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Die französische Revolution

Thomas Carlyle: Die französische Revolution - Kapitel 45
Quellenangabe
typetractate
booktitleDie französische Revolution
authorThomas Carlyle
translatorDr. Franz Kwest
year1898
firstpub1837
publisherVerlag von Otto Hendel
addressHalle a. d. S.
titleDie französische Revolution
pages919
created20110927
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.
Nach Versailles.

In diesem Augenblicke hat Maillard seine vom Straßenkot beschmutzten Mänaden auf der letzten Anhöhe Halt machen lassen, und nun zeigt sich dem staunenden Auge Versailles das Schloß von Versailles und weit und breit das königliche Erbe. Zur Rechten sieht man weithin über Marly und St. Germain-en-Laye, dann in der Runde bis gegen Rambouillet zur Linken; alles liegt wie hingebettet in voller Lieblichkeit, aber bei dem trüben, nassen Wetter wie in Trauer da. Nahe vor uns liegt Alt- und Neu-Versailles, zwischen beiden die breite schattige Avenue de Versailles mit ihrem prächtigen Laubdach, mit ihrer Breite von fast dreihundert Fuß, mit ihren vier Reihen Rüstern; dann endlich das Schloß von Versailles mit seinen Parkanlagen und Lustgärten im Hintergrunde, mit seinen glitzernden Teichen, Lauben, Labyrinthgängen, der Menagerie und Groß- und Klein-Trianon! Wohnstätten mit hochragenden Türmen, schattige, lauschige Plätze, wo die Götter dieser niederen Welt wohnen; aber die düstere Sorge läßt sich auch von ihren Wohnsitzen nicht verscheuchen, und eben dahin marschieren jetzt, mit Piken statt mit Thyrsusstäben bewaffnet, die hungrigen Mänaden.

Ja, meine Damen, dort, wo sich, wie Sie sahen, unsere gerade schattige Avenue zu beiden Seiten mit zwei anderen schattigen Schwesterstraßen verbindet und zum Place Royal und Vorhof des Schlosses ausläuft, dort liegt die Salle des Menus, dort tagt die hohe Versammlung und regeneriert Frankreich. Zunächst können Sie den Vorhof, den Großen Hof, den Marmorhof erkennen oder sich vorstellen, wie, sich stets verjüngend, ein Hof in den anderen übergeht, und am äußersten Rande, dort, wo die Glaskuppel wie ein Stern der Hoffnung weithin sichtbar glitzert, dort ist das Oeil de Boeuf! Dort oder nirgends in der Welt giebt es für uns gebackenes Brot! Doch, meine Damen, wäre nicht eines zweckmäßig: unsere Kanonen mit Demoiselle Théroigne und allen kriegerischen Schaustücken in das Hintertreffen zu stellen? Demut ziemt 263 Leuten, die als Bittende zur Nationalversammlung kommen; fremd sind wir in Versailles, woher soeben gar vernehmlich der Klang von Sturmglocke und Generalmarsch an unser Ohr dringt. Könnten wir nicht auch unseren Kummer verbergen und ein heiteres Gesicht zeigen, vielleicht sogar singen? Der Kummer findet Mitleid im Himmel, auf Erden ist er verhaßt und verdächtig. So rät der schlaue Maillard, wie er zu seinen Mänaden auf den Höhen von Versailles spricht.Hist. Parl. III, 70-117. Deux Amis, 166-177.

Die Anordnungen des schlauen Maillard werden befolgt; die kotbeschmutzten Insurgentinnen rücken »in drei Kolonnen« zwischen den vier Reihen von Rüstern die Avenue hinauf, »singen,« so melodisch wie sie eben können, »Henri Quatre« und rufen: Vive le Roi! Der Regen trieft zwar von den Bäumen herab, aber Versailles drängt sich doch von beiden Seiten heran und ruft: »Vivent nos Parisiennes!« Hoch unsere Pariserinnen!

Als das Gerücht immer bestimmter auftrat, hatte man Späher und Reiter in der Richtung nach Paris ausgeschickt; bei dieser Gelegenheit hatte man Seine Majestät, der in die Wälder von Meudon auf die Jagd gegangen war, glücklicherweise entdeckt und heimgebracht; dann begann man den Generalmarsch zu schlagen und die Sturmglocke zu läuten. Die Leibgarde steht bereits in Reih und Glied vor dem Schloßgitter und schaut in ihren nassen Lederhosen verdrießlich die Versailler Allee hinab; auch Flandern, das seinen Opernschmaus schon bereut, ist da, desgleichen Dragoner ohne Pferde, schließlich Major Lecointre und alles, was er an Versailler Nationalgarde hat sammeln können; – doch müssen wir bemerken, daß unser Oberst, eben jener schlaflose Graf d'Estaing, sehr zur Unzeit, ohne Befehl oder Munition herauszugeben, verschwunden ist, – wie wir vermuten, ins Oeil de Boeuf. Die Schweizer in ihren roten Röcken stehen innerhalb der Gitter unter den Waffen. Im Innern des Schlosses sind in ihrem Saale »alle Minister,« Saint-Priest, der Klagelieder-Pompignan und alle übrigen, Necker mit eingeschlossen, versammelt; rat- und fassungslos sitzen sie mit ihm da und warten, was die Stunde bringen werde.

