die eben in den Armen des Königs gelegen, ungeachtet alles Schreiens und Beteuerns ein Strumpfband um den Hals und wütende Amazonen an jedem Ende, schon ist sie dem Tode nahe – da galoppieren zwei Leibgardisten heran, treiben empört das Mänadenvolk auseinander und retten die Bedrohte. Die verkannten Zwölf aber eilen um »eine schriftliche Antwort« ins Schloß zurück.

Doch seht da einen neuen Mänadenschwarm und an ihrer Spitze den »Bastillen-Freiwilligen Monsieur Brumont,« den man zum Kommandanten gepreßt hat. Auch sie wollen ans Gitter des großen Hofes, um zu sehen, was vorgehe; aber die menschliche Geduld in durchnäßten Lederhosen hat ihre Grenzen. Der Leibgardelieutenant M. de Savonnières läßt seinem lange gereizten, lange unterdrückten Zorne für einen Augenblick freien Lauf. Er treibt nicht nur die eben erwähnten Mänaden auseinander, sondern plänkelt und haut auch nach dem gepreßten Kommandanten M. Brumont oder schwingt wenigstens zornmütig und drohend seinen Säbel gegen ihn, und da er sich dadurch erleichtert fühlt, so jagt er ihn sogar; Brumont weicht in pirouettierenden Bewegungen geschickt zurück und hat jetzt gleichfalls das Schwert gezogen. Bei diesem Anblick von Zorn und Sieg (denn Zorn steckt an und ist für die eingeschlossenen Garden hinter dem Gitter ein wahres Labsal) lassen zwei Leibgardisten auch ihrem Zorn die Zügel schießen; sie jagen hinter ihm her und schwingen ihre Säbel in so furchtbaren Kreisen herum, daß dem armen Brumont nichts anderes übrig bleibt als mit beschleunigter Geschwindigkeit durch alle Reihen den Rückzug anzutreten; einem Parther gleich weicht er fechtend zurück, vor allem aber schreit er ans vollem Halse: »On nous laisse assassiner, man läßt uns morden!«

O der Schmach! Drei gegen einen! Aus Lecointres Reihen vernimmt man Murren, dann Brüllen, zuletzt sogar Schüsse. Savonnières hat den Arm zum Schlage erhoben, die Kugel einer Lecointreschen Muskete zerschmettert ihn, und der geschwungene Säbel fällt, ohne irgend ein Leid zuzufügen, klirrend zu Boden. Brumont ist entkommen, dieser Zweikampf ist glücklich zu Ende, aber allenthalben erhebt sich ein wildes Kriegsgeheul.

Die Amazonen weichen zurück; St. Antoine hat seine mit 269 Kartätschen geladenen Kanonen gerichtet, dreimal hält man die brennende Lunte an, dreimal versagt sie, zündet nicht – so naß sind die Zündlöcher, und Stimmen rufen: Arrêtez, il n'est pas temps encore, haltet an, es ist noch nicht Zeit.Deux Amis, III, 192-201. Ihr Herren von der Leibgarde, ihr hattet Befehl, nicht zu feuern, und doch mußten schon zwei von euch aus dem Sattel steigen und hinken, und ein Kriegsroß liegt erschlagen am Boden. Wäre es nicht besser, ihr würdet euch ganz aus der Schußweite bringen und ins Innere zurückziehen? Wenn sich bei eurem Rückzuge ein oder zwei Musketons von selbst gegen diese krächzenden und höhnenden Krämerseelen in Waffen entladen sollten, könnte man sich darüber wundern? Schmutzig sind euere riesigen weißen Kokarden; wollte der Himmel, sie wären gegen trikolore umgetauscht! Euere Lederhosen sind durchnäßt, euere Herzen schwer; geht und kehrt nicht wieder!

Unter Schüssen von beiden Seiten rücken die Leibgarden ab; Blut fließt zwar nicht, aber eine grenzenlose Erbitterung bleibt zurück. Noch etwa dreimal erblickt man in der zunehmenden Dämmerung an diesem oder jenem Portal einen von ihnen, und jedesmal begrüßt man sie mit Flüchen oder pfeifenden Bleikugeln. Wo sich ein Gardist blicken läßt, dort macht der Pöbel sofort Jagd auf ihn, wie es z. B. »dem armen M. de Moucheton von der schottischen Compagnie,« dem Eigentümer des erschlagenen Pferdes, erging; Versailler Kapitäne mußten ihn fortschmuggeln. Oder es knallen ihm rostige Gewehre nach und zerreißen ihm – seinen Hut. Schließlich verschwinden auf höheren Befehl alle Gardes du Corps bis auf die wenigen im unmittelbaren Dienste; oder sie verstecken sich förmlich und marschieren im Dunkel der Nacht nach Rambouillet.Weber, II, 185–231.

Nun bemerken wir auch, daß die Versailler Munition erhalten haben. Den ganzen Nachmittag konnte der Beamte keine finden, bis ihm im kritischen Augenblick ein patriotischer Unterlieutenant die Pistole ans Ohr hielt und versicherte, »er würde ihm dankbar sein, wenn er welche fände;« darauf fand er sie. Ebenso bemerken wir, daß das von Pallas Athene entwaffnete Flandern offen erklärt, es werde gegen Bürger nicht kämpfen; zum Beweise des Friedens hat es bereits mit den Versaillern Patronen getauscht.

270 Nun ist der Sansculottismus unter lauter Freunden und kann sich »frei bewegen,« ist empört über die Leibgarde – und klagt auch über Hunger.

 

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