Präsident Mounier, der Mirabeau mit einem Tant mieux geantwortet hatte und die Sache leicht zu nehmen schien, hatte doch seine Sorgen; die letzten vier Stunden war er sicherlich nicht auf Rosen gebettet! Die Tagesordnung schreitet 264 vorwärts; man hält es für angezeigt, eine Deputation an Seine Majestät zu senden mit der Bitte, es möge ihm gefallen, die Konstitutions-Artikel »kurzweg anzunehmen; die bedingte, verklausulierte Annahme genüge weder Göttern noch Menschen.«

So viel ist klar. Und doch giebt es ein Etwas, was zwar niemand ausspricht, was aber unklar jeder empfindet. Unruhe und Zerstreutheit kann man auf allen Gesichtern lesen, die Mitglieder flüstern, gehen ruhelos auf und ab: die Tagesordnung entspricht heute offenbar nicht dem Tagesbedürfnis. Da vernimmt man von den äußeren Thoren her ein Summen und Brummen, ein durch die Wände abgedämpftes Schreien und Streiten kreischender Stimmen, welches bezeugt, daß die Stunde gekommen ist. Dann folgt ein Stoßen und Drängen,. – und herein treten Gerichtsbote Maillard und eine Deputation von fünfzehn kotbespritzten, triefenden Weibern; nur mit unglaublicher Mühe und Beihilfe aller Thürhüter hatte man die übrigen beredet, draußen zu warten. Jetzt soll die Nationalversammlung ihrer hehren Aufgabe gerade ins Gesicht blicken: der regenerierende Konstitutionalismus sieht den unregenerierten Sansculottismus leibhaftig vor sich.

Der schlaue Maillard, welcher die Tollheit in eine verständliche Sprache übersetzt, der mit der einen Hand zurückhält, mit der anderen fordert, leistet sein Möglichstes, und, obwohl er nicht zum öffentlichen Redner erzogen ist, faßt er die Sache nicht übel an: – Bei dem herrschenden, furchtbaren Getreidemangel sei, wie die hohe Versammlung mit eigenen Augen sehe, eine Deputation von Bürgerinnen aus Paris gekommen,. um zu petitionieren. Aristokraten-Ränke lägen ganz klar zu Tage. So sei z. B. ein Müller durch einen »Kassenschein auf zweihundert Livres« bestochen worden, nicht zu mahlen. Der Name sei dem Boten zwar nicht bekannt, aber die Thatsache lasse sich erweisen, oder wenigstens nicht bezweifeln; ferner habe man, wie es heiße, die Nationalkokarde mit Füßen getreten; auch gebe es oder habe es schwarze Kokarden gegeben. Wolle nicht die hohe Nationalversammlung, Frankreichs Hoffnung, dies alles sofort in weise Erwägung ziehen?

Und der mänadische Hunger, der sich nicht mehr in Schranken halten läßt, schreit: Schwarze Kokarden! schreit: Brot! Brot! und fügt hinzu: Will sie es nicht? – Ja, meine Herren, wenn schon wegen der unbedingten Annahme eine Deputation an Seine Majestät zweckmäßig erschien, um wie viel mehr ist sie es jetzt »bei der traurigen Notlage von Paris« zur Beruhigung dieser Gärung! Präsident Mounier macht sich 265 mit einer in aller Eile gewählten Abordnung, unter deren Mitgliedern wir den angesehenen Doktor Guillotin bemerken, sofort auf den Weg; inzwischen solle der Vicepräsident die Fortsetzung der Tagesordnung leiten, Bote Maillard solle bei ihm stehen bleiben, um die Weiber in Ruhe zu erhalten. Es ist die vierte Stunde dieses traurigsten Nachmittags, als Mounier sich entfernt.

O erfahrener Mounier, welch ein Nachmittag, der letzte deiner politischen Laufbahn! Besser, du »hättest ein Unwohlsein vorgeschützt,« solange es noch Zeit war. Denn siehe, die Esplanade in ihrer ganzen Ausdehnung bedecken Gruppen von schmutzigen, triefenden Weibern, Gruppen straffhaarigen männlichen Gesindels, das mit Äxten, rostigen Piken, alten Flinten, eisenbeschlagenen Knitteln (bâtons ferrés, die in Messer oder Schwertklingen auslaufen, einer Art improvisierter Hellebarden) bewaffnet ist und nichts als hungrigen Aufruhr sehen läßt. Der Regen gießt in Strömen, Gardes du Corps reiten plänkelnd und »von Zischen begleitet« durch die Gruppen, sie reizen überall auf und erbittern, und was sie an der einen Stelle zerstreuen, sammelt sich an einer anderen wieder an.

Unzählige schmutzige Weiber umringen den Präsidenten und die Deputation und bestehen darauf, mitzugehen. Hat nicht Seine Majestät selbst zum Fenster herausgeschaut und fragen lassen, was wir wollen? »Brot, und mit dem Könige sprechen (du pain et parler au roi),« das war die Antwort. Zwölf Weiber werden unter Geschrei der Deputation beigesellt und marschieren mit ihr über die Esplanade durch zerstreute Gruppen, hin und her plänkelnde Leibgarden und strömenden Regen.

Auch Präsident Mounier, der auf diese Weise eine unverhoffte Verstärkung von zwölf Weibern erhalten hat, und auf seinem Gange vom Hunger und Pöbel begleitet ist, wird irrtümlich für eine Gruppe gehalten; er und seine Weiber werden durch die Plänkler zerstreut, und nur mit Mühe sammelt man sich im Kot wieder.Mounier, Exposé Justificatif (citiert in Deux Amis, III, 185). Endlich öffnet sich das Gitter; die Deputation wird eingelassen, mit ihr die zwölf Weiber, von denen fünf sogar das Antlitz Seiner Majestät sehen sollen. Das regennasse Mänadenvolk mag nun in so guter Laune, als es kann, die Rückkehr der Deputation abwarten. 266

 

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